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Mein wilder Garten

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Ein Blick in unseren Garten

Ich freue mich jeden Tag über meinen Garten, meinen wilden Garten!

Ich erinnere mich dann an die vielen gemeinsamen Beobachtungen und Entdeckungen mit meiner lieben Frau Sigrid, die wir in diesem Garten in den vielen Jahren seiner Entwicklung machen konnten. Leider muss sie seit zwei Jahren im Pflegeheim sein. Auch mit unseren Kindern und Enkelkindern haben wir hier viele gute Tage verbracht. Und ich freue mich, dass die Entwicklung weitergeht und dass ich immer wieder neue Beobachtungen machen kann.

31.05.2021

Nach unserem Einzug in das zusammen mit unserem Sohn und Architekten Heiner konzipierte, neu erbaute Haus am 1. November 2007 bestand der Garten vor allem aus einem großen Erdhügel aus dem bei den Bauarbeiten entstandenen Aushub. Natürlich gedeiht auch auf so einem Hügel viel Interessantes, aber wir wollten doch einen auch für mich als Rollstuhlfahrer begehbaren Garten anlegen. Ganz wichtig war uns auch die Anlage eines Teiches, weil sich damit so viele interessante Beobachtungen verbinden lassen. Im Oktober 2008, ein Jahr nach Fertigstellung unseres Hauses, wurde die „geomorphologische“ Gestaltung von einer Landschaftsgartenfirma nach unseren Vorstellungen – unterstützt von einem Gartenarchitekten – durchgeführt. Für die Arbeiten wurde schweres Gerät eingesetzt und sie waren innerhalb einer Woche abgeschlossen.

Unser Garten nach der Geländegestaltung durch eine Gartenbaufirma, 28.10.2008
Unser Garten am 20.06.2025 (mit Echtem Alant – Inula helenium und GelbroterTaglilie – Hemerocallis fulva), im Hintergrund Kanadischer Judasbaum (Cercis canadensis)

Manche würden den Garten vielleicht als „unordentlich“ oder eben „verwildert“ bezeichnen. Eine gewisse Verwilderung ist aber erwünscht, denn abgesehen von der von einem Gärtner zweimal im Jahr geschnittenen Hainbuchenhecke, die den Garten zur Straße hin abgrenzt, herrscht in vielen Teilen das Prinzip des „Wachsen lassen“. Aber eine Wildnis im Sinne unberührter Natur ist der Garten natürlich nicht. Gehölze werden immer mal wieder zurückgeschnitten, sich sehr stark ausbreitende Stauden – wie zum Beispiel die Herbst-Anemonen oder Topinambur – werden ab und zu etwas zurückgedrängt. Ganz selten kommt auch einmal ein Rasenmäher zum Einsatz. Im vergangenen Jahr habe ich einen kleinen Bereich im Mai und im Septemper und einen zweiten nur einmal im September mähen lassen.

Einige Wildkräuter, die sich sehr aggressiv ausbreiten, versuchten wir kontinuierlich im Zaum zu halten, am Anfang insbesondere die Zaun-Winde (Calystegia sepium) mit ihren ungeheuer widerstandsfähigen unterirdischen Ausläufern, von denen kleinste Stückchen schnell wieder zu neuen Pflanzen austreiben; und bis heute den Acker-Schachtelhalm (Equisetum arvense) und den Giersch (Aegopodium podagraria), die beide gut durch abmähen eingedämmt werden können. Das Kriechende Fingerkraut (Potentilla repens) lassen wir meistens wachsen, es ist ein guter Bodendecker und es blüht sehr hübsch.

Die Vegetation des Teichufers, das anfangs einfach nur aus einer Kiesschüttung bestand, hat sich weitgehend selbstständig sehr gut entwickelt, nur die sich ansiedelnden Gehölze, vor allem Birken und verschiedene Weiden, aber auch Ahorn, Eschen und Hartriegel lasse ich immer wieder entfernen.

Teichufer im Frühjahr 2009 und im Herbst 2025 (mit den herbstlich gefärbten Blättern des Schildblattes – Darmera peltata

Wenn einzelne Arten in meinem Garten nicht gut gedeihen, unternehme ich keine großen Anstrengungen, sie zu erhalten oder zu unterstützen. Pflanzen, die gut gedeihen, dürfen sich – auch wenn sie nicht gepflanzt oder gesät wurden –zunächst einmal ausbreiten. Dies gilt auch für Pflanzen in Pflasterritzen und in der ausgekiesten Fuge an der Hauswand.

Pflanzen in der ausgekiesten Fuge an der Hauswand (v. l. n. r. Feinstrahl – Erigeron annus; Milder Mauerpfeffer – Sedum sexangulare, Kohl-Lauch – Allium oleraceum, Jungfer im Grünen- Nigella damascena, 04.06.2025)

Zu den Nachbargrundstücken wird der Garten zum Teil von gebüschartig gewachsenen Sträuchern abgegrenzt. Vor allem Roter Hartriegel (Cornus sanguinea) und Liguster (Ligustrum vulgare) wachsen sehr schnell und müssen eingedämmt werden. Ich versuche es allerdings weniger mit einem Heckenschnitt, mehr mit auf den Stock setzen. Ein gleichzeitiges Kappen aller Gehölze würde aber bedeuten, dass ein ziemlich kalhles Übergangsstadium entsteht. Ich versuche deshalb, im Wechsel der Jahre einzelne Büsche etwa 10 cm über dem Boden abzuschneiden. Mittlerweile wachsene aber vor allem Hartriegel und Liguster so schnell und stark, dass sie der Gärtner der Einfachheit halber teilweise auch nur zurückscneidet. Ein Essigbaum (Rhus typhina), der von alleine in unseren Garten gekommen ist und der zu den Büschen am Gartenrand umgepflanzt wurde, ist mittlerweile zu einem richtigen Baum geworden. Seine vielen Ausläufer müssen natürlich entfernt werden, sonst würde schnell ein Essigbaumwald entstehen. Pprinzipiell freue ich mich immer, wenn spontan eine neue Pflanzenarten auftaucht, zum Beispiel vor einigen Jahren die Heide-Nelke (Dianthus deltoideus):

Die Heide-Nelke (Dianthus deltoideus) hat sich ohne mein Zutun unter dem Hatriegelbusch angesiedelt (Foto vom 05.08.2021)

Der hohe Bretterzaun zum Nachbargrundstück ist dicht mit Efeu und Fünffingeriger Jungfernrebe (Parthenocissus quinquefolia) bewachsen, die beide allerdings immer wieder zurückgeschnitten werden müssen. Davor gibt es ein großes Brennnessel-Beet, Totholz und einen Reisighaufen, der langsam in sich zusammenfällt und immer wieder mit neuem Baumschnitt ergänzt wird.

Die durch eine Hainbuchenhecke abgetrennte Nische mit Mülltonnen und Kompost ist ein gut gedüngter Platz, an dem sich zwischen dem immer präsenten Giersch und Brennnesseln immer wieder neue Hochstauden ansiedeln, zum Beispiel Wilde Möhren, Färber-Waid, Nachtkerzen, Königskerzen, Kompass-Lattich, Natternkopf und Natternkopf-Wurmlattich.

Als unsere Enkelkinder noch kleiner waren; kamen sie oft mit ihren Familien zu Besuch. Eine Sandkiste und eine Schaukel waren sehr beliebt. An Ostern wurden Moosnester gebaut und nach Gebrauch nutzte ich das Moos, um Fugen in den Natursteinmauern auszustopfen. In einigen Fällen gelang die Ansiedlung, aber meistens wurde es im Sommer zu trocken.

An der Sandkiste am 02.08.2014
An der Schaukel, (Luisa14.04.2017, Anton 26.07.2019)
Ostern 15.04.2017

In diesem Jahr (2026) habe ich mir vorgenommen, die schattige Nordostfassade unseres Hauses mit Waldreben zu begrünen. Da es riskant wäre, an der mit Mineralstoffdämmung versehenen Massivholzwand Dübel anzubringen, musste dafür ein freistehendes Gerüst konstruiert werden. Das ist nun fast fertig (Drähte müssen noch gespannt werden), einige Waldreben-Pflanzen sind schon gesetzt. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Daraus soll eine grüne Wand werden, Foto vom 01.04.2026

Der Gartenteich

Besonders aufwendig war die Anlage des Gartenteiches. Damit auch ich als Rollstuhlfahrer dicht ans Wasser herankäme, wurde er nach Süden von einer Natursteinmauer begrenzt, die ich auf einem Pflasterweg anfahren kann. An der tiefsten Stelle ist der Teich etwa 1,50 m tief. Er wurde mit einer Folie ausgelegt. Bodensubstrat wurde nicht eingebracht, aber einige Kieselsteine. Auch am Ufer wurde die Folie mit einer Kiesschüttung beschwert. In den Folgejahren habe ich ab und zu etwas Schlamm aus nassen Gräben oder von Teichufern zwischen den Kies gefüllt. Aus einem alten Teich habe ich Rohrkolben (Typha latifolia), Zypergras-Segge (Carex cyperoides), Straußblütigen Gilbweiderich (Lysinmachia thyrsoidea), Sumpf-Schwertlilien (Iris pseudacoris) und Zungen-Hahnenfuß (Ranunculus lingua) zusammen mit etwas Bodensubstrat eingebracht. Auch zwei verhältnismäßig kleinwüchsige Seerosenarten (Nymphaea odorata und N. tetragona Pygmaea rubra) wurden gepflanzt.

Anlage des Teiches im Oktober 2008

Seerosenblüte (Nymphaea odorata) im Juni 2025

Da im Teich keine Fische gehalten werden, die gefüttert werden müssen und da ich immer nur mit Regenwasser aus der Zisterne nachfülle, ist das Wasser sehr mineralstoffarm und die Sumpf- und Wasserpflanzen zeigen ein verhaltenes Wachstum. Die Sumpf-Schwertlilien haben das Blühen weitgehend eingestellt, ebenso der Rohrkolben. Dafür hat sich letztes Jahr von alleine Chinaschilf (Miscanthus sinensis) im Uferbereich angesiedelt. Auch viele andere Pflanzenarten sind freiwillig an und in den Teich gekommen, zum Beispiel Sumpf-Lappenfarn (Thelyperis palustris), Wasserdost (Eupatorium cannabinum); Blutweiderich (Lythrum salicria), Wald-Engelwurz (Angelica sylvestris) und verschiedene Seggenarten. Besonders stolz bin ich darauf, dass sich auch zwei Orchideenarten, die Breitblättrige Fingerwurz (Dactylorhiza majalis) und die Fleischfarbene Fingerwurz (Dactylorgiza incarnata) seit 2016 von alleine in dem moosreichen Uferbereich eingefunden haben. Beide kommen in den Feuchtwiesen eines nahegelegenen Naturschutzgebietes vor.

Dactylorhiza incarnata mit der Kleinlibelle Coenagrion puella (20.05.2016)

Einige andere Pflanzen habe ich selbst angesiedelt, zum Beispiel, den Teich-Schachtelhalm (Equisetum fluviatile), den Igelschlauch (Baldellia ranunculoides) und die Wasser-Minze.(Mentha aquatica): Versuche mit Pillenfarn (Pilularia), Wasserschlauch (Utricularia) und Zungen-Hahnenfuß (Ranunculus lingua) hatten keinen langfristigen Erfolg. Der Strauß-Gilbweiderich (Lysimachia thyrsoidea), den ich von einem anderen Teich geholt habe, wuchs in den ersten Jahren sehr kräftig, dann wurde er immer kleiner und tauchte immer wieder an anderen Ecken des Uferbereiches auf und er ist immer noch da. Einen Exoten, das Schildblatt (Darmera peltata) aus Nordamerika, habe ich von meiner Nachbarin bekommen. Ich finde die Pflanze sehr eindrucksvoll, sowohl die im zeitigen Frühjahr vor den Blättern erscheinenden rosafarbenen Blütenstände als auch die großen, schildförmigen Blätter, die eine wunderbare Herbstfärbung zeigen.

Moose haben sich am Teichufer sehr gut entwickelt, besonders dominant das Spießmoos  (Calliergonella cuspidata).

Am Anfang sah das Ufer recht kahl aus, mittlerweile ist es dicht bewachsen. Dank der Nährmineral-armen Situation entwickelten sich die Seggen sehr gut. Neben der Zypergras-Segge siedelten sich Rispen-Segge (Carex paniculata) , Sparrige Segge (Carex squarrosa) und mit nur wenigen Exemplaren die Winkel-Segge (Carex remota) an. .

Bald stellten sich auch Grasfrösche ein. Ab 2013 habe ich das Datum der ersten beobachteten Laichballen aufgeschrieben.

