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10.07.1985 – ein Datum, an das man sich erinnern sollte

Vor 40 Jahren – am 10. Juli 1985 – explodieren im Hafen von Auckland zwei vom französischen Geheimdienst an dem Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior angebrachte Bomben. Das Schiff ging unter und an Bord starb der Fotograf Fernando Pereira.

Überblick über die südpazifischen Inselgruppen

Nuclear free Pacific

Mit der Rainbow Warrior I kämpfte Greenpeace von 1978 bis 1985 einmal gegen die Jagd auf Robben und Wale, zum andern aber auch gegen Kerwaffentests, vor allem um einen nuklearwaffenfreien Pazifik ((„Nucleaer free Pacific“). Nachdem die Amerikaner ihre 1946 begonnenen Kerwaffentests auf den Marshall-Inseln 1958 eingestellt hatten, begannen die Franzosen 1966 mit ihren Atombombentests auf dem zu Französisch-Polynesien gehörenden unbewohnten Mururoa-Atoll .Die Rainbow Warrior und der Fotograf Pereira waren Opfer des Protestes gegen diese todbringenden Versuche in einem von Europäern oft als „Paradies“ angesehenen Teil der Erde. Die französische Geheimdienstaktion rüttelte die Weltöffentlichkeit auf und die Proteste verstärken sich. Trotzdem führte Frankreich seine Versuche bis 1996 fort. Bis heute ist das Atoll militärisches Sperrgebiet, große Mengen Atommüll lagern in 140 Bohrschächten. Frankreich zahlte zwar eine gewisse Entschädigung an gesundheitlich betroffene Bewohner in Französisch Polynesien, doch wurde der ursächliche Zusammenhang der hohen Raten an Krebserkrankungen mit den Atombombentests bis heute nicht offiziell anerkannt. Die Bevölkerung Französisch Polynesiens wurde von Frankreich genauso wenig über die Gefährlichkeit und die gesundheitlichen Folgen der Atomtests aufgeklärt, wie 20 Jahre zuvordie Bevölkerung der Marshall-Inseln von den US-Amerikanern (vgl. „50 Jahre nach der ersten Bombe“)

Castle Bravo Explosion– so könnte es am 1. März 1954 von Rongelap aus ausgesehen haben

Am 1. März 1954 wurde von den Amerikanern die größte jemals getestete Kernwaffe, die Wasserstoffbombe Castle Bravo mit der tausendfachen Sprengkraft der Hiroshima Bombe, auf dem Bikini-Atoll zur Explosion gebracht. Auf dem von Bikini nur 150 km entfernten Rongelap gingen große Mengen radioaktiven Staubes nieder. Drei Tage nach der Explosion wurden die Bewohner von US-Soldaten auf eine einige 100 km weiter entfernte Insel evakuiert. Doch schon 1957 ließ die US-Regierung die Bewohner wieder auf die immer noch stark verseuchte Insel zurückkehren. Später erfuhr man, dass die Bewohner als eine Art Versuchskaninchen gelnutzt werden sollten, an denen man die langfristigen Auswirkung von radioaktiver Strahlung aus der Umwelt auf den Menschen testen wollte. Relativ schnell stellte sich heraus, dass die Bewohner von Rongelap unter vielen Gesundheitsschäden zu leiden hatten und zu Beginn der 1980er Jahren baten sie die US-Regierung, unter deren Verwaltung sie standen, Immer dringender um erneute Evakuierung. Da die US-Regierung sich weigerte, schickte Greenpeace ihr Schiff Rainbow Warrior und transportierte 350 Einwohner in mehreren Fahrten von Rongelap auf die weit weniger verseuchte Insel Mejatto im Kwajelin-Atoll. Dann nahm das Greenpeace-Schiff Kurs nach Süden, um über Neuseeland bis zum Mururoa-Atoll zu gelangen und dort gegen französische Atombombentests zu protestieren. Doch das verhinderte der französische Geheimdienst mit dem tödlichen Attentat (vgl. „Als die Sonne zweimal aufging„)

Karte der Marschallinseln (nach Wikipedia, ergänzt)

Ein verlorenes Paradies?

„Nirgends ist der Himmel schöner, die Temperatur gleichmäßiger …“ beschrieb Adelbert von Chamisso die Marschallinseln in der Beschreibung seiner Weltreise mit dem russischen Expeditionsschiff Rurik unter Kapitän Kotzebue. Die Expedition erreichte die Marshall-Inseln am 1. Januar 1817 und hielt sich dort zwei Monate auf und Chamisso fasste in dieser Zeit ein besonderes Zutrauen zu der Bevölkerung: „Wir wurden Freunde rückhaltlos. Ich fand bei ihnen reine, unverderbte Sitten, Anmut, Zierlichkeit und die holde Blüte der Schamhaftigkeit…

Die Marshallinseln sind seit 1986 ein unabhängiger Staat und Mitglied der UNO, sie nennen sich auf mikronesisch Aolepān Aorōkin M̧ajeļ. Allerdings sind sie wirtschaftlich sehr stark von den USA abhängig. Die Inselwährung ist der amerikanische Dollar.

Die Inselgruppe besteht aus zwei parallelen Ketten von Atollen und Koralleninseln, der östlichen Ratak-Kette, auch Sonnenaufgangskette genannt, und der westlichen Ralik-Kette, die entsprechend auch Sonnenuntergangskette genannt wird. Insgesamt haben die Marshallinseln heute etwa 40 000 Einwohner. Zwei Drittel der Bevölkerung leben auf Ebeye, der größten Insel des Kwajalein-Atolls, und auf dem Majuro-Atoll. Viele der kleinen Inseln und Inselchen sind unbewohnt. Sie sind auf einer Meeresfläche von mehr als 2 Mio. km2 verteilt, aber die Landfläche beträgt nur 181 km² und liegt im Mittel nur etwa 2 m über dem Meeresspiegel. Der steigende Meeresspiegel wird dazu führen, dass bald viele Inseln nicht mehr bewohnbar sein werden.

