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Guam

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„Ein leichter Windzug […] wehte uns vom schön bewaldeten Ufer Wohlgerüche zu, wie ich sie in der Nähe keines anderen Landes empfunden habe. Ein Garten der Wollust schien diese grüne, duftende Insel zu sein, aber sie war eine Wüste. Kein freudiges Volk belebte den Strand, kein Fahrzeug kam von der Isla de las velas latinas uns entgegen. Die römischen Missionare haben hier ihr Kreuz aufgepflanzt; dem sind 44.000 Menschen geopfert worden, und deren Reste, vermischt mit den Tagalen, die man von Lucon herüber gesiedelt hat, sind ein stilles, trauriges, unterwürfiges Völklein geworden, das die Mutter Erde sonder Mühe ernährt und sich zu vermehren einladet.“ So beschrieb Adelbert von Chamisso vor 200 Jahren seine Ankunft auf der Insel Guam, der südlichsten und größten  Insel der westpazifischen Inselgruppe der Marianen, in der Nachbarschaft des mit ca.11 000m tiefsten Meeresgrabens.

Durch den eskalierenden Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten mit ihrem großmäuligen Präsidenten und dem ebenfalls um keine vollmundige Drohgebärde verlegenen nordkoreanischen Diktator ist dieses abgelegene Eiland plötzlich ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gerückt. Deshalb möchte ich hier einige Informationen zu der Insel auf albem Weg zwischen den Philippinen und Hawai geben.

Entdeckung und Beherrschung

Die Lage von Guam in den Marianen (Google Earth)

Guam wurde vermutlich schon 2000 Jahre v. Chr. von Westen, also von den heutigen Philippinen oder von Indonesien aus, besiedelt. Als erster europäischer Seefahrer gelangte Ma­gellan 1521 zum Marianenarchipel. Da er bei seinem Kontakt mit den Einheimischen die Erfahrung machte, dass es ihnen immer wieder gelang, auf sehr geschickte Weise ihnen besonders wertvoll erscheinende Gebrauchsgegenstände zu sti­bitzten, nannte er die Inselgruppe „Las Islas de los Ladrones“ (Inseln der Diebe). 1565 wurden die Inseln von Miguel López de Legazpi für Spanien beansprucht, aber erst hundet Jahre später, 1667, wurden sie offiziell der spanischen Krone unterstellt, denn sie waren eine wichtige Zwischenstation auf dem Seeweg von Acapulco in „Neuspanien“ (Mexiko) nach Manila auf den Philippinen. Zu dieser Zeit wurde den Inseln der neue Name „Marianen“ gegeben, nach Maria Anna von Österreich, der Wit­we von Spaniens habsburgischem König Philipp IV. Nach ihm konnte man die Inseln nicht mehr benennen, da schon die Philippinen nach Philipp II benannt worden waren.

1668 kamen Jesuiten auf die Inseln und begannen, den katholischen Glauben einzuführen. Die Missionsarbeit wurde von spanischen Soldaten begleitet mit der Folge, dass am Ende des 17. Jahrhunderts von der ursprünglichen Bevölkerung fast nichts mehr übrig geblieben war. Die Einwohnerzahl zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde von den Spaniern auf 40.000 bis 44.000 geschätzt; zu Beginn des 18. Jahrhunderts waren es nicht mehr als 1.000!

Die unmenschliche und brutale Vorgehensweise der spanischen Eroberer und Siedler, die sich vielerorts in Neuspanien abspielte, hatte sich hier besonders schrecklich ausgewirkt, weil die Ureinwohner sich lieber umbrachten als sich zu unterwerfen.

Eine Rechtfertigung für die gnadenlose Unterwerfung der Völker in den eroberten Gebieten gaben sich die Spanier mit den Ergebnissen des Disputes von Valladolid (1550/51)7). Zu diesem Streitgespräch hatte der habsburgische Kaiser Karl V. eingeladen, weil er von dem Missionar Bartolomé de las Casas auf die unmenschliche Behandlung der Indios in den Kolonien aufmerksam gemacht worden war. Bartolomé de las Casas vertrat die Ansicht, dass auch die neu entdeckten Völker vollgültig dem Menschengeschlecht zuzurechnen wären und damit alle menschlichen Rechte hätten und dass aus diesem Grund ihre Unterdrückung, Versklavung und Ermordung nicht rechtens wären. Er plädierte dafür, die gnadenlosen Eroberungskriege in der Neuen Welt zu beenden. Demgegenüber vertrat Juan Ginés de Sepúlveda, der Erzieher des Infanten und späteren Königs Philipp II., die Auffassung, dass es sich bei den Indianern um eine sehr niedrig stehende Menschenrasse handle, die zum Sklaventum geboren wäre und keine Menschenrechte beanspruchen könne. Der Disput endete zwar nicht mit einem eindeutigen Ergebnis, letzten Endes wurden aber die Argumente von Sepúlveda als Rechtfertigung für alle zukünftigen Gräueltaten wirksam, zumal er sie auch in einem Buch veröffentlichte.

Nach der spanischen Niederlage im spanisch-amerikanischen Krieg von 1898 fiel Guam an die Nordamerikaner. Die USA wollten diese Insel vor allem wegen ihrer strategischen Lage unter ihre Kontrolle bringen. Die übrigen Marianen wurden mit dem deutsch-spanischen Vertrag von 1899 an das Deutsche Reich verkauft. Angesichts der misslichen Lage Spaniens nach der Niederlage gegen die Nordamerikaner hatte das Land kaum eine Möglichkeit, dem Druck, der durch das Deutsche Reich auf sie ausgeübt wurde, zu widerstehen. In Deutschland war der Erwerb dieser Inseln für 17 Millionen Reichsmark zwar nicht unumstritten, da sie außer Kopra keine großen Schätze zu liefern versprachen. Aber das Deutsche Reich war scharf auf eine Vergrößerung seines – so die Ansicht der damals bestimmenden Politiker – viel zu geringen Kolonialbesitzes, und dieser Kauf ermöglichte eine Arrondierung der Südseekolonien.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Inseln durch den Völkerbund unter japanischer Kontrolle gestellt. Im Zweiten Weltkrieg wurden sie von den Amerikanern 1944 in der Schlacht um die Marianeninseln unter großem Einsatz von Material und Menschen erobert. Während Guam nach dem Zweiten Weltkrieg ein von den USA abhängiges Territorium blieb, bildeten die übrigen Marianen einen an die USA angeschlossenen, aber im Inneren unter eigener Verwaltung stehenden Staat.

 

Die Braune Nachtbaumnatter

Braune Nachtbaumnatter auf Guam pirscht sich an einen Rotkehlanolis (Anolis carolinensis) an. Dieser Anolis stammt ursprünglich aus dem Südosten der USA und wurde ebenfalls auf Guam eingeführt (Thomas H. Fritts and Dawn Leasman-Tanner/U.S. Geological Survey)

Guam ist in der Gegenwart durch die Ausbreitung invasiver Neozoen, also eingebürgerter fremdländischer Tierarten, bekannt geworden, die auf vielen pazifischen Inseln vergleichbar abgelaufen ist. Dabei spielt auf Guam vor allem die Braune Nachtbaumnatter (Boiga irregularis) eine wichtige Rolle. Sie wurde kurz nach dem Zweiten Weltkrieg – vermutlich Ende der 1940er-Jahre – zufällig mit einem Militärtransport aus ihrem natürlichen, südpazifischen Verbreitungsgebiet auf die Insel gebracht. Die auf Guam für diese Art äußerst günstigen Lebensbedingungen – keine Feinde, keine Konkurrenten und ein reichliches, leicht zugängliches Nahrungsangebot – führten zu einer Massenvermehrung. Es wurden bis zu 13.000 Tiere pro Quadratkilometer gezählt.