Laichtermine der Grasfrösche in unserem Teich in Oberteuringen

2013               10.3

2014               9.3.

2015               14.3

2016               11.3.

2017               10.3.  

2018               12.3.

2019               9.3.

2020               1.3.

2021               8.3.

2022               21.3.

2023               11.3.

2024              13.3. 2 Laichballen von einem Froschpaar

2025               kein Laich

2026 kein Laich

An manchen Jahren konnte ich bis zu 20 Laichballen zählen. 2025 tauchte zum ersten Mal kein einziger Laichballen mehr auf. Es kamen auch keine Grünfrösche mehr, die sich die Jahre vorher regelmäßig ab Ende April eingefunden hatten..

Wasserfrosch (Pelophylax ridibundus s.l) und Nymphae tetragonae.Auf einem Seerosenblatt sieht man Seerosen-Blattläuse (Rhopalosiphum nymphaea)

Bergmolche (Ichthyosaura alpestris, Syn.: Triturus alpestris) sind immer noch zu beobachten, aber auch ihre Anzahl hat in den letzten Jahren abgenommen. Zweimal konnte ich im Teich eine junge Ringelnatter beobachten. An Wasserinsekten sind vor allem Rückenschwimmer und Wasserläufer häufig, ebenso Larven von Klein- und Großlibellen, kleinere Wasserkäfer und Eintagsfliegenlarven. Posthornschnecken habe ich einmal eingesetzt und sie haben sich trotz des relativ kalkarmen Wassers (ca. 8°dH) gut vermehrt.

In den ersten Jahren traten im Frühjahr grüne Wasserblüten auf, aber schon viele Jahre ist das Wasser immer sehr klar. Allerdings sind die Steine und der Bodengrund mit einem dichten Biofilm überzogen, der vor allem aus Kieselalgen besteht. Wenn im Frühjahr die Fotosyntheseaktivität zunimmt, sorgen die sich bildenden Sauerstoffblasen für Auftrieb, sodass sich an der Wasseroberfläche olivbräunliche Flocken bilden, die wir teilweise mit dem Kescher – vor allem aus ästhetischen Gründen – abgefischt haben. Seit meine Frau das nicht mehr tun kann; lasse ich die Flocken schwimmen, Später im Jahr verschwinden sie von alleine.

Im Laufe der Zeit hat sich am Bodengrund – vor allem aufgrund der jedes Jahr sehr reichlich anfallenden, abgestorbenen Seerosenblätter – ein ziemliches Sediment gebildet, aber von einer Verlandung ist der Teich noch weit entfernt.

Zäune, Hecken und Gebüsche

Hainbuchenhecke am 05.08.2021, davor blühende Herbst-Anemonen (Anemone hupehensis) und Funkie (Hosta Sorte); ganz vorne rechts Breitblättriger Lavendel (Lavandula latifolia)

Zur Straße hin säumt unseren Garten eine fast 100 m lange Hainbuchen-Hecke. Diese Hecke ist sicher mindestens 40 Jahre alt, kleine Teile davon wurden beim Bau des Hausesvor 18 Jahren beschädigt und von uns ergänzt. Sie wird zweimal im Jahr – Anfang Juni und im September – geschnitten. Dies ist vor allem deshalb notwendig, weil sonst die Begehbarkalt des davor verlaufenden Bürrgersteigs beeinträchtigt würde, sonst wäre auch ein einmaliger Schnitt im Herbst ausreichend.

Zum Grundstück an der Nordostseite wird der Garten von einem Bretterzaun unterschiedlicher Höhe begrenzt, der in seinen hohen Teilen dicht von Efeu und Wildem Wein (Parthenocissus quinquefolia) bewachsen ist. Im Nachbargrundstück dahinter wachsen ziemlich hohe Büsche und Bäume. Zwischen Zaun und Haus haben wir einen Schuppen errichtet, da wir Mangels eines Kellers Abstellmöglichkeiten benötigten. Im Winkel zwischen Hütte und Zaun liegt ein Reisighaufen, der immer wieder mit Gehölzschnitt aufgefüllt wird und dort lassen wir auch einen ausgedehnten Brennnesselbestand wachsen. Im Winter war der Reisighaufen häufig Unterschlupf für einen Igel.

Der hohe Bretterzaun zum Nachbargrundstück ist vollständig überwachsen, vor allem von Efeu (Hedera helix) und Fünfblättriger Jungfernrebe (Parthenocissus quiquefolius). Vor dem Reisighaufen wachsen Große Brennnesseln (Urtica urens; Foto vom 09.04.2026)
Fortsetzung nach Westen, links sieht man eine Kletter-Hortensie (Hydrangea petiolaris), außerdem Efeu, Junfernrebe und viele Brennnesseln (Foto vom 17.07.2025).

Nach Westen und Südwesten wird der Garten von Gebüschen begrenzt, südwestlich stehen auf dem Nachbargrundstück ziemlich hohe Sträucher, zum Beispiel auch ein sehr schöner Duftender Schneeball (Viburnum farreri), der uns oft schon im Januar mit Blüten erfreut. Ein höherer Baum ist der schon erwähnte Essigbaum, den Feld-Ahorn lasse ich jedes Jahr stutzen, um eine zu starke Beschattung zu verhindern.

Essigbaum (auch Hirschkolben-Summach, da seine behaarten Zweige an ein Hirschgeweih im Bast erinnern, Rhus typhina) und Flieder (Syringa vulgaris) am 12.11.2025

Bäume

Wie man an Flieder und Essigbaum erkennt, können aus Büschen Bäume werden. Oft werden sie für kleine Gärten mit den Jahren zu einem Problem, da ihre Kronen gewaltige Ausmaße erreichen können und dann aus dem blühenden Garten einen blütenarmen Waldboden machen. Trotzdem sind etwas höhere Gehölze auch für einen kleinen Garten möglich. Sie erhöhen nicht nur die Dreidimensionalität und machen die gesamte Gartenstruktur abwechslungsreicher, sie erfüllen auch wichtige Funktionen als Lebensräume. Man muss sich damit abfinden, dass es vielleicht einmal notwendig sein wird, einen Baum zu fällen oder ihn zumindest sehr stark zu beschneiden (entgegen meinem sonst immer wieder propagierten „Wachsen lassen“). Einen Feld-Ahorn (Acer campestre) lasse ich zum Beispiel jedes Jahr stark zurückschneiden – wie man das zum Beispiel oft von innerstädtischen Platanen sieht –; um zu verhindern, dass er zu groß und ausladend wird. Bis jetzt verträgt er diesen Rückschnitt sehr gut und treibt jedes Jahr über 1m lange neue Zweige. Auch einen Apfelbaum (Gewürzluike) und einen Pflaumen – bzw. Zwetschgenbaum mit vier verschiedenen Sorten lasse ich jedes Jahr schneiden.

Pflaumen/Zwetschgenbaum mit vier verschiedenen Sorten (06.4.2024) und Apfelbaum (Gewürzluike,29.04.2021)

Die buschartig wachsende Feige (Ficus carica) musste bisher noch nicht geschnitten werden.

Feige (Ficus carica) am 03.09.2022

Ein absoluter Star in unserem Garten ist der Kanadische Judasbaum (Cercis canadensis). Er stammt aus dem östlichen Nordamerika und kommt dort als Unterwuchs in Laubwäldern und als Heckenpflanze vor, wird aber auch in Amerika als Zierpflanze genutzt und in mehreren Sorten angeboten.

Kanadischer Judasbaum (Cercis canadensis) im April 2024

Wir haben den Baum von einer befreundeten Gärtnerin und Pflanzenkennerin geschenkt bekommen, die in ihrem kleinen Hausgarten in Flensburg hunderte verschiedener Pflanzenarten kultiviert. Sie hat den Baum auch am natürlichen Standort kennengelernt und mir begeistert von der Frühjahrsblüte in den Laubwäldern der Appalachen berichtet. Das kleine Bäumchen hat sich in meinem Garten wunderbar entwickelt und blüht jedes Jahr sehr üppig. Früchte werden praktisch keine gebildet – ganz vereinzelt haben sich einmal einzelne Hülsen entwickelt – vermutlich, weil es keinen Baum der selben Art in der näheren Umgebung gibt. Im Gegensatz zu dem hier im Bodenseegebiet nicht selten kultivierten Mittelmeer-Judasbaum (Cercis siliquastrum) ist diese Art absolut winterhart. Die Blätter haben eine schöne Herzform, beim Mittelmeer-Judasbaum fehllt die Blattspitze. Außer der Blüte ist auch die prächtige gelbe Herbstfärbung ein Blickfang. Eine Besonderheit der Cercis-Arten ist ihre Kauliflorie.oder Stammblütigkeit. Die Blüten entwickeln sich auch aus älteren, teilweise schon ziemlich dicken Ästen. Dies erleichtert die Bestäubung durch schwerere Tiere wie Fledermäuse oder andere kleine Säuger. Kauliflorie kommt fast nur bei tropischen Gehölzen vor. Es wird deshalb angenommen, dass die Judasbäume in gemäßigten Zonen als tropische Relikte anzusehen sind, die aus einer früheren wärmeren Klimaperiode überdauert haben.

Kanadischer Judasbaum im Herbst am 10.10.2022

Zwischen der Einfahrt und dem Schuppen steht eine mittlerweile stattliche Rot-Fichte (Picea abies). Sie ist aus einem Keimling gewachsen, den wir vermutlich mit einer Wurmfarn-Pflanze in den Garten gebracht haben und damit ist sie nun genau 17 Jahre alt. Den Wurmfarn gibt es immer noch, aber er führt unter der mittlerweile 6 m hohen Fichte im wahrsten Sinne des Wortes ein Schattendasein.Im nächsten Jahrzehnt wird die Fichte eine Größe erreichen die möglicherweise eine Fällung notwendig machen wird.

Rot-Fichte (Picea abies) am15.04.2026

Entlang der Einfahrt haben wir 2008 eine Zaubernuss (Hamamelis spec., wegen der Winterblüte), einen Weißen Hartriegel (Cornus alba, wegen der schönen roten Rinde seiner Äste, den Namen hat er nach den weißen Früchten), einen Flieder, eine Cornellkirsche (Cornus mas) und eine Japanische Zierkirsche gepflanzt. Die sehr schnell wachsenden Cornus-Arten lasse ich immer wieder zurückschneiden; Zaubernuss, Flieder und Zierkirsche nicht.Die Kirsche überragt mittlerweile schon beinah das Haus, die Zaubernuss ist ganz klein geblieben, der Flieder hält die Mitte.

Die nach 16 Jahren haushohe Zierkirsche( vielleicht Prunus subhirtella Fukubana), daneben der gut geschnittene Apfelbaum (Foto vom 4. April 2025 mit meiner Frau Sigrid, die damals noch zu Besuch kommen konnte)

Kompost- und Mülltonnen-Ecke

Mülltonnenplatz mit Wilder Möhre (Daucus carota) und Zweijähriger Nachtkerze (Onothera biennis), Foto vom 24.06.2025

Der Platz für Kompost und Mülltonnen ist vom übrigen Garten durch eine Hainbuchenshecke abgetrennt. Das wäre eigentlich aus ästhetischen Gründen nicht nötig, denn der Platz zeichnet sich durch üppiges Pflanzenwachstum und immer wieder neue Blütenüberraschungen aus, wie zum Beispiel.2023 dem Färber-Waid (Isatis tinctoria). Zwischen dem immer präsenten Giersch und den Brennnesseln zeigen sich, zum Beispiel Wilde Möhren, Nachtkerzen, Königskerzen, Kompass-Lattich, Natternkopf und Natternkopf-Wurmlattich.

Wurmlattich (Helminthotheca echioides, 22.06.2022) und Großblütige Königskerze (Verbascum densiflorum, 05.07.2023) am Mülltonnenplatz

Hochbeet

Hochbeet am 19. April 2026

Unser Teich wird halbseitig von einer Natursteinmauer aus Granit gestützt. Daran schließt sich ein erhöhtes Beet an, das von einer Kalksteinmauer eingefasst ist. Die Idee war, dass ich mit dem Rollstuhl heranfahren und einige kleine Arbeiten durchführen kann. Das geht immer noch auf den Seiten, an denen die Terrasse an die Mauer anschließt. Auf den beiden anderen Seiten grenzt ein Schotterrasen an die Mauer. Den konnte ich lange Zeit ganz gut mit dem Rollstuhl befahren; aber mittlerweile ist er durch den Bewuchs deutlich schwerer befahrbar, außerdem hat natürlich mit zunehmendem Alter auch meine Armkraft etwas nachgelassen.

