Kategorie-Archiv: Biografisches und Historisches

13./14. Oktober 1815: Chamisso und Eschscholtz entdecken den Generationwechsel


Es ist nur wenig bekannt, dass Adelbert von Chamisso, deutscher Dichter der Romantik mit französischen Wurzeln, auch Naturwissenschaftler war. Zusammen mit Johann Friedrich Eschscholtz entdeckte vor 200 Jahren, am 13. Und 14. Oktober 1815 den Generationswechsel an freischwimmenden Manteltieren, sogenannten Salpen.
Chamisso und Eschscholtz nahmen in den Jahren 1815-1818 an einer russischen Expedition teil, die von dem russischen Grafen Romanzoff finanziert wurde. Kapitän des Expeditionsschiffes war Otto von Kotzebue, Sohn des 1819 ermordeten Dichters August von Kotzebue. An dieser Expedition durfte der deutsch-französische Dichter Adelbert von Chamisso (1781 – 1838), der einige Semester Naturwissenschaften an der jungen Berliner Universität studiert hatte, als Naturforscher teilnehmen. Der Doktor der Medizin und Zoologe Eschscholtz fungierte als Schiffsarzt.

Gerne würde ich Chamissos Reise nachreisen. Das wäre heute mit den modernen Verkehrsmitteln nicht so schwierig, für einen Rollstuhlfahrer trotzdem nicht ganz einfach. Einfach ist es aber, mithilfe von Google Earth Chamissos Reise nachzuvollziehen und einen aktuellen Blick auf die Orte und Landschaften zu werfen, die er vor 200 Jahren besucht hat. In dem Buch „Der Palme luft’ge Krone – mit Chamisso auf Weltreise“ habe ich versucht, auch Informationen über die Zeit vor Chamissos Besuch zu geben und einen Blick auf die Geschichte der folgenden 200 Jahren bis heute zu werfen.
TitelChamissoDas Buch ist vor einem Jahr beim Wagner Verlag, Gelnhausen, erschienen. Nach Insolvenz dieses Verlags im Frühjahr dieses Jahres war es als vergriffen gemeldet, eine Neuauflage ist beim Angele Verlag erschienen.
Wilfried Probst (2.A., 2015): Der Palme luft’ge Krone – mit Chamisso auf Weltreise. Ochsenhausen: Angele Verlag. ISBN 978-3-940857-12-5; 14,80 €

https://www.buchhandel.de/buch/Der-Palme-luft-ge-Krone-9783940857125

Der folgende Text über die Entdeckung des Generationswechsels ist diesem Buch entnommen:

Die erste Entdeckung – vielleicht die größte

Endlich gelingt die Ausfahrt. Das nächste Ziel ist Teneriffa. Zunächst ist das Wetter sehr stürmisch, doch ab dem 39. Breitengrad herrscht Windstille, und es wird sehr heiß.
„Am 13. Oktober und den folgenden Tagen hatten wir immer mit 30° 47′ nördlicher Breite fast fünf Tage vollkommene Windstille. Das Meer ebnete sich zu einem glatten Spiegel, schlaff hingen die Segel von den Rah, und keine Bewegung war zu spüren.“ (34)
Die Matrosen haben wenig zu tun und hängen untätig an Deck herum, auch Chamisso und Eschscholtz, begierig auf neue Entdeckungen in fernen Landen, sind frustriert über diese Verzögerung der Reise. Zur Untätigkeit gezwungen, leiden sie besonders unter der Hitze.
Zu der Langeweile kommt die bedrängende Enge an Bord, insbesondere in dem kleinen „Aufenthaltsraum“, in dem nicht nur gegessen und geschlafen, sondern zum Beispiel auch geschrieben werden muss. Für Adelbert bedeutete dies eine große Einschränkung. Nur wenn die Offiziere den Platz freigeben, kann er den Tisch für eigene Arbeiten nutzen.
Nun zeigt sich auch zum ersten Mal deutlich, welch schwierigen Menschen sie sich mit Wormskjold an Bord geholt haben. Besonders der Maler, Ludwig Choris, der neben ihm in der Hängematte schlafen muss, hat unter seinen Launen und Maßregelungen zu leiden. Dabei ist besonders unangenehm, dass sich Wormskjold regelmäßig betrinkt und dann unverschämt und ausfallend werden kann.
Beim gemeinsamen Essen der Offiziere und der Gelehrten in der engen Kajüte fragt Chamisso den Kapitän: „Wird die Windstille noch lange anhalten? Wie sollen wir so je auf die Kanaren kommen?“
„Ja, verehrter Chamisso, damit müssen Sie sich leider abfinden. Wir sind in den Rossbreiten, und da kann es auch einmal ein paar Wochen windstill bleiben. Diese Zonen etwa zwischen dem 35. und 25. Grad nördlicher Breite sind extrem niederschlagsarm und außerdem auch weitgehend windstill.
„Oh Gott – und wie kommt diese Gegend zu ihrem eigenartigen Namen?“
„Bei Seeleuten sind diese Zonen schon lange gefürchtet, denn wenn die Windstille lange anhält, kann das Trinkwasser knapp werden. Da etwa mitgeführte Pferde und andere Tiere besonders viel Wasser benötigen, kam es häufig dazu, dass man diese Tiere töten musste – daher der Name.“
„Beruhigend zu wissen. Nun, Friedrich, lass uns das Beste daraus machen. Nutzen wir die Zeit für ein paar meeresbiologische Untersuchungen.“
„Ja, eine gute Idee, Adelbert, denn überall um das Schiff herum sind erstaunlich viele quallenartige Tiere zu sehen. Die sollten wir uns einmal genauer anschauen.“

Wormskjold nutzt die Flaute zu einigen Messungen und Beobachtungen, wozu er sich mit einem kleinen Boot aussetzen lässt. Chamisso und Eschscholtz werden jedoch von diesen Aktivitäten ausgeschlossen. Wormskjold ist sehr darauf bedacht, nichts von seinen Ergebnissen und Beobachtungen weiterzugeben.
So schreibt Choris in seinem Tagebuch, dass er ihm einen gefangenen Tintenfisch gezeigt hätte, den er möglicherweise für eine neue Art hält, ihn aber verpflichtet habe, davon den anderen nichts zu erzählen.
Chamisso schreibt dazu später in seiner Reisebeschreibung: „Er hatte eine eifersüchtelnde Nebenbuhlerschaft, die leider unter den Gelehrten nicht unerhört ist, dem Verhältnis, das ich ihm angeboten hatte, das ich mit Eschscholtz eingegangen war, vorgezogen.“ (35)
Dagegen kooperieren Chamisso und Eschscholtz sehr gut. Sie bauen sich ein Sonnensegel an Deck und einen kleinen Kescher aus Segeltuch. Lupen und Zeichengeräte sowie ein Beobachtungstisch werden ebenfalls an Deck geschafft. So können die Forschungen beginnen.
Eschscholtz und Chamisso angeln einige Algen und Medusen aus dem Meer, aber besonders auffällig sind Quallen ähnliche, durchsichtige Tiere, die sie bei genauer Betrachtung den Manteltieren, und zwar der Untergruppe der Salpen zuordnen können. Was dabei besonders auffällt ist, dass diese Tierchen immer in zwei unterschiedlichen Formen vorkommen: einmal als Einzeltiere, zum anderen als Tierkolonie.
Die genaue Beobachtung und Präparation zeigt, dass die Einzeltiere viele aneinandergekettete Embryonen enthalten, während in den Tieren einer Kolonie jeweils immer nur ein Embryo zu finden ist. Schließlich können die beiden durch Beobachtungen sicher nachweisen, dass es sich bei den beiden verschiedenen Formen um ein und dieselbe Art handelt. Aus den Einzeltieren gehen nämlich immer Tierkolonien hervor, und die einzelnen Tiere einer Tierkolonie bringen immer wieder Einzeltiere hervor. Es findet also ein obligatorischer Wechsel zwischen zwei un¬terschiedlichen Generationen statt. Dabei – so beschreibt dies später Chamisso in seinem Aufsatz über die Salpen – gleichen jeweils die Enkel ihren Großeltern.
Chamisso und Eschscholtz ist die Entdeckung des Generationswechsels gelungen. Diese Entdeckung wird Cha¬misso kurz nach seiner Rückkehr in einem wissenschaftlichen Aufsatz beschreiben. Dafür wird ihm die junge Berliner Universität die Doktorwürde verleihen – ganz ohne Prüfung und Disputation, also gewissermaßen „honoris causa“. Chamisso wird übrigens auch später nie eine akademische Prüfung ablegen.
Chamisso und Eschscholtz ist wohl bewusst, dass sie eine wichtige Entdeckung gemacht haben. Die wirkliche Bedeutung des „Generationswechsels“ für das Leben und die Entwicklung der Lebewesen auf der Erde können die beiden natürlich nicht abschätzen. Aber später erkennt Chamisso recht klar die biologische Bedeutung des Generationswechsels. Er schreibt in seiner Reise um die Welt ganz treffend: „Es ist, als gebäre die Raupe den Schmetterling und der Schmetterling hinwiederum die Raupe.“ (34)

Der Generationswechsel von Cyclosalpa pinnata (mit Origalabbildungen von Chamisso, kopiert ausSchneebeli-Graf, Ruth (Hrsg.): Adelbert von Chamisso: ... Und lassen gelten, was ich beobachtet habe. Dietrich Reimer, Berlin 1983

Der Generationswechsel von Cyclosalpa pinnata (mit Origalabbildungen von Chamisso, kopiert aus Schneebeli-Graf, Ruth (Hrsg.): Adelbert von Chamisso: … Und lassen gelten, was ich beobachtet habe. Dietrich Reimer, Berlin 1983)

 

Seekühe – von Manatis, Dugongs und der Stellerschen Seekuh

So könnte Georg Wilhelm Steller 1742 die Riesenseekühe vor der Beringinsel gesehen haben

So könnte Georg Wilhelm Steller 1742 die Riesenseekühe vor der Beringinsel gesehen haben (Grafik W. Probst)

„Ah! Es schwimmt! Es taucht unter! rief Ned-Land. Tausend Teufel! Was mag dies für ein Thier sein? Es hat nicht den zweispaltigen Schwanz der Wallfische oder Pottfische, und seine Flossen sehen aus wie verstümmelte Gliedmaßen.
– Aber dann … sprach ich.
– Richtig, fuhr der Kanadier fort, es liegt auf dem Rücken und streckt seine Brüste empor!
– Eine Sirene, rief Conseil, eine echte Sirene, nehmen Sie’s nicht übel mein Herr.
Dies Wort brachte mich auf den rechten Weg, und ich sah, daß dies Thier zu den Seegeschöpfen gehörte, woraus die Fabel Sirenen und Fischweibchen gemacht hat.
-Nein, sagte ich zu Conseil, eine Sirene ist’s nicht, aber ein merkwürdiges Geschöpf, von dem es kaum noch einige Exemplare im Roten Meer giebt. Es ist ein Dugong.
– Ordnung der Sirenen, Gruppe der fischförmigen, Unterclasse der Monodelphine, Classe der Säugetiere, Abtheilung der Wirbelthiere,“ erwiderte Conseil.“

In Jules Vernes legendären Roman „20 000 Meilen unter dem Meer“ treffen die Seefahrer des Nautilus im Roten Meer auf ein Seetier von über 7 m Länge. Es wird zwar als „Dugong“ bezeichnet, was von der Verbreitung her korrekt wäre, aber in die Beschreibung hat Jules Verne wohl auch Berichte über die wesentlich größere Riesen-Seekuh einfließen lassen, die vermutlich schon ausgestorben war, als er seinen Roman schrieb. Auch Kapitän Nemo und seine Gäste, Pofessor Arronax, der Ich-Erzähler, sein Diener Conseil und der draufgängerische Harpunier  Ned-Land,  verschonen das große Seetier nicht, obwohl von wissenschaftlicher Seite Bedenken anmeldet werden:

„– Herr Kapitän, sagte darauf Conseil im Ernst, wenn es vielleicht das letzte seiner Race wäre, würde es dann nicht besser sein es zu schonen, im Interesse der Wissenschaft?
– Vielleicht, entgegnete der Canadier; aber im Interesse der Küche ist‘s besser, es zu erlegen.
– Gehen Sie nur an’s Werk, Meister Land“, erwiderte der Kapitän Nemo.“

Stellers Seekuh

Ich hatte eine virtuelle Begegnung mit der fantastischen Riesen-Sirene (Ordnung Sirenia = Seekühe, s.u.), als ich versuchte, Adelbert von Chamissos Reise um die Erde nachzureisen. Dies war der Anlass, mich etwas genauer über diesen Meeressäuger und seine Verwandten zu informieren.
Chamisso fuhr auf der russischen Brigg Rurik unter Kapitän Otto von Kotzebue von Kamtschatka in die Beringstraße und dabei passierte das Expeditionsschiff am 20. Juli 1816 die Beringinsel, wie die Beringstraße, die Sibirien von Alaska trennt, nach dem dänischen Kapitän und Expeditionsleiter Vitus Bering benannt (vgl. Der Palme luft’ge Krone – mit Chamisso auf Weltreise). Bering leitete im 18. Jahrhundert im Auftrag der russischen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg zwei große Expeditionen zur Erforschung Ostsibiriens und der Verbindung zwischen Sibirien und Alaska. Bei der zweiten Exedition kam er als Schiffbrüchiger auf der Beringinsel ums Leben. Vorher hatte er von Kamtschatkas Awatscha-Bucht kommend auf einem Kurs südlich der Aleutenkette die Insel Kayak vor der westamerikanischen Küste erreicht. Auf der Rückreise geriet das Expeditionsschiff immer wieder in gefährliche Weststürme und kenterte schließlich vor der später so benannten Beringinsel. Die Beringinsel, ihre Nachbarinsel Medni und einige weitere kleinere Inseln gehören zu den Kommandeurinseln, die zwischen den Aleuten und Kamtschatka gelegen das nördliche Beringmeer vom übrigen Nordpazifik abtrennen. Geologisch sind sie den Aleuten zuzuordnen. Bering erlag auf dieser Insel im Dezember 1741 einer schweren Krankheit.
Chamisso hatte bei seiner Passage einen Blick auf das westliche Ende der Insel, das sich – wie er in seinem Reisetagebuch schreibt –
„…mit sanften Hügeln und ruhigen Linien zum Meere senkt. Sie erschien uns im schönen Grün der Alpentriften; nur stellenweise lag Schnee“.