Die Inseln wurden wohl schon im zweiten Jahrtausend v. Chr. vom Westen,aus besiedelt, und viele Jahrhunderte lebten die Insulaner auf ihrem weit verstreuten Inselreich für sich wie in einer eigenen Welt – sicherlich nicht nur in paradiesischem Frieden, aber doch in ziemlich sicheren Verhältnissen. Als erste Europäer kamen spanische Entdeckungsreisende auf die Inseln, 1526 Alonso de Salazar und 1529 Alvaro de Saavedra. Sie beanspruchten ihre Entdeckung nicht für die spanische Krone, vermutlich, weil ihnen die Ausbeutung eventueller Naturschätze nicht lohnend erschien. In den folgenden zwei Jahrhunderten wurden die Inseln zwar immer wieder von Expeditionsschiffen besucht, allerdings bei weitem nicht so oft, wie die Sandwichinseln (Hawai). Ihr heutiger Name geht auf den Besuch eines englischen Expeditionsschiffs unter Kapitän John Marshall zurück, das dort 1788 anlandete. Die Romanzoff’sche Expedition unter Otto von Kotzebue, an der Adelbert von Chamisso als Naturforscher beteiligt war, nahm als erste gründlichere kartografische, naturkundliche  und ethnografische Studien vor. Doch auch die russische Expedition verzichtete darauf, daraus Besitzansprüche für die russische Krone abzuleiten.

Ende des 19. Jahrhunderts wurden die letzten noch „freien“ Teile der Erde unter den Kolonialmächten aufgeteilt. Das unter preußischer Führung neu begründete Deutsche Reich bemühte sich, von diesem Restkuchen noch einen möglichst großen Teil für sich zu retten. Nachdem 1885 eine deutsche Handelsgesellschaft auf den Inseln errichtet worden war, beanspruchte Deutschland 1886 auch die Hoheitsrechte. 1906 wurden die Marshallinseln offizieller Teil der Kolonie Deutsch-Neuguinea.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs  wurden die Inseln aber schon1914 von Japanern besetzt und nach dem Ersten Weltkrieg erhielten diese ein offizielles Mandat des Völkerbundes. Am 31. Januar 1944, im Zweiten Weltkrieg, wurde Kwajalein wegen seiner strategisch wichtigen Lage von den USA in blutiger Seeschlacht erobert. Schnell folgten die anderen Marschallinseln und auf Majuro wurde eine amerikanische Militärbasis eingerichtet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Inseln den USA von den Vereinten Nationen als Treuhandgebiet zugesprochen und dies wurde ihnen zum Verhängnis: Von 1946 bis 1958 nutzten die USA vorwiegend das Bikini-Atoll zu insgesamt 67 Atom- und Wasserstoffbombentests. Über 42.000 Techniker, Wissenschaftler und Militärs waren zeitweilig auf Bikini stationiert und um die Folgen der Tests zu studieren wurden nicht nur alte, vor allem eroberte japanische, Kriegsschiffe in das Versuchsgelände geschafft, sondern auch 5400 Versuchstiere – Ratten, Ziegen und Schweine – auf der Insel ausgesetzt. Am 1.März 1954, 18:45 Uhr, wurde die Wasserstoffbombe Bravo auf der Namo-Insel des Bikiniatollsl zur Explosion gebracht. Mit 15 Mt Sprengkraft war sie die stärkste je gezündete Wasserstoffbombe.

Die Bewohner von Bikini wurden zunächst auf das Rongerik- Atoll umgesiedelt, einer Inselgruppe, die bis dahin wegen der geringen Möglichkeiten, Nahrung und Trinkwasser zu beschaffen, als unbewohnbar galt. Die zur Verfügung gestellten Vorräte reichten nur wenige Wochen. Als die Unterernährung der Evakuierten offensichtlich wurde, verfrachtete man sie zuerst nach Kwajalein, dann auf das entlegene Kili-Atoll. 1968 sollten die Vertriebenen wieder auf ihre Heimatsinsel Bikini zurückkehren können. Doch zu Beginn der 1970er Jahre stellte man eine nach wie vor sehr hohe Radioaktivität fest, was nach heutigen Kenntnissen eigentlich zu erwarten gewesen war. Trinkwasser und Früchte der Insel stellten sich als vollständig verseucht und für den menschlichen Genuss nicht geeignet heraus, weshalb die Bewohner zunächst von außen versorgt wurden. 1978 wurde das Atoll erneut evakuiert und bis heute ist die Rückkehr gefährlich. Die Frage der Entschädigung ist bis heute nicht abschließend geklärt, auch wenn von den Vereinigten Staaten einige Zahlungen geleistet wurden.

Mit „Bikini“ bezeichnet man seit 1946 auch eine textilarme Badekleidung für Frauen, deren Name sich pikanterweise tatsächlich vom Bikiniatoll ableitet: Der Modedesigner Louis Réard benannte das wenig deckende Kleidungsstück so, nachdem die ersten Atombomben auf Bikini gezündet worden waren. Er meinte, es sei eine „an-atomic bomb„.

Gerechtigkeit und Zukunftsaussichten

Nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs sollten die Atombomben im Besitz der Vereinigten Staaten garantieren, dass es nie wieder Krieg gibt. Nachdem auch die Sowjetunion zur Atommacht geworden war, sollte eine möglichst starke amerikanische Atommacht die Menschheit vor den Gefahren des Kommunismus schützen. So gesehenwürden diese Versuche im Pazifik dem Wohle der ganzen Menschheit dienen (vgl. hierzu das Russell-Einstein-Manifest). Dies schien das Opfer der vergleichsweise wenigen Menschen auf den kleinen Atollen des Südpazifiks, obwohl sie weder am Zweiten Weltkrieg noch am kalten Krieg irgendeine Schuld hatten, trotzdem zu rechtfertigen. .

Auch an der Klimaerwärmung haben die Bewohner;innen der südpazifischen Inseln so gut wie keine Schuld. Trotzdem sieht es so aus, als wären sie zunächst die Hauptbetroffenen, sind doch ihre Wohnorte buchstäblich dem Untergang geweiht. Dabei geht es natürlich zunächst einmal ganz direkt um den Anstieg des Meeresspiegels und die damit immer größer werdende Überflutungsgefahr. Aber die Erwärmung der Meere erhört auch die Gefahr gewaltiger Taifune und sie schränkt das Wachstum der Riffe durch Schädigung der riffbildenden Korallen ein. Sie können dem steigenden Meeresspiegel also nicht mehr nachwachsen.

Auch der derzeit für die Inselstaaten wichtige Tourismus erleidet jetzt schon erste Einbußen. Einige der Staaten versprechen sich eine Alternative in der zunehmenden Nutzung der Tiefseeböden als Rohstofflieferanten. Dabei geht es vor allem um die Gewinnung von Manganknollen. Sie bestehen vorwiegend aus Mangan und Eisen, enthalten aber auch weitere wertvolle Metalle wie Kupfer, Kobalt Nickel und sie werden vor allem in Tiefen zwischen 3000 und 6000 m gefunden und sind besonders häufig im Südpazifik. Weitere Rohstoffquellen können die sogenannten Kobaltkrusten und die Schwarzen Raucher sein. Letztere findet man am Rande der Kontinentalplatten. Die Ausbeutung erfordert hohe Investitionen, die sich die Inselstaaten des Pazifiks nicht leisten können. Sie müssen deshalb Konzessionen an Investoren verkaufen. Die Gefahr ist nicht zu unterschätzen, dass die heutigen Bewohner:innen zum großen Teil nicht davon profitieren und außerdem durch die Umweltveränderungen ihrer ursprünglichen Lebensgrundlagen beraubt werden. Könnte es sein, dass überflutete Korallenatolle von Industrieanlagen und Bauwerken überzogen würden, die aus ehemaligen Südseeparadiesen ähnliche Metropolen entstehen ließen wie die vom Erdöl gespeisten Megazentren in den Wüsten am Persisch-arabischen Golf?

