Vom Mitgefühl zum Menschenrecht
Besondere Empathiefähigkeit gilt als ein Merkmal, das den Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet. Auch andere Lebewesen sind empathiefähig, das haben viele verhaltenskundiche Studien bewiesen, aber sie können dieses Mitgefühl nicht in gleicher Weise reflektieren, abstrahieren, kognitiv verarbeiteten und moralisch begründen. Schon bei unseren tierischen Vorfahren hat sich – sicher vor mehr als 100 Millionen Jahren – Empathiefähigkeit entwickelt. Emotionale Resonanz entsteht aus mütterlicher Fürsorge, aus ansteckender Angst beim Fliehen vor Gefahren und beim Stressempfinden angesichts der Schmerzreaktionen eines anderen (Spiegelneuronen). Daraus entwickelte sich die Fähigkeit, anderen zu helfen und andere zu trösten. Menschen können sich aber nicht nur vorstellen, was andere fühlen, sondern auch, was sie denken. Durch die Sprache wurde Empathie schließlich zu einem kulturellen Werkzeug, aus dem sich ein moralisches System entwickeln konnte. Dieses moralische System war die Grundlage für die Formulierung von Menschenrechten. Zunächst bezogen sie sich nur auf eine Gruppe, die dann allmählich erweitert wurde. In der Fassung der Vereinten Nationen von 1948 umfassen sie die ganze Menschheit (UDHR 1948):„Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz“
Schon früh wurden auch Tierrechte formuliert. Während der Tierschutz die Nutzung einschließlich der Tötung von Tieren akzeptiert, wenn dabei das Leiden der Tiere minimiert wird, bedeuten typische Tierrechte Recht auf Leben, Recht auf körperliche Unversehrtheit und Recht auf Freiheit (zum Beispiel keine Käfighaltung). Dahinter usteht der Gedanke, dass Tiere nicht Eigentum von Menschen sind, sondern Lebewesen mit eigenen Interessen und daraus ableitbaren Rechten (Singer 1996). Die ethische Begründung für Tierschutz wie auch für Tierrechte ist die Schmerzempfindlichkeit der Tiere (Pathozentrismus). Als Voraussetzung für das bewusste Schmerzempfinden, das schmerzbedingtes Leiden verursacht, wird ein zentrales Nervensystem angenommen. Auf dieser Grundlage beruht auch die Anästhesie, die durch Einwirkung auf das Nervensystem reversible Schmerzunempfindlichkeit bewirkt. Man geht deshalb davon aus, dass dieses Leiden umso geringer ausgeprägt ist, je einfacher das Nervensystem ausgebildet ist. Das Verspeisen von Insekten wird deshalb als moralisch eher zu rechtfertigende Alternative zum Verspeisen von Säugetieren und Vögeln angesehen.Pflanzen sind da, um gefressen zu werden.
Da Pflanzen kein Nervensystem haben, wird deshalb angenommen, dass sie auch keine Schmerzen empfinden können, dass Rasenmähen und Heckenschneiden den Pflanzen keine Leiden verursacht. Die moralische Begründung des Veganismus beruht auf dieser Schmerzunempfindlichkeit der Pflanzen und ihrer Rolle als Primärproduzenten: Pflanzen sind da, um gefressen zu werden.
Biozentrismus statt Anthropozentrismus?