Die Folge ist, dass mittlerweile fast alle einheimischen Wirbeltiere ausgerottet sind. Zunächst  war vor allem die Avifauna betroffen. Auch für Menschen, Haus- und Heimtiere bedeutet die giftige Trugnatter eine Gefahr. Touristen fühlen sich durch die Baumnattern bedroht. Die Ausrottung der Vögel hat auch Auswirkungen auf den Regenwald, da die Ausbreitung von Früchten und Samen vorwiegend von Vögeln abhängig war.

Eine Folge ist die schlechtere Regenerationsfähigkeit der Wälder – vor allem nach Bränden. Der Rückgang der Wälder bewirkt eine verstärkte Erosion, und von den Flüssen werden mehr Partikel ins Meer transportiert. Durch die dadurch erhöhte Sedimentation sind die empfindlichen Korallenriffe um Guam gefährdet. Die derzeitige geringe Bewaldung ist auf der Google Earth Aufnahme vom 20.11.2016 gut zu erkennen

Die mysteriöse Nervenkrankheit von Guam

Ungewöhnlich viele Bewohner dieses kleinen Südsee-Eilands sterben an einer mysteriösen Nervenkrankheit mit Symptomen von Amyotropher Lateralsklerose, Parkinson-Syndrom und Alzheimerscher Krankheit, dem sogenannten „Guam-ALS-PD-Demenzkomplex“ (ALS/PDC). Lange blieben die Ursachen im Dunkeln und waren umso geheimnisvoller, als ausgewanderte ehemalige Inselbewohner oft Jahre, nachdem sie die Insel verlassen hatten, erkranken konnten. Erst in jüngster Zeit haben sich die seltsamen Zusammenhänge aufgeklärt: Auf der Insel gedeiht die Cycadee Cycas micronesica, ein palmenähnlicher Baum, der wie die Nadelgehölze zu den Nacktsamern gehört. Seine essbaren Samen enthalten in geringen Mengen eine giftige Aminosäurevariante (β-Me­thyl­amino-L-Alanin, BMAA). Allerdings sind die Konzentrationen so gering, dass man sich eine gefährliche Auswirkung bei dem Verzehr der Samen zunächst nicht vorstellen konnte. Nun ist es aber so, dass sich von diesen Samen vor allem Flughunde ernähren, die bei den einheimischen Chamorros als Leckerbissen gelten. Diese Flughunde, von denen es früher mehrere Arten gab, heute aber nur noch Pteropus mariannus, sind die einzigen wirklich einheimischen Säugetiere der Insel. In den Flughunden, so stellte man fest, tritt diese gefährliche Aminosäure in höheren Konzentrationen auf. Es kommt also zu einer Anreicherung. Und ähnliche Anreicherungen konnte man auch in den Geweben von verstorbenen ALS/PDC-Patienten feststellen.

Weitere Nachforschungen ergaben, dass diese seltene und von Eukaryoten nicht produzierbare Aminosäure von den endosymbiotischen Cyanobakterien von Cycas micronesica stammt. Denn wie alle Palmblatt-Nacktsamer beherbergt diese Cycadee solche, den Luftstickstoff fixierenden Symbionten (Cyanobacterien der Gattung Nostoc) in besonderen, an der Bodenoberfläche gebildeten, korallenartig verzweigten Wurzeln. Damit ist die Kette der Giftweitergabe (Cyanobakterium – Palmfarn – Flughund – Mensch) aufgeklärt. Doch wie kommt es zur Anreicherung?

Bei der Verdauung werden alle Eiweiße in Aminosäuren gespalten und als solche resorbiert. Später werden sie jedoch wieder in Proteine eingebaut. Dies gilt auch für abnorme Aminosäuren, sie können in „normale“ Körperproteine eingebaut werden. Dies trifft offensichtlich auch für BMAA zu. In Proteinen ist BMAA ungefährlich. Lediglich, wenn es frei im Blut und in Körperflüssigkeiten vorkommt, kann es zu der beschriebenen Nervenkrankheit kommen. Der Gehalt in den Körperproteinen, insbesondere im Gehirn, nimmt allmählich zu. Offensichtlich steigt parallel dazu der BMAA-Pegel im Blut immer mehr an. Dies lässt sich mit dem ständig stattfindenden Proteinumsatz im Organismus erklären. Bei einem entsprechend hohen BMAA-Depot kommt es dann – oft erst nach vielen Jahren – zu der Erkrankung.

Die Wirkungskette, die zur Guam-Nervenkrankheit führt (Grafik W. Probst)

Mariana Islands Training an Testing Study Area

Guam und die etwas selbstständigeren Nördlichen Marianen stehen unter Kontrolle der USA . Die Inseln sind – wie seit den Drohungen des nordkoreanischen Diktators Kim Yong-un einer breiten Öffentlichkeit bekannt – ein groß ausgebauter Militärstützpunkt der USA. Weniger bekannt ist, dass sie auch ein wichtiges militärischen Übungsgelände sind, das in den nächsten Jahren noch zur Mariana Islands Training an Testing Study Area ausgebaut werden soll. Die marianische Bürgerinitiative Alternative Zero Coalition (AZC) versucht, diesen Ausbau zum Großübungsareal abzuwenden und sie verdient Unterstützung (www.chamorro.com ).  Seit ihrer Entdeckung im 16. Jahrhundert  wurden die Bewohner der Marianen immer wieder Opfer von Großmachtinteressen, sie wurden versklavt, ermordet, vertrieben. Die jüngste Eskalation den“Nordkoreakonflikts“ könnte sich wieder zu einer Katastrophe für diese Inseln entwickeln, auch wenn die Weltkatastrophe vielleicht ausbleiben wird.

Das geplante militärische Übungsgelände um die Marianen (aus der Website von AZC www.chamorro.com )

Quellen

Der Text ist teilweise übernommen aus

Probst, W. (2015): Der Palme luftge Krone – mit Chamisso auf Weltreise. Ochsenhausen: Anglele-Verlag

URLs:

https://de.wikipedia.org/wiki/Guam

http://gaebler.info/sonstiges/marianen.htm

https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article167523613/Die-Bedeutung-der-Insel-Guam-fuer-die-US-Strategie.html

https://www.blick.ch/news/ausland/irrer-kim-droht-mit-rakentenangriffen-so-reagieren-die-bewohner-auf-guam-id7126150.html

13./14. Oktober 1815: Chamisso und Eschscholtz entdecken den Generationwechsel


Es ist nur wenig bekannt, dass Adelbert von Chamisso, deutscher Dichter der Romantik mit französischen Wurzeln, auch Naturwissenschaftler war. Zusammen mit Johann Friedrich Eschscholtz entdeckte vor 200 Jahren, am 13. Und 14. Oktober 1815 den Generationswechsel an freischwimmenden Manteltieren, sogenannten Salpen.
Chamisso und Eschscholtz nahmen in den Jahren 1815-1818 an einer russischen Expedition teil, die von dem russischen Grafen Romanzoff finanziert wurde. Kapitän des Expeditionsschiffes war Otto von Kotzebue, Sohn des 1819 ermordeten Dichters August von Kotzebue. An dieser Expedition durfte der deutsch-französische Dichter Adelbert von Chamisso (1781 – 1838), der einige Semester Naturwissenschaften an der jungen Berliner Universität studiert hatte, als Naturforscher teilnehmen. Der Doktor der Medizin und Zoologe Eschscholtz fungierte als Schiffsarzt.