Die Idee war ursprünglich, in dem Beet auch einige Nutzpflanzen zu kultivieren, vor allem Küchenkräuter. Mittlerweile hat es durch Sträucher und Halbsträucher wie Rosmarin (Rosmarinus officinalis), Heiligenkraut (Santolina chamaecyparissus), Schmalblättrigem Lavendel (Lavandula angustifolia), Berg-Bohnenkrautl (Saeureia montana)und Italienischer Strohblume (Helichrysum italicum) einen ausgesprochen mediterranen Charakter.

Blick ins Hochbeet am 20.06.2021 mit Rundem Lauch (Allium rotundum) und Weinraute (Ruta graveolens)

Die lange Zeit sehr gut gedeihende Weinraue (Ruta graveolens) ist leider nach einem starken Rückschnitt eingegangen. Aber zu den mediterranen Charakter passt auch die rötliche Variante des Fenchels (Foeniculum vulgare) . Sie hat sich aus ein paar eingestreuten Samen entwickelt. Zwei Laucharten (Allium rotundum, A. oleraceum) gedeihen sehr gut. Verschiedene Gartennelken-Sorten (Dianthus) haben sich zeilweise ausgebreitet, gehen aber seit einigen Jahren wieder etwas zurück. Wenn die Herbst-Anemonen versuchen, das Gebiet zu erobern, werden sie vertriebent ebenso die Keimlinge des in der Nähe stehenden Feld-Ahorns.

Vor 17 Jahren haben wir von einem Freund einige Knollen der Eidechsenwurz (Typhonium venosum) geschenkt bekommen. Die haben wir in das Beet eingesetzt und sie haben sich bis heute gehalten und vermehrt und auch einige kalte Winter ganz gut überstanden. Allerdings blühen sie nur vereinzelt. Aber ihre „fußförmig geeilten“ Blätter sind ebenfalls sehr eindrucksvoll.

Eidechsenwurz (Typhonium venosum), 12.09.2023

Der Bewuchs der Randeinfassung dienenden Trockenmauer aus Kalksteinblöcken ist sehr unterschiedlich. Offensichtlich spielt die spezielle Eigenschaft der Steine eine wichtige Rolle. Bei Moosen spielen vor allem das Mauer-Drehzahnmoos (Tortula muralis) und das Kissenmoos (Grimmia pulvinata) eine wichtige Rolle. Ich habe immer wieder versucht, Zimbelkraut (Cymbalaria muralis) anzusiedeln, weil mir das so gut gefällt, aber dem Kraut scheint unsere Mauer nicht so gut zu gefallen. Nach anfänglicher Ausdehnung ist es wieder stark zurückgegangen.

Moosbewuchs an der Natursteinmauer des Hochbeets, 09.02.2022
Kissenmoos (Grimmia pulvinata) und Mauer-Drehzahnmoos (Tortula muralis) am 09.02.2022

Terrasse und Wege

In unserem Garten gibt es eine mit 50 × 50 cm großen Kunststeinplatten belegte Terrasse, einen Gartenweg mit kleineren Steinen mit abgerundeten Ecken und einem Weg ums Haus mit rechteckigen kleineren Steinen. Die Terrasse zeigt nur einen relativ geringen Bewuchs in den Ritzen, die Flächen sind durch Blaugrüne Bakterien dunkel gefärbt. Nur wo das Licht – zum Beispiel durch Türvorleger – abgehalten wurde, blieb die alte hellere Farbe erhalten.

Auf den Wegen gedeihen rechtlich Flechten (vermutlich vor allem die Mauer-Kuchenflechte (Lecanora muralis), in den Pflasterritzen Moose (vor allem Purpur-Hornzahnmoos – Ceratodon purpureus) und kleine Gefäßpflanzen, zum Beispiel Hungerblümchen (Draba verna). Die Auffahrt für das Auto ist mit Steinen gepflastert, zwischen denen besonders breite Fugen freigelassen wurden. Dies ermöglicht einen guten und vielseitigen Bewuchs ( z. B. Löwenzahn, Breit-Wegerich, Niederliegendes Mastkraut, Quendel-Sandkraut, Einjähriges Rispengras).

Gartenweg im Frühling mit Hungerblümchen (Draba verna) und Krustenflechten, vermutlich vor allem der Mauer-Kuchenflecht (Lecanora muralis), Foto vom 19.03.2026
Einfaht mit vielseitigen Ritzenbewuchs am 18.04.2026

Falllaub und abgestorbene Stängel

Zwischen den abgestorbenen Stängeln ( vor allem von Hemerocallis fulva) leuchten die neu aufgeblühten Tulpen (Tulipa praestans-Hybride) besonders kräftig (Foto vom 19.03.2026)

Im Herbst werden von den Grünämtern der Gemeinden regelmäßig Termine für das Abholen von Grünabfällen angeboten. Man will den Gartenbesitzern ermöglichen, Gartenabfälle loszuwerden. Denn zu einem „ordentlichen“ Garten gehört, dass abgeblüte Stängel geschnitten und Laub zusammen gerecht und entsorgt wird. Wenn man auf diese Arbeiten aber weitgehend verzichtet, ist dies der biologischen Vielfalt sehr förderlich.

Abgefallenes Laub ist ein wichtiger Lebensraum für Insekten und Spinnen, die unter den Blättern überwintern können. . Außerdem schützt das Laub den Boden und wirkt wie eine natürliche Mulchdecke. Der Boden bleibt locker, weil Bodenorganismen aktiv bleiben können. Nicht selten sieht man auf Rasen, wie abgestorbene Blätter plötzlich aufgerichtet stehen. Das zeigt an, dass Regenwürmer dabei sind, sie in ihre Gänge zu ziehen. Viele Blätter, zum Beispiel von Pappeln und Ahorn, verrotten sehr schnell und sind ein wichtiger natürlicher Dünger. Von den Kleintieren im Laub Leben nicht nur Vögel -vor allem Amseln sieht man oft im Laub picken – , auch Igel und Amphibien finden dort Nahrung. Auch für die Überwinterung von Kleintieren ist eine Laubschicht wichtig. Unter meinem Apfelbaum ist vom letztjährigen reichlich gefallenen Laub im April 2026 eigentlich fast nichts mehr zu sehen.

Unter dem Apfelbaum wurde im Herbst 2025 kein Falllaub entfernt. Trotzdem ist von diesen abgestorbenen Blättern am 12. April 2026 nichts mehr zu sehen

Zum „Garten aufräumen“ gehört auch das Abschneiden von verblühten Blütenständen oder mindestens vertrockneten Fruchtständen und Staudenresten im Herbst. Von Naturschutzverbänden wird schon lange darauf hingewiesen, dass es für die ökologischen Funktionen im Garten und für die Biodiversität viel besser wäre, diese Fruchtstände mindestens bis zum nächsten Frühjahr, April/Mai, stehen zu lassen, da sie vielen Insekten wie Wildbienen, Schmetterlingspuppen, Florfliegen; Marienkäfern und anderen Käferarten als Überwindungsplatz dienen und da auch Spinnen, Asseln, Tausendfüßler und andere nützliche Kleintiere dort den Winter überstehen und im nächsten Frühjahr dann zum Beispiel helfen, Blattlaus-Massenvermehrungen einzudämmen. Für Vögel sind die Samen der Fruchtstände – wie man gut beobachten kann – eine wichtige Winterfutterquelle und eigentlich sinnvoller, als zugekauftes Vogelfutter. Außerdem fördern die Wintersteher die strukturelle Vielfalt, schaffen Mikrohabitate, schützen den Boden vor Austrocknung und Erosion und helfen beim Humusaufbau. Viele Fruchtstände haben auch durchaus einen ästhetischen Reiz und im Frühjahr , wenn zwischen den abgestorbenen Pflanzenresten neues Grün und neue Blüten sprießen, sieht das sehr schön aus.

Die Blütenstände des Schildblatts (Darmera peltata) erscheinen zwischen den alten abgestorbenen Blättern vom Vorjahr (Foto vom10.04.2026)

Die Sprossevom Topinambur (Helianthus tuberosus)wo, auch Erd-Sonnenblume oder Knollen-Sonnenblume genannt, sterben zwar nach der Blüte im Spätherbst ganz ab, aber wie der wissenschaftliche Name schon sagt, überwintern die Pflanzen in unterirdischen Knollen. Die Sprossachsen sind sehr dauerhaft, abgebrochene oder abgeschnittene Stücke eignet sich als Brutplatz für Wildbienen.

bösbösAus den Topinambur-Sprossachsen (Helianthus tuberosus) des letzten Jahres lassen sich zum Beispiel Wildbienen-Brutplätze gewinnen (Foto vom 11.04.2026)

Das Ziel: Natur einschalten, nicht ausschalten

Umschlag des 1978 erschienenen Buches von Louis Le Roy „Natur ausschalten – Natur einschalten“

Das 1978 erschienene Buch des niederländischen Architekten Louis Le Roy „Natur ausschalten – Natur einschalten“ ist nach wie vor sehr aktuell und kann bis heute nicht nur für Gemeindverwaltungen und Städteplaner sondern auch für private Gartenbesitzer wichtige Grundlagen vermitteln. Entscheidend ist es, natürliche Funktionsabläufe nicht zu unterbrechen oder gar zu bekämpfen, sondern zu fördern. Dabei sind Eingriffe durchaus sinnvol. Wildnis entsteht durch Wachsen lassen, Vielfalt kann man durch gezielte Eingriffe fördern, aber nicht durch Rasen mähen, Unkraut jäten oder Fugen auskratzen. Dabei ist ein Garten nie „fertig“ in dem Sinne, dass er nie ein Endstdium erreicht. sondern dass er sich immer weiterentwickelt . Diese Entwicklung kann man im Sinne einer Förderung der biologischen Vielfalt unterstützen. Dazu ist es notwendig, genau zu beobachten und sich für diese Beobachtungen mindestens so viel Zeit zu nehmen wie für eingreifende Arbeiten.

In dem Artikel „Verwilderung förderern“ habe ich einige Möglichkeiten genannt, die helfen, natürliche Funktionsabläufe im Garten zu fördern und eine „Verwilderung“ zu ermöglichen, die auch ästhetischen Ansprüchen gerecht werden kann.

Urs Schwarz, einer der Begründer der Naturgartenbewegung schreibt in seinem 1980 erschienenen und vom WWF herausgegebenen Buch „Der Naturgarten“ als letzten Satz „Ausländische, standortfremde Pflanzen bezeichnen wir als Unkraut, die standortgemäßen einheimischen als Kraut. Und dann beginnen wir behutsam dem Kraut Platz zu machen indem wir das Unkraut beseitigen“. Diese Forderung „Ausländer raus!“ geht mir entschieden zu weit. Auch nicht heimische Pflanzen und sogar züchterisch veränderte Zierpflanzen dürfen in meinem Garten wachsen und gedeihen, nur nicht um jeden Preis. Warum sollte ich zum Beispiel die nicht heimischen Frühblüher, Krokusse, Winterlinge,Tulpen, Hasenglöckchen und Narzissen aus meinem Garten entfernen? Sie schaden natürlichen Funktionsabläufen nicht, im Gegenteil, sie sind ein wichtiges Frühjahrsfutter für Bienen und Hummeln. Der Zierkkirschenbaum trägt zwar keine Früchte, ist aber bei Bienen im zeitigen Frühjahr sehr beliebt und ein ausgesprochener Gartenschmuck, der in den ersten 17 Jahren in meinem Garten nur sehr wenig Pflege benötigte. Viele wärmeliebende Pflanzen, die bei uns noch nicht heimisch sind, gedeihen in meinem Garten sehr gut, wohl auch als Folge der Klimaerwärmung. Zu nennen wäre vor allem der Feigenbaum, der in den letzten Jahren ergiebige Ernten brachte, aber auch Rosmarin, Italienische Strohblume, Echter Salbei oder Lavendel-Arten. Auf diese Pflanzen möchte ich nicht verzichten.

Beobachtungen aus meinem Garten

Jungfer im Grünen (Nigella damascena) – hoffentlich bleibt sie mir treu!

(alle Fotos dieses Beitrags vom Verfasser W Probst)

Blüte von der Jungfer im Grünen (Nigella damascena), 26.05.2025

Vor ein paar Jahren tauchten die ersten dieser feinen Pflänzchen in meinem Garten auf. Dieses Jahr kann man die einjährige Pflanze überall finden, wo die Vegetation nicht allzu dicht ist. Ein besonders schöner Bestand hat sich in dem schmalen Kiesstreifen entlang der Hauswand entwickelt. Aber auch aus Pflasterfugen können sich sehr kleine Exemplare erheben. Das Hahnenfußgewächs, das aus dem Mittelmeergebiet stammt und früher in vielen Bauerngärten als Zierpflanze zu finden war, hat viele Namen: Gretchen im Busch, Gretel im Nest, Gretel in der Stauden, Braut in Haaren, Venushaarige. Sie nehmen Bezug auf den Kranz haarfein zerschlitzter Hochblätter, der die himmelblauen Blüten umgibt.