Darum geht es auch in dem zu Beginn zitierten Text aus dem bekannten Gedicht und Lied von Alexandra Kluge. Der gewaltsame Tod des Baumes erregt unser Mitgefühl. Dabei werden dem Baum allerdings menschliche Gefühle und Gedanken zugeschrieben, die nach wissenschaftlichen Erkenntnissen so vermutlich nicht existieren. Es ist bis heute ein Ziel des Biologieunterrichtes, einer solchen vermenschlichenden Sicht von Lebewesen entgegenzuwirken, „Anthropomorphismen“ zu vermeiden. Aber besteht nicht die Gefahr, hier das Kind mit dem Bade auszuschütten? Vielleicht können sich Pflanzen nicht in gleicher Weise wohl fühlen wie Tiere, zum Beispiel wie eine gestreichelte Katze, die sich schnurrend auf den Rücken dreht. Aber jedem, der Pflanzen pflegt und kultiviert, ist klar, dass allein das Aussehen eines Pflanzenindividuums etwas darüber aussagt, ob es dieser Pflanze gut geht oder nicht. Daraus kann man ableiten, dass auch Pflanzen das Recht – wenn nicht auf ein „glückliches“ – so doch auf ein für ihre Umstände möglichst gedeihliches Leben haben. Störende Eingriffe in dieses Leben, sollten deshalb hinterfragt, ihr Ausmaß und ihre Notwendigkeit sollten moralisch begründet werden. Ein Beispiel für die rechtliche Annäherung an Pflanzenrechte findet sich in der Schweizerischen Bundesverfassung von 1992. Eine Eidgenössische Ethikkommission kam zu dem Schluss, dass Pflanzen nicht völlig willkürlich behandelt werden dürfen. Sie dürfen nicht grundlos beschädigt oder getötet werden. Allerdings stehen diese Regelungen rechtlich weit unter dem Schutz von Wirbeltieren. Folgerichtig gibt es mittlerweile auch eine Pflanzenethik (z. B. z. B. z. B. Kallhoff 2002). Sie geht davon aus, dass der moralische Wert einer Pflanze auch über ihr Gedeihen bestimmt werden kann. Mit „Gedeihen“ ist nicht allein Wachstum gemeint, sondern „gutes Leben“ der Pflanze mit allen dazu gehörenden Prozessen und einem daraus folgenden Zustand der Stärke und Vitalität. Es gibt Einflüsse, die sich positiv auf Wachstum und Entfaltung auswirken und insofern zum „guten Leben“ einer Pflanze beitragen. Diese Faktoren betreffen Umwelt- bzw. Anbaubedingungen aber auch genetische einschließlich /gentechnischer Veränderungen.Eine Zukunftscharta aus Pflanzensicht?
Pflanzen haben aber auch als „grüner Pelz“ (Probst 2020) eine entscheidende Bedeutung für den „Bioplaneten“ Erde (Kattmann 1991). Sie binden die Sonnenenergie und ermöglichen so den für das Leben und alle Ökosysteme notwendigen Energiefluss. Auf dieser Schiene argumentiert Stefano Mancuso in seinem Buch „Die Pflanzen und ihre Rechte“. In diesem Werk, das den Originaltitel ,,Le nazione delle pianti“ trägt, wird in acht Artikeln die Verfassung einer „Nation der Pflanzen“ vorgetragen, die als Vorbild für eine gerechte und zukunftsfähige Welt dienen könnte. Diese Charta aus Sicht der Pflanzen soll, so die Hoffnung des Autors, die Zukunft unseres Planeten sichernaber machtaber machtaber macht.Mancuso, Stefano. Die Pflanzen und ihre Rechte: Eine Charta zur Erhaltung unserer Natur (S.11). Klett-Cotta. Kindle-Version.
Artikel 1 Die Erde ist die gemeinsame Heimat allen Lebens. Die Macht gehört allen Lebewesen.
Artikel 2 Die Nation der Pflanzen garantiert die unveräußerlichen Rechte der natürlichen Gemeinschaften und erkennt sie als Gesellschaften an, die auf den Beziehungen zwischen den Organismen basieren, aus denen sie sich zusammensetzen.
Artikel 3 Die Nation der Pflanzen erkennt die tierischen Hierarchien mit ihren Kommandozentren und konzentrierten Funktionen nicht an, sondern unterstützt dezentrale Pflanzendemokratien mit verteilten Funktionen.
Artikel 4 Die Nation der Pflanzen respektiert die universellen Rechte aller gegenwärtigen und zukünftigen Lebewesen.
Artikel 5 Die Nation der Pflanzen garantiert das Recht auf sauberes Wasser, sauberen Boden und saubere Luft.
Artikel 6 Der Verbrauch nicht regenerierbarer Ressourcen auf Kosten kommender Generationen von Lebewesen ist untersagt.
Artikel 7 Die Nation der Pflanzen hat keine Grenzen. Jedes Lebewesen ist frei, ohne Einschränkung zu reisen, zu leben und sich zu bewegen.
Artikel 8 Die Nation der Pflanzen unterstützt die gegenseitige Hilfe natürlicher Gemeinschaften von Lebewesen und erkennt sie als Mittel des Zusammenlebens und des Fortschritts an.