Alle Kommandeurinseln und das umgebende Meer wurden am 23. April 1993 von der Russischen Föderation zum Naturreservat erklärt. http://de.sputniknews.com/german.ruvr.ru/photoalbum/61068875/?slide-1

Wenn selbst im Juli auf dieser Insel noch Schnee lag, kann man sich einen Begriff von dem Klima machen, dem die Schiffbrüchigen der Bering-Expedition, die es Anfang November auf die Insel verschlug, ausgesetzt waren.
Unter diesen Schiffbrüchigen war auch der deutsche Arzt und Naturwissenschaftler Georg Wilhelm Steller. Nicht zuletzt seinem Mut und Geschick war es zu verdanken, dass immerhin 46 der ursprünglich 77 Schiffbrüchigen die Rückkehr nach Kamtschatka gelang. Trotz des ständigen Kampfes ums Überleben bemühte sich Steller um eine naturkundliche Erforschung der Insel. Er beschrieb Seeotter, Seelöwen und Seebären und bemerkte schon kurz nach der Ankunft auf der Insel eigenartige Wassertiere von erstaunlichen Ausmaßen, von denen man meistens nur einen großen dunkelbraunen Rücken über die Wasseroberfläche ragen sah. Erst nachdem die Strapazen des Winters einigermaßen überstanden waren, fand Steller Zeit, sich etwas intensiver mit diesen seltsamen Tieren zu beschäftigen.
Steller kannte die Beschreibung Dampiers von dem karibischen Manati und er konnte die großen Wassertiere sofort ganz korrekt dieser Säugetiergruppe der Seekühe zuordnen.
„Ich würde auf eine ausführliche Beschreibung der Seekuh verzichtet haben, wenn nicht über diese in alten Zeiten allzu Ungereimtes geschrieben worden wäre. Damals betrachteten die Naturforscher das, was sie mit eigenen Augen sehen konnten, nur sehr oberflächlich.
Ich hingegen bin bemüht gewesen, zunächst eine klare Kunde von der äußeren Gestalt des Tieres und den Bau seiner inneren Teile zu geben. Dem habe ich dann Erläuterungen zum Nutzen von Teilen des Tieres, als Speise, als Arznei und zu anderen Dingen, sowie zum Verhalten des Tieres hinzugefügt.“
So schreibt Steller später in der von ihm verfassten „Topographischen und physikalischen Beschreibung der Beringinsel“ (Sankt Petersburg und Leipzig 1781). Er war der einzige Naturwissenschaftler, der diese riesige nordische Seekuh lebend gesehen und ihre äußere und innere Anatomie sowie ihr Verhalten untersucht hat. Am 12. Juli 1742 hat Steller eine weibliche Seekuh genau vermessen und seziert. Die Körperlänge gibt er mit 296 Zoll an, der im Vergleich mit dem massigen Körper kleine kurze Kopf hat über den Augen einen Umfang von 48 Zoll, der Nacken schon 82 Zoll. Den größten Leibesumfang vemaß Steller mit 244 Zoll. Die Länge des gesamten Verdauungstraktes betrug 5168 Zoll, das Herz maß 22 auf 25 Zoll, die Nieren 32 auf 18 Zoll (ein Zoll entspricht 2,54 cm). Besonders bemerkenswert ist die dicke Haut der Tiere, die Steller an die rissige Rinde einer alten Eiche erinnerte. Oft beobachtete er Möwen und andere Seevögel, die auf den inselartig aus dem Wasser ragenden borkigen Rücken der Seekühe nach Maden hacken. Die dicke haarlose Haut erinnert also doch ein bisschen an die landlebenden Dickhäuter, die Elefanten, die ja ihre nächsten Verwandten sind. Lediglich an der Schnauze hat das Tier dicke, an Federkiele erinnernde Borsten, auch die Unterseite der zehenlosen Vorderfüße ist dicht mit kurzen Borsten besetzt. Mit den Vorderbeinen schwimmt die Seekuh vorwärts und schlägt die Algen von den Steinen am Meeresgrund ab.
„Unter diesen Vorderfüßen finden sich die Brüste, mit schwarzen, runzligen zwei Zoll langen Warzen, in deren äußerstes Ende sich unzählige Milchgänge öffnen. Wenn man die Warzen stark streift, so geben diese Milchgänge eine große Menge Milch von sich, die an Süßigkeit und Fettigkeit die Milch der Landtiere übertrifft, sich aber sonst von dieser nicht unterscheidet.“

So könnte die Stellersche Seekuh ausgesehen haben

So könnte die Stellersche Seekuh ausgesehen haben (Aquarell W. Probst)

Steller beobachtete, dass sich die Seekühe meistens im flachen Wasser aufhielten. Sie liebten sandige Plätze, gerne auch an den Mündungen von Flüssen. Die halbwüchsigen und jungen Tiere trieben sie meist vor sich her und schlossen Sie zwischen Erwachsene ein, um sie vor Angriffen insbesondere von Belugas zu schützen. Die erwachsenen Tiere hatten keine natürlichen Feinde. Aber bei stürmischem Wetter konnten sie an Felsen geschlagen werden und dabei zu Tode kommen. Im Winter , wenn sie nicht genug Algennahrung finden konnten und dadurch stark geschwächt waren, kam es nicht selten vor, das Tiere von dem am Ufer schwimmenden Eise erstickt wurden.
Den ganzen Tag über fraßen sie, fast ununterbrochen mit dem Kopf unter Wasser. Alle 4-5 min hoben Sie die Nase aus dem Wasser und atmeten aus und ein, wobei sie ein Geräusch von sich gaben, das dem Schnauben eines Pferdes ähnelte. Bei Weidegang bewegten sie einen Fuß nach dem anderen langsam vorwärts und ließen sich kaum stören. Es kümmerte sie nicht, wenn man mitten zwischen ihnen herum schwamm oder mit einem Kahn durch die weidende Herde steuerte. Wie Steller später erfuhr, wurden die Riesenseekühe von den Kamtschadalen auch „Krautfresser“ genannt.
Steller beschrieb, dass sie sich – meist im Frühjahr – wie Menschen begatteten, also Bauch an Bauchseite das Weibchen auf dem Rücken liegend, wobei sie sich

Porträt der Stellerschen Seekuh (Aquarell W. Probst)

Porträt der Stellerschen Seekuh (Aquarell W. Probst)

mit ihren kurzen Vorderbeinen umarmten. Die Tragzeit betrug über ein Jahr und Steller konnte immer nur ein Junges beobachten. Meistens bildeten sie Familienverbände aus einem männlichen und einem weiblichen Tier und mehreren Jungtieren. Die Bindung zwischen den Familienmitgliedern schilderte Steller als sehr eng.

Warum sind diese größten marinen Pflanzenfresser ausgestorben?
Die unbewohnten Kommandeursinseln waren im 18. Jahrhundert das letzte Rückzugsgebiet der Riesen-Seekühe. Aber noch bis zum Ende der letzten Kaltzeit waren sie im Nordpazifik viel weiter verbreitet, von der Baja Californica bis nach Japan. Da sie praktisch keine natürlichen Feinde hatten, ist die Annahme nicht unwahrscheinlich, dass sie durch die ersten menschlichen Einwanderer am Ende der letzten Kaltzeit bejagt und schließlich ausgerottet wurden. Die großen Tiere hatten einen gewaltigen Stoffumsatz und sie ernährten sich hauptsächlich von den Riesentangen, die vor allem für die pazifischen Auftriebsgebiete entlang der amerikanischen Westküste und für die arktischen Zonen charakteristisch sind. Auch wenn die Bejagung durch steinzeitliche Jäger nicht sehr intensiv war, so könnte über die Jahrhunderte bei der geringen Reproduktionsrate der Seekühe (ein Junges höchstens alle 2-3 Jahre) trotzdem eine starke Reduktion der Bestände die Folge gewesen sein. Außerdem sind auch andere indirekte Effekte möglich. So weiß man heute, dass die Seeotter für den Bestand der Riesentiere von großer Bedeutung sind, da sie sich vorwiegend von Seeigeln ernähren, die wiederum den Nachwuchs der Tange abgrasen. Gibt es weniger Seeotter, gibt es mehr Seeigel und damit weniger Tangwälder. So könnte sich auch die Dezimierung der Seeotter negativ auf die Seekuhbestände ausgewirkt haben.

Die Gestrandeten der Bering-Expedition ernährten sich zunächst von Seeottern, die es hier in großen Mengen gab und die keinerlei Scheu zeigten und sich leicht erschlagen ließen. Nachdem sich die Leute etwas erholt hatten, wagten sie sich an die Jagd auf die Seekühe. Das Abschlachten war zwar nicht schwierig, aber die tonnenschweren Leiber an Land zu bringen, benötigte die Kraft von 30 gesunden Männern. Fleisch und Fett der Seekühe schmeckten den Matrosen hervorragend. Das Fleisch soll angeblich wie Kalbfleisch geschmeckt haben, das ausgelassene Fett erinnerte an Olivenöl.
Die Berichte der nach Kamtschatka zurückgekehrten Matrosen über die großen Mengen an Seeottern, die sie auf der Beringinsel angetroffen hatten, führten dazu, dass Pelzjäger sich aufmachten, um die Tiere mit den wertvollen Fellen zu jagen. Dabei nutzten sie die Seekühe vor allem zu Nahrungszwecken, später wurden sie aber auch in Massen sinnlos abgeschlachtet, so dass sie bereits 27 Jahre nach ihrer Entdeckung ausgerottet waren. Zwar gibt es immer einmal wieder Berichte darüber, dass eine Riesenseekuh gesichtet worden wäre, bisher konnte dies aber in keinem Fall bestätigt werden.
Der ehemals bekannte sowjetrussische Tierbuchautor Igor Akimuschkin schrieb dazu 1969 in seinem 1972 ins Deutsche übersetzten Buch „Vom Aussterben bedroht? Tiertragödien, vom Menschen ausgelöst“:
„Noch vor zweihundert Jahren lebten in der Nähe der Kommandeurinseln so viele Seekühe, dass man mit ihrem Fleisch, wie der sowjetische Geograph L. S. Berg schreibt, „die gesamte Bevölkerung von Ost Kamtschatka hätte ernähren können.“ Das Fleisch war vorzüglich, nicht wie Walfleisch, das selbst Hunde nicht mögen. Das von jungen Seekühen schmeckte „wie Kalbfleisch“, und das der ausgewachsenen Tiere „unterschied sich nicht von Rindfleisch“. Unter der Haut hatte die Stellersche Seekuh eine „vier Daumen dicke“ Schicht weißes Fett. Wurde es ausgelassen, so hatte es „das Aussehen und den Geschmack von Olivenöl, und Stellers Gefährten tranken es tassenweise“. Was Wunder, dass die Skorbutkranken nach dem Genuss von Fleisch und Fett dieser Tiere eine wundertätige Wirkung verspürten. Auch die Milch war etwa wie die von Kühen, nur süßer und fetthaltiger. Und nun stelle man sich einmal jene märchenhaften Zeiten vor (die nicht mehr fern hätten zu sein brauchen): Die Kühe der „Meerfarmen“ wiegen über zweihundert Pud (1 Pud = 16,38 kg), sie geben hundert Liter Milch am Tag, sie brauchen weder Futter, noch müssen sie gehütet werden. Sie entfernen sich nicht weit, denn Seekohl (gemeint sind die großen Braunalgen-Tange) wächst nur am Ufer. Dort finden die Tiere Futter und Unterkunft, und zum Melken kommen Taucher mit elektrischen Melkmaschinen… Diese Träume sind heute irreal. Die Stellerschen Seekühe gibt es nicht mehr, und der Mensch kann sie nie mehr auferstehen lassen …“

Vor allem diese Entdeckung aber auch weitere nach ihm benannte Tierarten führten dazu, dass Stellers Name bis heute – auch außerhalb der zoologischen Fachwissenschaften – nicht vergessen wurde. Denn er war der einzige Wissenschaftler, der die Riesenseekuh lebend zu Gesicht bekommen hatte. Aber auch Georg Steller überlebte die Expedition nicht. Nachdem er noch 3 Jahre auf Kamtschatka geforscht hatte, machte er sich 1744 auf dem Landwege auf die Rückreise nach Europa. Auf dieser abenteuerlichen Reise durch Sibirien erkrankte er schwer und starb schließlich mit nur 37 Jahren am 12. November 1746 in der westsibirischen Stadt Tjumen. Heute erinnert eine Gedenktafel in seiner fränkischen Heimatstadt Bad Windsheim an den vielseitigen und weit gereisten Naturforscher.

Andere Seekühe

Karibik-Manati (oben) und Dugong (unten) aus Lambert's Tier-Atlas, 1913

Karibik-Manati (oben) und Dugong (unten) aus Lambert’s Tier-Atlas, 1913

Heute leben auf der ganzen Erde noch vier verschiedene Seekuh- Arten. Alle sind ziemlich selten und in ihrem Bestand gefährdet. Drei davon, die Manatis, gehören zur Familie der Rundschwanz-Seekühe, eine, der Dugong – wie die ausgestorbene Riesenseekuh – zur Familie der Gabelschwanzseekühe.
Der Afrikanische Manati (Trichechus senegalensis) lebt im tropischen Westafrika, vorwiegend in Mangroven und in Mündungsgebieten der Flüsse, aber auch in großen Flüssen des Landesinneren, z. B. im Niger. Dem Karibik-Manati (Trichechus manatus) bin ich in Florida begegnet. Zwar nicht direkt in freier Wildbahn, aber indirekt. Die Tiere kommen in den Kanälen vor, welche das Sumpfgebiet der Everglades durchziehen. Im Tierpark Berlin und im Tiergarten Nürnberg werden Karibik-Seekühe gehalten.

Air-Boat in den Everglades, Florida, 1983

Air-Boat in den Everglades, Florida, 1983 (Foto W. Probst)

Ein Manati soll an einem Tag fast ein viertel seines Körpergewichts an Wasserpflanzen fressen. Diese Tiere haben zwar keine natürlichen Feinde, ihre Bestände sind aber durch menschliche Aktivitäten stark geschrumpft und sehr gefährdet. In Florida waren und sind es vor allem Propellerboote („Air Boats“), die ihnen mit ihren großen Propellern den Rücken aufschlitzen.
Auch im Amazonasgebiet kommt ein rein an süßwassergebundener Manati vor. Trichechus inunguis ist deutlich kleiner und zierlicher als die anderen Arten. Die Vorderbeine sind zu Flossen umgeformt, Nägel fehlen, dafür sind sie deutlich länger als diese Extremitäten bei seinen Verwandten. Diese Tiere waren in früheren Jahrhunderten im Amazonasgebiet sehr häufig und vor allem in der Trockenzeit bildeten sie große Herden in tieferen Gewässern. Ab dem 17. Jahrhundert

Amazonas-Seekuh (Trichechus inunguis)

Amazonas-Seekuh (Trichechus inunguis) im Zoo von San Diego, 1983 (Foto W. Probst)

wurden sie von weißen Siedlern in großer Zahl geschossen. Da man zu Beginn des 20. Jahrhunderts feststellte dass sich ihre Haut sehr gut zur Lederherstellung eignet, wurden einige Zeit pro Jahr über 10.000 Tiere getötet. In den 1960 er Jahren waren die Bestände so klein geworden, dass sich eine Jagd nicht mehr richtig lohnte. Heute sind sie zwar unter Schutz gestellt, aber die Zerstörung der Regenwälder, reguläre Fischerei und vor allem die Einleitung giftiger Quecksilberverbindungen durch illegale Goldgräber bedrohen die Bestände immer weiter (Wikipedia, http://www.iucnredlist.org/details/22102/0 ).