Neudubai auf den Marshallinseln?

Der Palme luft’ge Krone – mit Chamisso auf Weltreise


Das Buch war leider einige Zeit vergriffen, es ist aber nun beim Angele Verlag Reinstetten in 2. Auflage erscheinen.

Wilfried Probst (2. A. 2015): Der Palme luft’ge Krone – mit Chamisso auf Weltreise. Ochsenhausen: Angele Verlag. ISBN 978-3-940857-12-5   14,80 €

https://www.buchhandel.de/buch/Der-Palme-luft-ge-Krone-9783940857125

Darum geht’s:

Die Reise

Vor fast 200 Jahren, am 15. Juli 1815, machte sich der deutsch-französische Dichter Adelbert von Chamisso in Berlin mit der Postkutsche auf den Weg nach Hamburg und von dort weiter nach Kiel und mit dem Schiff nach Kopenhagen.

Post kutschen sind langsam. Chamisso läuft – nach Pflanzen Ausschau halten – der Kutsche oft hinterher oder auch vorneweg.

Postkutschen sind langsam. Chamisso läuft – nach Pflanzen Ausschau halten – der Kutsche oft hinterher oder auch vorneweg.

Infos zu Adelbert von Chamisso (1781-1838): http://chamisso-gesellschaft.de/chamisso/

Dort ging er an Bord der russischen Brigg „Rurik“, mit der er unter Führung des Kapitäns Otto von Kotzebue eine Forschungsreise um die Erde unternehmen sollte. „Nun war ich wirklich an der Schwelle der lichtreichsten Träume, die zu träumen ich kaum in meinen Kinderjahren mich erkühnt …, die als Hoffnungen ins Auge zu fassen ich, zum Manne herangereift, mich nicht vermessen,“ beschrieb er später seine Gefühle bei Reiseantritt.
Chamisso war als Naturforcher der Expedition in die Mannschaft aufgenommen worden. Auch wenn er oft mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, so gelang es ihm doch, viele Tiere und etwa 2500 Pflanzenarten zu sammeln, von denen ca. 800 Neuentdeckungen waren. Viele hat er später selbst beschrieben. Er hat eine Theorie zur Entstehung der Korallenatolle aufgestellt und den Generationswechsel bei Salpen – mit Wirbeltieren verwandten, quallenähnlichen Meerestieren – entdeckt. Seine ethnologischen und sprachkundlichen Studien in Polynesien und Mikronesien gelten bis heute als Pionierarbeiten.

Die Reiseroute

Die Reise führte von Kopenhagen nach Plymouth und weiter über Teneriffa und die der brasilianischen Küste vorgelagerten Insel Santa Catarina um Kaphorn bis zum chilenischen Concepión Von dort überquerte die Expedition den Pazifik mit kurzen Landgängen auf der Osterinsel und den Marshallinseln, und erreichte schließlich die Halbinsel Kamtschatka, die damals schon zum Russischen Reich gehörte. Die weitere Reiseroute führte in die Beringstraße bis zu einer seither als Kotzebuesund bekannten Meeresbucht, in der auch eine kleine Insel liegt, die nach Adelbert von Chamisso benannt wurde und heute Teil eines Nationalparks ist. Das erklärte Hauptziel der Expedition, die Erforschung einer Schiffspassage nördlich des amerikanischen Kontinents nach Europa, sollte nach diesen Vorerkundungen in nächstem Jahr, im Sommer 1817, in Angriff genommen werden. Nun ging es zunächst zurück über die Aleuten, San Francisco und Hawaii bis zu den Marshallinseln. Nach zweieinhalbmonatigen Aufenthalt bei den Südseeinsulaner der Ratak-Kette sollte im zweiten Sommer die Reise über die Beringstraße hinaus nach Norden aufgenommen werden. Allerdings kam es wegen des schlechten Gesundheitszustandes des Kapitäns und ungünstiger Klimabedingungen – so die offizielle Begründung – nicht dazu. Die Expedition wurde an der St. Lorenz-Insel abgebrochen und eine lange Rückreise über Pazifik und indischen Ozean mit mehreren Aufenthalten auf Hawaii, den Mashallinseln, Guam, den Philippinen, in Kapstadt und schließlich in Portsmouth und Kopenhagen führten zurück nach St. Petersburg, das nach gut drei Jahren, am 3. August 1818, erreicht wurde.

Die Zweimasterbrigg Rurik, im Vordergrund Cyclosalpa pinnata, Einzeltier und Kolonie

Die Zweimasterbrigg Rurik, im Vordergrund Cyclosalpa pinnata, Einzeltier und Kolonie

Ein nicht erreichtes Ziel

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war es ein Traum der europäischen Kolonialmächte, den Shortcut zwischen Europa und Ostasien nördlich des amerikanischen Kontinents zu finden. In beiden Richtungen wurden auch nach der russischen Expedition noch mehrere vergebliche Versuche unternommen, die zum Teil tragisch scheiterten, wie zum Beispiel die Expedition von Sir John Franklin, die 1845 begann und im Juni 1847 mit dem Tod Franklins vor der King-William-Insel in der kanadischen Arktis endete. Durch die jüngsten Klimaveränderungen und technische Verbesserungen beginnt sich der Seeweg – nun 200 Jahre nach Chamissos Reise – auch wirtschaftlich zu lohnen. Im Sommer 2007 war er zum ersten Mal eisfrei. Aber waren dies die einzigen oder wirklich auch die wichtigsten Ziele der Expedition? Angesichts des etwas eigenartigen Reiseverlaufes im pazifischen Raum und der vergleichsweise geringen Anstrengungen, bei der Erkundung der Ost-West-Passage wirkliche Fortschritte zu machen, kann dies aus heutiger Sicht bezweifelt werden. Möglicherweise ging es den Russen vor allem darum, ihre Position im Pazifik und ihre dortigen Handelsaktivitäten angesichts der Spannungen zwischen spanischer Kolonialmacht, England und dem neuen Nordamerika zu sichern. Chamisso und seinen Mitreisenden waren solche politischen Reiseziele sicherlich nicht bekannt, der einzige, der genau Bescheid wusste, war vermutlich der Kapitän.