Nigella damascena im Kiesstreifen an der Hauswand, 01.06.2025.
… und in einer Pflasterfuge, 01.06.2025

Übersetzt heißt der wissenschaftliche Name etwa „Kleines Schwarzes aus Damaskus“. Das Diminuitiv „nigella“ kommt von lat. niger = schwarz und bezieht sich auf die schwarzen Samen, die für die ganze Gattung charakteristisch sind. Die deutsche Gattungsbezeichnung ist Schwarzkümmel. Das in der Türkei und im ganzen Vorderen Orient beliebte Gewürz Schwarzkümmel stammt meist von der Art Nigellia sativa. Große gesundheitsfördernde Wirkung wird dem Schwarzkümmelöl beigemessen, das aus den Samen von Nigella sativa gewonnen wird. Es soll das Immunsystem stärken, Entzündungen hemmen, die Verdauung fördern, Hautprobleme lösen, chronische Atemwegserkrankungen lindern und Allergien dämpfen. Also gewissermaßen ein Allheilmittel, das nicht nur für Menschen, sondern zum Beispiel auch für Hunde und Pferde angewendet wird

Frucht von Nigella damascena, 03.07.2025

Mit Kümmel und Kreuzkümmel – beides Vertreter der Doldenblühtengewächse – ist die Pflanze nicht verwandt. Nur die ähnliche Verwendung als Gewürz – zum Beispiel für Gebäck – hat sie mit diesen gemein.  Für die Hahnenfußgewächse typisch ist die große Zahl der Staubblätter und die nicht ganz so zahlreichen Fruchtblätter, die allerdings im Unterschied zu den meisten anderen Hahnenfußgewächsen verwachsen sind. Allerdings kann man die einzelnen Fruchtblätter noch sehr gut erkennen. Auch dass es keine Aufteilung in Kronblätter und Kelchblätter gibt, ist für einige Hahnenfußgewächse charakteristisch.

In der Naturheilkunde wird Nigella damascena gegen Würmer und als harntreibendes und schleimlösendes Mittel verwendet. Die Samen und das aus ihnen gewonnene Pulver werden auch als Damaszener Schwarzkümmel bezeichnet. Da die gemahlenen Samen einen deutlichen Waldmeistergeschmack haben, dienen sie nicht nur der Verfeinerung von Süßspeisen, sie werden auch in Parfüms und Lippenstiften verwendet. Wegen des enthaltenen Alkaloids Damascenin, das zwar als ein Radikalenfänger gilt, aber auch mutagen ist, sollte das Gewürz nur sparsam verwendet werden.

Geöffnete Frucht von Nigella damascena mit Samen (Damaszener Schwarzkümmel), 03.06.2025

Ihre Verwendung der Jungfer im Grünen als Gartenpflanze reicht mindestens bis ins 16. Jahrhundert zurück. Besonders in Bauerngärten war sie weit verbreitet. Teilweise wurde sie allerdings von farbenprächtigeren und auffälligeren Sommerblumen verdrängt. Aber in Gärtnereien ist sie wegen ihrer langen Haltbarkeit immer noch beliebt, vor allem auch, weil sich ihre Fruchtstände sehr gut für Trockensträuße verwenden lassen.

Der Dichter und Schriftsteller Johannes Trojan (1837 bis 1915) hat dem Gretchen im Busch ein Gedicht gewidmet:

Braut in Haaren
Ob sie auch schön von Angesicht,
eine vornehme Blume ist sie nicht.
Aus der Reichen Gärten ist die verbannt
und aus den Städten hinaus aufs Land,
die Blume Braut in Haaren.
Im Bauerngarten auf dem Beet
wo brennende Lieb‘ und Raute steht,
da ist sie immer noch gern gesehn,
da seh‘ ich als Wandrer oft sie stehn,
die Blume Braut in Haaren.
Dann tret‘ ich hin an den Gartenzaun,
um ihr in das Angesicht zu schaun.
Wir beide stehn uns auf du und du,
sie sieht mich an, und ich nick ihr zu:
Guten Morgen, Braut in Haaren

In meinem Garten blühte sie von Ende Mai bis fast Ende Juni. Nun sind die letzten Blütenblätter abgefallen, aber auch den hübschen Früchten nicke ich jeden Morgen zu. Mögen ihre Samen nächstes Jahr an möglichst vielen Stellen in meinem Garten keimen!

Essigbaum (Rhus typhina) – dekorativ aber sehr ausbreitungsfreudig

Essigbaum im Winter (Foto W. Probst)

Der Essigbaum, auch Hirschkolben-Sumach genannt, ist ein aus dem östlichen Nordamerika stammendes Ziergehölz, das nicht selten verwildert. In der Schweiz gilt der Strauch deshalb als invasiver Neophyt und darf nicht mehr als Gartenpflanze verkauft werden. Es handelt sich um ein ausgesprochenes Pioniergehölz. Die mehrstämmigen kleinen Bäume verbreiten sich durch unterirdische Ausläufer und können ungestört schnell große Areale erobern. Besonders dekorativ ist die orange-rote Herbstfärbung, aber auch die tief dunkelroten, kolbenartigen Blütenstände, die bis weit ins nächste Jahr hinein an den Zweigen bleiben, sind ein imposanter Gartenschmuck. Danach wählte Linné die Art Bezeichnung „typhina“ (nach dem Rohrkolben Typha).

Essigbaum im Herbst (Foto W.Probst)

Die Gattung Rhus, zu deutsch Sumach, ist eine artenreiche Gattung der Sumachgewächse (Familie Anacardiaceae), zu denen auch Cashew, Pistazien, Mango, Perückenstrauch und Peruanischer Pfeffer gehören. Die berüchtigten nordamerikanischen Sträucher Poison Oak (Rhus toxicodendron) und Poison Ivy (Toxicodendron radicans, syn, Rhus radicans) produzieren als Kontaktgifte Urushiole, die bei Berührung einen juckenden Ausschlag verursachen.

Den deutschen Namen „Hirschkolben-Sumach“ kann man leicht mit den dicken, behaarten, an ein Hirschgeweih im Bast erinnernden Zweigen erklären. Aber warum „Essigbaum“? Das vor allem in der Türkei beliebte säuerliche Gewürz Sumach kann an Salaten durchaus als Essigersatz dienen. Es stammt allerdings von dem nahe verwandten, im Mittelmeergebiet heimischen Gerber- oder Färberstrauch Rhus coriaria. Aber das säuerliche, als Indian Limonade in Nordamerika bekannte Erfrischungsgetränke wird aus den Früchten von Rhus typhina hergestellt. Auch zur Essigherstellung soll er laut Wikipedia verwendet worden sein. Das kann man sich gut vorstellen, wenn man die sehr säuerlichen Früchte probiert. Allerdings gelten alle Teile des Essigbaumes als leicht giftig.

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Wie der Gerberstrauch wurde und wird auch der Essigbaum zur Gewinnung von Gerbstoffen verwendet und angebaut.

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Gewöhnliche Feuerwanze (Pyrrhocoris apterus), sehr häufig in meinem Garten

Abb. 1 In Kopulation verbundenes Feuerwanzenpaar (Foto W. Probst)

Feuerwanzen sind ohne Übertreibung die häufigsten Insekten in meinem Garten. Oft krabbeln sie um die Steine des schmalen Kieselstreifens, der die Hauswände säumt, aber auch in Mauerritzen und Fugen kann man viele von ihnen beobachten. Nicht selten verirren sie sich auch ins Haus. Ihre auffällige Rückenzeichnung, ein schwarzes Muster auf rotem Grund, hat ihnen ihren Namen gegeben. Dieses Muster kann individuell leicht variieren (vgl. Abb. 1 und 3). Die auffällige Färbung dient vermutlich – ähnlich wie die schwarz-rote Zeichnung von Marienkäfern – als Warnsignal für Fressfeinde, denn die Wanzen können bei Gefahr unangenehme riechende Stoffe ausscheiden, die sie als Nahrung unattraktiv machen.

In Deutschland kommen nur 2 Arten der Familie Pyrrhocoridae vor, insgesamt umfasst sie mehr als 300 vorwiegend tropische und subtropische Arten. Bei den Wanzen, die ich im Garten und im Haus finde, handelt es sich um die Gewöhnliche Feuerwanze (Pyrrhocoris apterus). Das Artkennwort „apterus“ bedeutet altgriechisch „flügellos“ und geht darauf zurück, dass der größte Teil der Feuerwanzen flugunfähig ist, da die Flügel verkürzt sind. Bei etwa 5 % der Tiere sind die Flügel normal ausgebildet und dies spielt bei der Ausbreitung der Art, zum Beispiel bei ihrem derzeitigen Vorrücken nach Norden, möglicherweise eine Rolle.

Wie alle Wanzen sind auch die Feuerwanzen hemimetabol, d. h. sie entwickeln sich allmählich über mehrere Nymphenstadien (Abb. 2), in diesem Falle 5, zum vollständigen Insekt. Im Freien benötigen sie für diese Entwicklung etwa 3 Monate. Nicht selten findet man dichte Ansammlungen von Wanzen unterschiedlicher Entwicklungsstadien, zum Beispiel an sonnigen Stellen am Fuß von Bäumen. Auch in Kopulation verbundene Wanzenpaare (Abb. 1) kann man oft beobachten. Sie können sehr flink laufen, obwohl ein Partner dabei immer rückwärts laufen muss.

Abb. 2 Nymphe einer Feuerwanze an Berg-Bohnenkraut, an Samen saugend (Foto W. Probst)

Wichtigste Nahrung sind Pflanzensäfte, vor allem auch aus Samen, die sie mi ihrem  Stechrüssel  anstechen. Nach der Literatur sollen Malvensamen besonders beliebt sein, aber ich habe sie regelmäßig am Berg-Bohnenkraut beobachtend (Abb. ) Allerdings sind die Tiere im Hinblick auf ihre Nahrung nicht sehr wählerisch. Sie saugen auch an toten Insekten (Abb. 3), auch Artgenossen, und sogar Kannibalismus (an frisch gehäutet Nymphen) wurde beobachtet.

Abb. 3 Feuerwanze an toter Amerikanischer Kiefernwanze (Leptoglossus occidentalis) saugend (Foto W. Probst)

Huflattich (Tussilago farfara): Wachstum nach der Blüte

(alle Fotos des Beitrags von W. Probst)

Huflattich-Blütenstände, Oberteuringen, 11.3.2017

Die ersten Blütenstände des Huflattichs öffnen sich oft schon im Februar oder Anfang März. Sie sind recht kurzgestielt. Die Stiele verlängern sich etwas im Laufe der Blüte und noch stärker, wenn die Blüten verblüht sind und sich die Köpfchen schließen. Die Achsen biegen sich dann nach unten, sodass die Köpfchen wie kleine Glocken nach unten hängen. Mit der Fruchtreife strecken sich die Blütenstandsachsen wieder und wachsen noch einmal erheblich in die Länge, sodass die Fruchtstände mit den Fallschirmfrüchten sich nun auch über die umgebenden Vegetation erheben und der Wind die Flugfrüchte gut verbreiten kann. Die sehr dünnen, seidigen Haare der Flugschirme haften in nassem Zustand auch sehr gut an vorbeistreifenden Tieren und Menschen. Im April kann man alle Stadien dieser Blütenstandsentwicklung nebeneinander beobachten.

Postflorales Wachstum der Huflattich-Blüten- und Fruchtstände, Oberteuringen, 6.4.2024

Blütenstand des Huflattichs mit männlichen und weiblichen Blüten

Fruchtstand des Huflattichs mit Flugfrüchten

Der Huflattich ist in ganz Eurasien und als invasive Pflanze auch in Nordamerika weit verbreitet. Er ist eine Pionierpflanze auf wechselfeuchten lehmigen Böden und wegen seiner langen, oft über 1 m tief reichenden Ausläufern kommt er zu auch sehr gut mit Hangrutschungen zurecht. Er ist ein sehr typischer Erstbesiedler von frisch aufgeschütteten Straßenböschungen, Hängen von Steinbrüchen und Kiesgruben und anderendurch menschliche Aktivitäten entstandenen Offenböden. An Steilufern von Bächen, Flüssen und Seen, die durch Erosion offengehalten werden, können sich vom Huflattich dominierte Pflanzenbestände lange halten. Ein gutes Beispiel ist die Steilküste der Ostsee an der Flensburger Förde (Abbildung). Die Pflanzensoziologie unterscheidet eine eigene Pflanzengesellschaft, das Poo–Tussolaginetum.