Die weiteste Verbreitung hat der Dugong (Dugong dugong), die einzige bis heute noch existierende Art der Gabelschwanz-Seekühe.Diese Gabelschwanz-Seekühe sind vom Persisch-Arabischen Golf bis nach Australien und die Südsee verbreitet, aber an vielen Stellen stark gefährdet oder schon ausgestorben, zum Beispiel auf den Malediven, Maskarenen und Lakkadiven. Trotzdem schätzt man den Gesamtgbestand noch auf 50 bis 80 000 Tiere. Die Bestände wurden durch Bejagung stark dezimiert. Derzeit sind vermutlich Schleppnetze die größte Bedrohung, weil sich die Tiere in den Netzen verfangen und dann nicht mehr auftauchen können und ertrinken. Auch in Hainetzen, die zum Schutz von Badegästen vor Stränden angebracht werden, verfangen sich immer wieder Dugongs. Aber auch der durch Schleppnetzfischerei und Abwassereinleitung starke Rückgang der Seegraswiesen, der wichtigsten Weideflächen der Meeresherbivoren, führte zu einem Schrumpfen der Bestände. Schließlich sind Dugongs auch recht empfindlich gegen Chemikalien. So hat man bei tot angetriebenen Dugongs an der Küste von Queensland häufig erhöhte DDT-Werte nachgewiesen.

Auch diesem Tier bin ich selbst nie begegnet, aber auf Magnetic Island bei Townsville an der australischen Ostküste habe ich Plakate gesehen, die auf seinen Schutz und seine Gefährdung hingewiesen haben.

Evolution der Sirenia

Die ersten Wirbeltiere, so nimmt man heute an, gingen vor 365 Mill. J. zum Landleben über. Ihre nächsten heute lebenden Verwandten gehören zu den Amphibien. Reptilien, Vögel und Säuger haben sich später entwickelt, wobei die Vögel eigentlich eine Untergruppe der Reptilien sind.

Immer wieder hat die Evolution der Landtiere den Weg zurück ins Wasser gefunden. Grottenolm und Axolotl sind Wasseramphibien, die das wassergebundene Larvenstadium zur Dauerform gemacht haben. Fischsaurier waren perfekt ans Wasserleben angepasste Reptilien des Erdmittelalters, heute sind Seeschildkröten bis auf die Eiablage immer im Wasser. Die Pinguine sind die Vögel, die den Weg von der Luft zurück ins Wasser am weitesten gegangen sind. Bei den Säugern sind die Wale und Delfine (Cetacea) reine Wassertiere geworden, die allerdings zum Atmen noch atmosphärische Luft für ihre Lungen benötigen. Man kennt knapp 90 heute lebende Arten. Von Robben mit Seelöwen, Seeelefanten und Walrossen kennt man heute ca. 35 Arten. Diese zu den Carnivoren gerechnetern „Flossenfüßer“ (Pinnipedia) sind zwar auch sehr gut ans Wasserleben angepasst, halten sich aber doch regelmäßig, z. B. zur Fortpflanzung, an Land auf. Auch Otter aus der Familie der Marderartigen sind sehr elegante Schwimmer, besonders die Seeotter. Aber wie die Robben kommen sie regelmäßig an Land.

Eine Zwischenstellung nehmen die Seekühe oder Sirenen ein. Sie haben wie die Wale einen waagerecht ausgerichteten Fischschwanz, der gegabelt oder abgerundet sein kann, und zwei Vorder Extremitäten, die zum Rudern aber auch zum Abstürzen dienen. Die Sirenen sind die einzigen Wassersäuger, die sich rein pflanzlich ernähren. Der Name „Wasserkuh“ ist also durchaus berechtigt.

Verwandtschaftsbeziehungen der Sirenia innerhalb der Afrotheria (ohne nur fossil bekannte Gruppen)

Verwandtschaftsbeziehungen der Sirenia innerhalb der Afrotheria (ohne nur fossil bekannte Gruppen; Wikipedia, neu kombiniert)

Die Stammesgeschichte der Sirenen reicht mehr als 50 Millionen Jahre zurück. Ihre nächsten heute lebenden Verwandten sind die Elefanten und die Klippschliefer. Man fasst die drei Ordnungen heute zu den Paenungulata („Fasthuftiere“) zusammen. Obwohl diese Tiere heute so unterschiedlich aussehen und nur wenige gemeinsame morphologische Merkmale – wie zum Beispiel das Vorhandensein von 19 oder mehr Brustwirbeln – auf eine gemeinsame Abstammung hindeuten, ist diese doch durch genetische Untersuchungen belegt. Die eigentlichen Huftiere (Euungulata) gehören nicht in ihre nähere Verwandtschaft, aber mit Tenreks, Erdferkel, Goldmullen und  Elefantenrüsslern gehören sie zur großen Verwandtschaftsgruppe der Afrotheria.

Rechnet man fossile und rezente Arten zusammen, so kennt man heute 35 Seekuharten. Die kleinsten wogen etwa 150 kg, die größte, Stellers Riesenseekuh, über 10.000 kg. Im Eozän und Oligozän (bis vor etwa 20 Mill. J.) lebten  verschiedene Seekuharten in den Schelfgebieten der warmen Meere, die weite Regionen Mitteleuropas bedeckten. Die Mainzer Seekuh (Halitherium schinzii), die ihren Namen nach dem Fund im Mainzer Becken hat, zeigte schon alle Merkmale der heutigen Seekühe. Skelettreste sind in Deutschland nicht selten zu finden. Ein vollständiges Skelett wird zum Beispiel im Stuttgarter Museum am Löwentor gezeigt. In einer neuen, gründlichen Untersuchung konnten die Berliner Wirbeltier-Paläontologen Manja Voß und Oliver Hampe nachweisen, dass sich diese Reste auf insgesamt zwei Arten zurückführen lassen. Da der Name Halitherium schinzii schon 1838 aufgrund nur eines einzigen Zahnfundes gegeben wurde, der nicht eindeutig zugeordnet werden konnte, haben die beiden Forscher eine neue Seekuh-Gattung Kaupitherium mit den zwei Arten K. gruelli und K. bronni aufgestellt (Voss, M. & Hampe, O. 2017).

Der wissenschaftliche Name der Ordnung der Seekühe ist „Sirenia“ und das kommt daher, dass sie von Seeleuten auch als „Sirenen“ bezeichnet wurden. In der griechischen Mythologie bezeichnete dieser Name weibliche Fabelwesen mit betörenden Stimmen, deren Gesang kein Mann widerstehen konnte. Sie lebten auf einer Mittelmeerinsel und wenn sie Seefahrer zu hören bekamen, waren sie verloren. Odysseus geriet auf seiner Irrfahrt in die Nähe dieser Insel. Er wollte den Gesang hören, aber der tödlichen Verlockung trotzdem nicht folgen. Deshalb ließ er auf Rat der Zauberin Kirke seinen Reisegefährten die Ohren mit geschmolzenem Wachs verschließen und sich selbst an den Mast des Schiffes binden. So konnte er den Gesang der Sirenen zwar vernehmen, aber als er hingerissen zur Insel wollte, banden ihn die Gefährten – wie vorher abgemacht – nur noch fester, bis dass Schiff wieder außer Hörweite der Sirenenklänge war und der Zauber seine Wirkung verlor. Teilweise stellte man sich Sirenen als Mischwesen zwischen Vogel und Mensch, teilweise aber auch als Fischmenschen, Nixen oder Meerjungfrauen, vor. Nun haben Manati und Dugong keine besonders betörenden Stimmen. Auch ihre Physiognomie und ihre Körpergestalt zeigen eigentlich keine Ähnlichkeit mit verführerischen Frauengestalten – bis auf ein Merkmal: Seekühe haben zwei hoch am Körper sitzende Brustwarzen, ihre Brüste sind – wenn sie ein Junges säugen – deutlich angeschwollen und erinnern dann durchaus an eine wohlgeformte weibliche Brust.

Grußkarte zum Jahreswechsel aus Florida

Grußkarte zum Jahreswechsel aus Florida

Quellen

Arnold, A.: See cows, shamans and scurvy: Alaskas first Naturalist: Georg Wilhelm Steller. Douglas & McIntyre, Madeira Park (Canada) 2008

Berta, A. /Sumich, J. L.: Marine Mammals: Evolutionary Biology. Academic Press, New York, 1999.

Egerton, F. N.: A History of the Ecological Sciences, Part 27: Naturalists Explore Russia and the North Pacific During the 1700s. Bulletin of the Ecological Society of America, Jan. 2008. http://esapubs.org/bulletin/current/history_list/history27.pdf

Fischer. M. S.: Sirenia, Seekühe. In: Westheide, W./Rieger, R.: Spezielle Zoologie. Teil 2. Wirbel- oder Schädeltiere. Spektrum Akademischer Verlag, München 2004

Lambert, K.: Bilder-Atlas des Tierreichs. J. F. Schreiber, Eßlingen/München 1913

Marsh, H./Thomas, J. O./Reynolds, J. E. III: Ecology and Conservation of the Sirenia. Dugongs and Manatees. Cambridge Univ.Press, Cambridge u. a. 2011

Rothauscher, H.: Die Stellersche Seekuh. Books on Demand GmbH, Norderstedt 2008

Posselt, D. (Hrsgin.): Die Große Nordische Expedition 1733-1743. Aus Berichten der Forschungsreisenden Johann Georg Gmelin und Georg Wilhelm Steller, C. H. Beck, München 1990

Probst, W.: Der Palme luft’ge Krone – mit Chamisso auf Weltreise. Wagnerverlag, Gelnhausen 2014

Ripple, J./Perrine, D.: Manatees and Dugongs of the World. Voyageur Press, Stillwater, MN,1999

Stejneger, L.: How the great northern sea-cow (Rytina) became exterminated. American Naturalist 21:1047–1054, 1887

Steller, G. W.: Beschreibung von dem Lande Kamtschatka. Neudruck der Ausgabe von 1774. Herausgegeben von E. Kasten und M. Dürr. Holos-Verlag, Bonn 1996
http://www.siberian-studies.org/publications/PDF/Steller.pdf

Steller, G. W.: Von Sibirien nach Amerika. Die Entdeckung Alaskas mit Kapitän Bering 1741-1742. Herausgegeben von V. Matthies Tienemann, Edition Erdmann, Stuttgart/Wien 1986

Turvey, S. T., & Risley, C. L. : Modelling the extinction of Steller’s sea cow. Biology letters, 2(1), 94-97, 2005

Verne, J.: 20000 Meilen unter den Meeren. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2007

Voss, M. , Hampe, O. : Evidence for two sympatric sirenian species (Mammalia, Tethytheria) in the early Oligocene of Central Europe, Journal of Paleontology 2017 http://dx.doi.org/10.1017/jpa.2016.147

Waxell, S.: The American Expedition. Hodge and Company, London 1952

Wotte, H.: In blauer Ferne lag Amerika. Reisen und Abenteuer des deutschen Naturforschers Georg Wilhelm Steller. VEB Brockhaus, Leipzig 1966

http://tolweb.org/Sirenia/15984

http://komandorsky.ru/en/might-be-miracle.html

Karl Kuhn (1934 – 2014) und Johann Amos Comenius (1592 – 1670)

Am 21. Oktober 2014 wäre Karl Kuhn, bis 1999 Professor für Didaktik der Biologie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, 80 Jahre alt geworden. Ich war zu dem Geburtstag eingeladen. Doch am 15. Juli erhielt ich einen Brief von Karl, indem er mir mitteilte, dass dieser Geburtstag nicht mehr gefeiert werden wird: “Meine Zeit ist abgelaufen“ teilte er mir mit. Da er Verdauungsprobleme hatte, war er zum Arzt gegangen und es stellte sich heraus, dass er Leberkrebs in einem fortgeschrittenen Stadium hatte. Nachdem man ihm die Prozedur einer möglichen Operation und die damit verbundenen Heilungschancen erklärt hatte, entschloss er sich, diesen Eingriff nicht vornehmen zu lassen. Man prophezeit ihm ein maximale Überlebenszeit von sechs Wochen und das traf auch ziemlich genau zu. Am 23. August 2014 ist Karl Kuhn in seinem Haus in Eichsel am Dinkelberg, in dem er fast 50 Jahre gelebt hatte, im Kreise seiner Familie gestorben.

Von Karl Kuhn habe ich gelernt, dass guter Unterricht, und speziell guter Biologieunterricht, eher eine Kunst als eine Wissenschaft ist. Diese Kunst ist – teilweise zumindest – erlernbar, wie alle anderen Künste auch. Sie ist aber nur schwer messbar und objektiv bewertbar, lebt von subjektiven Erfahrungen, zwischenmenschlichen Beziehungen, Emotionen. Mit Methoden der empirischen Sozialforschung lässt sich nur in sehr begrenztem Maße herausfinden, wie ein gelungener Unterricht aussehen muss.
Durch Karl wurde mir deutlich, dass unmittelbaren Erfahrungen, wie sie mit Beobachtungen und Experimenten verbunden sind, und Naturbegegnungen und -erlebnisse im Freien unvergleichliche Instrumente für guten Biologieunterricht sind. Solche Möglichkeiten stehen in anderen Fächern gar nicht oder in viel geringerem Maße zur Verfügung, auf sie zu verzichten bedeutet, auf die entscheidende Motivationsmöglichkeit für Biologie zu verzichten.

Karl war ein Beweis dafür, dass Neugier und Offenheit für unterschiedlichste Wissensgebiete nicht zu Oberflächlichkeit, sondern im Gegenteil eher zu einem tieferen Verständnis führt, als einseitige Spezialisierung. Er konnte sich immer wieder für neue Themen begeistern und seine neuen Entdeckungen auch begeisternd weitergeben. Noch mit fast 79 legte er sich mit seinem Enkel drei Nächte lang im Feldbett auf eine Geländekuppe bei Eichsel unter den klaren Sternenhimmel, um die Sternschnuppen der Perseiden zu beobachten.
Zu den nicht unbedingt beliebtesten Pflichtveranstaltung von Lehramts-Studierenden gehörte (und gehört?) eine in der Regel als Seminar abgehaltene Veranstaltung „Didaktik der Biologie“, in der meist auch ein historischer Abriss gegeben wird, der häufig mit dem „Vater der Didaktik“ Johann Amos Comenius beginnt. Karl Kuhn hatte die originelle Idee, diese etwas trockene Materie dadurch lebendig zu gestalten, dass er Comenius auferstehen und in einem Interview zu Wort kommen ließ. Da dieses „Schauspiel“ nie veröffentlicht wurde, möchte ich es hier im Andenken an meinen Lehrer und Freund Karl Kuhn zugänglich machen:

Karl Kuhn
Ein Gespräch mit JOHANN AMOS COMENIUS

Anmerkungen zu dem Schauspiel

Art des Schauspiels
Ich habe versucht, ein Schauspiel in der Art zu schreiben, wie es Comenius getan hat. Es waren keine Theaterstücke in unserem heutigen Sinn, sondern Lehrstücke, bei denen die Texte aufgesagt wurden, ohne dass sich die Schauspieler sehr bewegten. Auch in dem vorliegenden Schauspiel wird mehr deklamiert als gespielt mit dem Ziel, zu informieren.

Zum Inhalt
In dem Schauspiel soll die Zeit des Dreißigjährigen Krieges mit wenigen Strichen nachgezeichnet werden (Musik, Literatur, Baukunst, Zeitgenossen) und in Zusammenhang mit dem Lebenslauf von Comenius gebracht werden. Der Schwerpunkt liegt bei den didaktischen Arbeiten von Comenius, die über weite Strecken zitiert werden.