Entdeckungsreisen im 18. und 19. Jahrhundert

In der zweiten Hälfte des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, vermehrten sich Entdeckungsreisen und Weltumsegelungen in geradezu inflationärer Weise. Typisch für alle diese Expeditionen war, dass, gewissermaßen als Beweis für die wissenschaftlichen Ziele, auch Naturforscher mit an Bord genommen wurden. Dabei handelt es sich oft um junge Gelehrte, die noch keine große Reputation hatten und von denen man wenig Ärger zu erwarten hatte. Ein gutes Beispiel dafür liefert die viel beschriebene problematische Situation des jungen Charles Darwin auf seiner fünfjährigen Forschungsreise, die ebenfalls von ständigen Spannungen zwischen Darwin und dem Kapitän Fitzroy geprägt war. Chamisso war für damalige Begriffe zwar schon eher mittleren Alters, aber was seine naturwissenschaftliche Reputation anbelangte, hatte er das Stadium des Studierenden eigentlich noch nicht überschritten. Durchaus vergleichbar mit dem jungen Darwin war die Weltreise für den weiteren Lebensweg Chamissos ein prägendes Ereignis.

Verständnis und Mitgefühl

Nicht zuletzt wurde Chamisso dadurch zum friedfertigen Weltbürger, dass er so viel von der Welt gesehen hat, zuerst in Europa und dann rund um den Globus. In den kurz nach der Reise verfassten „Ansichten und Bemerkungen“ und in seiner Reisebeschreibung lässt Chamisso keinen Zweifel daran, dass ihm die Geringschätzung der indigenen Bevölkerungen durch die Europäer nicht gerechtfertigt erscheint. Er lobt Sitten und Gebräuche, tadelt die Bezeichnung „Wilde“, nimmt entschieden Stellung gegen die Sklaverei, brandmarkt grausame Praktiken der Missionen und das geringe Einfühlungsvermögen der Missionare und schildert verabscheuungswürdige Ausbeutungsversuche durch europäische und nordamerikanische Geschäftemacher.

Ein Blick in die Zukunft

Seit Chamissos Reise sind 200 Jahre vergangen. Die Welt hat sich seither in einer Weise verändert, die man sich vor 200 Jahren nicht träumen lassen konnte.Trotzdem gibt es Entwicklungslinien und Kausalketten, die sich vom beginnenden 19. Jahrhundert bis heute verfolgen lassen. Deshalb macht es schon Sinn, zu fragen, wie es weiter gehen könnte. Wie werden Chamissos Reiseziele in 20, 100 oder gar 200 Jahren aussehen? In einem abschließenden Kapitel werden dazu einige Überlegungen angestellt.

Kolonie auf dem Mars -eine reale Zukunftsoption

Kolonie auf dem Mars -eine reale Zukunftsoption

Nachreisen mit dem Internet

Die Einladung, 200 Jahre nach Chamisso seine Weltreise nachzureisen, soll die Leserinnen und Leser ein bisschen mit dem Geist und Gemüt des Weltbürgers Adelbert von Chamisso infizieren. Wir werden ihn begleiten, auf der Rurik, auf der er zusammen mit etwa 30 anderen Männern drei Jahre lang die meiste Zeit eingeschlossen war und auf vielen Exkursionen, die er oft zusammen mit dem Schiffsarzt und Kollegen Eschscholtz unternommen hat. Er selbst hat über seine Reise berichtet, zuerst kurz danach, im dritten Band des Expeditionsberichtes („Bemerkungen und Ansichten“), dann 20 Jahre nach Reiseantritt, 1835 (publiziert 1836). Außerdem sind Briefe erhalten, die er auf seiner Reise und später über die Reiseerlebnisse geschrieben hat, es gibt eine Reisebeschreibung des Kapitäns Otto von Kotzebue und ein Tagebuch sowie viele sehr aufschlussreiche Zeichnungen und Gemälde des Schiffsmalers Ludwig Choris.

Gerne würde ich diese Reise nachreisen. Das wäre heute – angesichts der modernen Verkehrsmittel – nicht so schwierig und statt drei Jahren würden vermutlich schon drei Monate ausreichen. Für einen ziemlich hoch querschnittsgelähmten Rollstuhlfahrer wäre es allerdings trotzdem nicht so einfach. Und auch für viele andere Menschen wäre eine solche Reise wohl zu aufwendig. Einfach ist es aber, mithilfe von Google Earth Chamissos Reise nachzuvollziehen und einen aktuellen Blick auf die Orte und Landschaften zu werfen, die er vor 200 Jahren besucht hat.

 

Reiseroute Kopie 2 Kopenhagen-Plymouth

Von Kopenhagen nach Plymouth (17.8.-7.9.1815)
Chamisso hat sehr mit der Seekrankheit zu kämpfen. Der strengen Schiffsdisziplin ungewohnt zieht er sich die Missbilligung des Kapitäns zu.

 

Von Plymouth nach Teneriffa Plymouth-Tenerifa(4.10.-28.10.1815)
Immer wieder verzögert sich die Ausfahrt aus dem Sund von Plymouth wegen ungünstiger Winde. Endlich bessert sich das Wetter. Am 13. Oktober gerät die Rurik in die Rossbreiten. Die Flaute nutzen Chamisso und Eschscholtz zu meereskundlichen Untersuchungen. An massenhaft vorkommenden, quallenähnlichen Meerestieren, den Salpen, entdecken Sie den Generationswechsel.

Von Teneriffa zur Ilha dTeneriffa-Sta.Catarinae Santa Catarina, Florianopolis, früher „Nossa Senhora do Desterro“ (1.11. – 12.12.1815)
Auf Santa Catarina erlebt Chamisso zum ersten Mal die Vegetationsfülle eines Tropischen Regenwaldes.

SantaCatarina_bearbeitet-1

Von Santa Catarina nach Concepción (28.12.1815 – 13.2.1816)
Die weite Reise führt um den Südteil des südamerikanischen Kontinents. Um Kap Hoorn ist es sehr stürmisch und ein Käfig mit 40 lebenden Hühnern geht über Bord. Dann geht Fahrt entlang Chiles Küste bis Concepción rasch voran.

Sta.Catarina-Concepcion2Von Concepción zur Osterinsel (8.3. – 28.3.1816)
Die eigentliche Entdeckungsreise beginnt. Es geht vorbei an der „Robinson-Insel“
(Juan Fernandez-Inseln) und an Salas y Gomez. Der Empfang auf den Osterinseln ist verhalten.Concepcion-Osterinsel

Von der Osterinsel zumOsterinsel Penrhyn-Atoll (29.3. – 30.4.1816)
Einige vermeintliche neu entdeckte Inseln erweisen sich später als schon bekannt.