Hangrutschung an der Flensburger Förde mit Huflattich Beständen (Langballigau, 12.3.1992– oben – und 6.5.1990– unten)

Während der deutsche Name auf die hufförmigen Blätter Bezug nimmt, weist der lateinische Name „Tussilago“ auf die hustenlösenden Eigenschaften seiner Inhaltsstoffe hin (lat. tussis = Husten). Deshalb sind Blüten und Blätter auch Bestandteile von Hustentees. Allerdings enthält Huflattich auch karzinogene Pyrrolizidin-Alkaloide , weshalb von der Verwendung selbst gesammelte Huflattichblätter und -blüten abgeraten wird. Mittlerweile gibt es PA-freie Huflattichsorten für die medizinische Verwendung.

Hungerblümchen (Draba verna, syn. Erophila verna)

Die Pflasterfugen in unserem Gartenweg, die im Winter vor allem vom Purpur-Hornzahnmoos begrünt sind, zeigen jetzt im Frühjahr einen ganz besonderen Blütenflor. Tausende winziger Hungerblümchen machen sie zu richtigen Blumenrabatten. Sehr schnell bilden die Zwerge Aus der Familie der Kreuzblütler Früchte und Samen und nach wenigen Wochen sind sie verschwunden. Aber ihre Samen bleiben in den Pflasterfugen und im nächsten Frühjahr, oft schon Ende Februar, treiben sie neue Blütenstände.

Hungerblümchen in Pflasterfugen sind kaum zu sehen, aber wenn man in die Kniee geht, kann man erkennen,dass es sich um richtige kleine Blütenpflanzen handelt.

Fotos und Scan W. Probst

In Städten und Siedlungen gibt es viele Ritzen und Fugen. Oft kann man beobachten, wie sie von Anwohnern mühsam ausgekratzt werden. Teilweise kommt es auch zum Einsatz von Herbiziden. Hier könnte man in vielen Fällen Begrünung zulassen und dadurch nicht nur die Biodiversität sondern auch – wie Botaniker der Universität von Santiago de Compostela auch wissenschaftlich bewiesen haben – das Mikroklima verbessern.

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Breitfüßige Erlenblattwespe (Nematus septentrionalis, syn. Craesus septendrionalis)

An unserem Gartenteich wächst schon seit einigen Jahren eine Schwarz-Erle, die wir regelmäßig sehr stark zurückschneiden, sodass sie nicht höher wird als die krautige Vegetation.

Schwarz-Erle an unserem Gartenteich (11.8.2023, Foto W.Probst)

Heute Morgen (11.9.2023) entdeckte ich an den Blättern eines Zweiges sehr viele Raupen. Die oberen Blätter hatten sie schon ganz kahl gefressen. Sie fraßen die Blätter vor allem vom Rand aus an und bei Störung nahmen sie plötzlich eine auffällige Schrägstellung ein: Sie krümmten ihren Körper bis auf das Hinterende s-förmig nach hinten.

Mithilfe des Internets ließen sich die Raupen eindeutig der Breitfüßigen Erlenblattwespe (Nematus septentrionalis, syn. Craesus septendrionalis) zuordnen, die in ganz Europa vorkommt, aber vor allem in Mittel- und Nordeuropa weit verbreitet ist.

Fressende Raupen der Breitfüßigen Erlenblattwespe (Nematus septentrionalis, syn.Craesus septendrionalis) (16.9.2023, Foto W. Probst)

Raupen der Breitfüßigen Erlenblattwespe (Nematus septentrionalis, syn.Craesus septendrionalis) in Schreckstellung (16.9.2023, Foto W. Probst)

Die Weibchen der Blattwespe legen ihre Eier in die Mittelrippen von Blättern, vor allem von Birken, Schwarz-Erlen, Eschen, Ahorn, Weiden und Pappeln. Die die Larven fressen gemeinsam am Blattrand und zwar systematisch bis das Blatt bis zur Mittelrippe und wenigen Seitenrippen abgefressen ist. Laut Wikipedia sollen meist drei Generationen vorkommen, die erste fliegt von Mai bis Juni, die zweite von Juli bis September. Die Puppen der dritten Generation überwintern.

Ein sicheres Unterscheidungsmerkmal zwischen Schmetterlingsraupen und Blattwespenraupen ist die Anzahl der Beinpaare. Schmetterlingsraupen haben maximal acht Beinpaare. Nach den Brustsegmenten folgen bei Schmetterlingsraupen mindestens zwei Segmente ohne Beine. Bei den Raupen der Blattwespen folgt  hinter den drei Beinpaaren der Brustsegmente nur ein beinfreies Segment. Alle übrigen Segmente tragen Beinpaare.

Nektarraub

Schon seit Jahrzehnten gedeiht bei mir die afrikanische Aloe aristata. Ich überwintere sie im Zimmer, in der frostfreien Zeit stehen die Pflanzen im Garten.

Aloe aristata im August (Foto W.Probst)

Ich habe auch schon versucht, sie im Freien zu überwintern und einige Male ist es geglückt. Den Freilandaufenthalt danken die Pflanzen mit besonders reichlichen Blüten. Die traubigen Blütenstände können bis zu einem halben Meter lang werden. Oft bilden sie ein bis drei Seitentrauben.

In diesem Topf hat die Aloe an geschützter Stelle zwei Winter überstanden und in den folgenden Sommern besonders reichlich geblüht (Foto W. Probst)

Die mehrere Zentimeter langen, schmalen, orangeroten Blütenkronen sind verwachsen und für heimische Insekten ist der Nektar an der Blütenröhrenbasis kaum zugänglich. In ihrer Heimat werden sie vermutlich von langrüsseligen Nachtfaltern oder sogar von Nektarvögeln bestäubt. In unserem Garten kommt es nur sehr selten vor, dass sich aus einer Blüte eine Frucht entwickelt. Aber der Nektar der Blüten wandert trotzdem in einen Insektenmagen: Wespen, vor allem Feldwespen, knabbern regelmäßig an der Blütenbasis Löcher in die Kronröhre und saugen den Nektar aus.

Eine Feldwespe – vermutlich Polistes dominula – beißt ein Loch in die Kronröhre, um an den Nektar zu gelangen (Foto W. Probst, 9.8.2020)

Aus dem Loch tritt Nektar aus (Foto W. Probst, 16.9.2023)

Nektarraub kann man auch an einheimischen Blütenpfflanzen beobachten, besonders häufig am Akelei, bei dem der Nektar in den Spornern der Blütenblätter gespeichert wird.

Akeleiblüte mit angeknabherten Blütenspornen (Foto W. Pro

Kompaß-Lattich (Lactuca serriola) – Fam. Asteraceae

Der Stachel-Lattich (Lactuca serriola) trägt wechselständige, stachelige Blätter, die mit ihrer Spreite meist senkrecht stehen und häufig nach Norden bzw. Süden zeigen. Deshalb wird die Pflanze auch „Kompass-Lattich“ genannt. Diese Blattstellung wird als Strahlenschutz gedeutet, da die Pflanze häufig an sehr sonnigen Standorten zu finden ist. Ihr Verbreitungsgebiet reicht von Nordafrika bis in die gemäßigten Zonen.

Die kleinen Fallschirmfrüchte sorgen für eine effektive Windverbreitung. Es handelt sich um eine ausgesprochene Pionierpflanze, die häufig an sonnigen Wegrändern und in lückigen Unkrautfluren zu finden ist.

Der Stachel- oder Kompass-Lattich, eine typische Pionier- und Ruderalpflanze. Foto aus unserem Garten im ersten Sommer nach dem Einzug, 10.7.2008 (Foto W. Probst)

In unserem Garten war sie zu Anfang sehr häufig, vor allem auf einem großen Erdhaufen vom Bauaushub. Später verschwand sie fast vollständig. Zur Zeit keimen ihre Samen vor allem zwischen den Kieseln, die den Plattenweg von der Hauswand trennen.

Nach Ellenberg handelt es sich um eine Volllichtpflanze (L 9) mit geringem Feuchtigkeitsanspruch (F 4) und mäßigem Stickstoffbedarf (N 4)

Junger Kompass-Lattich im Kies zweischen Hausmauer und Terrassenplatten, 18.5.2022 (Foto W. Probst)

Der Grüne Salat (Lactuca sativa) mit den Züchtungen „Kopfsalat“ und „Römischer Salat“ stammt vermutlich vom Stachel-Lattich ab.

Wilde Möhre (Daucus carota) – Fam. Apiaceae

Wilde Möhre (Daucus carota) aus unserem Garten (10.7.2021, Foto W. Probst)

Nach dem Kompass-Lattich möchte ich noch eine einheimische Wildpflanze vorstellen, die Ursprungsart für eine wichtige Kulturpflanze ist: die Wilde Möhre (Daucus carota). Die Pflanze blüht bei uns von Mai bis Anfang August. Dieses Jahr mit seinen vielen warmen Sonnentagen ließ die Möhrenbestände sehr gut gedeihen. Die charakteristischen weißen Doppeldolden, meist mit einer schwarzen „Mohrenblüte“ in der Mitte, bilden an vielen Wegrändern – wie im Bild am Bodensee bei Manzell – große Bestände.

Bestand der Wilden Möhre am Bodenseeufer bei Manzell, 18. Juli 2018(Foto W. Probst)

Dadurch, dass in den letzten Jahren die Wegränder und Straßenränder weniger häufig gemäht werden, haben sich die Bestände dieser Pflanze erheblich vermehrt.

Blütenstand der Wilden Möhre mit „Mohrenblüte“ (29.7.2022, Foto W. Probst)

Innerhalb der Doldenblütengewächse sind weiße Doppeldolden als Blütenstände weit verbreitet. Sie sehen bei den verschiedenen Arten sehr ähnlich aus, aber die Mohrenblüte ist ein Alleinstellungsmerkmal der Wilden Möhre. Über die biologische Bedeutung dieser durch Anthocyane sehr dunkel gefärbten Blüte findet man in der Literatur die Vermutung, dass es sich dabei um eine Fliegenattrappe handelt, die andere Fliegen anlockt.

Man könnte vermuten, dass der Name „Möhre“ oder „Mohrrübe“ mit der dunklen Mittelblüte zu tun hat. Aber das stimmt nicht . Der Name kommt vom mittelhochdeutschen „morche“, „morhe“ oder „more“ für „Rübe“ oder „dicke Pfahlwurzel“. Bis heute werden Möhren in Norddeutschland ja auch „Wurzeln“ genannt. Andere Namen sind Karotte oder Gelbe Rübe. Sie beziehen sich auf die von Carotin verurachte orangegelbe Farbe der Kultur-Möhre. Die Wurzeln der Wilden Möhre sind weißlich oder schwach crremefarben, aber sie schmecken und riechen nach Karotte.

Möhren sind zweijährig. Im ersten Jahr bildet sich eine Blattrosette mit einer dicken Pfahlwurzel. Kultur-Möhren werden in diesem Zustand geerntet. Im zweiten Jahr werden die in der Pfahlwurzel gespeicherten Reservestoffe zum Aufbau der Blütenstände genutzt, die bis über 1 m hoch werden können. Im Gegensatz zu vielen anderen Doldenblütlern sind die Dolden der Möhre vor dem Aufblühen kugelig geschlossen und nach dem Verblühen neigen sich die Doldenäste ebenfalls wieder zu einer Kugel zusammen (an ein Vogelnest erinnernd). Auf den Früchten entwickeln sich hakenförmige Härchen, die der Tierverbreitung dienen.

Kugeliger Fruchtstand der Wilden Möhre, der an ein Vogelnest erinnert (Foto W. Probst)

Gewöhnlicher Wasserdost (Eupatorium cannabinum) – Fam. Asteraceae

Blütenstand des Gewöhnlichen Wasserdost (Eupatorium cannabinum) mit Distelfalter (Cynthia cardui), August 1995,(Foto W. Probst)

Der Wasserdost ist eine ausgesprochene Schmetterlingspflanze. In unserem Garten in Flensburg wurde die Staude regelmäßig von vielen Faltern besucht. In unserem Garten in Oberteuringen hat sich der Wasserdost von selbst am Teichufer eingefunden. Die leichten Flugfrüchte werden weit verbreitet. Allerdings ist die Schmetterlingsfauna in den letzten zwei Jahrzehnten sehr viel ärmer geworden, meistens konnten wir deshalb nur einzelne Falterbesuche beobachten.

Gartenteich mit fruchtenden Wasserdost-Pflanzen im September (Foto W. Probst)

Wasserdost-Arten stammen aus Afrika, Asien, Nord- und Südamerika, nur wenige sind in Europa heimisch. Für die Gartenkultur werden aber mehrere Arten angeboten, zum Beispiel die Hochstaude Eupatorium fistulosum (Purpur-Wasserdost, Röhriger Wasserdost) aus Nordamerika, von dem es eine Reihe von Zuchtformen gibt.