Gerne würde ich Chamissos Reise nachreisen. Das wäre heute mit den modernen Verkehrsmitteln nicht so schwierig, für einen Rollstuhlfahrer trotzdem nicht ganz einfach. Einfach ist es aber, mithilfe von Google Earth Chamissos Reise nachzuvollziehen und einen aktuellen Blick auf die Orte und Landschaften zu werfen, die er vor 200 Jahren besucht hat. In dem Buch „Der Palme luft’ge Krone – mit Chamisso auf Weltreise“ habe ich versucht, auch Informationen über die Zeit vor Chamissos Besuch zu geben und einen Blick auf die Geschichte der folgenden 200 Jahren bis heute zu werfen.
TitelChamissoDas Buch ist vor einem Jahr beim Wagner Verlag, Gelnhausen, erschienen. Nach Insolvenz dieses Verlags im Frühjahr dieses Jahres war es als vergriffen gemeldet, eine Neuauflage ist beim Angele Verlag erschienen.
Wilfried Probst (2.A., 2015): Der Palme luft’ge Krone – mit Chamisso auf Weltreise. Ochsenhausen: Angele Verlag. ISBN 978-3-940857-12-5; 14,80 €

https://www.buchhandel.de/buch/Der-Palme-luft-ge-Krone-9783940857125

Der folgende Text über die Entdeckung des Generationswechsels ist diesem Buch entnommen:

Die erste Entdeckung – vielleicht die größte

Endlich gelingt die Ausfahrt. Das nächste Ziel ist Teneriffa. Zunächst ist das Wetter sehr stürmisch, doch ab dem 39. Breitengrad herrscht Windstille, und es wird sehr heiß.
„Am 13. Oktober und den folgenden Tagen hatten wir immer mit 30° 47′ nördlicher Breite fast fünf Tage vollkommene Windstille. Das Meer ebnete sich zu einem glatten Spiegel, schlaff hingen die Segel von den Rah, und keine Bewegung war zu spüren.“ (34)
Die Matrosen haben wenig zu tun und hängen untätig an Deck herum, auch Chamisso und Eschscholtz, begierig auf neue Entdeckungen in fernen Landen, sind frustriert über diese Verzögerung der Reise. Zur Untätigkeit gezwungen, leiden sie besonders unter der Hitze.
Zu der Langeweile kommt die bedrängende Enge an Bord, insbesondere in dem kleinen „Aufenthaltsraum“, in dem nicht nur gegessen und geschlafen, sondern zum Beispiel auch geschrieben werden muss. Für Adelbert bedeutete dies eine große Einschränkung. Nur wenn die Offiziere den Platz freigeben, kann er den Tisch für eigene Arbeiten nutzen.
Nun zeigt sich auch zum ersten Mal deutlich, welch schwierigen Menschen sie sich mit Wormskjold an Bord geholt haben. Besonders der Maler, Ludwig Choris, der neben ihm in der Hängematte schlafen muss, hat unter seinen Launen und Maßregelungen zu leiden. Dabei ist besonders unangenehm, dass sich Wormskjold regelmäßig betrinkt und dann unverschämt und ausfallend werden kann.
Beim gemeinsamen Essen der Offiziere und der Gelehrten in der engen Kajüte fragt Chamisso den Kapitän: „Wird die Windstille noch lange anhalten? Wie sollen wir so je auf die Kanaren kommen?“
„Ja, verehrter Chamisso, damit müssen Sie sich leider abfinden. Wir sind in den Rossbreiten, und da kann es auch einmal ein paar Wochen windstill bleiben. Diese Zonen etwa zwischen dem 35. und 25. Grad nördlicher Breite sind extrem niederschlagsarm und außerdem auch weitgehend windstill.
„Oh Gott – und wie kommt diese Gegend zu ihrem eigenartigen Namen?“
„Bei Seeleuten sind diese Zonen schon lange gefürchtet, denn wenn die Windstille lange anhält, kann das Trinkwasser knapp werden. Da etwa mitgeführte Pferde und andere Tiere besonders viel Wasser benötigen, kam es häufig dazu, dass man diese Tiere töten musste – daher der Name.“
„Beruhigend zu wissen. Nun, Friedrich, lass uns das Beste daraus machen. Nutzen wir die Zeit für ein paar meeresbiologische Untersuchungen.“
„Ja, eine gute Idee, Adelbert, denn überall um das Schiff herum sind erstaunlich viele quallenartige Tiere zu sehen. Die sollten wir uns einmal genauer anschauen.“

Wormskjold nutzt die Flaute zu einigen Messungen und Beobachtungen, wozu er sich mit einem kleinen Boot aussetzen lässt. Chamisso und Eschscholtz werden jedoch von diesen Aktivitäten ausgeschlossen. Wormskjold ist sehr darauf bedacht, nichts von seinen Ergebnissen und Beobachtungen weiterzugeben.
So schreibt Choris in seinem Tagebuch, dass er ihm einen gefangenen Tintenfisch gezeigt hätte, den er möglicherweise für eine neue Art hält, ihn aber verpflichtet habe, davon den anderen nichts zu erzählen.
Chamisso schreibt dazu später in seiner Reisebeschreibung: „Er hatte eine eifersüchtelnde Nebenbuhlerschaft, die leider unter den Gelehrten nicht unerhört ist, dem Verhältnis, das ich ihm angeboten hatte, das ich mit Eschscholtz eingegangen war, vorgezogen.“ (35)
Dagegen kooperieren Chamisso und Eschscholtz sehr gut. Sie bauen sich ein Sonnensegel an Deck und einen kleinen Kescher aus Segeltuch. Lupen und Zeichengeräte sowie ein Beobachtungstisch werden ebenfalls an Deck geschafft. So können die Forschungen beginnen.
Eschscholtz und Chamisso angeln einige Algen und Medusen aus dem Meer, aber besonders auffällig sind Quallen ähnliche, durchsichtige Tiere, die sie bei genauer Betrachtung den Manteltieren, und zwar der Untergruppe der Salpen zuordnen können. Was dabei besonders auffällt ist, dass diese Tierchen immer in zwei unterschiedlichen Formen vorkommen: einmal als Einzeltiere, zum anderen als Tierkolonie.
Die genaue Beobachtung und Präparation zeigt, dass die Einzeltiere viele aneinandergekettete Embryonen enthalten, während in den Tieren einer Kolonie jeweils immer nur ein Embryo zu finden ist. Schließlich können die beiden durch Beobachtungen sicher nachweisen, dass es sich bei den beiden verschiedenen Formen um ein und dieselbe Art handelt. Aus den Einzeltieren gehen nämlich immer Tierkolonien hervor, und die einzelnen Tiere einer Tierkolonie bringen immer wieder Einzeltiere hervor. Es findet also ein obligatorischer Wechsel zwischen zwei un¬terschiedlichen Generationen statt. Dabei – so beschreibt dies später Chamisso in seinem Aufsatz über die Salpen – gleichen jeweils die Enkel ihren Großeltern.
Chamisso und Eschscholtz ist die Entdeckung des Generationswechsels gelungen. Diese Entdeckung wird Cha¬misso kurz nach seiner Rückkehr in einem wissenschaftlichen Aufsatz beschreiben. Dafür wird ihm die junge Berliner Universität die Doktorwürde verleihen – ganz ohne Prüfung und Disputation, also gewissermaßen „honoris causa“. Chamisso wird übrigens auch später nie eine akademische Prüfung ablegen.
Chamisso und Eschscholtz ist wohl bewusst, dass sie eine wichtige Entdeckung gemacht haben. Die wirkliche Bedeutung des „Generationswechsels“ für das Leben und die Entwicklung der Lebewesen auf der Erde können die beiden natürlich nicht abschätzen. Aber später erkennt Chamisso recht klar die biologische Bedeutung des Generationswechsels. Er schreibt in seiner Reise um die Welt ganz treffend: „Es ist, als gebäre die Raupe den Schmetterling und der Schmetterling hinwiederum die Raupe.“ (34)

Der Generationswechsel von Cyclosalpa pinnata (mit Origalabbildungen von Chamisso, kopiert ausSchneebeli-Graf, Ruth (Hrsg.): Adelbert von Chamisso: ... Und lassen gelten, was ich beobachtet habe. Dietrich Reimer, Berlin 1983

Der Generationswechsel von Cyclosalpa pinnata (mit Origalabbildungen von Chamisso, kopiert aus Schneebeli-Graf, Ruth (Hrsg.): Adelbert von Chamisso: … Und lassen gelten, was ich beobachtet habe. Dietrich Reimer, Berlin 1983)

 

Der Palme luft’ge Krone – mit Chamisso auf Weltreise


Das Buch war leider einige Zeit vergriffen, es ist aber nun beim Angele Verlag Reinstetten in 2. Auflage erscheinen.

