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10.07.1985 – ein Datum, an das man sich erinnern sollte

Vor 40 Jahren – am 10. Juli 1985 – explodieren im Hafen von Auckland zwei vom französischen Geheimdienst an dem Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior angebrachte Bomben. Das Schiff ging unter und an Bord starb der Fotograf Fernando Pereira.

Überblick über die südpazifischen Inselgruppen

Nuclear free Pacific

Mit der Rainbow Warrior I kämpfte Greenpeace von 1978 bis 1985 einmal gegen die Jagd auf Robben und Wale, zum andern aber auch gegen Kerwaffentests, vor allem um einen nuklearwaffenfreien Pazifik ((„Nucleaer free Pacific“). Nachdem die Amerikaner ihre 1946 begonnenen Kerwaffentests auf den Marshall-Inseln 1958 eingestellt hatten, begannen die Franzosen 1966 mit ihren Atombombentests auf dem zu Französisch-Polynesien gehörenden unbewohnten Mururoa-Atoll .Die Rainbow Warrior und der Fotograf Pereira waren Opfer des Protestes gegen diese todbringenden Versuche in einem von Europäern oft als „Paradies“ angesehenen Teil der Erde. Die französische Geheimdienstaktion rüttelte die Weltöffentlichkeit auf und die Proteste verstärken sich. Trotzdem führte Frankreich seine Versuche bis 1996 fort. Bis heute ist das Atoll militärisches Sperrgebiet, große Mengen Atommüll lagern in 140 Bohrschächten. Frankreich zahlte zwar eine gewisse Entschädigung an gesundheitlich betroffene Bewohner in Französisch Polynesien, doch wurde der ursächliche Zusammenhang der hohen Raten an Krebserkrankungen mit den Atombombentests bis heute nicht offiziell anerkannt. Die Bevölkerung Französisch Polynesiens wurde von Frankreich genauso wenig über die Gefährlichkeit und die gesundheitlichen Folgen der Atomtests aufgeklärt, wie 20 Jahre zuvordie Bevölkerung der Marshall-Inseln von den US-Amerikanern (vgl. „50 Jahre nach der ersten Bombe“)

Castle Bravo Explosion– so könnte es am 1. März 1954 von Rongelap aus ausgesehen haben

Am 1. März 1954 wurde von den Amerikanern die größte jemals getestete Kernwaffe, die Wasserstoffbombe Castle Bravo mit der tausendfachen Sprengkraft der Hiroshima Bombe, auf dem Bikini-Atoll zur Explosion gebracht. Auf dem von Bikini nur 150 km entfernten Rongelap gingen große Mengen radioaktiven Staubes nieder. Drei Tage nach der Explosion wurden die Bewohner von US-Soldaten auf eine einige 100 km weiter entfernte Insel evakuiert. Doch schon 1957 ließ die US-Regierung die Bewohner wieder auf die immer noch stark verseuchte Insel zurückkehren. Später erfuhr man, dass die Bewohner als eine Art Versuchskaninchen gelnutzt werden sollten, an denen man die langfristigen Auswirkung von radioaktiver Strahlung aus der Umwelt auf den Menschen testen wollte. Relativ schnell stellte sich heraus, dass die Bewohner von Rongelap unter vielen Gesundheitsschäden zu leiden hatten und zu Beginn der 1980er Jahren baten sie die US-Regierung, unter deren Verwaltung sie standen, Immer dringender um erneute Evakuierung. Da die US-Regierung sich weigerte, schickte Greenpeace ihr Schiff Rainbow Warrior und transportierte 350 Einwohner in mehreren Fahrten von Rongelap auf die weit weniger verseuchte Insel Mejatto im Kwajelin-Atoll. Dann nahm das Greenpeace-Schiff Kurs nach Süden, um über Neuseeland bis zum Mururoa-Atoll zu gelangen und dort gegen französische Atombombentests zu protestieren. Doch das verhinderte der französische Geheimdienst mit dem tödlichen Attentat (vgl. „Als die Sonne zweimal aufging„)

Karte der Marschallinseln (nach Wikipedia, ergänzt)

Ein verlorenes Paradies?

„Nirgends ist der Himmel schöner, die Temperatur gleichmäßiger …“ beschrieb Adelbert von Chamisso die Marschallinseln in der Beschreibung seiner Weltreise mit dem russischen Expeditionsschiff Rurik unter Kapitän Kotzebue. Die Expedition erreichte die Marshall-Inseln am 1. Januar 1817 und hielt sich dort zwei Monate auf und Chamisso fasste in dieser Zeit ein besonderes Zutrauen zu der Bevölkerung: „Wir wurden Freunde rückhaltlos. Ich fand bei ihnen reine, unverderbte Sitten, Anmut, Zierlichkeit und die holde Blüte der Schamhaftigkeit…

Die Marshallinseln sind seit 1986 ein unabhängiger Staat und Mitglied der UNO, sie nennen sich auf mikronesisch Aolepān Aorōkin M̧ajeļ. Allerdings sind sie wirtschaftlich sehr stark von den USA abhängig. Die Inselwährung ist der amerikanische Dollar.