„Dost“ bedeutet im Mittelhochdeutschen „etwas buschiges, etwas, das in Büschen wächst“. Ohne Zusatz „Wasser“ bezeichnet Dost die Pflanzengattung Origanum aus der Familie der Lippenblütler. Dazu gehören Majoran (Origanum majoranum) und Echter oder Gewöhnlicher Dost, italienisch Oregano (Origanum vulgare), der mit dem Wasserdost nur die violette Blütenfarbe gemeinsam hat. Dies gilt auch für den Lippenblütler Wirbeldost (Clinopodium vulgare).

Die Blätter des Gewöhnlichen Wasserdosts sind drei geteilt und erinnern entfernt an Hanfblätter (Cannabis), daher das Art-Epitheton „cannabinum“.

Seerosen-Honig

Auf den Seerosenblättern in meinem Teich kann man ziemlich regelmäßig jedes Jahr zwei Insektenarten beobachten.

Seerosenblätter mit Spuren des Seerosen-Blattkäfers (Galerucella nymphaeae) (Foto W. Probst)

Zum einen ist das der Seerosen-Blattkäfer (Galerucella nymphaeae). Alle Lebensstadien, Eier, Larven, Puppen und Imagines des Käfers leben auf den Blättern von Seerosen. Außerdem kommen die Käfer auf Gelber Teichrose, Wasser-Knöterich und Pfeilkraut, eigenartigerweise auch auf Erdbeerpflanzen vor. Die unregelmäßigen Rillen, die Larven und Käfer in die obere Blattschicht fressen, können bei Massenbefall sehr auffällig sein und die Blätter auch zu frühem Absterben bringen, untergehen tun sie allerdings nicht so schnell, da die untere Epidermis nicht angefressen wird.

Seerosenblatt mit Seerosen-Blattlaus (Rhopalosiphum nymphaea) und Honigbiene (Foto W. Probst)

Die zweite Insektenart, die auf den Seerosenblättern zum Teil massenhaft auftreten kann, ist die Seerosen-Blattlaus (Rhopalosiphum nymphaea). Ihr Honigtau kann die Spaltöffnungen auf der Seerosenblattoberseite verstopfen und deshalb die Blätter zum vorzeitigen Absterben bringen. Außerdem lockt der süße Saft auch Insekten, Fliegen und vor allem Bienen, an. Sie verwandeln die süßen Ausscheidungen in Honig, Seerosen-Honig.

Färber-Waid (Isatis tinctoria – Fam. Brassicaceae)

Im Mai 2023 hat sich eine großeStaude des Färber-Waid (Isatis tinctoria) zwischen Mülleimerplatz und Komo´post entwickelt (Foto W. Probst)

Auch 2023 gibt es wieder einen Spontanzugang an unserem Kompost- und Mülleimer-Stellplatz: Es hat sich eine prächtige fast 2 m hohe Staude des Färber-Waids (Isatis tinctoria) entwickelt. Mir fiel schon letztes Jahr die große, grundständige Blattrosette auf, aber ich konnte sie nicht zuordnen.

Diese schon seit vorgeschichtlichen Zeiten genutzte Kulturpflanze aus der Familie der Kreuzblütler (Brassicaceae) war bis ins 16. Jahrhundert wichtiger Lieferant für den blauen Farbstoff Indigo, der vor allem für das Färben von Leinenstoffen aber auch für Holzanstriche verwendet wurde. Erst nachdem der Echte Indigo (Indigofera tinctoria) aus Indien, China und Afrika eingeführt wurde, verlor Färber-Waid schnell an Bedeutung.

Nun findet man die Pflanze in Mitteleuropa immer noch, vor allem an kalkreichen, relativ trockenen Standorten. Aber wie er in unseren Garten gekommen ist, bleibt eine offene Frage, denn in der näheren Nachbarschaft kenne ich keine Standorte.

Färber-Waid (Isatis tinctoria),Maintal, Juni 1987 (Foto W. Probst)

Allerdings werden Färber-Waid-Samen auch vom Gartenversandhandel angeboten. Die Pflanze gilt als gutes Bienenfutter: Die Samen entwickeln sich in einsamigen „Schötchen“, die sich aber – im Gegensatz zu den für die übrige Kreuzblütler typischen Schoten und Schötchen – nicht öffnen, botanisch gesehen also eigentlich Nüsse sind.

Der Himmel über Oberteuringen

5.November 2022 (Foto W. Probst)

Am 5. November 2022, während in Sharm-EL-Sheikh die 27. UN-Klimakonferenz tagte, hatten wir in Oberteuringen einen wunderschönen Sonnentag mit strahlendblauem Himmel. So sah dieser Himmel aus, als ich morgens um neun auf unserer Terrasse rollte: Alle erkennbaren Wolkenbildungen auf diesem Foto gehen auf Kondensstreifen von Flugzeugen zurück. Für jedes Wassermoleküle, dass diese Kondensstreifen verursacht, wird auch ein Kohlenstoffdioxidmolekül ausgestoßen. Die Treibhausgasemissionen des Luftverkehrs werden dadurch indirekt sichtbar.

Schildblatt (Darmera peltata) – Fam. Saxifragaceae

Schildblatt (Darmera peltata) im Frühjahr, 2.5.2013 (Foto W. Probst)

Das Schildblatt (Darmera peltata) stammt aus dem Westen der Vereinigten Staaten von Amerika. Es gedeiht an Bach- und Flussufern in den Staaten Kalifornien und Oregon. Nach unserem Einzug in Oberteuringen erhielten wir einige Pflanzen von unserer Nachbarin. Sie wuchsen zunächst an einigen Stellen in unserem Garten aber dauerhaft hielten sie sich nur am Rand unseres Gartenteiches.

Natürlich, es handelt sich um einen Exoten und strenge Verfechter der Naturgartenidee plädieren dafür, nur Einheimische im Garten wachsen zu lassen. Ich gehöre nicht dazu. Exotische Pflanzen, die mich faszinieren und die im Garten gut gedeihen dürfen dort auch gerne wachsen. In unserem Garten gehört das Schilfblatt dazu.

Schon im April, vor den Blättern, erscheinen die kugeligen rosa Blütenstände an einem Stiel, der bis 30 cm hoch werden kann. Erst im Mai entfalten sich dann die großen Schildblätter. Die Blütenstände strecken sich bis zur Fruchtreife noch einmal auf doppelte Länge, insbesondere die Achsen zwischen den einzelnen Blüten verlängern sich und in jeder Blüte entwickeln sich 2-3 der für Steinbrechergewächse typischen Bälgchen.

Blick in den Blütenstand des Schildblatts, 2.5.2013 (Foto W. Probst)

Blütenstand des Schildblatts auf dem Weg zur Fruchtreife, 9.5.2019 (Foto W. Probst)

Sich entfaltendes Blatt, Mai 2019 (Foto W. Probst)

Vom Lebensformentyp ähnelt das Schildblatt unserer Gewöhnlichen Pestwurz (Petasites hybridus), die ebenfalls bevorzugt an Bach- und Flussufern und auf teilweise überfluteten Kiesbänken gedeiht und die im zeitigen Frühjahr ihre violetten Blütenstände treibt,  bevor sich die riesigen rhabarberartigen Blätter entwickeln. Allerdings würde sich die Pestwurz an unserem nur mit Regenwasser gespeisten und deshalb sehr nährmineralarmen Teich vermutlich nicht gut entwickeln. Auch das Schildblatt erreicht hier keine maximalen Größen – ich sehe das im Vergleich zu den Exemplaren bei unserer Nachbarin, die einen sehr eutrophen Teich mit sehr vielen Fischen pflegt. Trotzdem spenden auch bei uns die Schildblätter den Sommer über sehr viel Schatten. Darunter gedeihen fast nur noch Moose.

Im Herbst erhöht das Schildblatt noch einmal seine Attraktivität durch eine ausgezeichnete Herbstfärbung. Im Winter zieht sich die Pflanze ganz in das kräftige unterirdische Rhizom zurück.

Herbstfärbung des Schildblatts, 25.10.2023 (Foto W. Probst)

Minen, die nicht explodieren

Akeleipflanze mit vielen Minen (Foto W.Probst 26.10.2023)

Ich beobachte eigenartige Linien und Muster, mäandererartig verschlungene Pfade, auf Akeleiblättern. Wenn ich die Blätter gegen das Licht halte, wird deutlich, dass die Blätter an diesen Pfaden sehr durchscheinend sind. Sie bestehen nur aus den chlorophyllfreien Epidermen, den einzellschichtigen Häutchen, die das Blatt nach außen abschließen. Das Blattinnere, das grüne Mesophyll, fehlt. Es wurde von kleinen Insektenlarven aufgefressen, die sich durch das Blattinnere bohren.

Man nennt diese durch Fraß entstandenen Gänge „Minen“ oder „Hyponomien“. Es gibt eine sehr große Anzahl unterschiedlicher Blattminen, die von Mücken-, Fliegen-, Kleinschmetterlings-, Käfer- und Blattwespenlaven erzeugt werden können.

Scan eines Akleiblattes mit Gangminen von Phytomyza aquilegivora (30.10.2023, W. Probst,)

Bei den abgebildeten Akeleiblättern ist der Verursacher die Akelei-Minierfliege Phytomyza aquilegivora. Den Minentyp, bei dem sich die Insektenlarven einen Gang entlang fressen, dessen Durchmesser mit dem Wachstum der Larve immer breiter wird, nennt man „Gangminen“. Eine nahe verwandte Minierfliegen-Art, Phytomyza aquilegiae, frisst sich flächig durch das Blatt und bildet „Platzminen“.

Platzminen voon Phytomyza aqulegiae (7.10.2015, Foto W. Probst)

Als Pionier der Pflanzenminen-Forschung gilt Erich Martin Hering und sein Werk „Die Blattminen Mittel- und Nordeuropas einschließlich Englands“. Die Bestimmung ist mit dieser umfassenden Monographie sehr gut möglich, da die Minen nach ihren Wirtspflanzen sortiert sind.

Die Minen an Akeleiblättern sind verhältnismäßig häufig, andere Pflanzen, die oft von Minierern befallen werden, sind zum Beispiel Geißblatt bzw. Heckenkirsche, Springkraut, Gänsedistel und Klette.

Gangminen von Larven der Geißblatt-Minierfliege (Phytomyza xylostei) auf dem Blatt der Roten Heckenkirsche (Lonicera xylosteum) (8.1996, Foto W. Probst)

Orchideen am Gartenteich

An unserem Gartenteich haben sich „freiwillig“ zwei Orchideenarten eingefunden. 2016 konnte ich am Teichufer zum ersten Mal eine blühende Fleischfarbene Fingerwurz (Dactylorhiza incarnata) entdecken. Die Art kommt in einem etwa 1 km entfernten Naturschutzgebiet (Altweiherwiese) vor. In den Folgejahren hat sich die Anzahl der Orchideenpflanzen langsam aber kontinuierlich erhöht.

Dactylorhiza incarnata Mit der Kleinlibelle Coenagrion puella (20.5.16; Foto W. Probst)

Zu Dactylorhiza incarnata kam noch die Breitblättrige Fingerwurz (Dactyloriza majalis), die ebenfalls im NSG Altweiherwiese zu finden ist. 2022 konnte ich 14 PflanzenDieser beiden Arten zählen, dieses Jahr (2023) ging die Anzahl auf 11 zurück. Dabei hat eventuell Schneckenfraß eine Rolle gespielt.

Dactylorhiza majalis (1.5.2020, Foto W. Probst)

Unser Teich wird immer wieder mit Regenwasser aus einer Zisterne aufgefüllt und ist sehr mineralstoffarm. Die Pflanzen am Teichufer – zum Beispiel Blutweiderich und Wasserdost – bleiben ziemlich klein. Dazwischen gedeihen Moose sehr gut, insbesondere das Spießmoos (Calliergonella cuspidata). Aus diesen Moosrasen sprießen die Orchideen.

Binsen-Schmuckzikade (Cicadella viridis)

Binsen-Schmuckzikade (Cicadella viridis) -(14.10.22; Foto W. Probst)

Im Oktober 2022 beobachtete ich an den schon fast abgestorbenen Stängeln einer Wald-Engelwurz (Angelica silvestris) am Rand meines Gartenteiches etwa 0.7cm lange, hell türkisgrünliche Zikaden. Mithilfe des Internets konnte ich sie als Binsen-Schmuckzikade (Cicadella viridis) identifizieren. Bei den von mir beobachteten Tieren handelte es sich um Weibchen, die Männchen haben laut Wikipedia blaue Flügeldecken. Charakteristisch sind zwei ziemlich große schwarze Flecken zwischen den Komplexaugen.