Zur Stoffauswahl
Bei der Auswahl des Stoffes habe ich versucht, Überlegungen und Gedanken von Comenius aufzunehmen, die für uns heute noch grundlegend sind. Vollständig lässt sich das Gedankengut von Comenius nicht darstellen, so dass die Auswahl nicht fest liegt und von den Darstellern verändert werden kann. Es können Texte dazu kommen oder gestrichen werden, die Anordnung der einzelnen Passagen kann verändert werden. Dadurch würde der Text nur gewinnen und den Erwartungen der Studierenden wahrscheinlich mehr entsprechen. Z. B. könnte die Schulszene aufgenommen werden, die V.J. Dieterich zitiert (p. 93). Auf jeden Fall sollten Sie sich in der angegebenen Literatur umsehen.

Zur Darstellung
Bei den beiden letzten Aufführen hat sich gezeigt, dass die Zuhörer zu Beginn nicht recht wussten, was das Ganze soll. Die Darsteller sollten vor der Aufführung das Publikum in das Stück einführen.

J O H A N N  A M O S  C O M E N I U S

1. Sprecher
Wir schreiben das Jahr 1645. Europa ist verwüstet. Seit 1618 ziehen katholische und protestantische Kriegshorden plündernd und brandschatzend durch das Land, in einem Krieg, den spätere Generationen den Dreißigjährigen Krieg heißen werden.

2. Sprecher
Liebe Brüder,
vertrieben aus Böhmen, unsere Städte und Dörfer niedergebrannt, versammeln wir uns im Verborgenen hier als Flüchtlinge, als Asylanten in Polen. Wir bitten um Gottes Schutz, dass dieser Ort den Katholiken nicht bekannt werde, da uns sonst allen der sichere Tod bevorstehen würde.

3. Sprecher
Lasst uns in Gedanken zurückgehen zu dem Ursprung unseres protestantischen Glaubens.

• 1517 schlug Martin Luther an der Schlosskirche zu Wittenberg seine Thesen an.
• Ein Jahrhundert später:
1618 begann mit dem Fenstersturz zu Prag der Dreißigjährige Krieg.

Dazwischen lag die Zeit der Reformatoren: Zwingli in Zürich,
Calvin in Genf.
Es war die Zeit der Sekten und des Bauernkrieges.

Es war aber auch die Zeit der Renaissance (15./16. Jhd.), die das Mittelalter ablöste und die man später als Beginn der Neuzeit bezeichnet hat.
– Kopernikus, Galilei, Kepler begründen ein neues Weltbild.
– Kolumbus entdeckt am 12. Oktober 1492 die Antilleninsel Guananhani, Cuba und Haiti.
– Der Humanismus löst die Scholastik ab.
– Erasmus von Rotterdam (1467-1536) lehnt die Spaltung er Kirche ab und ist ein Feind Luthers. Trotzdem lebt er lange Zeit in dem protestantischen Basel und verlegt dort seine Bücher. Erst im Alter wird er ausgewiesen und findet hier in dem katholischen Freiburg seine Zuflucht.

2. Sprecher
Liebe Brüder,
ich habe die Ehre, Euch einen Mitbruder vorzustellen. Viele von Euch werden ihn vom Namen her kennen. Es ist unser Bruder im Herrn Johann Amos Comenius.

Ihr wisst, Bruder Johann gilt als einer der gelehrtesten Männer unserer Zeit …

Comenius
Halt ein! Halt ein! Ich muss widersprechen! `Die mich näher kennen, wissen, dass ich ein Mann von schwachem Verstande und geringer Gelehrsamkeit bin.`(Gr. Did. 1985 p. 14)

2. Sprecher
Sei beruhigt Bruder Johann, wir kennen Deine Bescheidenheit.

1. Sprecher
Vergegenwärtigen wir uns das Curriculum vitae unseres Gastes!

Am 28. März 1592 wurde Jan Komenský als Sohn des angesehenen Bürgers Martin Komenský und seiner Frau Anna in der ostmährischen Ortschaft Nivnice geboren. Mit 10 Jahren verlor Jan seinen Vater, mit 11 Jahren seine Mutter und zwei Schwestern. Eine Tante nimmt das Waisenkind auf und Jan kommt nach Stranice im südlichen Mähren.

Als Jan 13 Jahre alt ist, wird der Ort überfallen und niedergebrannt. Er kommt zu seinem Vormund nach Nivnice zurück, einem Müller. Er lernt das bäuerliche und handwerkliche Leben kennen und fasst selbst bei der Arbeit mit an. Eine Schule besucht er nicht. Mit seiner Heimat ist er tief verbunden.

Comenius
Ja, meine Heimat habe ich sehr geliebt. ‚Das Paradies der Erde ist Europa. Das Herz Europas ist Deutschland und Deutschlands Herz ist Böhmen. Ein Land, wo Milch und Honig fließen’.

1. Sprecher
Jan macht eine kleine Erbschaft. Da wird der 16-jährige von seinem Vormund auf die Höhere Schule der Brüder in Perrau geschickt. Bereits nach 3-jährigem Schulbesuch ist er reif für die Universität.

2. Sprecher
Bruder Jan, vermutlich blickst Du mit Dankbarkeit auf Deine Schulzeit zurück.

Comenius
Im Gegenteil, wie hasse ich die Schule, in der ich nur gepaukt und gepaukt habe, in der Verbalismus an Stelle von Realismus geherrscht hat. ‚Von vielen Tausenden bin auch ich einer, ein armes Menschenkind, dem der liebliche Lebensfrühling, die blühenden Jugendjahre mit scholastischen Flausen verdorben wurden … Ach wie oft hat der Schmerz mich ausrufen lassen: – Brächte doch Jupiter mir die verflossenen Jahre zurück -. Aber das sind vergebliche Wünsche. Der Tag, der verstrichen ist, kommt nicht zurück. Keiner von uns, der seine Jahre hinter sich hat, wird wieder jung und lernt, sein Leben aufs neue zu beginnen und sich mit besserer Ausrüstung dafür zu versehen: da ist kein Ausweg. – Nur eines bleibt und eines ist möglich, dass wir die Hilfe, die wir den Nachkommen leisten können, wirklich leisten. Haben wir nämlich gezeigt, in welche Irrtümer uns unsere Lehrer hineingestürzt haben, so müssen wir zeigen, auf welchem Weg man diese Irrtümer vermeiden kann.’(Dietr. p. 13)

2. Sprecher
Die einst glanzvolle Universität Prag lag danieder, durch theologische Kämpfe um die hussitischen und lutherischen Lehren erschöpft. Deshalb zog Jan neunzehnjährig im Jahre 1611 an die neu gegründete calvinistische Hochschule in Herborn und immatrikulierte sich für Theologie. Professor Alsted beeindruckte ihn durch seine enzyklopädischen Bemühungen und durch den Gedanken einer großen Weltharmonie. Von ihm lernt Comenius eine wirkungsvolle Arbeitstechnik: Der Professor lässt seine Studenten Zitate notieren (Computer gab es nicht!) und anschließend ordnen. Nach diesem Zettelkastensystem hat Comenius zeitlebens gearbeitet.

1. Sprecher
Zwei Jahre später immatrikuliert sich Comenius an der calvinistischen Universität Heidelberg.

2. Sprecher
Bruder Jan, in Herborn hat Du Dir den zweiten Namen Amos zugelegt, so dass ich Dich Johann Amos nennen muss. Schon nach einem Jahr in Heidelberg hast Du Deine Studien beendet. Warum so rasch?

Comenius
Das war nicht mein Entschluss, war ich doch erst 22 Jahre alt. Die Unität, das ist die Brüderschaft, hatte für eine Promotion kein Geld und legte auf äußere Titel keinen Wert. Ich kehrte in meine Heimat zurück. „Ich legte den Weg von Heidelberg nach Prag ausschließlich zu Fuß zurück, bewahrt durch die Begleitung eines Schutzengels und durch eine unverwüstliche Konstitution. Die Ursache war, dass von dem Reisegeld nicht mehr viel zurückgeblieben war und dass ich mir gerade durch die Bewegung die Genesung von einer Krankheit erhoffte, eine Hoffnung, die mich nicht täuschen sollte.“ (Dietrich p. 23)

1. Sprecher
Fahren wir fort, den Lebenslauf von Johann Amos Comenius weiter zu verfolgen.

Nach seiner Rückkehr in Mähren wurde ihm die Leitung der Schule in Perrau übertragen, derselben, die ihm noch vor nicht langer Zeit entlassen hatte. Er schrieb dort unter anderem eine Grammatik und Wortkunde seiner böhmischen Muttersprache.

Mit 24 Jahren empfängt er die Weihen als Pfarrer der Unität. – Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648 wird er, im Alter von 56 Jahren, zum leitenden Bischof der Unität gewählt.

2. Sprecher
Gehen wir der Reihe nach vor: 1618 brach der große Glaubenskrieg aus. Spanische Truppen besetzten das Land. Comenius und seine Brüder mussten sich verbergen. Seuchen brachen aus, die seine Frau und die beiden Kinder dahinrafften. Comenius musste seinen Wohnort mehrfach wechseln. Er flüchtete nach Polen und fand für sich und die Brüder in der Stadt Lissa Asyl. Er unterrichtete dort an einer Adelsschule.

Comenius
„Um die Schwierigkeiten des Exils zu bewältigen, sah ich mich zur Schultätigkeit gezwungen.“ (Dietrich p. 50) Ich ärgerte mich darüber, dass man mich, den studierten Theologen und erfahrenen Pädagogen, zu Beginn am Gymnasium nicht eigentlich als Lehrer , sondern nur als Lehrgehilfe einsetzte. Ich musste den Unterricht der kleinen Kinder übernehmen. Aber acht Jahre später wurde ich dann Rektor an dieser Schule.

Es hat mir die Zeit sehr erleichtert, dass ich nicht nur unterrichten musste, sondern auch noch das Amt als Pfarrer und Prediger der Gemeinde hatte.

Ich hoffte auf eine baldige Rückkehr in die Heimat und bereitete für diese Zeit einen Schulplan vor.

1. Sprecher
Bruder Amos, ich denke, dass Du aus reiner Begeisterung und mit Feuereifer daran gegangen bist, als Pädagoge Dein Hauptwerk, die Didactica Magna, zu verfassen.

Comenius:
So könnte es scheinen, aber „ich bekenne, ich habe oft bereut, dass ich versprochen habe, diese Sache auszuarbeiten, anstatt meine ganze Zeit dem Studium der Natur zu widmen. Es verdrießt mich sehr, mich mit den Worten abzumühen, diese Wortklauberei, wie ich selbst ironisch zu sagen pflege. Aber was soll ich tun? Die Erwartungen unter der Lehrerschaft sind eine Tatsache.“ (Dietrich p. 82) Weiterhin schreibe ich auch aus finanzieller Not und erhoffe mir einen Gewinn von meinen Büchern.

2. Sprecher
Es entsteht hier die tschechische Fassung der „Didaktik“ (1628-1630). Bald darauf entsteht die lateinische Sprach- und Sachkunde „Janua linguarum reserata“, die sich schnell durchsetzt und bald und oft neu aufgelegt wird. Zwei Jahre später folgt das Lehrbuch für die Schulanfänger „Vestibulum januae linguarum“.

Die Arbeiten von Comenius werden über die Grenzen hinaus bekannt. Er erhält  Einladungen nach England, Holland und Schweden. Richelieu in Frankreich will mit seiner Hilfe eine pansophische Schule gründen, liegt aber bald danach auf dem Sterbebett.

Comenius trifft sich in Holland mit Descartes, der seine Arbeiten früh verfolgt hat, ihm aber vorwirft, er vermische Vernunft- und Offenbarungswahrheiten.

1. Sprecher
Nach dem Westfälischen Krieg reist Comenius nach Siebenbürgen. Er versucht dort den Schulstoff in dialogische Form zu gießen und von den Schülern aufführen zu lassen.

Der berühmte „Orbis pictus“ entsteht hier.

Auch in Polen ist keine Bleibe. 1655 bricht der schwedisch-polnische Krieg aus, zu dem Comenius Schweden ermuntert hatte. Lissa mit dem Haus von Comenius wird zerstört, seine Bücher und all seine Habe öffentlich verbrannt.

Comenius findet 1656 in Amsterdam Asyl, wo er bis zu seinem Tode bleibt.

Comenius
„Mein Leben war ein Wandern, eine Heimat hatte ich nicht. Es war ein ruheloses, fortwährendes Umhergeworfenwerden, niemals und nirgends fand ich einen festen Wohnsitz. (Dietrich p. 31)

1. Sprecher
Lieber Bruder Johann,
nachdem wir von Deinem Leben gehört haben, möchten wir noch einige Fragen an dich stellen und bitten Dich darum, aus Deiner großen Erfahrung und Deinem Wissen uns Auskunft zu erteilen.

Wer stellt die erste Frage?
(Anmerkung: Die Fragen sind unter den Zuhörern auf kleinen Zetteln verteilt, so dass die Fragen vom Publikum gestellt werden.)

1. FRAGE
Bruder Johann, wie stellst Du Dich zur Entwicklungspsychologie? Wie soll man kleine Kinder und wie die älteren unterrichten?

Comenius
Dies habe ich mir zum obersten Prinzip gemacht: „Aller Lehrstoff muss den Altersstufen gemäß so verteilt werden, dass nichts zu lernen aufgegeben wird, was das jeweilige Fassungsvermögen übersteigt“ . Innerhalb der Schule soll deshalb die nach Jahrgängen gestufte Klasseneinteilung herrschen.

Ich teile die Kindheit und Jugend in vier Stufen zu jeweils sechs Jahren ein; dies führt zu einem viergliedrigen Schulsystem:

I. Die Schule der Kindheit sei:
Der Mutterschoß (1.-6. Jahr)
II. Die des Knabenalters:
Die Grund- oder Öffentliche Muttersprachschule (7.-12. Jahr)
III. Die der Jünglingszeit:
Die Lateinschule oder das Gymnasium (13.-18. Jahr)
IV. Die des beginnenden Mannesalters:
Universität oder Reisen (19.-24. Jahr) (Gr. Did. p. 186)

2. FRAGE
Wie sollen denn die Mütter ihre Kinder erziehen?

Comenius
Darüber habe ich mir Gedanken gemacht und dies in dem Informatorium der Mutterschul niedergeschrieben.
„Das Informatorium der Mutterschul, das ist ein richtiger und augenscheinlicher Bericht, wie fromme Eltern sich teils selbst, teils durch ihre Ammen, Kinderwärterin und andere Mitgehilfen ihr allerteuerstes Kleinod, die Kinder, in den ersten sechs Jahren, ehe sie den Präzeptoren übergeben werden, recht vernünftiglicht, Gott zu Ehren, ihnen selbst zu Trost, den Kindern aber zur Seligkeit auferziehen und üben sollen“. (Dietr. p. 59)

2. Sprecher
Mit dieser Schrift hat Comenius die erste größere eigenständige Abhandlung über die Erziehung im Vorschulalter überhaupt verfasst.