Osterinsel-Penrhyn-Atoll

 

Vom Penrhyn-Atoll zum Mili-Atoll (1.5 – 21.5.1816)
Auf dem Mili-Atoll kommen die Reisenden zum ersten Mal in Kontakt mit Bewohnern der Ratak-Inseln (östliche Marshallinseln). „Das waren die Radacker. Sie beschenkten uns zuerst und schieden bei dieser ersten Begegnung unbeschenkt von uns.“ (Chamisso, Reise um die Welt)Penrhyn-Atoll-Mili-Atoll

Vom Mili-Atoll zur Awatscha-Bucht der Kamtschatka-Halbinsel (21.5.- 19.6.1816)
Nun geht die Fahrt nach Norden und schnell nimmt die Kälte zu. Als sie am 19. Juni in die Awatscha-Bucht einlaufen sind sie erstaunt, dass um diese Jahreszeit in den Bergen noch so viel Schnee liegt.Mili-KamtschatkaAwatscha-Bucht_bearbeitet-1

 

 

 

 

 

 

 

 

Von der Awatscha-Bucht auf Kamtschatka in die Beringstraße und den Kotzebue-Sund (14. 7. – 1. 8. 1816)
Zunächst geht die Fahrt vorbei an der Beringinsel, dann weiter bis zur Westspitze der St. Lorenz-Insel. Eingeborene kommen dem Schiff mit einer Baidare entgegen und freuen sich sehr, als sie von der Schiffsbesatzung mit Tabak versorgt werden.Awatscha-Beringstr

Kotzebuesund_bearbeitet-1Im Kotzebue-Sund (1.8. – 13.8.1816)
„Endlich verherrlicht sieht nach den übrigen allen auch sich selbst,
Der schon lange der Schar sich anzureihen gestrebt.“
Adalbert von Chamisso zur Benennung der Chamisso-Insel.
Die erhoffte Durchfahrt zur Nordküste Alaskas wird nicht gefunden.

Vom Kotzebue-Sund zur Stkotzebuesund-st.lorenzbucht. Lorenz-Bucht (13.8. – 29.8.1816)
Der Empfang durch die Tschuktschen, die sich bei Ankunft des Schiffes am Ufer versammeln, gleicht fast einem Staatsempfang. Sie breiten Felle aus, laden die russischen Besucher in ihre Wohnungen ein, nehmen Geschenke entgegen und einige der Vornehmeren kommen mit auf das Schiff, nachdem jeder zuvor dem Kapitän einen Fuchspelz gst.lorenz-unalaskaeschenkt hat.

 

Von der St. Lorenzbucht nach Unalaska (29.8. – 7.9.1816)
Auf dieser Fahrt begegnen ihnen zahlreiche Wale, deren Beobachtung für Chamisso immer wieder ein Erlebnis ist. Er meint, man müsse sie zähmen und zu leistungsfähigen Zugtieren der Hochseeschiffe machen.

 

Von Unalaska nach San Francisco (14.9. – 1.11.1816)
Drei kleine Einrichtungen befinden sich in der Bucht von San Francisco in einem besonderen Spannungsverhältnis: das von Mexiko abhängige, aber ziemlich isolierte Fort, das dem spanischen Gouverneur von Neucalifornien in Monterey untersteht, die Mission San Francisco, deren Mönche sich möglichst aus politischen Streitigkeiten heraushalten wollen, und eine befestigte russische Station der Russisch-Amerikanischen Handelskompanie 30 km nördlich von San Francisco in Porto Bodega, auf spanischem bzw. mexikanischen Boden.unalaska-s.francisco

Von San Francisco nach Hawai (1.11. – 14.12.1816)
Der Pazifik macht seinem Namen keine Ehre. Er ist weder still noch friedlich Das Wetter ist sehr stürmisch, die Wellen sind hoch und fast alle auf der Rurik werden seekrank.s.francisco-hawai-2

Von Hawaii zu den Marshallinseln (14.12. – 1.1.1817)
Dank des Nordostpassat geht die Reise flott voran, so dass am Neujahrstag die erste Insel, Mejit, gesichtet wird, 475 km nördlich des Mili-Atolls gelegen.hawaii-mejit

Auf der Ratak-Kette der Marshallinseln (1.1. – 19.3.2017)
Die erste Insel, die der Rurik am 1. Januar 1817 sichtete, war Mejit (Chamisso: Mesid). Auf Google Earth erscheint sie als Mejit Airport. Quer durch die Insel liegt eine Landebahn. Auf Fotos sieht man Strände mit weißen Korallen Sand und Baumwuchs, an der Ostküste eventuell auch Mangrovenbestände. Von Mejit geht die Reise weiter zum Wotje- Atoll (Chamisso:Otdia). Hier werden verschiedene Inseln besucht. Auf der Hauptinsel mit demselben Namen kann man heute ebenfalls eine Landebahn erkennen. Von dort aus wurden mit Booten Exkursionen zu anderen Inseln des Atolls, zum Beispiel nach Egmedio, unternommen. Am 7. Februar ging die Fahrt weiter zum benachbarten Atoll Erikup (Chamisso: Erigup) und dann weiter zum südlicher gelegenen Maleolap-Atoll wo der Rurik zunächst ins Innere des Atolls hineinfuhr und dann vor der Insel Tjan vor Anker ging. Ein weiterer Halt wurde bei der an der Südspitze gelegenen Insel Airik gemacht. Von dort konnte man schon das kleine Atoll von Aur sehen, das als nächstes angesteuert wurde. Vorher wurde noch der Insel Wolot (Chamisso: Olot) ein Besuch abgestattet. Ratak_bearbeitet-1Auf Aur machen sie die Bekanntschaft mit Kadu, der von den Marianen hierher verschlagen worden war und der sich gleich entschloss, als Gast auf dem Rurik mitzufahren. Zunächst ankerten sie vor Aur später vor Tabal (Chamisso: Tabual). Am 27. Februar verließ der Rurik das Auratoll und nahm Kurs nach Norden. Schon am nächsten Morgen kamen sie in die Nähe Ailuk-Atolls (Chamisso: Eilu). Znächst hielten sie sich einige Tage auf der im Süden des Atolls gelegenen Insel Ailuk auf, dann bis 12. März auf der ganz im Norden gelegenen Insel Kapen (Chamisso: Kapeniur). An diesem Tag fuhren sie weiter nach Norden bis zu den benachbarten Atollen Utirik und Taka (Chamisso: Udirik und Tegi) . Allerdings gelang es dem Rurik nicht, eine Einfahrt in das Utirik- Atoll zu finden. Dann ging es weiter Richtung Nordwesten.