Die Inselgruppe besteht aus zwei parallelen Ketten von Atollen und Koralleninseln, der östlichen Ratak-Kette, auch Sonnenaufgangskette genannt, und der westlichen Ralik-Kette, die entsprechend auch Sonnenuntergangskette genannt wird. Insgesamt haben die Marshallinseln heute etwa 40 000 Einwohner. Zwei Drittel der Bevölkerung leben auf Ebeye, der größten Insel des Kwajalein-Atolls, und auf dem Majuro-Atoll. Viele der kleinen Inseln und Inselchen sind unbewohnt. Sie sind auf einer Meeresfläche von mehr als 2 Mio. km2 verteilt, aber die Landfläche beträgt nur 181 km² und liegt im Mittel nur etwa 2 m über dem Meeresspiegel. Der steigende Meeresspiegel wird dazu führen, dass bald viele Inseln nicht mehr bewohnbar sein werden.

Die Inseln wurden wohl schon im zweiten Jahrtausend v. Chr. vom Westen,aus besiedelt, und viele Jahrhunderte lebten die Insulaner auf ihrem weit verstreuten Inselreich für sich wie in einer eigenen Welt – sicherlich nicht nur in paradiesischem Frieden, aber doch in ziemlich sicheren Verhältnissen. Als erste Europäer kamen spanische Entdeckungsreisende auf die Inseln, 1526 Alonso de Salazar und 1529 Alvaro de Saavedra. Sie beanspruchten ihre Entdeckung nicht für die spanische Krone, vermutlich, weil ihnen die Ausbeutung eventueller Naturschätze nicht lohnend erschien. In den folgenden zwei Jahrhunderten wurden die Inseln zwar immer wieder von Expeditionsschiffen besucht, allerdings bei weitem nicht so oft, wie die Sandwichinseln (Hawai). Ihr heutiger Name geht auf den Besuch eines englischen Expeditionsschiffs unter Kapitän John Marshall zurück, das dort 1788 anlandete. Die Romanzoff’sche Expedition unter Otto von Kotzebue, an der Adelbert von Chamisso als Naturforscher beteiligt war, nahm als erste gründlichere kartografische, naturkundliche  und ethnografische Studien vor. Doch auch die russische Expedition verzichtete darauf, daraus Besitzansprüche für die russische Krone abzuleiten.

Ende des 19. Jahrhunderts wurden die letzten noch „freien“ Teile der Erde unter den Kolonialmächten aufgeteilt. Das unter preußischer Führung neu begründete Deutsche Reich bemühte sich, von diesem Restkuchen noch einen möglichst großen Teil für sich zu retten. Nachdem 1885 eine deutsche Handelsgesellschaft auf den Inseln errichtet worden war, beanspruchte Deutschland 1886 auch die Hoheitsrechte. 1906 wurden die Marshallinseln offizieller Teil der Kolonie Deutsch-Neuguinea.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs  wurden die Inseln aber schon1914 von Japanern besetzt und nach dem Ersten Weltkrieg erhielten diese ein offizielles Mandat des Völkerbundes. Am 31. Januar 1944, im Zweiten Weltkrieg, wurde Kwajalein wegen seiner strategisch wichtigen Lage von den USA in blutiger Seeschlacht erobert. Schnell folgten die anderen Marschallinseln und auf Majuro wurde eine amerikanische Militärbasis eingerichtet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Inseln den USA von den Vereinten Nationen als Treuhandgebiet zugesprochen und dies wurde ihnen zum Verhängnis: Von 1946 bis 1958 nutzten die USA vorwiegend das Bikini-Atoll zu insgesamt 67 Atom- und Wasserstoffbombentests. Über 42.000 Techniker, Wissenschaftler und Militärs waren zeitweilig auf Bikini stationiert und um die Folgen der Tests zu studieren wurden nicht nur alte, vor allem eroberte japanische, Kriegsschiffe in das Versuchsgelände geschafft, sondern auch 5400 Versuchstiere – Ratten, Ziegen und Schweine – auf der Insel ausgesetzt. Am 1.März 1954, 18:45 Uhr, wurde die Wasserstoffbombe Bravo auf der Namo-Insel des Bikiniatollsl zur Explosion gebracht. Mit 15 Mt Sprengkraft war sie die stärkste je gezündete Wasserstoffbombe.