Wilfried Probst (2. A. 2015): Der Palme luft’ge Krone – mit Chamisso auf Weltreise. Ochsenhausen: Angele Verlag. ISBN 978-3-940857-12-5   14,80 €

https://www.buchhandel.de/buch/Der-Palme-luft-ge-Krone-9783940857125

Darum geht’s:

Die Reise

Vor fast 200 Jahren, am 15. Juli 1815, machte sich der deutsch-französische Dichter Adelbert von Chamisso in Berlin mit der Postkutsche auf den Weg nach Hamburg und von dort weiter nach Kiel und mit dem Schiff nach Kopenhagen.

Post kutschen sind langsam. Chamisso läuft – nach Pflanzen Ausschau halten – der Kutsche oft hinterher oder auch vorneweg.

Postkutschen sind langsam. Chamisso läuft – nach Pflanzen Ausschau halten – der Kutsche oft hinterher oder auch vorneweg.

Infos zu Adelbert von Chamisso (1781-1838): http://chamisso-gesellschaft.de/chamisso/

Dort ging er an Bord der russischen Brigg „Rurik“, mit der er unter Führung des Kapitäns Otto von Kotzebue eine Forschungsreise um die Erde unternehmen sollte. „Nun war ich wirklich an der Schwelle der lichtreichsten Träume, die zu träumen ich kaum in meinen Kinderjahren mich erkühnt …, die als Hoffnungen ins Auge zu fassen ich, zum Manne herangereift, mich nicht vermessen,“ beschrieb er später seine Gefühle bei Reiseantritt.
Chamisso war als Naturforcher der Expedition in die Mannschaft aufgenommen worden. Auch wenn er oft mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, so gelang es ihm doch, viele Tiere und etwa 2500 Pflanzenarten zu sammeln, von denen ca. 800 Neuentdeckungen waren. Viele hat er später selbst beschrieben. Er hat eine Theorie zur Entstehung der Korallenatolle aufgestellt und den Generationswechsel bei Salpen – mit Wirbeltieren verwandten, quallenähnlichen Meerestieren – entdeckt. Seine ethnologischen und sprachkundlichen Studien in Polynesien und Mikronesien gelten bis heute als Pionierarbeiten.

Die Reiseroute

Die Reise führte von Kopenhagen nach Plymouth und weiter über Teneriffa und die der brasilianischen Küste vorgelagerten Insel Santa Catarina um Kaphorn bis zum chilenischen Concepión Von dort überquerte die Expedition den Pazifik mit kurzen Landgängen auf der Osterinsel und den Marshallinseln, und erreichte schließlich die Halbinsel Kamtschatka, die damals schon zum Russischen Reich gehörte. Die weitere Reiseroute führte in die Beringstraße bis zu einer seither als Kotzebuesund bekannten Meeresbucht, in der auch eine kleine Insel liegt, die nach Adelbert von Chamisso benannt wurde und heute Teil eines Nationalparks ist. Das erklärte Hauptziel der Expedition, die Erforschung einer Schiffspassage nördlich des amerikanischen Kontinents nach Europa, sollte nach diesen Vorerkundungen in nächstem Jahr, im Sommer 1817, in Angriff genommen werden. Nun ging es zunächst zurück über die Aleuten, San Francisco und Hawaii bis zu den Marshallinseln. Nach zweieinhalbmonatigen Aufenthalt bei den Südseeinsulaner der Ratak-Kette sollte im zweiten Sommer die Reise über die Beringstraße hinaus nach Norden aufgenommen werden. Allerdings kam es wegen des schlechten Gesundheitszustandes des Kapitäns und ungünstiger Klimabedingungen – so die offizielle Begründung – nicht dazu. Die Expedition wurde an der St. Lorenz-Insel abgebrochen und eine lange Rückreise über Pazifik und indischen Ozean mit mehreren Aufenthalten auf Hawaii, den Mashallinseln, Guam, den Philippinen, in Kapstadt und schließlich in Portsmouth und Kopenhagen führten zurück nach St. Petersburg, das nach gut drei Jahren, am 3. August 1818, erreicht wurde.

Die Zweimasterbrigg Rurik, im Vordergrund Cyclosalpa pinnata, Einzeltier und Kolonie

Die Zweimasterbrigg Rurik, im Vordergrund Cyclosalpa pinnata, Einzeltier und Kolonie

Ein nicht erreichtes Ziel

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war es ein Traum der europäischen Kolonialmächte, den Shortcut zwischen Europa und Ostasien nördlich des amerikanischen Kontinents zu finden. In beiden Richtungen wurden auch nach der russischen Expedition noch mehrere vergebliche Versuche unternommen, die zum Teil tragisch scheiterten, wie zum Beispiel die Expedition von Sir John Franklin, die 1845 begann und im Juni 1847 mit dem Tod Franklins vor der King-William-Insel in der kanadischen Arktis endete. Durch die jüngsten Klimaveränderungen und technische Verbesserungen beginnt sich der Seeweg – nun 200 Jahre nach Chamissos Reise – auch wirtschaftlich zu lohnen. Im Sommer 2007 war er zum ersten Mal eisfrei. Aber waren dies die einzigen oder wirklich auch die wichtigsten Ziele der Expedition? Angesichts des etwas eigenartigen Reiseverlaufes im pazifischen Raum und der vergleichsweise geringen Anstrengungen, bei der Erkundung der Ost-West-Passage wirkliche Fortschritte zu machen, kann dies aus heutiger Sicht bezweifelt werden. Möglicherweise ging es den Russen vor allem darum, ihre Position im Pazifik und ihre dortigen Handelsaktivitäten angesichts der Spannungen zwischen spanischer Kolonialmacht, England und dem neuen Nordamerika zu sichern. Chamisso und seinen Mitreisenden waren solche politischen Reiseziele sicherlich nicht bekannt, der einzige, der genau Bescheid wusste, war vermutlich der Kapitän.

Entdeckungsreisen im 18. und 19. Jahrhundert

In der zweiten Hälfte des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, vermehrten sich Entdeckungsreisen und Weltumsegelungen in geradezu inflationärer Weise. Typisch für alle diese Expeditionen war, dass, gewissermaßen als Beweis für die wissenschaftlichen Ziele, auch Naturforscher mit an Bord genommen wurden. Dabei handelt es sich oft um junge Gelehrte, die noch keine große Reputation hatten und von denen man wenig Ärger zu erwarten hatte. Ein gutes Beispiel dafür liefert die viel beschriebene problematische Situation des jungen Charles Darwin auf seiner fünfjährigen Forschungsreise, die ebenfalls von ständigen Spannungen zwischen Darwin und dem Kapitän Fitzroy geprägt war. Chamisso war für damalige Begriffe zwar schon eher mittleren Alters, aber was seine naturwissenschaftliche Reputation anbelangte, hatte er das Stadium des Studierenden eigentlich noch nicht überschritten. Durchaus vergleichbar mit dem jungen Darwin war die Weltreise für den weiteren Lebensweg Chamissos ein prägendes Ereignis.

Verständnis und Mitgefühl

Nicht zuletzt wurde Chamisso dadurch zum friedfertigen Weltbürger, dass er so viel von der Welt gesehen hat, zuerst in Europa und dann rund um den Globus. In den kurz nach der Reise verfassten „Ansichten und Bemerkungen“ und in seiner Reisebeschreibung lässt Chamisso keinen Zweifel daran, dass ihm die Geringschätzung der indigenen Bevölkerungen durch die Europäer nicht gerechtfertigt erscheint. Er lobt Sitten und Gebräuche, tadelt die Bezeichnung „Wilde“, nimmt entschieden Stellung gegen die Sklaverei, brandmarkt grausame Praktiken der Missionen und das geringe Einfühlungsvermögen der Missionare und schildert verabscheuungswürdige Ausbeutungsversuche durch europäische und nordamerikanische Geschäftemacher.