Wie der Name schon sagt, soll die kleine Zikate vorwiegend an Binsen saugen, aber sie nimmt auch den Xylemsaft von vielen anderen Pflanzenarten auf. Um genügend Nährstoffe zu erhalten, müssen die kleinen Zikaden ziemlich große Mengen des sehr wässrigen sie Xylemsaftes einsaugen, die überflüssige Flüssigkeit wird dann – wie im Foto zu sehen – in  großen Tropfen abgeschieden.

In Mitteleuropa sollen die Binsen-Schmuckzikaden pro Jahr ein bis zwei in Südeuropa drei und mehr Generationen bilden. Imagines der hemimetabolen Zikaden kann man bei uns von Mai bis Oktober beobachten.

Schmuckzikaden (Cicadellinae) sind eine Unterfamilie der Zwergzikaden (Familie Cicadellidae). Die wegen ihrem auffällig schaumigen Larvenschutz („Kuckucksspeichel“) bekannten Schaumzikaden (Familie Cercopidae) sind eine Schwestergruppe der Schmuckzikaden.

Gärten für die Zukunft

Vortrag anlässlich der Präsentation der Chronik über das Schulbiologiezentrum Hannover am 4. November 2012

Meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde des Schulbiologiezentrums Hannover,

ich freue mich, dass ich heute zu diesem festlichen Anlass, der Präsentation einer Chronik des Schulbiologiezentrum Hannover, zu ihnen sprechen darf. Herzlichen Dank, Herr Noack und Herr Reese, für die Einladung. Bei meiner Frau bedanke ich mich sehr für die Begleitung, ohne die ich diese Reise nicht hätte unternehmen können.

 Zwei besondere Gründe für meine Freude möchte ich nennen:

  • Seit ich das Schulbiologiezentrum Hannover  Ende der 1970 er Jahren kennen lernte, schätze ich diese Einrichtung sehr und die umfangreichen Publikationen von dort haben mir viele Anregungen und Impulse für meine Arbeit in Flensburg gegeben.
  • Gerhard Winkel, der in den Jahren 1961-1988 das Schulbiologiezentrum Hannover geleitet und zu seiner heutigen Form und Bedeutung gebracht hat, wurde am 29. Juni 1994 die Ehrendoktorwürde der Universität Flensburg verliehen. Nach Rudolf Karnick war er der zweite Ehrendoktor unserer Universität.

Mein Kollege und Freund Willfried Janßen sagte dazu in seiner Laudatio zu Winkels Ehrenpromotion: „Allein diese Leistung (nämlich der Aufbau des Schulbiologiezentrum) und ihre enorme Vorbildwirkung für zahlreiche im Zuge der Ökologiebewegung im Laufe der achtziger Jahre entstandenen Umweltzentren in Europa würde den Vorschlag zu Ehren Promotion rechtfertigen, da eine solche Entwicklung nicht nur mit organisatorischen Fähigkeiten und mit Energie verbunden war, sondern vor allem erfolgreich sein konnte, weil von Gerhard Winkel  … zugleich klar durchdachte pädagogische und biologiedidaktische Konzepte für dessen Wirksamkeit entwickelt wurden.“ So ist es.

 Das Schulbiologiezentrum Hannover ist aus zwei botanischen Schulgärten hervorgegangen und wie die heute vorgestellte Dokumentation beweist: Die Gartenpraxis als pädagogische Möglichkeit ist nach wie vor sein wichtigster Schwerpunkt.  Deshalb habe ich mir vorgenommen, Ihnen einige Überlegungen zum zukünftigen Umgang mit Gärten und zur Bedeutung der Gärten für die Zukunft  vorzutragen. Mir ist klar, dass dazu schon viel gesagt und geschrieben wurde –  zum Beispiel – natürlich –  von Gerhard Winkel, und erst vor kurzem, auf dem im Juni 2011 von der Deutschen Gartenbaugesellschaft und dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz organisierten Kongress „Zukunft Garten – Bedeutung für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“.

Dabei gab es einen Workshop „Bildung, Erziehung, Nachwuchsarbeit im Garten“, der zu folgenden publizierten Ergebnissen kam:

  • Der (Schul-)Garten ist ein idealer Lern-und Lebensort für alle

Aufgrund dieser Aussage wird gefordert

  • Der Garten braucht gesamtgesellschaftliche Akzeptanz, die Akteure brauchen politische Unterstützung im Kontext einer Bildung für nachhaltige Entwicklung
  • Die Gartenarbeit braucht eine gute curriculare Verankerung im Bildungssystem einschließlich Lehrer- und Erzieherausbildung, Fort-  und Weiterbildung

Wer  der hier Anwesenden wollte dem widersprechen? Allein, um alle zu überzeugen, bedarf es guter Argumente. Ich hoffe, ich wiederhole nicht nur Altbekanntes, wenn ich im Folgenden einige auf meinen persönlichen Erfahrungen gründende Überlegungen dazu  anstelle, unter welchen Bedingungen Lernen im Garten tatsächlich Bildung für nachhaltige Entwicklung sein könnte.

Ich möchte dies in vier Schritten tun:

1. Weltwunder, Naturoase, Lernort – Blitzlichter zur Gartengeschichte

2. Sind Gärtner bessere Menschen?

3. Persönliche Erfahrungen – mein Weg zur Veranstaltung „Ökologischer Gartenbau“

4. Die Erde als Garten

1. Weltwunder, Naturoase, Lernort – Blitzlichter zur Gartengeschichte

 Vor 2600 Jahren in Mesopotamien

So könnten die hängenden Gärten in Babylon ausgesehen haben

So könnten die hängenden Gärten in Babylon ausgesehen haben

Das antike Babylon liegt in einem auch im Winter angenehm warmen Klima. Der strahlend blaue Himmel hat zwar den Nachteil, dass es nur wenig regnet und damit von Natur aus nur ein spärlicher Pflanzenwuchs möglich ist, doch der nahe Euphrat gepaart mit einer ausgeklügelten Bewässerungstechnik lässt nicht nur Getreidefelder sprießen sondern auch prächtig Gartenanlagen gedeihen . Schon in der Antike legendär sind die „Hängenden Gärten von Babylon“. Ihr Ruf verbreitete sich in der ganzen antiken Welt – neben dem Koloss von Rhodos, den Pyramiden von Gizeh oder dem Leuchtturm von Alexandria – gelten sie als eines der sieben Weltwunder. Zwar sind die Gärten schon im Altertum zu Grunde gegangen, doch ihr Ruf hat sich bis in die Gegenwart erhalten. Von Xenophon wurden die von Babylon übernommenen Gärten der Perser später als „Paradeisos“ beschrieben. Diese Bezeichnung geht auf das altpersische „paira  daëza“ zurück und bedeutet „umhegter Garten“. Die Gärten des Vorderen Orients – vermutlich die ursprünglichsten und ersten Gärten in der Menschheitsgeschichte – nahmen sich in wüstenhafter Umgebung die wasserreiche Oase zum Vorbild. Im Schatten von Dattelpalmen und Sykomoren kann der Müßiggänger, umgeben von säuselnden  Winden und plätschernden Bächen  einen Vorgeschmack auf das himmlische Paradies erleben. Diese Vorstellung des Gartens als Paradies, also als ein Ideal einer vollkommenen Welt, ist sicher noch älter als die Gärten der Semiramis. Oasengärten in unwirtlicher Wüstenlandschaft: Nicht nur Erinnerungen an einen paradiesischen Urzustand, sondern auch Vorahnung eines glücklichen Endzustandes, eines goldenen Zeitalters, wie es von Hesiod oder Ovid beschrieben wurde.

Griechen und v. a. Römer übernahmen Teile der orientalischen Gartenkultur, bei der Machtübernahme durch germanische Stämme ging vieles verloren, aber über die Klöster  kamen Gartenkenntnisse nach Mitteleuropa, z. B. über Winifried Strabo auf der Reichenau. Doch nun stand der Nutzgarten im Vordergrund.  Erst als in der Renaissance durch den Kontakt mit den Arabern als kulturellen Bewahrern der antiken Welt Kunst und Wissenschaften des Abendlandes neu belebt wurden, gab es eine Blüte der Gartenkultur in Europa.

Vor 300 Jahren in Versaille

Einen ersten Höhepunkt erreicht diese Gartenkultur im Barock. Dem Zeitalter des Rationalismus entsprechend ist der Barockgarten ein ganz und gar künstliches, durch den Menschen geschaffenes Gebilde. Bei der Planung wird höchster Wert auf Regelmäßigkeit und Symmetrie gelegt. Die ornamentalen, nach strengen Regeln in Formen und Strukturen gezwungenen Anlagen sind exakt durchorganisiert und stellen einen krassen Gegensatz zu wilden und chaotischen Natur dar. Sie sind Symbol für die Kraft des menschlichen Geistes und seines Erfindungsreichtums, der sich die Natur untertan machen kann (und auch machen soll), auch prunkvolle Machtdemonstration des absolutistischen Herrschers, in dessen Auftrag der Garten angelegt wurde. Oft werden diese Gärten angereichert mit exotischen Gewächsen, die aus den gerade erst entdeckten und unterworfenen Kolonien eingeführt wurden. In einem gut gepflegten Barockgarten bleibt nichts dem Zufall überlassen.

Vor 200 Jahren in Wiltshire in SW-England (Stourhead Garden)

In der Romantik wird die Gartengestaltung urwüchsiger. Der Landschaftsgarten idealisiert eine ländliche Idylle mit wohl dosierten Einsprengseln künstlich nachgebildeter wilder Natur: Waldschluchten, Wasserfälle, Grotten ja sogar kleine Felsengebirge, die noch romantischer sind als die wirkliche Natur. Anders als im Barockgarten wird von diesem Gartentyp mehr das Gemüt als der Geist angesprochen, Bilder von Landschaften, gewissermaßen Archetypen, die wir in unserem Inneren tragen. Es gibt mehrere Untersuchungen aus den 1970iger und 80iger Jahren , die von E. O. Wilson bekannt gemacht wurden und die darauf hindeuten, dass eine offene Savannenlandschaft mit guter Aussicht und der Nähe eines Gewässers aufgrund genetischer Disposition von Menschen als besonders angenehm empfunden wird. Der englische Landschaftsgarten entspricht weit gehend den Aspekten einer solchen „offenen Weidelandschaft“. Bis heute entsprechen auch die beliebtesten und teuersten Wohnlagen diesem Idealtypus. Eine mögliche Erklärung für diese angeborene Vorliebe wäre, dass in einer solchen afrikanischen Savanne die Menschenvorfahren einige Millionen Jahren lang zuhause waren (Wilson 1984).

Vor 40  Jahren im Aargau in der Schweiz

Der Begriff  „Naturgarten“  trat zwar schon Ende des 18. JH zusammen mit dem Landschaftsgarten auf, aber erst ab den 1970iger Jahren spielt er – als Idee eines privaten Naturschutzgebietes –  eine größere Rolle in der Umwelt- und Naturschutzbewegung. Während früher der paradiesische Zustand gerade die gezähmte, veränderte, mehr oder weniger stark manipulierte Natur war, ein gepflegter Hort in der Wildnis, ist nun Wildnis so selten geworden, dass der Naturgärtner versucht, in der Kulturlandschaft ein Stückchen Wildnis als sein Paradies zu erhalten (vgl. z. B. Witt 1996: Naturoase Wildgarten). Programmatisches Werk aus den 1970 er Jahren ist „Der Naturgarten“ von Urs Schwarz, in dem gefordert wird Einheimische „Unkräuter“ zu Kräutern und fremdländische Gewächse zu Unkräutern zu deklarieren und entsprechend zu behandeln.

Louis Le Roy plädiert in seinem Werk „Natur einschalten – Natur ausschalten“ dafür: „Lasst es wachsen“ . Er schlägt einen völlig neuen Umgang mit dem „Grün in der Stadt“ vor: Spontane Vegetation soll geplante Pflanzungen und Beete ersetzen, der Gartengestalter pflanzt nicht, er schafft allenfalls günstige Voraussetzungen für selbst sich entwickelnde Vielfalt : durch Bauschutthaufen, Lehmkuhlen, Kiesschüttungen, Natursteinmauern und Reisigstapel. Der avantgardistische Landschaftsarchitekt erhielt in der niederländischen Stadt Heerenveen die Möglichkeit, seine Ideen in die Tat umzusetzen. Aber nur verhältnismäßig wenige Gemeindeverwaltungen und private Gartenbesitzer folgten den radikalen Forderungen der Natur-Garten-Revolutionäre.