Verantwortung für den Bioplaneten
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Unsere kognitiven Fähigkeiten und die sich daraus entwickelnde Wissenschaft haben uns zu Kenntnissen über das Beziehungsgefüge und die Wechselwirkungen der Ökosysteme des ganzen Bioplaneten verholfen. Die Art Homo sapiens hat dadurch eine dominierende Rolle auf dem Planeten gewonnen. Wissen ist Macht. Aber Macht bedeutet nach unseren moralischen Vorstellungen immer auch Verantwortung. Das heißt, aus diesen Kenntnissen und Fähigkeiten erwächst auch eine Verantwortung für das ganze System (Ökozentrismus). Es ist deshalb durchaus angebracht, neben Menschenrechten und Tierrechten auch Pflanzenrechte in moralische Überlegungen einzubeziehenEinige Beeine eine größere Rolle spielen als bisher geplantispiele
Streit u m Bäumeeine eine größere Rolle spielen als bisher geplant
Vor dem Staatstheater in Karlsruhe sollen Bäume gefällt werden, um Platz für Sanierungsarbeiten zu haben. Dagegen protesti eren „Klima-Aktivisten“ und sie besetzten die Bäume, um ihren Erhalt zu sichern. Sie begründen ihre Aktion damit, dass der Schutz alter Bäume eine wichtige Rolle im Kampf gegen den Klimawandel spiele. In der Bevölkerung findet diese Aktion breite Unterstützun. Viele Bewohner sehen in den alten Bäumen am Staatstheater eine wichtiges Stück Natur in der Stadt, das unbedingt erhalten werden sollte. In Gesprächen zwischen Stadtverwaltung und Aktivisten gelinkt es, einen Kompromiss zu finden. So soll der Baumschutz in Karlsruhe übergreifend durch eine neue Satzung gefördert werden, bei der Renovierung des Staatstheaters sollen bauliche Maßnahmen zur Förderung der Klimaneutralitäteine eine größere Rolle spielen als bisher geplant, zum Beispiel Fassaden- und Dachbegrünungen, Gerade dieser Schutz von Bäumen in Städten findet oft eine große Zustimmung. Neben der Bedeutung der Bäume für die Verbesserung oder Erhaltung des Klimas und unmittelbar entstehender Vorteile, welche schattige Plätze unter schönen alten Bäumen der Bevölkerung bieten, spielten allerdings Argumente aus der Sicht der Baumindividuen – Recht auf ein langes gutes Gedeihen – keine Rolle. Auch in vielen anderen Fällen in den gegen Fällung von Bäumen oder ganzen Waldstücken protestiert wurde, traten bisher solche, das Lebensrecht der Pflanzen betreffende Argumente– im Gegensatz zu dem Lied von Alexandra Kluge – in den Hintergrund.Mähfreier Mai……
Die Aktion des „Mähfreien Mais“ wurde 2019 in Großbritannien unter dem Namen„No Mow May“ von der britischen Naturschutzorganisation Plantlife ins Leben gerufen. Schon 2020 wurde die. Aktion in den Vereinigten Staaten verbreitet. Im deutschsprachigen.Raum wurde sie vor allem durch die Deutsche Gart.enbau-Gesellschaft (DGG) und verschiedene Naturschutzverbänd.e verbreitet.. Vor allem folgende Argumente sprechen dafür, Rasenmäher, Elektrosensen, Freischneider und Rasenscheren den ganzen Mai ungenutzt im Keller oder Schuppen zu lassen (NABU): – Die Biodiversität von Pflanzen und Tieren wird nachweislich erhöht. – Insekten und damit indirekt auchVögel finden mehr Nahrung. – Vor allem Finkenvögel profitieren von den produzierten Pflanzensamen. – Weniger mähen bedeutet weniger Arbeit. – Ein Aufenthalt in möglichst vielfältiger Natur ist gesund. – Wer weniger mäht, ist glücklicher. Das sind einmal Ökosystem-relevante Argumente (Förderung der Biodiversi/t/ät von Primärproduzenten und damit indirekt auch von allen anderen Arten und Wechselbeziehungen). Neben den daraus sich für den Menschen ergebenden verbesserten Ökosystemdienstleistungen beziehen sich andere Argumente noch auf Gesundheit und Wohlfühlen der Menschen. (Weniger Arbeit, Förderung der Gesundheit …). Man könnte sich aber auch Argumente aus der Sicht der Pflanzen überlegen. Die Bildung von Blüten und Früchten gehört zum natürlichen Lebensablauf einer Pflanze, der durch das mähen unterbrochen wird. Für manche Pflanzenarten – wie Gänseblümchen und Weiß-Klee kann das wachsen lassen aber auch einen Nachteil bedeuten,.da sie durch die Konkurrenz der höher wachsenden Pflanzen zurückgedrängt werden.Ritzen und Fugen
Verschnitten und verstümmelt