Ein Blick in die Zukunft

Seit Chamissos Reise sind 200 Jahre vergangen. Die Welt hat sich seither in einer Weise verändert, die man sich vor 200 Jahren nicht träumen lassen konnte.Trotzdem gibt es Entwicklungslinien und Kausalketten, die sich vom beginnenden 19. Jahrhundert bis heute verfolgen lassen. Deshalb macht es schon Sinn, zu fragen, wie es weiter gehen könnte. Wie werden Chamissos Reiseziele in 20, 100 oder gar 200 Jahren aussehen? In einem abschließenden Kapitel werden dazu einige Überlegungen angestellt.

Kolonie auf dem Mars -eine reale Zukunftsoption

Kolonie auf dem Mars -eine reale Zukunftsoption

Nachreisen mit dem Internet

Die Einladung, 200 Jahre nach Chamisso seine Weltreise nachzureisen, soll die Leserinnen und Leser ein bisschen mit dem Geist und Gemüt des Weltbürgers Adelbert von Chamisso infizieren. Wir werden ihn begleiten, auf der Rurik, auf der er zusammen mit etwa 30 anderen Männern drei Jahre lang die meiste Zeit eingeschlossen war und auf vielen Exkursionen, die er oft zusammen mit dem Schiffsarzt und Kollegen Eschscholtz unternommen hat. Er selbst hat über seine Reise berichtet, zuerst kurz danach, im dritten Band des Expeditionsberichtes („Bemerkungen und Ansichten“), dann 20 Jahre nach Reiseantritt, 1835 (publiziert 1836). Außerdem sind Briefe erhalten, die er auf seiner Reise und später über die Reiseerlebnisse geschrieben hat, es gibt eine Reisebeschreibung des Kapitäns Otto von Kotzebue und ein Tagebuch sowie viele sehr aufschlussreiche Zeichnungen und Gemälde des Schiffsmalers Ludwig Choris.

Gerne würde ich diese Reise nachreisen. Das wäre heute – angesichts der modernen Verkehrsmittel – nicht so schwierig und statt drei Jahren würden vermutlich schon drei Monate ausreichen. Für einen ziemlich hoch querschnittsgelähmten Rollstuhlfahrer wäre es allerdings trotzdem nicht so einfach. Und auch für viele andere Menschen wäre eine solche Reise wohl zu aufwendig. Einfach ist es aber, mithilfe von Google Earth Chamissos Reise nachzuvollziehen und einen aktuellen Blick auf die Orte und Landschaften zu werfen, die er vor 200 Jahren besucht hat.

 

Reiseroute Kopie 2 Kopenhagen-Plymouth

Von Kopenhagen nach Plymouth (17.8.-7.9.1815)
Chamisso hat sehr mit der Seekrankheit zu kämpfen. Der strengen Schiffsdisziplin ungewohnt zieht er sich die Missbilligung des Kapitäns zu.

 

Von Plymouth nach Teneriffa Plymouth-Tenerifa(4.10.-28.10.1815)
Immer wieder verzögert sich die Ausfahrt aus dem Sund von Plymouth wegen ungünstiger Winde. Endlich bessert sich das Wetter. Am 13. Oktober gerät die Rurik in die Rossbreiten. Die Flaute nutzen Chamisso und Eschscholtz zu meereskundlichen Untersuchungen. An massenhaft vorkommenden, quallenähnlichen Meerestieren, den Salpen, entdecken Sie den Generationswechsel.

Von Teneriffa zur Ilha dTeneriffa-Sta.Catarinae Santa Catarina, Florianopolis, früher „Nossa Senhora do Desterro“ (1.11. – 12.12.1815)
Auf Santa Catarina erlebt Chamisso zum ersten Mal die Vegetationsfülle eines Tropischen Regenwaldes.

SantaCatarina_bearbeitet-1

Von Santa Catarina nach Concepción (28.12.1815 – 13.2.1816)
Die weite Reise führt um den Südteil des südamerikanischen Kontinents. Um Kap Hoorn ist es sehr stürmisch und ein Käfig mit 40 lebenden Hühnern geht über Bord. Dann geht Fahrt entlang Chiles Küste bis Concepción rasch voran.

Sta.Catarina-Concepcion2Von Concepción zur Osterinsel (8.3. – 28.3.1816)
Die eigentliche Entdeckungsreise beginnt. Es geht vorbei an der „Robinson-Insel“
(Juan Fernandez-Inseln) und an Salas y Gomez. Der Empfang auf den Osterinseln ist verhalten.Concepcion-Osterinsel

Von der Osterinsel zumOsterinsel Penrhyn-Atoll (29.3. – 30.4.1816)
Einige vermeintliche neu entdeckte Inseln erweisen sich später als schon bekannt.

Osterinsel-Penrhyn-Atoll

 

Vom Penrhyn-Atoll zum Mili-Atoll (1.5 – 21.5.1816)
Auf dem Mili-Atoll kommen die Reisenden zum ersten Mal in Kontakt mit Bewohnern der Ratak-Inseln (östliche Marshallinseln). „Das waren die Radacker. Sie beschenkten uns zuerst und schieden bei dieser ersten Begegnung unbeschenkt von uns.“ (Chamisso, Reise um die Welt)Penrhyn-Atoll-Mili-Atoll

Vom Mili-Atoll zur Awatscha-Bucht der Kamtschatka-Halbinsel (21.5.- 19.6.1816)
Nun geht die Fahrt nach Norden und schnell nimmt die Kälte zu. Als sie am 19. Juni in die Awatscha-Bucht einlaufen sind sie erstaunt, dass um diese Jahreszeit in den Bergen noch so viel Schnee liegt.Mili-KamtschatkaAwatscha-Bucht_bearbeitet-1

 

 

 

 

 

 

 

 

Von der Awatscha-Bucht auf Kamtschatka in die Beringstraße und den Kotzebue-Sund (14. 7. – 1. 8. 1816)
Zunächst geht die Fahrt vorbei an der Beringinsel, dann weiter bis zur Westspitze der St. Lorenz-Insel. Eingeborene kommen dem Schiff mit einer Baidare entgegen und freuen sich sehr, als sie von der Schiffsbesatzung mit Tabak versorgt werden.Awatscha-Beringstr

Kotzebuesund_bearbeitet-1Im Kotzebue-Sund (1.8. – 13.8.1816)
„Endlich verherrlicht sieht nach den übrigen allen auch sich selbst,
Der schon lange der Schar sich anzureihen gestrebt.“
Adalbert von Chamisso zur Benennung der Chamisso-Insel.
Die erhoffte Durchfahrt zur Nordküste Alaskas wird nicht gefunden.

Vom Kotzebue-Sund zur Stkotzebuesund-st.lorenzbucht. Lorenz-Bucht (13.8. – 29.8.1816)
Der Empfang durch die Tschuktschen, die sich bei Ankunft des Schiffes am Ufer versammeln, gleicht fast einem Staatsempfang. Sie breiten Felle aus, laden die russischen Besucher in ihre Wohnungen ein, nehmen Geschenke entgegen und einige der Vornehmeren kommen mit auf das Schiff, nachdem jeder zuvor dem Kapitän einen Fuchspelz gst.lorenz-unalaskaeschenkt hat.

 

Von der St. Lorenzbucht nach Unalaska (29.8. – 7.9.1816)
Auf dieser Fahrt begegnen ihnen zahlreiche Wale, deren Beobachtung für Chamisso immer wieder ein Erlebnis ist. Er meint, man müsse sie zähmen und zu leistungsfähigen Zugtieren der Hochseeschiffe machen.