3. FRAGE
Wie sollen wir in der Grundschule verfahren?

Comenius
Ich denke, Bruder, mit der Grundschule meinst Du die Schule des Knabenalters. Die Kinder sind dann 6 Jahre alt und besuchen diese Schule 6 Jahre lang.

„Die Durchführung sei angenehm, so dass alles sozusagen wie im Spiele geschehe, und zwar ständig

1. durch eigene Anschauung
2. durch eigenes Aussprechen
3. durch eigenes Tun
4. durch eigenen Gebrauch.

Es soll den Kindern also gestattet sein,
1. alles zu sehen, hören und zu betasten
2. alles auszusprechen, zu lesen und zu schreiben
3. alles nachzubilden und zu tun
4. alles zu ihrem Nutzen zu verwenden“ (Pamp.Kap. X p 289)

5. FRAGE
Gibt es nach Deiner Meinung, Bruder Amos, eine Methode, die sich besonders eignet?

Comenius
„Die jungen Menschen sind noch ungeschickt im Umgang mit der Sachenwelt; darum müssen sie in diesem Alter besonders treue und tüchtige Lehrer haben. Das gilt auch darum, weil die ersten Fundamente eines Gebäudes und die ersten Grundlinien eines Gemäldes gut ausgeführt sein müssen; denn wie der Anfang, so wird alles. Der Lehrer für die unterste Klasse sei darum weiser als die anderen; man sollte ihn deshalb durch bessere Bezahlung gewinnen.“ (Pamp. 283)

6. FRAGE
Ja , mit der Bezahlung sind wir gleich einverstanden. – Ich denke, wir sollten auch nur ganz wenige Kinder in kleinen Gruppen unterrichten.

Comenius
Das sehe ich ganz und gar nicht so.
„Ich behaupte, es ist nicht nur möglich, dass ein Lehrer (magister) eine Gruppe von etwa hundert Schülern leitet, sondern sogar nötig, weil dies für die Lehrenden wie Lernenden weitaus am angenehmsten ist. Jener wird ohne Zweifel mit um so größerer Lust sein Tagewerk verrichten, je zahlreicher die Schar ist, die er vor sich erblickt (wie denn auch die Bergleute in einer reichen Mine die Hände freudiger regen); und je eifriger er selbst ist, desto lebhafter wird er seine Schüler machen. …

Außerdem kann es leicht geschehen, wenn der Lehrer (doctor) nur von wenigen gehört wird, dass dies oder jenes an den Ohren aller vorübergeht; hören ihm aber viel zu, so erfasst jeder soviel er kann, und bei den nachfolgenden Wiederholungen kommt alles noch einmal zur Sprache und allen zu gut, da sich ein Geist an dem anderen, ein Gedächtnis am anderen entzündet. Kurz, wie der Bäcker mit einem Teigkneten, einem Ofenheizen viele Brote bäckt …. der Buchdrucker mit einem Schriftsatz hundert oder tausend Bücher druckt: gerade so kann ein Schulmeister (ludi magister) mit denselben wissenschaftlichen Übungen ohne besondere Mühe eine sehr große Schülerzahl zusammen mit einem mal unterrichten. …“ (Gr. Did. p. 122)

7. FRAGE
Wie kann ein einziger Lehrer für eine so große Schülerzahl ausreichen?

Comenius
Es genügt „ein einziger Lehrer für die größte Schülerzahl, wenn er nämlich

I. die Gesamtzahl in Gruppen, z. B. je zehn Schülern unterteilt, über jede Gruppe einen Aufseher setzt, über die wieder andere bis zuoberst;
II. niemals einen allein unterrichtet, weder privat, außerhalb der Schule noch während des öffentlichen Unterrichts in der Schule, sondern gleich alle zusammen. Er soll also zu niemandem besonders hingehen und nicht dulden, dass einer besonders zu ihm hinkomme, sondern auf dem Katheder bleiben, (wo er von allen gehört und gesehen werden kann) und wie die Sonne seine Strahlen über alle verbreiten. Alle aber sollen ihm Auge und Ohr und ihre Aufmerksamkeit zuwenden und alles aufnehmen, was er vorträgt, vormacht oder vorzeigt. …“ (Gr. Did. p. 122)

8. FRAGE
Bruder Comenius, wie soll dann Deiner Meinung nach eine Schule eingerichtet sein?

Comenius
„Die Schule selbst soll eine liebliche Stätte sein, von außen und von innen den Augen einen angenehmen Anblick bieten: Innen ein helles, sauberes Zimmer, das rundherum mit Bildern geschmückt sein soll. Die Bilder können berühmte Männer darstellen oder auch geschichtliche Ereignisse, es können auch Landkarten sein oder irgendwelche Embleme.

Draußen soll nicht nur ein Platz vorhanden sein zum Springen und Spielen, denn dazu muss man den Kindern Gelegenheit geben, sondern auch ein Garten, in den man sie ab und zu schicken soll, dass sie sich im Anblick der Bäume, Blumen und Gräser freuen können. Wenn es so eingerichtet ist, kommen die Kinder wahrscheinlich nicht weniger gern in die Schule als sie sonst auf Jahrmärkte gehen, wo sie immer etwas Neues zu sehen und zu hören hoffen. (Gr. Did. p. 100)

9. FRAGE
Wie führen wir die Schüler an die Natur heran? Wie steht es mit der Freilandbiologie?

Comenius
…“wenn man die Schüler im Frühling aufs Feld oder in den Garten führt, ihnen die Arten der Kräuter zeigt und sie in ihren Kenntnissen wetteifern lässt, so wird sich nicht zur zeigen, wer eine natürliche Neigung zur Botanik hat, sondern die Flamme einer solchen Neigung wird gleich geschürt.“

10. FRAGE
Immer wieder hören wir, wir sollten „ganzheitlich“ unterrichten. Wir haben damit Schwierigkeiten und wissen oft nicht recht, was damit gemeint ist. Hast du Dir auch darüber Gedanken gemacht?

Comenius
Dies ist in der Tat eine schwierige Frage. Ich muss gestehen, ich habe mich lange mit dieser Frage beschäftigt. In der Pampaedia habe ich 6 Kapitel dieser Frage gewidmet. OMNES – OMNIA – OMNINO, diese drei Worte sind schon zu einem Markenzeichen für mich geworden. Es geht „hier also darum, dass dem ganzen Menschengeschlecht, das Ganze, gründlich – pantes, panta, pantos – Omnes, Omnia, Omnino – gelehrt werde. „ (Pamp. p. 15)

Ich möchte hier noch ein klein wenig erläutern, was ich damit meine:

Die Lehrer des Ganzen

…(es) „muss nun alle Sorgfalt darauf verwandt werden, dass die Schüler aus den Schulen nicht nur gelehrte Bücher davontragen, sondern dass ihr Geist, ihr Herz, ihre Sprache und ihre Hand wirklich veredelt sind, dass sie ihr Leben lang die Weisheit nicht in Büchern, sondern in ihrem Innern bewahren und ihrem Tun bezeugen.“ … (Pamp. p. 169)

„Der wahre Lehrer muss seine Lehrkunst unter dem dreifachen Gesichtspunkt ansehen:

1. braucht er Einsicht in das Ganze (universalitas), damit jedermann das Ganze lehren kann.
2. Schlichtheit, um mit sicheren Mitteln sicher zum Ziele zu kommen,
3. Frische (spontaneitas), um alles angenehm und lustig zu machen wie im Spiel. (Pamp. p 173)

11. Frage
Wir verstehen immer noch nicht ganz, was Du meinst. Kannst du etwas deutlicher sagen, was du meinst?

Comenius
Ich greife hier nur einen Punkt heraus, nämlich den, der sich auf die Sachwelt bezieht:

1. Man muss die Sachen wissen
2. Man muss Einsicht gewinnen (in ihre Gründe)
3. und man muss sie gebrauchen.

Die Sachen wissen heißt, das Sein der Dinge im Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Berühren anerkennen. – Den Kindern soll man darum die Sinne schärfen. – (Pamp. 326/27)

Ich will es nochmals anders sagen:
“Alles soll, wo immer möglich , den Sinnen vorgeführt werden, was sichtbar dem Gesicht, was hörbar, dem Gehör, was riechbar, dem Geruch, was schmeckbar, dem Geschmack, was fühlbar, dem Tastsinn. Und wenn etwas durch verschiedene Sinne aufgenommen werden kann, soll es den verschiedenen zugleich vorgesetzt werden.“ (Kap. 20.6) (Gr. Did. p. 135)

Einsicht in die Sachenwelt gewinnen heißt, Wissen und Einsicht in die Sachen zu einem lebensnotwendigen Zwecke verwenden. Wie nach dem Willen des Schöpfers nichts sinnlos sein soll, so soll auch nichts umsonst gewusst und eingesehen werden.

12. FRAGE
Wie sollen wir den vielen Stoff an die Schüler herantragen?

Comenius
Alles, was von den Sachen in der Schule gelehrt wird, bedarf der Anschauung. Hier gehe ich neue Wege und habe mich mit diesem Problem ausführlich beschäftigt.

„Wenn die Dinge selbst nicht zur Hand sind, was immer am besten sein wird, so kann man Stellvertreter verwenden: Modelle oder Bilder, die zu Unterrichtszwecken angefertigt worden sind.

Der menschliche Organismus z. B. würde nach diesem Vorschlag höchst anschaulich gelehrt, wenn man die Knochen des menschlichen Skeletts (wie sie in den Universitäten echt oder aus Holz aufgewahrt werden) umgeben würde mit aus Leder gefertigten, mit Wolle ausgestopften Muskeln, Sehnen, Nerven, Venen und Arterien samt den Eingeweiden, Lunge, Herz, Zwerchfell, Leber, Magen und Gedärm: alles an seinem Ort und in den richtigen Proportionen, jeweils mit Aufschriften von Benennung und Funktion. Führt man im naturwissenschaftlichen Unterricht einen Schüler vor dieses Schaustück und erklärt und zeigt ihm alles einzeln, so wird er alles spielend begreifen und daraus den Bau seines Körpers verstehen. Derartige Anschauungsmittel (d. h. Nachbildungen von Dingen, die man selbst nicht haben kann) müssten für alles Wissenswerte angefertigt werden und in allen Schulen zur Hand sein. Kostet dies auch etwas Geld und Arbeit, so wird sich doch die Mühe reichlich lohnen.“ (Gr. Did. 135-137)

13. FRAGE
Nicht immer wird aber eine Sache zu beschaffen sein, was sollen wir dann tun?

Comenius
Auch ich habe mir dieses überlegt. Deshalb habe ich ein Schulbuch verfasst, das in deutscher und lateinischer Sprache geschrieben ist. Fein säuberlich sind die Bilder aus Holz geschnitten. Das Buch enthält alles, was es auf der Erde gibt und ist vortrefflich geeignet, den Kindern die Welt näher zu bringen.

Sprecher
Nur so nebenbei, Goethe hat als Knabe dieses Buch besessen und später sehr gerühmt, da es ihm anschaulich das Wissen der Welt vermittelt habe.

15. FRAGE
Bruder Amos, nach all dem, was wir nun von Dir gehört haben, wirst Du ein erfolgreicher und hochgeachteter Lehrer gewesen sein. Erfolg und Ruhm wird Dir wohl von allen Seiten zu Teil geworden sen.

Comenius
Lieber Bruder, Du verkennst die Welt und du kennst nicht die Realität in der Schule. Ich meine die Einstellung der Lehrer zu den Kindern und der Pädagogik ist Dir wohl fremd. Zwar fand ich Anerkennung und Ruhm im Ausland und in der Fremde, aber an meiner Schule in Sarospatak bin ich gescheitert.

„Meine Methode zielt insgesamt darauf ab, dass die Tretmühle Schule in Spiel und Vergnügen verwandelt wird. Das will hier niemand in den Kopf. Den freien Geist behandeln sie geradezu wie einen Sklaven, sogar beim Adel. Die Lehrer gründen ihre Autorität auf eine strenge, finstere Miene, auf harte Worte und sogar auf Prügel …“ (Dietrich p. 96)

16. FRAGE
Zum Schluss noch eine Frage, die uns alle sehr interessiert, die wir doch Lehrer werden wollen. Eine Frage von grundsätzlicher Bedeutung: Wie siehst du das Verhältnis von Didaktik und Fachwissenschaft?

Comenius
Das war für mich noch nie eine Frage und dazu habe ich eine ganz eindeutige Meinung:

„Denn wenn man auch jede Art und Weise des Vortrags beherrscht, aber die Dinge, die man untersuchen oder empfehlen will, nicht genau kennt, wird man weder mit der Untersuchung noch mit der Empfehlung etwas erreichen. Wie eine Jungfrau ohne Schwangerschaft nicht gebären kann, so kann auch einer einen Gegenstand nicht vernünftig besprechen, den er nicht zuvor kennen gelernt hat“. (Gr. Did. 201).

1. Sprecher
Lieber Bruder Amos, deine Einstellung verwundert mich, aber vielleicht hast Du Recht. Sicher ist, wenn du dich mit dieser Auffassung an der PH Freiburg bewerben willst, dann rate ich dir, dich nicht bei den Pädagogen im Fachbereich I, sondern bei den Naturwissenschaften im Fachbereich III zu bewerben, da du sonst keine Chance hast.

2. Sprecher

Ich bin ganz sicher, dass wir noch viele Fragen stellen könnten. Doch schon schwirrt uns der Kopf.

Bruder Johann Amos wir danken dir, dass du den weiten Weg nicht gescheut hast und trotz Gefahr für Leib und Leben zu uns gekommen bist. Noch lange werden wir darüber nachzudenken haben, was du uns hier vorgetragen hast. Zum Glück ist alles, was du gesagt hast, veröffentlicht, und wir können Deine Gedanken Wort für Wort nachlesen.

LITERATUR
Comenius: Pampaedia. Heidelberg 1960
Comenius: Große Didaktik. Hrsg.: A. Flitner,. Düsseldorf-München 1970
Comenius: Informatorium der Mutterschul. Reprint. Heidelberg 1962
Comenius: Orbis sensualium pictus. Reprint. Dortmund 1978
Dietrich, V. J.: Johann Amos Comenius. rororo Monographie 1991
Flitner, A.: Leben und Werk des Comenius. In Comenius, Große Didaktik.
Anmerkung:
Textstellen von Dietrich und Flitner, die in die Dialoge eingeflochten sind, sind nicht besonders gekennzeichnet.

 

Der Palme luft’ge Krone – mit Chamisso auf Weltreise


Das Buch war leider einige Zeit vergriffen, es ist aber nun beim Angele Verlag Reinstetten in 2. Auflage erscheinen.

Wilfried Probst (2. A. 2015): Der Palme luft’ge Krone – mit Chamisso auf Weltreise. Ochsenhausen: Angele Verlag. ISBN 978-3-940857-12-5   14,80 €

https://www.buchhandel.de/buch/Der-Palme-luft-ge-Krone-9783940857125

Darum geht’s:

Die Reise

Vor fast 200 Jahren, am 15. Juli 1815, machte sich der deutsch-französische Dichter Adelbert von Chamisso in Berlin mit der Postkutsche auf den Weg nach Hamburg und von dort weiter nach Kiel und mit dem Schiff nach Kopenhagen.