Die Bewohner von Bikini wurden zunächst auf das Rongerik- Atoll umgesiedelt, einer Inselgruppe, die bis dahin wegen der geringen Möglichkeiten, Nahrung und Trinkwasser zu beschaffen, als unbewohnbar galt. Die zur Verfügung gestellten Vorräte reichten nur wenige Wochen. Als die Unterernährung der Evakuierten offensichtlich wurde, verfrachtete man sie zuerst nach Kwajalein, dann auf das entlegene Kili-Atoll. 1968 sollten die Vertriebenen wieder auf ihre Heimatsinsel Bikini zurückkehren können. Doch zu Beginn der 1970er Jahre stellte man eine nach wie vor sehr hohe Radioaktivität fest, was nach heutigen Kenntnissen eigentlich zu erwarten gewesen war. Trinkwasser und Früchte der Insel stellten sich als vollständig verseucht und für den menschlichen Genuss nicht geeignet heraus, weshalb die Bewohner zunächst von außen versorgt wurden. 1978 wurde das Atoll erneut evakuiert und bis heute ist die Rückkehr gefährlich. Die Frage der Entschädigung ist bis heute nicht abschließend geklärt, auch wenn von den Vereinigten Staaten einige Zahlungen geleistet wurden.

Mit „Bikini“ bezeichnet man seit 1946 auch eine textilarme Badekleidung für Frauen, deren Name sich pikanterweise tatsächlich vom Bikiniatoll ableitet: Der Modedesigner Louis Réard benannte das wenig deckende Kleidungsstück so, nachdem die ersten Atombomben auf Bikini gezündet worden waren. Er meinte, es sei eine „an-atomic bomb„.

Gerechtigkeit und Zukunftsaussichten

Nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs sollten die Atombomben im Besitz der Vereinigten Staaten garantieren, dass es nie wieder Krieg gibt. Nachdem auch die Sowjetunion zur Atommacht geworden war, sollte eine möglichst starke amerikanische Atommacht die Menschheit vor den Gefahren des Kommunismus schützen. So gesehenwürden diese Versuche im Pazifik dem Wohle der ganzen Menschheit dienen (vgl. hierzu das Russell-Einstein-Manifest). Dies schien das Opfer der vergleichsweise wenigen Menschen auf den kleinen Atollen des Südpazifiks, obwohl sie weder am Zweiten Weltkrieg noch am kalten Krieg irgendeine Schuld hatten, trotzdem zu rechtfertigen. .

Auch an der Klimaerwärmung haben die Bewohner;innen der südpazifischen Inseln so gut wie keine Schuld. Trotzdem sieht es so aus, als wären sie zunächst die Hauptbetroffenen, sind doch ihre Wohnorte buchstäblich dem Untergang geweiht. Dabei geht es natürlich zunächst einmal ganz direkt um den Anstieg des Meeresspiegels und die damit immer größer werdende Überflutungsgefahr. Aber die Erwärmung der Meere erhört auch die Gefahr gewaltiger Taifune und sie schränkt das Wachstum der Riffe durch Schädigung der riffbildenden Korallen ein. Sie können dem steigenden Meeresspiegel also nicht mehr nachwachsen.

Auch der derzeit für die Inselstaaten wichtige Tourismus erleidet jetzt schon erste Einbußen. Einige der Staaten versprechen sich eine Alternative in der zunehmenden Nutzung der Tiefseeböden als Rohstofflieferanten. Dabei geht es vor allem um die Gewinnung von Manganknollen. Sie bestehen vorwiegend aus Mangan und Eisen, enthalten aber auch weitere wertvolle Metalle wie Kupfer, Kobalt Nickel und sie werden vor allem in Tiefen zwischen 3000 und 6000 m gefunden und sind besonders häufig im Südpazifik. Weitere Rohstoffquellen können die sogenannten Kobaltkrusten und die Schwarzen Raucher sein. Letztere findet man am Rande der Kontinentalplatten. Die Ausbeutung erfordert hohe Investitionen, die sich die Inselstaaten des Pazifiks nicht leisten können. Sie müssen deshalb Konzessionen an Investoren verkaufen. Die Gefahr ist nicht zu unterschätzen, dass die heutigen Bewohner:innen zum großen Teil nicht davon profitieren und außerdem durch die Umweltveränderungen ihrer ursprünglichen Lebensgrundlagen beraubt werden. Könnte es sein, dass überflutete Korallenatolle von Industrieanlagen und Bauwerken überzogen würden, die aus ehemaligen Südseeparadiesen ähnliche Metropolen entstehen ließen wie die vom Erdöl gespeisten Megazentren in den Wüsten am Persisch-arabischen Golf?

Neudubai auf den Marshallinseln?