 

Von Unalaska nach San Francisco (14.9. – 1.11.1816)
Drei kleine Einrichtungen befinden sich in der Bucht von San Francisco in einem besonderen Spannungsverhältnis: das von Mexiko abhängige, aber ziemlich isolierte Fort, das dem spanischen Gouverneur von Neucalifornien in Monterey untersteht, die Mission San Francisco, deren Mönche sich möglichst aus politischen Streitigkeiten heraushalten wollen, und eine befestigte russische Station der Russisch-Amerikanischen Handelskompanie 30 km nördlich von San Francisco in Porto Bodega, auf spanischem bzw. mexikanischen Boden.unalaska-s.francisco

Von San Francisco nach Hawai (1.11. – 14.12.1816)
Der Pazifik macht seinem Namen keine Ehre. Er ist weder still noch friedlich Das Wetter ist sehr stürmisch, die Wellen sind hoch und fast alle auf der Rurik werden seekrank.s.francisco-hawai-2

Von Hawaii zu den Marshallinseln (14.12. – 1.1.1817)
Dank des Nordostpassat geht die Reise flott voran, so dass am Neujahrstag die erste Insel, Mejit, gesichtet wird, 475 km nördlich des Mili-Atolls gelegen.hawaii-mejit

Auf der Ratak-Kette der Marshallinseln (1.1. – 19.3.2017)
Die erste Insel, die der Rurik am 1. Januar 1817 sichtete, war Mejit (Chamisso: Mesid). Auf Google Earth erscheint sie als Mejit Airport. Quer durch die Insel liegt eine Landebahn. Auf Fotos sieht man Strände mit weißen Korallen Sand und Baumwuchs, an der Ostküste eventuell auch Mangrovenbestände. Von Mejit geht die Reise weiter zum Wotje- Atoll (Chamisso:Otdia). Hier werden verschiedene Inseln besucht. Auf der Hauptinsel mit demselben Namen kann man heute ebenfalls eine Landebahn erkennen. Von dort aus wurden mit Booten Exkursionen zu anderen Inseln des Atolls, zum Beispiel nach Egmedio, unternommen. Am 7. Februar ging die Fahrt weiter zum benachbarten Atoll Erikup (Chamisso: Erigup) und dann weiter zum südlicher gelegenen Maleolap-Atoll wo der Rurik zunächst ins Innere des Atolls hineinfuhr und dann vor der Insel Tjan vor Anker ging. Ein weiterer Halt wurde bei der an der Südspitze gelegenen Insel Airik gemacht. Von dort konnte man schon das kleine Atoll von Aur sehen, das als nächstes angesteuert wurde. Vorher wurde noch der Insel Wolot (Chamisso: Olot) ein Besuch abgestattet. Ratak_bearbeitet-1Auf Aur machen sie die Bekanntschaft mit Kadu, der von den Marianen hierher verschlagen worden war und der sich gleich entschloss, als Gast auf dem Rurik mitzufahren. Zunächst ankerten sie vor Aur später vor Tabal (Chamisso: Tabual). Am 27. Februar verließ der Rurik das Auratoll und nahm Kurs nach Norden. Schon am nächsten Morgen kamen sie in die Nähe Ailuk-Atolls (Chamisso: Eilu). Znächst hielten sie sich einige Tage auf der im Süden des Atolls gelegenen Insel Ailuk auf, dann bis 12. März auf der ganz im Norden gelegenen Insel Kapen (Chamisso: Kapeniur). An diesem Tag fuhren sie weiter nach Norden bis zu den benachbarten Atollen Utirik und Taka (Chamisso: Udirik und Tegi) . Allerdings gelang es dem Rurik nicht, eine Einfahrt in das Utirik- Atoll zu finden. Dann ging es weiter Richtung Nordwesten.

Von den Marshallinseln zu den Aleuten (12.3. – 25.4.1817)
Auf der Fahrt nach Norden wird es schnell kälter. Am 12. April gerät die Rurik in einen gewaltigen Sturm, der sich in der Nacht auf den 13. zum Orkan steigert. Dabei wird das Schiff stark beschädigt, auch Matrosen werden verletzt und der Kapitän wird nach seinem eigenen Bericht „mit der Brust gegen eine Ecke geschleudert, leidet sehr heftige Schmerzen und muss einige Tage das Bett hüten“.marshall-unalaska-2

Von Unalaska zur St.Lorenz-Insel, Abbruch der Expedition und Rückkehr nach Unalaska (29.5. – 22.7.1817)
Die Fahrt führt bis zur St. Lorenz-Insel. Am 11. Juli stellt der Kapitän fest, dass sich von der Nordspitze der Insel nach Nordosten stehendes Eis erstreckt. Deshalb hält er es für unmöglich, die Expedition wie geplant fortzusetzen, zumal er sich auch in einem sehr schlechten Gesundheitszustand befindet und der Arzt ihm bescheinigt, dass die eisige Luft schlecht für sein Brustleiden sei. So gibt Kotzebue seiner Mannschaft an 12. Juli bekannt, dass die Expedition abgebrochen wird und man den Rückzug antritt. Chamisso ist sehr enttäuscht.unalska-st.lorenz

Auf Unalaska (22.UNALASKA-2_bearbeitet-17. – 18.8.1817)
Begleitet von zwei Alëuten und einem „Russenknaben“ bricht Adelbert am 1. August zu einer Exkursion auf, die ihn über einen Pass von Illiuliuk nach Makushin führt. .“Ich habe in meinem Leben keinen ermüdenderen Tagesmarsch gemacht …“(Chamisso, Reise um die Welt)

Von Unalaska nach Hawaii und Aufenthalt dort (18.8. – 14.10.1817)
Vom 7. bis zum 10. Oktober 1817 unternimmt Adelbert einen Ausflug zum westlichen Hang des großen Gebirgskamms, der die Insel Oahu von Südosten nach Nordwesten durchzieht.unalaska-hawaii2

Noch einmal von Hawaii zu den Marshallinsel (14.10 – 4.11.1817)
Der kurze Aufenthalt auf dem Wotje-Atoll wird zur Anlage von Gemüsegärten genutzt, den von den Bemühungen des letzten Jahres ist nicht viel übrig geblieben.hawaii-wotje

Von den Marshallinseln nach Guam (4.11. – 29.11.1817)
„Ein leichter Windzug … wehte uns vom schön bewaldeten Ufer Wohlgerüche zu, wie ich sie in der Nähe keines anderen Landes empfunden habe. Ein Garten der Wollust schien diese grüne, duftende Insel zu sein, aber sie war eine Wüste. Kein freudiges Volk belebte den Strand, kein Fahrzeug kam von der Islas de las velas latinas uns entgegen. Die römischen Missionare haben hier ihr Kreuz aufgeplanzt; dem sind 44.000 Menschen geopfert worden.“(Chamisso, Reise um die Welt)wotje-guam

Von Guam zu den Philippinen (29.11. – 18.12.1817)
Die Fahrt geht dann zunächst nach Norden und in das chinesische Meer. Am 10. Dezember umsegeln sie die Nordspitze von Luzon, der größten im Norden gelegenen Insel der Philippinen. Wegen ständigen Ostwindes haben sie Mühe, in die Bucht von Manila hinein zu gelangen.Chamisso unternimmt eine Reise zum Vulkan Taal.guam-philippinen_bearbeitet-1

Von Manila zur Sundastraße (29.1. – 14.2.1818)
Am 29. Januar 1818 läuft die Rurik aus der Bucht von Manila aus. In Begleitung des französischen Seglers Eglantine durchfahren sie bei günstigem Ostnordost-Wind das südchinesische Meer und queren am 8. Februar den Äquator Richtung Süden.Der Kapitän befürchtet einen Piratenangriff.philippinen-sundastr