Post kutschen sind langsam. Chamisso läuft – nach Pflanzen Ausschau halten – der Kutsche oft hinterher oder auch vorneweg.

Postkutschen sind langsam. Chamisso läuft – nach Pflanzen Ausschau halten – der Kutsche oft hinterher oder auch vorneweg.

Infos zu Adelbert von Chamisso (1781-1838): http://chamisso-gesellschaft.de/chamisso/

Dort ging er an Bord der russischen Brigg „Rurik“, mit der er unter Führung des Kapitäns Otto von Kotzebue eine Forschungsreise um die Erde unternehmen sollte. „Nun war ich wirklich an der Schwelle der lichtreichsten Träume, die zu träumen ich kaum in meinen Kinderjahren mich erkühnt …, die als Hoffnungen ins Auge zu fassen ich, zum Manne herangereift, mich nicht vermessen,“ beschrieb er später seine Gefühle bei Reiseantritt.
Chamisso war als Naturforcher der Expedition in die Mannschaft aufgenommen worden. Auch wenn er oft mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, so gelang es ihm doch, viele Tiere und etwa 2500 Pflanzenarten zu sammeln, von denen ca. 800 Neuentdeckungen waren. Viele hat er später selbst beschrieben. Er hat eine Theorie zur Entstehung der Korallenatolle aufgestellt und den Generationswechsel bei Salpen – mit Wirbeltieren verwandten, quallenähnlichen Meerestieren – entdeckt. Seine ethnologischen und sprachkundlichen Studien in Polynesien und Mikronesien gelten bis heute als Pionierarbeiten.

Die Reiseroute

Die Reise führte von Kopenhagen nach Plymouth und weiter über Teneriffa und die der brasilianischen Küste vorgelagerten Insel Santa Catarina um Kaphorn bis zum chilenischen Concepión Von dort überquerte die Expedition den Pazifik mit kurzen Landgängen auf der Osterinsel und den Marshallinseln, und erreichte schließlich die Halbinsel Kamtschatka, die damals schon zum Russischen Reich gehörte. Die weitere Reiseroute führte in die Beringstraße bis zu einer seither als Kotzebuesund bekannten Meeresbucht, in der auch eine kleine Insel liegt, die nach Adelbert von Chamisso benannt wurde und heute Teil eines Nationalparks ist. Das erklärte Hauptziel der Expedition, die Erforschung einer Schiffspassage nördlich des amerikanischen Kontinents nach Europa, sollte nach diesen Vorerkundungen in nächstem Jahr, im Sommer 1817, in Angriff genommen werden. Nun ging es zunächst zurück über die Aleuten, San Francisco und Hawaii bis zu den Marshallinseln. Nach zweieinhalbmonatigen Aufenthalt bei den Südseeinsulaner der Ratak-Kette sollte im zweiten Sommer die Reise über die Beringstraße hinaus nach Norden aufgenommen werden. Allerdings kam es wegen des schlechten Gesundheitszustandes des Kapitäns und ungünstiger Klimabedingungen – so die offizielle Begründung – nicht dazu. Die Expedition wurde an der St. Lorenz-Insel abgebrochen und eine lange Rückreise über Pazifik und indischen Ozean mit mehreren Aufenthalten auf Hawaii, den Mashallinseln, Guam, den Philippinen, in Kapstadt und schließlich in Portsmouth und Kopenhagen führten zurück nach St. Petersburg, das nach gut drei Jahren, am 3. August 1818, erreicht wurde.

Die Zweimasterbrigg Rurik, im Vordergrund Cyclosalpa pinnata, Einzeltier und Kolonie

Die Zweimasterbrigg Rurik, im Vordergrund Cyclosalpa pinnata, Einzeltier und Kolonie

Ein nicht erreichtes Ziel

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war es ein Traum der europäischen Kolonialmächte, den Shortcut zwischen Europa und Ostasien nördlich des amerikanischen Kontinents zu finden. In beiden Richtungen wurden auch nach der russischen Expedition noch mehrere vergebliche Versuche unternommen, die zum Teil tragisch scheiterten, wie zum Beispiel die Expedition von Sir John Franklin, die 1845 begann und im Juni 1847 mit dem Tod Franklins vor der King-William-Insel in der kanadischen Arktis endete. Durch die jüngsten Klimaveränderungen und technische Verbesserungen beginnt sich der Seeweg – nun 200 Jahre nach Chamissos Reise – auch wirtschaftlich zu lohnen. Im Sommer 2007 war er zum ersten Mal eisfrei. Aber waren dies die einzigen oder wirklich auch die wichtigsten Ziele der Expedition? Angesichts des etwas eigenartigen Reiseverlaufes im pazifischen Raum und der vergleichsweise geringen Anstrengungen, bei der Erkundung der Ost-West-Passage wirkliche Fortschritte zu machen, kann dies aus heutiger Sicht bezweifelt werden. Möglicherweise ging es den Russen vor allem darum, ihre Position im Pazifik und ihre dortigen Handelsaktivitäten angesichts der Spannungen zwischen spanischer Kolonialmacht, England und dem neuen Nordamerika zu sichern. Chamisso und seinen Mitreisenden waren solche politischen Reiseziele sicherlich nicht bekannt, der einzige, der genau Bescheid wusste, war vermutlich der Kapitän.

Entdeckungsreisen im 18. und 19. Jahrhundert

In der zweiten Hälfte des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, vermehrten sich Entdeckungsreisen und Weltumsegelungen in geradezu inflationärer Weise. Typisch für alle diese Expeditionen war, dass, gewissermaßen als Beweis für die wissenschaftlichen Ziele, auch Naturforscher mit an Bord genommen wurden. Dabei handelt es sich oft um junge Gelehrte, die noch keine große Reputation hatten und von denen man wenig Ärger zu erwarten hatte. Ein gutes Beispiel dafür liefert die viel beschriebene problematische Situation des jungen Charles Darwin auf seiner fünfjährigen Forschungsreise, die ebenfalls von ständigen Spannungen zwischen Darwin und dem Kapitän Fitzroy geprägt war. Chamisso war für damalige Begriffe zwar schon eher mittleren Alters, aber was seine naturwissenschaftliche Reputation anbelangte, hatte er das Stadium des Studierenden eigentlich noch nicht überschritten. Durchaus vergleichbar mit dem jungen Darwin war die Weltreise für den weiteren Lebensweg Chamissos ein prägendes Ereignis.

Verständnis und Mitgefühl

Nicht zuletzt wurde Chamisso dadurch zum friedfertigen Weltbürger, dass er so viel von der Welt gesehen hat, zuerst in Europa und dann rund um den Globus. In den kurz nach der Reise verfassten „Ansichten und Bemerkungen“ und in seiner Reisebeschreibung lässt Chamisso keinen Zweifel daran, dass ihm die Geringschätzung der indigenen Bevölkerungen durch die Europäer nicht gerechtfertigt erscheint. Er lobt Sitten und Gebräuche, tadelt die Bezeichnung „Wilde“, nimmt entschieden Stellung gegen die Sklaverei, brandmarkt grausame Praktiken der Missionen und das geringe Einfühlungsvermögen der Missionare und schildert verabscheuungswürdige Ausbeutungsversuche durch europäische und nordamerikanische Geschäftemacher.

Ein Blick in die Zukunft

Seit Chamissos Reise sind 200 Jahre vergangen. Die Welt hat sich seither in einer Weise verändert, die man sich vor 200 Jahren nicht träumen lassen konnte.Trotzdem gibt es Entwicklungslinien und Kausalketten, die sich vom beginnenden 19. Jahrhundert bis heute verfolgen lassen. Deshalb macht es schon Sinn, zu fragen, wie es weiter gehen könnte. Wie werden Chamissos Reiseziele in 20, 100 oder gar 200 Jahren aussehen? In einem abschließenden Kapitel werden dazu einige Überlegungen angestellt.

Kolonie auf dem Mars -eine reale Zukunftsoption

Kolonie auf dem Mars -eine reale Zukunftsoption

Nachreisen mit dem Internet

Die Einladung, 200 Jahre nach Chamisso seine Weltreise nachzureisen, soll die Leserinnen und Leser ein bisschen mit dem Geist und Gemüt des Weltbürgers Adelbert von Chamisso infizieren. Wir werden ihn begleiten, auf der Rurik, auf der er zusammen mit etwa 30 anderen Männern drei Jahre lang die meiste Zeit eingeschlossen war und auf vielen Exkursionen, die er oft zusammen mit dem Schiffsarzt und Kollegen Eschscholtz unternommen hat. Er selbst hat über seine Reise berichtet, zuerst kurz danach, im dritten Band des Expeditionsberichtes („Bemerkungen und Ansichten“), dann 20 Jahre nach Reiseantritt, 1835 (publiziert 1836). Außerdem sind Briefe erhalten, die er auf seiner Reise und später über die Reiseerlebnisse geschrieben hat, es gibt eine Reisebeschreibung des Kapitäns Otto von Kotzebue und ein Tagebuch sowie viele sehr aufschlussreiche Zeichnungen und Gemälde des Schiffsmalers Ludwig Choris.

Gerne würde ich diese Reise nachreisen. Das wäre heute – angesichts der modernen Verkehrsmittel – nicht so schwierig und statt drei Jahren würden vermutlich schon drei Monate ausreichen. Für einen ziemlich hoch querschnittsgelähmten Rollstuhlfahrer wäre es allerdings trotzdem nicht so einfach. Und auch für viele andere Menschen wäre eine solche Reise wohl zu aufwendig. Einfach ist es aber, mithilfe von Google Earth Chamissos Reise nachzuvollziehen und einen aktuellen Blick auf die Orte und Landschaften zu werfen, die er vor 200 Jahren besucht hat.

 

Reiseroute Kopie 2 Kopenhagen-Plymouth

Von Kopenhagen nach Plymouth (17.8.-7.9.1815)
Chamisso hat sehr mit der Seekrankheit zu kämpfen. Der strengen Schiffsdisziplin ungewohnt zieht er sich die Missbilligung des Kapitäns zu.

 

Von Plymouth nach Teneriffa Plymouth-Tenerifa(4.10.-28.10.1815)
Immer wieder verzögert sich die Ausfahrt aus dem Sund von Plymouth wegen ungünstiger Winde. Endlich bessert sich das Wetter. Am 13. Oktober gerät die Rurik in die Rossbreiten. Die Flaute nutzen Chamisso und Eschscholtz zu meereskundlichen Untersuchungen. An massenhaft vorkommenden, quallenähnlichen Meerestieren, den Salpen, entdecken Sie den Generationswechsel.

Von Teneriffa zur Ilha dTeneriffa-Sta.Catarinae Santa Catarina, Florianopolis, früher „Nossa Senhora do Desterro“ (1.11. – 12.12.1815)
Auf Santa Catarina erlebt Chamisso zum ersten Mal die Vegetationsfülle eines Tropischen Regenwaldes.

SantaCatarina_bearbeitet-1

Von Santa Catarina nach Concepción (28.12.1815 – 13.2.1816)
Die weite Reise führt um den Südteil des südamerikanischen Kontinents. Um Kap Hoorn ist es sehr stürmisch und ein Käfig mit 40 lebenden Hühnern geht über Bord. Dann geht Fahrt entlang Chiles Küste bis Concepción rasch voran.

Sta.Catarina-Concepcion2Von Concepción zur Osterinsel (8.3. – 28.3.1816)
Die eigentliche Entdeckungsreise beginnt. Es geht vorbei an der „Robinson-Insel“
(Juan Fernandez-Inseln) und an Salas y Gomez. Der Empfang auf den Osterinseln ist verhalten.Concepcion-Osterinsel

Von der Osterinsel zumOsterinsel Penrhyn-Atoll (29.3. – 30.4.1816)
Einige vermeintliche neu entdeckte Inseln erweisen sich später als schon bekannt.

Osterinsel-Penrhyn-Atoll

 

Vom Penrhyn-Atoll zum Mili-Atoll (1.5 – 21.5.1816)
Auf dem Mili-Atoll kommen die Reisenden zum ersten Mal in Kontakt mit Bewohnern der Ratak-Inseln (östliche Marshallinseln). „Das waren die Radacker. Sie beschenkten uns zuerst und schieden bei dieser ersten Begegnung unbeschenkt von uns.“ (Chamisso, Reise um die Welt)Penrhyn-Atoll-Mili-Atoll

Vom Mili-Atoll zur Awatscha-Bucht der Kamtschatka-Halbinsel (21.5.- 19.6.1816)
Nun geht die Fahrt nach Norden und schnell nimmt die Kälte zu. Als sie am 19. Juni in die Awatscha-Bucht einlaufen sind sie erstaunt, dass um diese Jahreszeit in den Bergen noch so viel Schnee liegt.Mili-KamtschatkaAwatscha-Bucht_bearbeitet-1

 

 

 

 

 

 

 

 

Von der Awatscha-Bucht auf Kamtschatka in die Beringstraße und den Kotzebue-Sund (14. 7. – 1. 8. 1816)
Zunächst geht die Fahrt vorbei an der Beringinsel, dann weiter bis zur Westspitze der St. Lorenz-Insel. Eingeborene kommen dem Schiff mit einer Baidare entgegen und freuen sich sehr, als sie von der Schiffsbesatzung mit Tabak versorgt werden.Awatscha-Beringstr

Kotzebuesund_bearbeitet-1Im Kotzebue-Sund (1.8. – 13.8.1816)
„Endlich verherrlicht sieht nach den übrigen allen auch sich selbst,
Der schon lange der Schar sich anzureihen gestrebt.“
Adalbert von Chamisso zur Benennung der Chamisso-Insel.
Die erhoffte Durchfahrt zur Nordküste Alaskas wird nicht gefunden.

Vom Kotzebue-Sund zur Stkotzebuesund-st.lorenzbucht. Lorenz-Bucht (13.8. – 29.8.1816)
Der Empfang durch die Tschuktschen, die sich bei Ankunft des Schiffes am Ufer versammeln, gleicht fast einem Staatsempfang. Sie breiten Felle aus, laden die russischen Besucher in ihre Wohnungen ein, nehmen Geschenke entgegen und einige der Vornehmeren kommen mit auf das Schiff, nachdem jeder zuvor dem Kapitän einen Fuchspelz gst.lorenz-unalaskaeschenkt hat.

 

Von der St. Lorenzbucht nach Unalaska (29.8. – 7.9.1816)
Auf dieser Fahrt begegnen ihnen zahlreiche Wale, deren Beobachtung für Chamisso immer wieder ein Erlebnis ist. Er meint, man müsse sie zähmen und zu leistungsfähigen Zugtieren der Hochseeschiffe machen.