Von den Marshallinseln zu den Aleuten (12.3. – 25.4.1817)
Auf der Fahrt nach Norden wird es schnell kälter. Am 12. April gerät die Rurik in einen gewaltigen Sturm, der sich in der Nacht auf den 13. zum Orkan steigert. Dabei wird das Schiff stark beschädigt, auch Matrosen werden verletzt und der Kapitän wird nach seinem eigenen Bericht „mit der Brust gegen eine Ecke geschleudert, leidet sehr heftige Schmerzen und muss einige Tage das Bett hüten“.marshall-unalaska-2

Von Unalaska zur St.Lorenz-Insel, Abbruch der Expedition und Rückkehr nach Unalaska (29.5. – 22.7.1817)
Die Fahrt führt bis zur St. Lorenz-Insel. Am 11. Juli stellt der Kapitän fest, dass sich von der Nordspitze der Insel nach Nordosten stehendes Eis erstreckt. Deshalb hält er es für unmöglich, die Expedition wie geplant fortzusetzen, zumal er sich auch in einem sehr schlechten Gesundheitszustand befindet und der Arzt ihm bescheinigt, dass die eisige Luft schlecht für sein Brustleiden sei. So gibt Kotzebue seiner Mannschaft an 12. Juli bekannt, dass die Expedition abgebrochen wird und man den Rückzug antritt. Chamisso ist sehr enttäuscht.unalska-st.lorenz

Auf Unalaska (22.UNALASKA-2_bearbeitet-17. – 18.8.1817)
Begleitet von zwei Alëuten und einem „Russenknaben“ bricht Adelbert am 1. August zu einer Exkursion auf, die ihn über einen Pass von Illiuliuk nach Makushin führt. .“Ich habe in meinem Leben keinen ermüdenderen Tagesmarsch gemacht …“(Chamisso, Reise um die Welt)

Von Unalaska nach Hawaii und Aufenthalt dort (18.8. – 14.10.1817)
Vom 7. bis zum 10. Oktober 1817 unternimmt Adelbert einen Ausflug zum westlichen Hang des großen Gebirgskamms, der die Insel Oahu von Südosten nach Nordwesten durchzieht.unalaska-hawaii2

Noch einmal von Hawaii zu den Marshallinsel (14.10 – 4.11.1817)
Der kurze Aufenthalt auf dem Wotje-Atoll wird zur Anlage von Gemüsegärten genutzt, den von den Bemühungen des letzten Jahres ist nicht viel übrig geblieben.hawaii-wotje

Von den Marshallinseln nach Guam (4.11. – 29.11.1817)
„Ein leichter Windzug … wehte uns vom schön bewaldeten Ufer Wohlgerüche zu, wie ich sie in der Nähe keines anderen Landes empfunden habe. Ein Garten der Wollust schien diese grüne, duftende Insel zu sein, aber sie war eine Wüste. Kein freudiges Volk belebte den Strand, kein Fahrzeug kam von der Islas de las velas latinas uns entgegen. Die römischen Missionare haben hier ihr Kreuz aufgeplanzt; dem sind 44.000 Menschen geopfert worden.“(Chamisso, Reise um die Welt)wotje-guam

Von Guam zu den Philippinen (29.11. – 18.12.1817)
Die Fahrt geht dann zunächst nach Norden und in das chinesische Meer. Am 10. Dezember umsegeln sie die Nordspitze von Luzon, der größten im Norden gelegenen Insel der Philippinen. Wegen ständigen Ostwindes haben sie Mühe, in die Bucht von Manila hinein zu gelangen.Chamisso unternimmt eine Reise zum Vulkan Taal.guam-philippinen_bearbeitet-1

Von Manila zur Sundastraße (29.1. – 14.2.1818)
Am 29. Januar 1818 läuft die Rurik aus der Bucht von Manila aus. In Begleitung des französischen Seglers Eglantine durchfahren sie bei günstigem Ostnordost-Wind das südchinesische Meer und queren am 8. Februar den Äquator Richtung Süden.Der Kapitän befürchtet einen Piratenangriff.philippinen-sundastr

Von der Sundastraße nach Kapstadt (14.2. – 8.4.1818)
Eine lange Reise durch den Indischen Ozean. Zunächst verfehlen sie bei Kapstadt den richtigen Ankerplatz, aber am 31. März finden sie ihn mithilfe eines Lotsen. Während des Aufenthaltes in Kapstadt besteigt Chamisso den Tafelberg.sundastr.kapstadt

Von Kapstadt nach Portsmouth (8.4. – 16.6.1818)
Ein beabsichtigter Besuch von St. Helena wird verweigert. Durch die Sargassosee vorbei an den Azoren geht es Richtung Europa.kapstadt-Portsmouth

Von Portsmouth nach St. Petersburg (30.6. – 3.8.1818)
Wegen ungünstigem Wind müssen sie in Kopenhagen eine Pause einlegen und darüber ist Adelbert nicht unglücklich, denn es gibt ihm Gelegenheit, alte Freunde wiederzusehen. Aber schon am 13. Juli geht die Reise weiter, am 23. erreichen Sie den Hafen von Reval (heuten Tallinn) und warten dort drei Tage auf den Grafen Krusenstern. Am 3. August 1818, gut drei Jahre nach dem Aufbruch, legt die Rurik in St. Petersburg an der Newa, direkt vor dem Hause des Grafen Romanzoff, an.portsmouth-petersburg