Von der Sundastraße nach Kapstadt (14.2. – 8.4.1818)
Eine lange Reise durch den Indischen Ozean. Zunächst verfehlen sie bei Kapstadt den richtigen Ankerplatz, aber am 31. März finden sie ihn mithilfe eines Lotsen. Während des Aufenthaltes in Kapstadt besteigt Chamisso den Tafelberg.sundastr.kapstadt

Von Kapstadt nach Portsmouth (8.4. – 16.6.1818)
Ein beabsichtigter Besuch von St. Helena wird verweigert. Durch die Sargassosee vorbei an den Azoren geht es Richtung Europa.kapstadt-Portsmouth

Von Portsmouth nach St. Petersburg (30.6. – 3.8.1818)
Wegen ungünstigem Wind müssen sie in Kopenhagen eine Pause einlegen und darüber ist Adelbert nicht unglücklich, denn es gibt ihm Gelegenheit, alte Freunde wiederzusehen. Aber schon am 13. Juli geht die Reise weiter, am 23. erreichen Sie den Hafen von Reval (heuten Tallinn) und warten dort drei Tage auf den Grafen Krusenstern. Am 3. August 1818, gut drei Jahre nach dem Aufbruch, legt die Rurik in St. Petersburg an der Newa, direkt vor dem Hause des Grafen Romanzoff, an.portsmouth-petersburg

 Rezensionen

Gerhard Trommer, Natur und Landeskunde

Auf dem Einbanddeckel des Buches sind je zur Hälfte, links ein Aquarellausschnitt und rechts ein Fotoausschnitt zu sehen. Das Aquarell zeigt den Dichter Adalbert von
Chamisso stehend, mit Pfeife in der linken Hand seines angewinkelten Arms. Hinter
Chamisso ist das Meer mit fernem Horizont zu erkennen und, nur angedeutet, die Wedel einer Palme. Auf dem Gesicht des Dichters liegt ein freundlich staunender Blick. Die Designer des Einbanddeckels haben das Aquarell mit dem Blick Chamissos auf das Foto daneben so ausgerichtet, dass es schein, als blicke Chamisso auf Wilfried Probst, den Autor des Buches. Der sitzt am Strand mit dem Rücken zum Betrachter. Er hat vermutlich einen Skizzenblock auf den Knien und bearbeitet, wie es aussieht, ein Aquarell, auf dem eine Palme am Meerestrand zu erkennen ist. Vor dem Autor, im Mittelgrund des Fotos steht ein Rollstuhl am Strand im Schatten einer Palme. Dahinter erstreckt sich das Meer bis zum Horizont.
Der im Foto abgebildete Rollstuhl am Strand deutet die schwere Behinderung des
Autors an. Nicht nur dessen botanische und biologiedidaktische Exkursionsbücher
geben einen Hinweis darauf, dass der Autor gern draußen in der Natur unterwegs war und ist. Der Rezensent weiß es aus eigener Erfahrung. Die durch einen tragischen Autounfall verursachte Behinderung hat expedierendes Reisen in die ferne Welt nahezu unmöglich gemacht. Das hinderte aber den renommierten Botaniker, Biologen und reformfreudigen Professor für Biologie und deren Didaktik (Universität Flensburg) nicht daran, die 1815 begonnene Weltreise des Naturforschers und Dichters Adelbert von Chamisso in unnachahmlicher Akzentuiertheit und Vielfalt zu rekonstruieren. Dabei kommen nicht nur der tote Dichter und Naturforscher sowie Zeitzeugen zu Wort, sondern auch der Autor. Der sorgt mit sorgfältigen Recherchen und faszinierend interpretierten Einsichten dafür, dass der Leser die zweihundert Jahre, die zwischen der Weltreise Chamissos und unserer Zeit liegen, für sich ermessen kann. Die romantische Naturforschung Adelbert von Chamissos wurde in der viel beachteten Darstellung der Romantik durch Rüdiger Safranski (2007) nicht zur Kenntnis genommen. Vielleicht ist das sogar verständlich. Denn Safranski behandelt die Romantik als „deutsche Affäre“. Chamisso sagte aber von sich, dass er sich mal deutsch, dann aber auch mal französisch und zuweilen sogar einmal russisch fühlte. Seine Natur und Menschen verbindende Romantik ist von weltweiter Erfahrung und weltoffener Haltung geprägt. Chamisso kommentierte die Weltbetrachtung der Europäer und das darin ausgedrückte Überlegenheitsgefühl kritisch. Er argumentierte dagegen zugunsten der nicht europäisch geprägten Kulturen und den sie lebenden Menschen feinfühlig. Es ist ein großes Verdienst dieses Buches, darauf anhand von Zitaten und Gedichten des Naturforschers und Dichters zurückzukommen.
Willfried Probst hat sich seit Jahrzehnten mit dem Naturforscher, Botaniker und Dichter Chamisso beschäftigt. Er fühlt sich mit dessen Geschichte sowohl menschlich als auch botanisch eng verbunden. Chamisso sind nicht nur Beiträge zu großen Sammlungen, umfangreiche Herbarien und Erstbeschreibungen gelungen, sondern auch, zusammen mit Eschscholtz, die Entdeckung des Generationswechsels. Selbstironisch vermerkte der Poet Chamisso zum Herbarisieren in einem Gedicht „Ich pflückte Blumen und sammelte
nur Heu“ (S.13).

Das Buch ist eine Reisebegleitung der Forschungsreise Chamissos rund um die Welt. Die Kapitelfolge ist chronologisch angelegt. Der Leser reist auf den Spuren Chamissos von Berlin nach Kopenhagen. Dort geht Chamisso an Bord der russischen Brigg Rurik. Er ist wissenschaftlicher Begleiter der russischen Expedition, die ihn zusammen mit dem Arzt Dr. Eschscholtz unter dem Kapitän Otto von Kotzebue über den Atlantik und das Kap Hoorn in den Pazifik führte und von dort über pazifische Inselarchipele bis zur Beringstraße. Der Expedition sollte die Nordwestpassage erkunden. Aber ihr werden vom arktischen Eis und der Erkrankung des Kapitäns Kotzebue Grenzen gesetzt. Der Kapitän kehrte um, führte das Schiff nach Hawaii und danach zu den Marshallinseln und von dort über Südostasien. den Indischen Ozean und das Kap der guten Hoffnung zurück
nach Europa.
Aber der Leser reist nicht nur mit Chamisso, sondern auch mit dem Autor. Denn es sind nicht nur die schwierigen, sehr beengten Bedingungen der Reise an Bord des kleinen russischen Zweimasters und die mangelnde Anerkennung des Kapitäns und seiner Besatzung gegenüber Chamissos Forschungsaktivität. Es sind auch nicht nur die Abenteuer, Entdeckungen und Gefühle Chamissos auf dieser Reise, die exemplarisch mitgeteilt und einfühlsam interpretiert werden, immer von Quellentexten unterlegt. Sondern es sind immer auch die bis zur Gegenwart zu dieser Reise mit ins Spiel gebrachten, sorgfältig recherchierten politisch-historischen und ökologischen Tatsachen, die diese Weltreise im Zeitraum von 200 Jahren bespiegeln und damit für unser globales Bewusstsein informativ und aktuell gestalten. Wenn vom verschwundenen Wald der Osterinseln die Rede ist oder von der Eroberungsgeschichte Hawais, dann führt der Autor daran dem Leser Entwicklungen vor Augen, die bis in unsere Zeit reichen. Bei den Atollen der Marshallinseln etwa machen die von den USA unternommenen Atom und Wasserstoffbombentests betroffen und auf Guam die Inselverwüstungen. der Völkermord und die Ausrottung der einheimischen Vogelwelt durch die Braune Nachtbaumnatter (Boiga irregularis). Zur berüchtigten Nervenkrankheit auf Guam erhält der Leser Erklärungen durch molekularbiologische Forschungsergebnisse.
Der Leser kann sich zu jeder Zeit über eine vom Verfasser gezeichnete Skizze im Anhang einen Überblick über Chamissos Weltreise verschaffen. Aber damit ist es nicht genug. Der Leser wird immer auch vom Autor animiert über Google Earth an die Orte der Weltreise Chamissos zu fliegen, um sich dort ein eigenes Bild vom gegenwartsnahen Zustand zu machen. Das Buch ist dadurch auch ein Weltreiseführer, neben dem ein Computer liegen sollte.
Die Rekonstruktion der Weltreise Chamissos beschließt der Autor mit einem
nachdenklichen Blick in die Zukunft. Der Klimachemiker und Nobelpreisträger Paul
Crutzen hat uns ein neues Zeitalter vorgeschlagen. Es wird durch den Klimawandel
geprägt, der durch das Verbrennen fossiler Energieträger zu Beginn der Industriellen Revolution eingeleitet wurde. Das neue geoepochale Zeitalter bezeichnet Crutzen als .Anthropozän“ (Menschenzeit). Der Autor schildert wie Chamisso den Beginn der Industriellen Revolution erlebte und damit voller Zuversicht in die Zukunft schaut. Chamisso ist daher, obgleich Romantiker, kein Fortschrittsfeind. Chamisso steht am Anfang des sog. Anthropozäns, von dem wir heute nicht mehr wissen, ob wir Menschen es überleben werden oder ob es sich vielleicht sogar auf Nachbarplaneten ausdehnen lässt.