 

Von Unalaska nach San Francisco (14.9. – 1.11.1816)
Drei kleine Einrichtungen befinden sich in der Bucht von San Francisco in einem besonderen Spannungsverhältnis: das von Mexiko abhängige, aber ziemlich isolierte Fort, das dem spanischen Gouverneur von Neucalifornien in Monterey untersteht, die Mission San Francisco, deren Mönche sich möglichst aus politischen Streitigkeiten heraushalten wollen, und eine befestigte russische Station der Russisch-Amerikanischen Handelskompanie 30 km nördlich von San Francisco in Porto Bodega, auf spanischem bzw. mexikanischen Boden.unalaska-s.francisco

Von San Francisco nach Hawai (1.11. – 14.12.1816)
Der Pazifik macht seinem Namen keine Ehre. Er ist weder still noch friedlich Das Wetter ist sehr stürmisch, die Wellen sind hoch und fast alle auf der Rurik werden seekrank.s.francisco-hawai-2

Von Hawaii zu den Marshallinseln (14.12. – 1.1.1817)
Dank des Nordostpassat geht die Reise flott voran, so dass am Neujahrstag die erste Insel, Mejit, gesichtet wird, 475 km nördlich des Mili-Atolls gelegen.hawaii-mejit

Auf der Ratak-Kette der Marshallinseln (1.1. – 19.3.2017)
Die erste Insel, die der Rurik am 1. Januar 1817 sichtete, war Mejit (Chamisso: Mesid). Auf Google Earth erscheint sie als Mejit Airport. Quer durch die Insel liegt eine Landebahn. Auf Fotos sieht man Strände mit weißen Korallen Sand und Baumwuchs, an der Ostküste eventuell auch Mangrovenbestände. Von Mejit geht die Reise weiter zum Wotje- Atoll (Chamisso:Otdia). Hier werden verschiedene Inseln besucht. Auf der Hauptinsel mit demselben Namen kann man heute ebenfalls eine Landebahn erkennen. Von dort aus wurden mit Booten Exkursionen zu anderen Inseln des Atolls, zum Beispiel nach Egmedio, unternommen. Am 7. Februar ging die Fahrt weiter zum benachbarten Atoll Erikup (Chamisso: Erigup) und dann weiter zum südlicher gelegenen Maleolap-Atoll wo der Rurik zunächst ins Innere des Atolls hineinfuhr und dann vor der Insel Tjan vor Anker ging. Ein weiterer Halt wurde bei der an der Südspitze gelegenen Insel Airik gemacht. Von dort konnte man schon das kleine Atoll von Aur sehen, das als nächstes angesteuert wurde. Vorher wurde noch der Insel Wolot (Chamisso: Olot) ein Besuch abgestattet. Ratak_bearbeitet-1Auf Aur machen sie die Bekanntschaft mit Kadu, der von den Marianen hierher verschlagen worden war und der sich gleich entschloss, als Gast auf dem Rurik mitzufahren. Zunächst ankerten sie vor Aur später vor Tabal (Chamisso: Tabual). Am 27. Februar verließ der Rurik das Auratoll und nahm Kurs nach Norden. Schon am nächsten Morgen kamen sie in die Nähe Ailuk-Atolls (Chamisso: Eilu). Znächst hielten sie sich einige Tage auf der im Süden des Atolls gelegenen Insel Ailuk auf, dann bis 12. März auf der ganz im Norden gelegenen Insel Kapen (Chamisso: Kapeniur). An diesem Tag fuhren sie weiter nach Norden bis zu den benachbarten Atollen Utirik und Taka (Chamisso: Udirik und Tegi) . Allerdings gelang es dem Rurik nicht, eine Einfahrt in das Utirik- Atoll zu finden. Dann ging es weiter Richtung Nordwesten.

Von den Marshallinseln zu den Aleuten (12.3. – 25.4.1817)
Auf der Fahrt nach Norden wird es schnell kälter. Am 12. April gerät die Rurik in einen gewaltigen Sturm, der sich in der Nacht auf den 13. zum Orkan steigert. Dabei wird das Schiff stark beschädigt, auch Matrosen werden verletzt und der Kapitän wird nach seinem eigenen Bericht „mit der Brust gegen eine Ecke geschleudert, leidet sehr heftige Schmerzen und muss einige Tage das Bett hüten“.marshall-unalaska-2

Von Unalaska zur St.Lorenz-Insel, Abbruch der Expedition und Rückkehr nach Unalaska (29.5. – 22.7.1817)
Die Fahrt führt bis zur St. Lorenz-Insel. Am 11. Juli stellt der Kapitän fest, dass sich von der Nordspitze der Insel nach Nordosten stehendes Eis erstreckt. Deshalb hält er es für unmöglich, die Expedition wie geplant fortzusetzen, zumal er sich auch in einem sehr schlechten Gesundheitszustand befindet und der Arzt ihm bescheinigt, dass die eisige Luft schlecht für sein Brustleiden sei. So gibt Kotzebue seiner Mannschaft an 12. Juli bekannt, dass die Expedition abgebrochen wird und man den Rückzug antritt. Chamisso ist sehr enttäuscht.unalska-st.lorenz

Auf Unalaska (22.UNALASKA-2_bearbeitet-17. – 18.8.1817)
Begleitet von zwei Alëuten und einem „Russenknaben“ bricht Adelbert am 1. August zu einer Exkursion auf, die ihn über einen Pass von Illiuliuk nach Makushin führt. .“Ich habe in meinem Leben keinen ermüdenderen Tagesmarsch gemacht …“(Chamisso, Reise um die Welt)

Von Unalaska nach Hawaii und Aufenthalt dort (18.8. – 14.10.1817)
Vom 7. bis zum 10. Oktober 1817 unternimmt Adelbert einen Ausflug zum westlichen Hang des großen Gebirgskamms, der die Insel Oahu von Südosten nach Nordwesten durchzieht.unalaska-hawaii2

Noch einmal von Hawaii zu den Marshallinsel (14.10 – 4.11.1817)
Der kurze Aufenthalt auf dem Wotje-Atoll wird zur Anlage von Gemüsegärten genutzt, den von den Bemühungen des letzten Jahres ist nicht viel übrig geblieben.hawaii-wotje

Von den Marshallinseln nach Guam (4.11. – 29.11.1817)
„Ein leichter Windzug … wehte uns vom schön bewaldeten Ufer Wohlgerüche zu, wie ich sie in der Nähe keines anderen Landes empfunden habe. Ein Garten der Wollust schien diese grüne, duftende Insel zu sein, aber sie war eine Wüste. Kein freudiges Volk belebte den Strand, kein Fahrzeug kam von der Islas de las velas latinas uns entgegen. Die römischen Missionare haben hier ihr Kreuz aufgeplanzt; dem sind 44.000 Menschen geopfert worden.“(Chamisso, Reise um die Welt)wotje-guam

Von Guam zu den Philippinen (29.11. – 18.12.1817)
Die Fahrt geht dann zunächst nach Norden und in das chinesische Meer. Am 10. Dezember umsegeln sie die Nordspitze von Luzon, der größten im Norden gelegenen Insel der Philippinen. Wegen ständigen Ostwindes haben sie Mühe, in die Bucht von Manila hinein zu gelangen.Chamisso unternimmt eine Reise zum Vulkan Taal.guam-philippinen_bearbeitet-1

Von Manila zur Sundastraße (29.1. – 14.2.1818)
Am 29. Januar 1818 läuft die Rurik aus der Bucht von Manila aus. In Begleitung des französischen Seglers Eglantine durchfahren sie bei günstigem Ostnordost-Wind das südchinesische Meer und queren am 8. Februar den Äquator Richtung Süden.Der Kapitän befürchtet einen Piratenangriff.philippinen-sundastr

Von der Sundastraße nach Kapstadt (14.2. – 8.4.1818)
Eine lange Reise durch den Indischen Ozean. Zunächst verfehlen sie bei Kapstadt den richtigen Ankerplatz, aber am 31. März finden sie ihn mithilfe eines Lotsen. Während des Aufenthaltes in Kapstadt besteigt Chamisso den Tafelberg.sundastr.kapstadt

Von Kapstadt nach Portsmouth (8.4. – 16.6.1818)
Ein beabsichtigter Besuch von St. Helena wird verweigert. Durch die Sargassosee vorbei an den Azoren geht es Richtung Europa.kapstadt-Portsmouth

Von Portsmouth nach St. Petersburg (30.6. – 3.8.1818)
Wegen ungünstigem Wind müssen sie in Kopenhagen eine Pause einlegen und darüber ist Adelbert nicht unglücklich, denn es gibt ihm Gelegenheit, alte Freunde wiederzusehen. Aber schon am 13. Juli geht die Reise weiter, am 23. erreichen Sie den Hafen von Reval (heuten Tallinn) und warten dort drei Tage auf den Grafen Krusenstern. Am 3. August 1818, gut drei Jahre nach dem Aufbruch, legt die Rurik in St. Petersburg an der Newa, direkt vor dem Hause des Grafen Romanzoff, an.portsmouth-petersburg

 Rezensionen

Gerhard Trommer, Natur und Landeskunde

Auf dem Einbanddeckel des Buches sind je zur Hälfte, links ein Aquarellausschnitt und rechts ein Fotoausschnitt zu sehen. Das Aquarell zeigt den Dichter Adalbert von
Chamisso stehend, mit Pfeife in der linken Hand seines angewinkelten Arms. Hinter
Chamisso ist das Meer mit fernem Horizont zu erkennen und, nur angedeutet, die Wedel einer Palme. Auf dem Gesicht des Dichters liegt ein freundlich staunender Blick. Die Designer des Einbanddeckels haben das Aquarell mit dem Blick Chamissos auf das Foto daneben so ausgerichtet, dass es schein, als blicke Chamisso auf Wilfried Probst, den Autor des Buches. Der sitzt am Strand mit dem Rücken zum Betrachter. Er hat vermutlich einen Skizzenblock auf den Knien und bearbeitet, wie es aussieht, ein Aquarell, auf dem eine Palme am Meerestrand zu erkennen ist. Vor dem Autor, im Mittelgrund des Fotos steht ein Rollstuhl am Strand im Schatten einer Palme. Dahinter erstreckt sich das Meer bis zum Horizont.
Der im Foto abgebildete Rollstuhl am Strand deutet die schwere Behinderung des
Autors an. Nicht nur dessen botanische und biologiedidaktische Exkursionsbücher
geben einen Hinweis darauf, dass der Autor gern draußen in der Natur unterwegs war und ist. Der Rezensent weiß es aus eigener Erfahrung. Die durch einen tragischen Autounfall verursachte Behinderung hat expedierendes Reisen in die ferne Welt nahezu unmöglich gemacht. Das hinderte aber den renommierten Botaniker, Biologen und reformfreudigen Professor für Biologie und deren Didaktik (Universität Flensburg) nicht daran, die 1815 begonnene Weltreise des Naturforschers und Dichters Adelbert von Chamisso in unnachahmlicher Akzentuiertheit und Vielfalt zu rekonstruieren. Dabei kommen nicht nur der tote Dichter und Naturforscher sowie Zeitzeugen zu Wort, sondern auch der Autor. Der sorgt mit sorgfältigen Recherchen und faszinierend interpretierten Einsichten dafür, dass der Leser die zweihundert Jahre, die zwischen der Weltreise Chamissos und unserer Zeit liegen, für sich ermessen kann. Die romantische Naturforschung Adelbert von Chamissos wurde in der viel beachteten Darstellung der Romantik durch Rüdiger Safranski (2007) nicht zur Kenntnis genommen. Vielleicht ist das sogar verständlich. Denn Safranski behandelt die Romantik als „deutsche Affäre“. Chamisso sagte aber von sich, dass er sich mal deutsch, dann aber auch mal französisch und zuweilen sogar einmal russisch fühlte. Seine Natur und Menschen verbindende Romantik ist von weltweiter Erfahrung und weltoffener Haltung geprägt. Chamisso kommentierte die Weltbetrachtung der Europäer und das darin ausgedrückte Überlegenheitsgefühl kritisch. Er argumentierte dagegen zugunsten der nicht europäisch geprägten Kulturen und den sie lebenden Menschen feinfühlig. Es ist ein großes Verdienst dieses Buches, darauf anhand von Zitaten und Gedichten des Naturforschers und Dichters zurückzukommen.
Willfried Probst hat sich seit Jahrzehnten mit dem Naturforscher, Botaniker und Dichter Chamisso beschäftigt. Er fühlt sich mit dessen Geschichte sowohl menschlich als auch botanisch eng verbunden. Chamisso sind nicht nur Beiträge zu großen Sammlungen, umfangreiche Herbarien und Erstbeschreibungen gelungen, sondern auch, zusammen mit Eschscholtz, die Entdeckung des Generationswechsels. Selbstironisch vermerkte der Poet Chamisso zum Herbarisieren in einem Gedicht „Ich pflückte Blumen und sammelte
nur Heu“ (S.13).

Das Buch ist eine Reisebegleitung der Forschungsreise Chamissos rund um die Welt. Die Kapitelfolge ist chronologisch angelegt. Der Leser reist auf den Spuren Chamissos von Berlin nach Kopenhagen. Dort geht Chamisso an Bord der russischen Brigg Rurik. Er ist wissenschaftlicher Begleiter der russischen Expedition, die ihn zusammen mit dem Arzt Dr. Eschscholtz unter dem Kapitän Otto von Kotzebue über den Atlantik und das Kap Hoorn in den Pazifik führte und von dort über pazifische Inselarchipele bis zur Beringstraße. Der Expedition sollte die Nordwestpassage erkunden. Aber ihr werden vom arktischen Eis und der Erkrankung des Kapitäns Kotzebue Grenzen gesetzt. Der Kapitän kehrte um, führte das Schiff nach Hawaii und danach zu den Marshallinseln und von dort über Südostasien. den Indischen Ozean und das Kap der guten Hoffnung zurück
nach Europa.
Aber der Leser reist nicht nur mit Chamisso, sondern auch mit dem Autor. Denn es sind nicht nur die schwierigen, sehr beengten Bedingungen der Reise an Bord des kleinen russischen Zweimasters und die mangelnde Anerkennung des Kapitäns und seiner Besatzung gegenüber Chamissos Forschungsaktivität. Es sind auch nicht nur die Abenteuer, Entdeckungen und Gefühle Chamissos auf dieser Reise, die exemplarisch mitgeteilt und einfühlsam interpretiert werden, immer von Quellentexten unterlegt. Sondern es sind immer auch die bis zur Gegenwart zu dieser Reise mit ins Spiel gebrachten, sorgfältig recherchierten politisch-historischen und ökologischen Tatsachen, die diese Weltreise im Zeitraum von 200 Jahren bespiegeln und damit für unser globales Bewusstsein informativ und aktuell gestalten. Wenn vom verschwundenen Wald der Osterinseln die Rede ist oder von der Eroberungsgeschichte Hawais, dann führt der Autor daran dem Leser Entwicklungen vor Augen, die bis in unsere Zeit reichen. Bei den Atollen der Marshallinseln etwa machen die von den USA unternommenen Atom und Wasserstoffbombentests betroffen und auf Guam die Inselverwüstungen. der Völkermord und die Ausrottung der einheimischen Vogelwelt durch die Braune Nachtbaumnatter (Boiga irregularis). Zur berüchtigten Nervenkrankheit auf Guam erhält der Leser Erklärungen durch molekularbiologische Forschungsergebnisse.
Der Leser kann sich zu jeder Zeit über eine vom Verfasser gezeichnete Skizze im Anhang einen Überblick über Chamissos Weltreise verschaffen. Aber damit ist es nicht genug. Der Leser wird immer auch vom Autor animiert über Google Earth an die Orte der Weltreise Chamissos zu fliegen, um sich dort ein eigenes Bild vom gegenwartsnahen Zustand zu machen. Das Buch ist dadurch auch ein Weltreiseführer, neben dem ein Computer liegen sollte.
Die Rekonstruktion der Weltreise Chamissos beschließt der Autor mit einem
nachdenklichen Blick in die Zukunft. Der Klimachemiker und Nobelpreisträger Paul
Crutzen hat uns ein neues Zeitalter vorgeschlagen. Es wird durch den Klimawandel
geprägt, der durch das Verbrennen fossiler Energieträger zu Beginn der Industriellen Revolution eingeleitet wurde. Das neue geoepochale Zeitalter bezeichnet Crutzen als .Anthropozän“ (Menschenzeit). Der Autor schildert wie Chamisso den Beginn der Industriellen Revolution erlebte und damit voller Zuversicht in die Zukunft schaut. Chamisso ist daher, obgleich Romantiker, kein Fortschrittsfeind. Chamisso steht am Anfang des sog. Anthropozäns, von dem wir heute nicht mehr wissen, ob wir Menschen es überleben werden oder ob es sich vielleicht sogar auf Nachbarplaneten ausdehnen lässt.