 Rezensionen

Gerhard Trommer, Natur und Landeskunde

Auf dem Einbanddeckel des Buches sind je zur Hälfte, links ein Aquarellausschnitt und rechts ein Fotoausschnitt zu sehen. Das Aquarell zeigt den Dichter Adalbert von
Chamisso stehend, mit Pfeife in der linken Hand seines angewinkelten Arms. Hinter
Chamisso ist das Meer mit fernem Horizont zu erkennen und, nur angedeutet, die Wedel einer Palme. Auf dem Gesicht des Dichters liegt ein freundlich staunender Blick. Die Designer des Einbanddeckels haben das Aquarell mit dem Blick Chamissos auf das Foto daneben so ausgerichtet, dass es schein, als blicke Chamisso auf Wilfried Probst, den Autor des Buches. Der sitzt am Strand mit dem Rücken zum Betrachter. Er hat vermutlich einen Skizzenblock auf den Knien und bearbeitet, wie es aussieht, ein Aquarell, auf dem eine Palme am Meerestrand zu erkennen ist. Vor dem Autor, im Mittelgrund des Fotos steht ein Rollstuhl am Strand im Schatten einer Palme. Dahinter erstreckt sich das Meer bis zum Horizont.
Der im Foto abgebildete Rollstuhl am Strand deutet die schwere Behinderung des
Autors an. Nicht nur dessen botanische und biologiedidaktische Exkursionsbücher
geben einen Hinweis darauf, dass der Autor gern draußen in der Natur unterwegs war und ist. Der Rezensent weiß es aus eigener Erfahrung. Die durch einen tragischen Autounfall verursachte Behinderung hat expedierendes Reisen in die ferne Welt nahezu unmöglich gemacht. Das hinderte aber den renommierten Botaniker, Biologen und reformfreudigen Professor für Biologie und deren Didaktik (Universität Flensburg) nicht daran, die 1815 begonnene Weltreise des Naturforschers und Dichters Adelbert von Chamisso in unnachahmlicher Akzentuiertheit und Vielfalt zu rekonstruieren. Dabei kommen nicht nur der tote Dichter und Naturforscher sowie Zeitzeugen zu Wort, sondern auch der Autor. Der sorgt mit sorgfältigen Recherchen und faszinierend interpretierten Einsichten dafür, dass der Leser die zweihundert Jahre, die zwischen der Weltreise Chamissos und unserer Zeit liegen, für sich ermessen kann. Die romantische Naturforschung Adelbert von Chamissos wurde in der viel beachteten Darstellung der Romantik durch Rüdiger Safranski (2007) nicht zur Kenntnis genommen. Vielleicht ist das sogar verständlich. Denn Safranski behandelt die Romantik als „deutsche Affäre“. Chamisso sagte aber von sich, dass er sich mal deutsch, dann aber auch mal französisch und zuweilen sogar einmal russisch fühlte. Seine Natur und Menschen verbindende Romantik ist von weltweiter Erfahrung und weltoffener Haltung geprägt. Chamisso kommentierte die Weltbetrachtung der Europäer und das darin ausgedrückte Überlegenheitsgefühl kritisch. Er argumentierte dagegen zugunsten der nicht europäisch geprägten Kulturen und den sie lebenden Menschen feinfühlig. Es ist ein großes Verdienst dieses Buches, darauf anhand von Zitaten und Gedichten des Naturforschers und Dichters zurückzukommen.
Willfried Probst hat sich seit Jahrzehnten mit dem Naturforscher, Botaniker und Dichter Chamisso beschäftigt. Er fühlt sich mit dessen Geschichte sowohl menschlich als auch botanisch eng verbunden. Chamisso sind nicht nur Beiträge zu großen Sammlungen, umfangreiche Herbarien und Erstbeschreibungen gelungen, sondern auch, zusammen mit Eschscholtz, die Entdeckung des Generationswechsels. Selbstironisch vermerkte der Poet Chamisso zum Herbarisieren in einem Gedicht „Ich pflückte Blumen und sammelte
nur Heu“ (S.13).

Das Buch ist eine Reisebegleitung der Forschungsreise Chamissos rund um die Welt. Die Kapitelfolge ist chronologisch angelegt. Der Leser reist auf den Spuren Chamissos von Berlin nach Kopenhagen. Dort geht Chamisso an Bord der russischen Brigg Rurik. Er ist wissenschaftlicher Begleiter der russischen Expedition, die ihn zusammen mit dem Arzt Dr. Eschscholtz unter dem Kapitän Otto von Kotzebue über den Atlantik und das Kap Hoorn in den Pazifik führte und von dort über pazifische Inselarchipele bis zur Beringstraße. Der Expedition sollte die Nordwestpassage erkunden. Aber ihr werden vom arktischen Eis und der Erkrankung des Kapitäns Kotzebue Grenzen gesetzt. Der Kapitän kehrte um, führte das Schiff nach Hawaii und danach zu den Marshallinseln und von dort über Südostasien. den Indischen Ozean und das Kap der guten Hoffnung zurück
nach Europa.
Aber der Leser reist nicht nur mit Chamisso, sondern auch mit dem Autor. Denn es sind nicht nur die schwierigen, sehr beengten Bedingungen der Reise an Bord des kleinen russischen Zweimasters und die mangelnde Anerkennung des Kapitäns und seiner Besatzung gegenüber Chamissos Forschungsaktivität. Es sind auch nicht nur die Abenteuer, Entdeckungen und Gefühle Chamissos auf dieser Reise, die exemplarisch mitgeteilt und einfühlsam interpretiert werden, immer von Quellentexten unterlegt. Sondern es sind immer auch die bis zur Gegenwart zu dieser Reise mit ins Spiel gebrachten, sorgfältig recherchierten politisch-historischen und ökologischen Tatsachen, die diese Weltreise im Zeitraum von 200 Jahren bespiegeln und damit für unser globales Bewusstsein informativ und aktuell gestalten. Wenn vom verschwundenen Wald der Osterinseln die Rede ist oder von der Eroberungsgeschichte Hawais, dann führt der Autor daran dem Leser Entwicklungen vor Augen, die bis in unsere Zeit reichen. Bei den Atollen der Marshallinseln etwa machen die von den USA unternommenen Atom und Wasserstoffbombentests betroffen und auf Guam die Inselverwüstungen. der Völkermord und die Ausrottung der einheimischen Vogelwelt durch die Braune Nachtbaumnatter (Boiga irregularis). Zur berüchtigten Nervenkrankheit auf Guam erhält der Leser Erklärungen durch molekularbiologische Forschungsergebnisse.
Der Leser kann sich zu jeder Zeit über eine vom Verfasser gezeichnete Skizze im Anhang einen Überblick über Chamissos Weltreise verschaffen. Aber damit ist es nicht genug. Der Leser wird immer auch vom Autor animiert über Google Earth an die Orte der Weltreise Chamissos zu fliegen, um sich dort ein eigenes Bild vom gegenwartsnahen Zustand zu machen. Das Buch ist dadurch auch ein Weltreiseführer, neben dem ein Computer liegen sollte.
Die Rekonstruktion der Weltreise Chamissos beschließt der Autor mit einem
nachdenklichen Blick in die Zukunft. Der Klimachemiker und Nobelpreisträger Paul
Crutzen hat uns ein neues Zeitalter vorgeschlagen. Es wird durch den Klimawandel
geprägt, der durch das Verbrennen fossiler Energieträger zu Beginn der Industriellen Revolution eingeleitet wurde. Das neue geoepochale Zeitalter bezeichnet Crutzen als .Anthropozän“ (Menschenzeit). Der Autor schildert wie Chamisso den Beginn der Industriellen Revolution erlebte und damit voller Zuversicht in die Zukunft schaut. Chamisso ist daher, obgleich Romantiker, kein Fortschrittsfeind. Chamisso steht am Anfang des sog. Anthropozäns, von dem wir heute nicht mehr wissen, ob wir Menschen es überleben werden oder ob es sich vielleicht sogar auf Nachbarplaneten ausdehnen lässt.