Konrad Stolz (bei Amazon):

Chamissos Weltreise liegt zwar 200 Jahre zurück, sie erscheint jedoch mit vielen interessanten historischen, kulurellen und naturwissenschaftlichen Aspekten und überraschenden Bezügen zur Gegenwart in völlig neuem Licht. Trotz der vielen sorgfältig recherchierten Details ist das Buch leicht zu lesen und macht Lust, die eine oder andere Station von Chamissos Weltreise selbst zu bereisen.

Jobst Thürauf:

Chamisso auf Weltreise – digitalisiert in Print-Version
Mit dem unterhaltsam geschriebenen Taschenbuch (242 Seiten, 1 Landkarte, 5 farbige Aquarelle, 45 Literaturangaben, zahlreiche Links) kann man (Dank der präzisen Angaben) „Chamissos Reise mit der >RURIK< zu Hause am PC in wenigen Stunden nachvollziehen, ich kann mir die Reiseziele aus der Luft und vom Boden aus anschauen und mich über die Länder und selbst über entlegenste Inseln relativ umfassend informieren.“ (Zitat Seite 209).
Die vom Rezensenten geprüften Links waren allesamt zielführend.

Gesamturteil für dieses Qualitätsprodukt aus Baden-Württemberg:
Rechteckig (20*13 cm, 300 g) – Praktisch (kostengünstige, kulturträchtige Weltreise) – Gut (etwaige Bildungslücken füllt der Autor/Professor charmant auf). Ein ideales Weihnachtsgeschenk für 14,80 €.

Anmerkung: „Chamisso war ein sehr fleißiger Briefeschreiber, die Kommunikation mit seinen Bekannten und Freunden war ihm äußerst wichtig.“ (Zitat Seite 210). Hier erscheint der Hinweis auf das Chamisso-Nachlass-Digitalisat angebracht ( http://digital.staatsbibliothek-berlin.de/werkansicht/?PPN=PPN769830056 ) – eine Anregung für (nicht nur) den akademischen Nachwuchs.

Barbara Dulitz, Unterricht Biologie:

Der Palme luft’ge Krone. Mit Chamisso auf Weltreise.
Adelbert von Chamisso war nicht nur ein deutsch-französischer Dichter, sondern auch ein Naturforscher – und ein großer Palmenfreund. Vor rund 200 Jahren segelte er auf der russischen Brigg Rurik um die Welt. In dieser Zeit sammelte Chamisso viele Tier- und Pflanzenarten. entdeckte den Generationenwechsel der Salpen (s. UD 381, S. 10ff) und führte ethnologische und sprachkundliche Studien durch. Der Autor dieses Buches zeichnet ein anschauliches, lebendiges Bild von Chamissos
Reise und folgt ihm mit Hilfe von Google Earth zu den einzelnen Stationen rund um die Welt. Dabei wirft er einen Blick auf das, was an diesen Orten vor Chamissos Ankunft und was in den Jahren nach ihm bis heute geschehen ist. Das Buch verknüpft Informationen zur Geschichte und naturkundlichen Forschung zu einer unterhaltsamen Lektüre – Infotainment im besten Sinne!

 Norbert Grotjohann, Praxisder Naturwissenschaften,Biologie:

Bereits 20 Jahre vor Darwins Weltreisen nahm der französische Dichter und Naturforscher Chamisso an einer russischen Forschungsexpedition an Bord einer Zweimastbrigg teil. Ziel war es, geografische und naturkundliche Erkenntnisse aus dem pazifischen Raum zu gewinnen und nicht zuletzt, neben politischen Motiven seiner Zeit, eine shortcut-Passage von Europa nach Ostasien zu finden. Chamisso hat auf seinen Reisen mehrere Tausend Pflanzen- und Tierarten gesammelt und in seinen Werken beschrieben, zugleich konnte er aber auch aufgrund seiner außergewöhnlichen literarischen Fähigkeiten sprachkundliche und ethnologische Untersuchungen durchführen.
Der Autor Wilfried Probst, selbst an den Rollstuhl gefesselt, beschreibt spannend und mit faszinierender Präzision alle Facetten der von 1815 – 1818 durchgeführte Expedition, die er selbst über Google Earth nachvollzieht. Die historischen Veränderungen der einzelnen Stationen der Reise über die letzten 200 Jahre werden herausgearbeitet, wobei Chamissos Sicht der gegenwärtigen Situation gegenübergestellt wird. Das Buch ist daher weit mehr als nur ein Reisebericht, sondern auch eine aktuelle Informationsquelle zur Geschichte und Entwicklung der bereisten Regionen. Durch Einbindung von Versen des beliebtesten deutschen Dichters des 19. bis 20. Jahrhunderts und durch originale Textpassagen des Expeditionsberichtes gelingt es dem Autor, den Leser an der spannenden Reise des Chamisso aktiv teilhaben zu lassen. In den Ausführungen wird die gemeinsame Begeisterung von Autor und Dichter für die Natur, für die bereisten Landschaften und für die dort angetroffenen Menschen, wie bereits im Titel erkennbar, deutlich.
Ohne Zweifel ist dieses Buch eine spannende Lektüre nicht nur für Biologen und Naturinteressiert.

Handicapped-Kurier:

„Der Palme luft’ge Krone“ ist ein ganz besonderer Reisebericht. Der querschnittsgelähmte Autor Wilfried Probst erzählt die Weltreise des Naturforschers und Dichters Adelbert von Chamisso Anfang des 19. Jahrhunderts nach. So kommt der Autor gedanklich und auch mithilfe moderner Digitaltechnik wie Google Earth selbst an all die exotischen Orte im Polynesien, Südamerika oder der Awatschabucht im ostasiatischen Russland, die er als Rollstuhlfahrer nur mit erheblichem Aufwand bereisen könnte. Bei diesem Abenteuer nimmt er seine Leser mit auf die literarische Reise. Ergänzt werden die plastischen und detailreichen Erzählungen der einzelnen Etappen mit zahlreichen geschichtlichen und aktuellen Informationen. So ergibt sich ein rundum gelungenes Lesevergnügen, das die kühne Forschungsexpedition von vor 200 Jahren lebendig werden lässt. Am Ende bleibt der Leser mit ein wenig Fernweh, aber wunderbar zu dem auf beste Weise lehrreich unterhalten zurück.

Reinhardt Rüdel, Reha-Treff:

aus Reha-Treff, 1/2015

aus Reha-Treff, 1/2015