Konrad Stolz (bei Amazon):

Chamissos Weltreise liegt zwar 200 Jahre zurück, sie erscheint jedoch mit vielen interessanten historischen, kulurellen und naturwissenschaftlichen Aspekten und überraschenden Bezügen zur Gegenwart in völlig neuem Licht. Trotz der vielen sorgfältig recherchierten Details ist das Buch leicht zu lesen und macht Lust, die eine oder andere Station von Chamissos Weltreise selbst zu bereisen.

Jobst Thürauf:

Chamisso auf Weltreise – digitalisiert in Print-Version
Mit dem unterhaltsam geschriebenen Taschenbuch (242 Seiten, 1 Landkarte, 5 farbige Aquarelle, 45 Literaturangaben, zahlreiche Links) kann man (Dank der präzisen Angaben) „Chamissos Reise mit der >RURIK< zu Hause am PC in wenigen Stunden nachvollziehen, ich kann mir die Reiseziele aus der Luft und vom Boden aus anschauen und mich über die Länder und selbst über entlegenste Inseln relativ umfassend informieren.“ (Zitat Seite 209).
Die vom Rezensenten geprüften Links waren allesamt zielführend.

Gesamturteil für dieses Qualitätsprodukt aus Baden-Württemberg:
Rechteckig (20*13 cm, 300 g) – Praktisch (kostengünstige, kulturträchtige Weltreise) – Gut (etwaige Bildungslücken füllt der Autor/Professor charmant auf). Ein ideales Weihnachtsgeschenk für 14,80 €.

Anmerkung: „Chamisso war ein sehr fleißiger Briefeschreiber, die Kommunikation mit seinen Bekannten und Freunden war ihm äußerst wichtig.“ (Zitat Seite 210). Hier erscheint der Hinweis auf das Chamisso-Nachlass-Digitalisat angebracht ( http://digital.staatsbibliothek-berlin.de/werkansicht/?PPN=PPN769830056 ) – eine Anregung für (nicht nur) den akademischen Nachwuchs.

Barbara Dulitz, Unterricht Biologie:

Der Palme luft’ge Krone. Mit Chamisso auf Weltreise.
Adelbert von Chamisso war nicht nur ein deutsch-französischer Dichter, sondern auch ein Naturforscher – und ein großer Palmenfreund. Vor rund 200 Jahren segelte er auf der russischen Brigg Rurik um die Welt. In dieser Zeit sammelte Chamisso viele Tier- und Pflanzenarten. entdeckte den Generationenwechsel der Salpen (s. UD 381, S. 10ff) und führte ethnologische und sprachkundliche Studien durch. Der Autor dieses Buches zeichnet ein anschauliches, lebendiges Bild von Chamissos
Reise und folgt ihm mit Hilfe von Google Earth zu den einzelnen Stationen rund um die Welt. Dabei wirft er einen Blick auf das, was an diesen Orten vor Chamissos Ankunft und was in den Jahren nach ihm bis heute geschehen ist. Das Buch verknüpft Informationen zur Geschichte und naturkundlichen Forschung zu einer unterhaltsamen Lektüre – Infotainment im besten Sinne!

 Norbert Grotjohann, Praxisder Naturwissenschaften,Biologie:

Bereits 20 Jahre vor Darwins Weltreisen nahm der französische Dichter und Naturforscher Chamisso an einer russischen Forschungsexpedition an Bord einer Zweimastbrigg teil. Ziel war es, geografische und naturkundliche Erkenntnisse aus dem pazifischen Raum zu gewinnen und nicht zuletzt, neben politischen Motiven seiner Zeit, eine shortcut-Passage von Europa nach Ostasien zu finden. Chamisso hat auf seinen Reisen mehrere Tausend Pflanzen- und Tierarten gesammelt und in seinen Werken beschrieben, zugleich konnte er aber auch aufgrund seiner außergewöhnlichen literarischen Fähigkeiten sprachkundliche und ethnologische Untersuchungen durchführen.
Der Autor Wilfried Probst, selbst an den Rollstuhl gefesselt, beschreibt spannend und mit faszinierender Präzision alle Facetten der von 1815 – 1818 durchgeführte Expedition, die er selbst über Google Earth nachvollzieht. Die historischen Veränderungen der einzelnen Stationen der Reise über die letzten 200 Jahre werden herausgearbeitet, wobei Chamissos Sicht der gegenwärtigen Situation gegenübergestellt wird. Das Buch ist daher weit mehr als nur ein Reisebericht, sondern auch eine aktuelle Informationsquelle zur Geschichte und Entwicklung der bereisten Regionen. Durch Einbindung von Versen des beliebtesten deutschen Dichters des 19. bis 20. Jahrhunderts und durch originale Textpassagen des Expeditionsberichtes gelingt es dem Autor, den Leser an der spannenden Reise des Chamisso aktiv teilhaben zu lassen. In den Ausführungen wird die gemeinsame Begeisterung von Autor und Dichter für die Natur, für die bereisten Landschaften und für die dort angetroffenen Menschen, wie bereits im Titel erkennbar, deutlich.
Ohne Zweifel ist dieses Buch eine spannende Lektüre nicht nur für Biologen und Naturinteressiert.

Handicapped-Kurier:

„Der Palme luft’ge Krone“ ist ein ganz besonderer Reisebericht. Der querschnittsgelähmte Autor Wilfried Probst erzählt die Weltreise des Naturforschers und Dichters Adelbert von Chamisso Anfang des 19. Jahrhunderts nach. So kommt der Autor gedanklich und auch mithilfe moderner Digitaltechnik wie Google Earth selbst an all die exotischen Orte im Polynesien, Südamerika oder der Awatschabucht im ostasiatischen Russland, die er als Rollstuhlfahrer nur mit erheblichem Aufwand bereisen könnte. Bei diesem Abenteuer nimmt er seine Leser mit auf die literarische Reise. Ergänzt werden die plastischen und detailreichen Erzählungen der einzelnen Etappen mit zahlreichen geschichtlichen und aktuellen Informationen. So ergibt sich ein rundum gelungenes Lesevergnügen, das die kühne Forschungsexpedition von vor 200 Jahren lebendig werden lässt. Am Ende bleibt der Leser mit ein wenig Fernweh, aber wunderbar zu dem auf beste Weise lehrreich unterhalten zurück.

Reinhardt Rüdel, Reha-Treff:

aus Reha-Treff, 1/2015

aus Reha-Treff, 1/2015

Der symbiotische Planet – Lynn Margulis (5.3.1938 – 22.11.2011) eröffnete eine neue Sicht auf das Leben und die Erde

Im Botanischen Großpraktikum an der Universität Tübingen hörte ich 1965 zum ersten Mal von einer alten aber recht abstrusen Theorie, die 1883 von A. F. W. Schimper in die Welt gesetzt worden war. Danach sollten Chloroplasten und andere Plastiden aus endosymbiotischen Blaualgen hervorgegangen sein. Es wurde uns damals von unserem Dozenten gesagt, dass diese Hypothese sehr weit hergeholt wäre und wenig Widerhall gefunden hätte. Nach modernen Erkenntnissen müsste man sie als sehr unwahrscheinlich ansehen. Fasziniert hat mich der Gedanke damals trotzdem.

1967 erschien der Aufsatz von Lynn Sagan (so hieß Margulis damals noch nach ihrem ersten Ehemann, dem Astrophysiker Carl Sagan) „On the origin of mitosing cells“. Die Arbeit war von zahlreichen Publikationsorganen zurückgewiesen worden, ehe sie schließlich vom Journal of Theoretical Biology angenommen wurde. Ihm folgte dann 1970 die Buchpublikation „Origin of Eukaryotic Cells„, die den Durchbruch brachte. Von beiden Publikationen erfuhr ich erst deutlich später. Und dann habe ich allmählich auch viele andere Werke von Lynn Margulis gelesen. Ich war immer wieder fasziniert von ihrem unkonventionellen Stil und ihren überraschenden Gedankengängen und Schlussfolgerungen. So hat mich die Lektüre ihres gemeinsam mit Karlene V. Schwartz herausgegebenen Buches „Five Kingdoms: An Illustrated Guide to the Phyla of Life on Earth“ (1987) dazu veranlasst, meine Lehrveranstaltung „Die Abteilungen des Pflanzenreiches“ in „4 aus 5“ umzubenennen.

Heute hat die Endosymbiontentheorie Eingang in alle Lehrbücher und viele Schulbücher gefunden. Sie gilt als gesichert und fundiert und dies ist vor allem Lynn Margulis zu verdanken. Margulis erhielt für ihre Forschungen die National Medal of Science des US Präsidenten, die Darwin-Wallace Medal der Linnean Society, London, und den William Procter Prize for Scientific Achievement. Sie wurde nicht nur Mitglied der US-amerikanischen sondern auch der Russischen Akademie der Wissenschaften, in die außer ihr bisher nur drei andere US-Amerikaner aufgenommen wurden. Dies lag sicherlich auch daran, dass sie in ihren Arbeiten an die russischen Symbioseforscher des frühen 20. Jahrhunderts erinnerte und diese in der westlichen Welt überhaupt erst bekannt machte. Sie bezeichnete die von Forschern wie Konstantin S. Mereshkowsky, Boris M. Kozo-Polyansky oder Ivan E. Wallin vertretenen Ansichten mit dem von dem im englischen Exil lebenden Russen Peter Kropotkin als Ergänzung zu Darwin gedachten Werk „Mutual Aid“ als „Mutual-Aid-Biology“. Trotz ihres großen Erfolges kann man die Powerfrau bis heute nicht eigentlich zum Establishment der Biologen und Naturwissenschaftler zählen. Immer wieder schockte sie ihre Kollegen mit ungewöhnlichen Ideen, mit denen sie außerhalb des etablierten Wissenschaftsgebäudes lag. Ihr oberstes Ziel war es, die Kooperation unter den Organismen als wichtigsten Motor der Evolution zu etablieren und an die Stelle der von Neodarwinismus und der synthetischen Theorie ganz in den Vordergrund gestellten Konkurrenz zu setzen. Der Symbiogenese als Artbildungs- und Evolutionsprozess vor allem auf der Stufe der Mikroorganismen und Prokaryoten widmete sie einen Großteil ihrer Forschungen und ihrer Publikationen, die sich auch an eine breitere Öffentlichkeit wandten, dann häufig in Coautorenschaft mit ihrem Sohn aus erster Ehe Dorion Sagan. So ist es auch gut verständlich, dass sie schon früh als Protagonistin der von Lovelock aufgestellten Gaia Hypothese auftrat.
Auch ist es deshalb nicht verwunderlich, dass Lynn Margulis dem horizontalen Gentransfer eine große Bedeutung für die Evolution zugemessen hat, was sich bis heute in mancher Hinsicht zu bestätigen scheint. In jedem Falle haben ihre Gedanken und Ideen den Vorstellungen vom Leben auf der Erde und seiner Evolution viele ganz neue Impulse gegeben. Nicht ganz verständlich für mich ist, dass Margulis sich sehr kritisch zur „natürliche Selektion“ als Evolutionsfaktor geäußert hat, weil sie dies als „Abwertung“ der Symbiogenese ansah. Es geht doch aber darum, herauszufinden ob Konkurrenz oder Kooperation bei der Wirksamkeit der natürlichen Selektion wichtiger sind. Trotzdem ist nicht ganz zu verstehen, wie heftig Lynn Margulis deswegen von etablierten Evolutionsbiologen angegriffen wurde und wird.

Schließlich muss auch erwähnt werden, dass Margulis in den letzten Jahren einige ziemlich einhellig als eher abwegig anzusehende Hypothesen im Zusammenhang mit dem Immunsystem aufgestellt hat, unter anderem hat sie auch Zweifel daran geäußert, dass Aids vorwiegend auf eine Virusinfektion zurückzuführen sei. Sehr angegriffen wurde sie auch dafür, dass sie sich 2009 für die Veröffentlichung einer Arbeit von Donald I. Williamson in den renommierten Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) einsetzte, die in der Fachwelt großen Widerspruch erregte. Der Autor versucht in dieser Arbeit nachzuweisen, dass die Metamorphose der Insekten auf die Hybridisierung zweier verschiedener Arten zurückzuführen ist. Er nimmt an, dass auch andere Entwicklungen, die über ein Larvenstadium laufen, aus solchen Hybridisierungen entstanden sind.

Seit 1988 lehrte und forschte Lynn Margulis an der University of Massachusetts Amherst. Es gelang ihr, gleichzeitig und gleichermaßen intensiv und engagiert zu forschen, zu lehren und vier Kinder aufzuziehen.
So sehr sie nun vermisst werden wird, so beruhigend ist doch, dass sie in ihren zahlreichen Publikationen weiter präsent bleibt.

•  Literatur von und über Lynn Margulis im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

https://portal.dnb.de/opac.htm?query=Woe%3D115464654&method=simpleSearch

 

 

Die fremddienliche Zweckmäßigkeit des Gallapfels

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Fremddienliche Zweckmäßigkeit und Weltseele

Vor fast 100 Jahren dienten dem Philosophen Erich Becher Pflanzengallen als Argument für eine Weltseele, heute könnten Vetreter des „Intelligent Design“diese Argumentationslinie nutzen. Doch obwohl ihre Leistungen durchaus verblüffend und bis heute in manchen Hinsicht rätselhaft sind, stehen Pflanzengallen bisher nicht gerade im Blickpunkt aktueller Forschungen und auch von Naturfreunden und Freilandbiologen werden sie meist nicht besonders beachtet. Dies mag daran einmal daran liegen, dass es für diese eigenartigen Naturphänomene – im Gegensatz zu vielen anderen Organismengruppen und Naturerscheinungen – nur verhältnismäßig wenige lnformationsmöglichkeiten gibt (vgl. aber Bellmann 2012). Allerdings kann man sich im Internet mittlerweile ganz gut informieren. Zum anderen könnte der Grund aber auch sein, dass Ursachen ihrer Bildung bisher weder auf funktionaler (proximater) noch auf evolutionstheoretischer (ultimater) Ebene befriedigend erklärt sind. Weiterlesen