Konrad Stolz (bei Amazon):

Chamissos Weltreise liegt zwar 200 Jahre zurück, sie erscheint jedoch mit vielen interessanten historischen, kulurellen und naturwissenschaftlichen Aspekten und überraschenden Bezügen zur Gegenwart in völlig neuem Licht. Trotz der vielen sorgfältig recherchierten Details ist das Buch leicht zu lesen und macht Lust, die eine oder andere Station von Chamissos Weltreise selbst zu bereisen.

Jobst Thürauf:

Chamisso auf Weltreise – digitalisiert in Print-Version
Mit dem unterhaltsam geschriebenen Taschenbuch (242 Seiten, 1 Landkarte, 5 farbige Aquarelle, 45 Literaturangaben, zahlreiche Links) kann man (Dank der präzisen Angaben) „Chamissos Reise mit der >RURIK< zu Hause am PC in wenigen Stunden nachvollziehen, ich kann mir die Reiseziele aus der Luft und vom Boden aus anschauen und mich über die Länder und selbst über entlegenste Inseln relativ umfassend informieren.“ (Zitat Seite 209).
Die vom Rezensenten geprüften Links waren allesamt zielführend.

Gesamturteil für dieses Qualitätsprodukt aus Baden-Württemberg:
Rechteckig (20*13 cm, 300 g) – Praktisch (kostengünstige, kulturträchtige Weltreise) – Gut (etwaige Bildungslücken füllt der Autor/Professor charmant auf). Ein ideales Weihnachtsgeschenk für 14,80 €.

Anmerkung: „Chamisso war ein sehr fleißiger Briefeschreiber, die Kommunikation mit seinen Bekannten und Freunden war ihm äußerst wichtig.“ (Zitat Seite 210). Hier erscheint der Hinweis auf das Chamisso-Nachlass-Digitalisat angebracht ( http://digital.staatsbibliothek-berlin.de/werkansicht/?PPN=PPN769830056 ) – eine Anregung für (nicht nur) den akademischen Nachwuchs.

Barbara Dulitz, Unterricht Biologie:

Der Palme luft’ge Krone. Mit Chamisso auf Weltreise.
Adelbert von Chamisso war nicht nur ein deutsch-französischer Dichter, sondern auch ein Naturforscher – und ein großer Palmenfreund. Vor rund 200 Jahren segelte er auf der russischen Brigg Rurik um die Welt. In dieser Zeit sammelte Chamisso viele Tier- und Pflanzenarten. entdeckte den Generationenwechsel der Salpen (s. UD 381, S. 10ff) und führte ethnologische und sprachkundliche Studien durch. Der Autor dieses Buches zeichnet ein anschauliches, lebendiges Bild von Chamissos
Reise und folgt ihm mit Hilfe von Google Earth zu den einzelnen Stationen rund um die Welt. Dabei wirft er einen Blick auf das, was an diesen Orten vor Chamissos Ankunft und was in den Jahren nach ihm bis heute geschehen ist. Das Buch verknüpft Informationen zur Geschichte und naturkundlichen Forschung zu einer unterhaltsamen Lektüre – Infotainment im besten Sinne!

 Norbert Grotjohann, Praxisder Naturwissenschaften,Biologie:

Bereits 20 Jahre vor Darwins Weltreisen nahm der französische Dichter und Naturforscher Chamisso an einer russischen Forschungsexpedition an Bord einer Zweimastbrigg teil. Ziel war es, geografische und naturkundliche Erkenntnisse aus dem pazifischen Raum zu gewinnen und nicht zuletzt, neben politischen Motiven seiner Zeit, eine shortcut-Passage von Europa nach Ostasien zu finden. Chamisso hat auf seinen Reisen mehrere Tausend Pflanzen- und Tierarten gesammelt und in seinen Werken beschrieben, zugleich konnte er aber auch aufgrund seiner außergewöhnlichen literarischen Fähigkeiten sprachkundliche und ethnologische Untersuchungen durchführen.
Der Autor Wilfried Probst, selbst an den Rollstuhl gefesselt, beschreibt spannend und mit faszinierender Präzision alle Facetten der von 1815 – 1818 durchgeführte Expedition, die er selbst über Google Earth nachvollzieht. Die historischen Veränderungen der einzelnen Stationen der Reise über die letzten 200 Jahre werden herausgearbeitet, wobei Chamissos Sicht der gegenwärtigen Situation gegenübergestellt wird. Das Buch ist daher weit mehr als nur ein Reisebericht, sondern auch eine aktuelle Informationsquelle zur Geschichte und Entwicklung der bereisten Regionen. Durch Einbindung von Versen des beliebtesten deutschen Dichters des 19. bis 20. Jahrhunderts und durch originale Textpassagen des Expeditionsberichtes gelingt es dem Autor, den Leser an der spannenden Reise des Chamisso aktiv teilhaben zu lassen. In den Ausführungen wird die gemeinsame Begeisterung von Autor und Dichter für die Natur, für die bereisten Landschaften und für die dort angetroffenen Menschen, wie bereits im Titel erkennbar, deutlich.
Ohne Zweifel ist dieses Buch eine spannende Lektüre nicht nur für Biologen und Naturinteressiert.

Handicapped-Kurier:

„Der Palme luft’ge Krone“ ist ein ganz besonderer Reisebericht. Der querschnittsgelähmte Autor Wilfried Probst erzählt die Weltreise des Naturforschers und Dichters Adelbert von Chamisso Anfang des 19. Jahrhunderts nach. So kommt der Autor gedanklich und auch mithilfe moderner Digitaltechnik wie Google Earth selbst an all die exotischen Orte im Polynesien, Südamerika oder der Awatschabucht im ostasiatischen Russland, die er als Rollstuhlfahrer nur mit erheblichem Aufwand bereisen könnte. Bei diesem Abenteuer nimmt er seine Leser mit auf die literarische Reise. Ergänzt werden die plastischen und detailreichen Erzählungen der einzelnen Etappen mit zahlreichen geschichtlichen und aktuellen Informationen. So ergibt sich ein rundum gelungenes Lesevergnügen, das die kühne Forschungsexpedition von vor 200 Jahren lebendig werden lässt. Am Ende bleibt der Leser mit ein wenig Fernweh, aber wunderbar zu dem auf beste Weise lehrreich unterhalten zurück.

Reinhardt Rüdel, Reha-Treff:

aus Reha-Treff, 1/2015

aus Reha-Treff, 1/2015