Dass diese Sehnsucht nach dem eigenen kleinen Naturschutzgebiet trotzdem bis heute weiter verbreitet ist, als wirklich naturnah gestaltete Gartenanlagen, kann man zum Beispiel daran erkennen, dass sehr viele Gartenbesitzer wenigstens ein Biotop (gemeint ist damit ein der ursprünglichen Natur nachempfundener Lebensraum, meist ein Teich) in ihren Garten bringen wollen. Wildtiere versuchte man schon früher in den Garten zu locken, zum Beispiel in den Schrebergarten mit Starenkästen. Heute gibt es viele Bauanleitungen und Angebote fertiger Behausungen, mit denen man nicht nur verschiedene Vogel- und Fledermausarten, Igel, Kröten, Blindschleichen oder Eidechsen , sondern auch Wirbellose wie Wildbienen, Florfliegen, Ohrkneifer und Spinnen in seinen Garten holen und dauerhaft ansiedeln kann. In Gerhard Winkels Schulgartenhandbuch wird schon 1985 beschrieben, wie man solche „Wohnräume für Tiere“ an einem Platz, einer so genannten Gartenarche, konzentrieren kann .

Fazit: Immer haben Gärten etwas mit dem Weltbild, den Sehnsüchten und Projektionen des Kulturkreises zu tun, dem sie entstammen und oft werden sie – wie auch schon die ersten Gärten in Ägypten, Babylon, Indien oder Persien – als Abbild eines glücklichen bzw. geglückten Weltplanes verstanden.

Welche Gartenkonzepte könnten in der Zukunft wichtig werden?

Welche Ziele, welche Vorstellungen, welche gesellschaftlichen Bedingungen könnten für Gartenkonzepte der Zukunft wichtig werden?

  • In unserer Gesellschaft wird der Anteil älterer Menschen immer größer – wird man deshalb bei öffentlicher und privater Gartengestaltung besonders auf Altersgerechtigkeit achten?
  • Junge Leute interessieren sich immer weniger für reine Naturlandschaften, Parkanlagen, Gartenschauen – wird öffentliches und privates Grün deshalb immer mehr mit (möglichst interaktiven) Kunstobjekten angereichert? Oder werden Gärten vermehrt Hintergrund großer Veranstaltungen (Events)?
  • Immer mehr Menschen vermissen echte Abenteuer – wird deshalb bei der Landschaftsplanung immer mehr darauf geachtet werden, Orte einzurichten, an denen solche Abenteuer möglich werden (Kletterfelsen, Baumkletterstrecken, Wildwasserbäche, Hochbrücken zum Bungee-Jumping…)?
  • Wird man – um dieser Entwicklung entgegen zu wirken – Gartenerlebnisse und Gartenarbeit vermehrt in Kindergärten und Grundschulen einführen – mit kindgerechten Gärten?

2. Sind Gärtner bessere Menschen?

Die Pädagogen hoffen natürlich, dass die Zukunft der Gärten als Bildungseinrichtungen an Bedeutung gewinnen wird, entsprechend der eingangs zitierten Aussage des Zukunft-Garten-Workshops

  • Der Garten ist ein idealer Lern-und Lebensort für alle

„Wenn Sie den Anregungen dieses Buches folgen mögen, dann wird ihr Garten zukunftsfähig, … Ihre Ernährung gesünder und sie leisten einen konstruktiven Beitrag für eine nachhaltige, zukunftsfähige Gesellschaft in der Welt“schreiben die Wuppertaler Pädagogen Gerda und Eduard Kleber  im Vorwort zu ihrem 1999 erschienenen Buch „Gärtnern im Biotop mit Mensch“, das 2011 in einer neuen Auflage erschienen ist. Die Liebe zum eigenen Garten soll die Liebe zu unserem Planeten als Folge haben und deshalb sollte jeder Mensch ein Gärtner sein, denn nur ein solcher  „kann ein eigenes Lebenskonzept gewinnen, das im Einklang mit dem Lebenssystem unseres Planeten steht „.

Das sind wahrhaft hohe Ansprüche. Sie postulieren, dass die Verbundenheit mit einem Garten und die Tätigkeit des Gärtners zu einer Lebensweise  führen, die man im heutigen Sprachgebrauch als „nachhaltig“ bezeichnen würde.

Dazu passt auch der Leitspruch der Deutschen Gartenbaugesellschaft, der in den 1980iger Jahren von ihrer langjährigen Präsidentin Gräfin Sonja Bernadotte formuliert wurde „Gärtnern  um der Natur und des Menschen Willen“.

 So könnte man den Eindruck gewinnen, dass das Gärtnern an sich schon zu „besseren“ , d. h. zukunftsfähigeren Menschen führt. Aber stimmt diese Vorstellung mit der Wirklichkeit überein? Können Gärten nicht sehr unterschiedlich betrieben und bewirtschaftet werden?

Der Augenschein spricht  dafür, dass sich solche positiven Persönlichkeitsveränderungen bei Gärtnern – es soll in Deutschland (nach der Deutschen Gartenbaugesellschaft)  davon immerhin 15 Millionen geben –  normalerweise nicht von alleine einstellen. Schaut man sich die Gärten und die darin aktiven Menschen an, so bekommt man viel mehr den Eindruck, dass das Aussehen von Gärten etwas mit der Persönlichkeit ihrer Besitzer, mit ihrem Lebensstil, ihrer Denkweise und ihren Eigenschaften zu tun hat, weniger aber, dass diese Persönlichkeit durch den Gartenbesitz oder durch das Arbeiten im Garten stark verändert wird: In vielen Gärten wird einem starken Ordnungsbedürfnis gefrönt, dem man nur durch sehr viele oft aufwendige Eingriffe und hohem Maschineneinsatz gerecht werden kann.

Viel zitiert und demonstriert, die Rasenpflege: Der Rasen im Privatgarten ist ein gutes Beispiel dafür, dass es ein wichtiges Lernziel für nachhaltige Gärtnerei sein sollte, dem Prinzip der Eingriffsminimierung zu folgen. Welcher Eingriff ist unbedingt nötig, so sollte sich der Gärtner fragen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen – und natürlich auch: Ist das angestrebte Ziel sinnvoll ? Reinhard Mey hat vor 10 Jahren im „Sylter Rasenstreit“ die Gemeinde Kampen  und seine Nachbarn nicht überzeugen können,dass weniger Rasenpflege sinnvoll wäre. Immerhin ist dabei ein auch pädagogisch einsetzbares Chanson entstanden  „… Irgendein Depp mäht irgendwo immer …“

Resümé: Es bedarf ganz bestimmter Voraussetzungen und persönlicher Erfahrungen, damit Lernen im Garten zu Bildung für Nachhaltigkeit wird – wie dies ja auch die Klebers betonen: „“Wenn Sie den Anregungen dieses Buches folgen…“

Ich möchte dazu ein bisschen von meinen eigenen Erfahrungen berichten:

3. Persönliche Erfahrungen  – mein Weg zur Veranstaltung „ökologischer Gartenbau“

Für mein ganzes Leben, für meine Entwicklung und Bildung waren Naturerlebnisse und Naturbegegnungen von entscheidender Bedeutung. Viele andere Menschen haben ähnliche Erfahrungen gemacht, einige haben darüber auch geschrieben. Edward Osborn Wilson versuchte dies mit seinem Werk  „Biophilia“ sogar evolutionsbiologisch zu begründen.

Auch wenn es schwierig ist , den Bildungswert von Naturerlebnissen quantitativ zu belegen, wird kaum jemand bestreiten, dass Naturkontakte häufig angenehme Empfindungen erzeugen, ja glücklich machen. Vieles spricht sogar dafür, dass die psychische und physische Krankheiten heilen können. Für die Entwicklung von Kreativität und Fantasie können intensive Begegnungen mit der Natur sehr förderlich sein. Dies gilt insbesondere für die normale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.

Die Erkenntnis, dass der unmittelbare Umgang mit der Natur bildenden Wert hat, wurde immer wieder betont: Im 18. Jahrhundert  z. B. Von Jean Jaques Rousseau, im 19. Jahrhundert z. B. von Henry David Thureau. Gerhard Trommer hat sich in jüngerer Zeit ausführlich mit der „pädagogischen Herausforderung Wildnis“ beschäftigt und die Bedeutung unberührter Natur für die Erziehung und Bildung deutlich gemacht.

Wie lässt sich diese „pädagogische Kompetenz“ der Natur erklären? Ein Grund ist sicherlich ihre Vielseitigkeit und Offenheit, gleichzeitig ihre Unergründlichkeit, die nicht nur eine Definition sehr schwer macht, sondern aus jeder Erklärung wieder neue Rätsel entstehen lässt. In Gegensatzpaaren wird vielleicht deutlicher, was ich meine:

  • Der äußeren Natur steht die innere Natur des Menschen gegenüber.
  • Allgemeingültige Naturgesetze bestimmen den Kosmos. Gleichzeitig ist die Natur chaotisch, unvorhersehbar, einem unumkehrbaren Zeitablauf unterworfen . . .
  • Der viel beschriebenen und empfundenen Einheit der Natur steht ihre sprichwörtliche Vielfalt gegenüber

Diese spannungsreichen Polaritäten, diese Vielseitigkeit, die Offenheit zulässt, ist der große Vorzug einer Erziehung oder Bildung durch die Natur.

Bei der Didaktik der Erziehung oder Bildung durch die Natur geht es vor allem darum, gute Gelegenheiten zu schaffen, Begegnungen und Erlebnisse zu ermöglichen.

Solche Überlegungen war der Grund dafür, bei meinem Unterricht zukünftigen Lehrerinnen und Lehrern möglichst viele Gelegenheit zu unmittelbarer Naturbegegnung zu geben. Mit Exkursionen und  „Biologie im Freien“ versuchte ich, dieses Ziel zu erreichen. Dabei waren Erlebnisse, auch Abenteuer, körperliche Anstrengung und ästhetische Erfahrungen  wichtig.

Angeregt durch das Freilandlabor Dönche in Kassel, das uns 1983 von Herrn Hedwig und Herrn Witte anlässlich einer Tagung der Sektion Fachdidaktik des VBiol vorgestellt wurde, haben wir in Flensburg auch eine solche Einrichtung geschaffen. Eine weitere Anregung kam von IPN in Kiel. Ich wurde gefragt, ob ich Interesse daran hätte ein amerikanisches Programm für Freilandbiologie an mitteleuropäische Verhältnisse anzupassen. Das Ergebnis war dann das Büchlein, das Karl Kuhn, Karl Schilke und ich 1986 veröffentlichten, gewissermaßen ein Rezeptbuch für mögliche Freilandaktivitäten. Es wird vielleicht nicht ganz den heutigen Forderungen nach selbstbestimmtem und selbstreflexivem Lernen gerecht. Aber Hauptziel war es, Lehrerinnen und Lehrern durch diese relativ genauen „Vorschriften“ die Angst vor dem Hinausgehen zu nehmen.

Aber wie kam ich zum Gartenbau?

Anfang der 1980 er Jahre gingen die Studentenzahlen unserer Hochschule stark zurück. Im Wintersemester 1984/85 hatten, wir glaube ich, nur vier Neuimmatrikulierte in der Biologie. Die Hochschule hatte Sorge um ihren Bestand und versuchte, durch neue Studiengänge, die nicht zum Lehrerberuf führten, die Studentenzahlen etwas aufzubessern. Ein solcher Studiengang, der vom damals besonders studentenarmen Fach Technik initiiert wurde, nannte sich zunächst  „Technikpädagoge im Entwicklungsdienst“ und war für Studierende aus Deutschland und aus Entwicklungsländern gedacht. Wegen dieser Internationalität wurde er später in „ARTES“ – Appropiate rural technology and extension skills – umbenannt. Die Biologie beteiligte sich mit Veranstaltungen zur Ökologie, z. B. mit einer praktisch orientierten Veranstaltung zum Gartenbau, die auch für unsere Lehramtsstudenten offen war. Mein Partner war Meinolf Hammerschmidt,  Lehrer und Gärtner, der gerade aus Afrika zurückgekommen war, wo er als Entwicklungshelfer vor allem die Anlage von kleinen, der Subsistenzwirtschaft dienenden Gärten betreut hatte. Er wurde von der Hochschule angestellt.  Der besondere Pfiff dieser Veranstaltung war, dass Studierende aus Afrika, Lateinamerika und  Indien mit unseren Lehramtsstudenten zusammen im Garten arbeiteten und über den Garten und verschiedene Projekte nachdachten. Das war für mich und meinen Unterricht eine ganz neue und spannende Erfahrung: Im Garten geht es auch um unmittelbare Naturbegegnungen, aber auch um zielgerichtete Manipulation der Natur, um Nutzung und Gestaltung, um Pflege.

 In den 1990 er Jahren wurde der Studiengang immer mehr in Richtung Energiewirtschaft und Energiebereitstellung umgestellt. Meinolf Hammerschmidt wurde nicht länger von der Hochschule beschäftigt und gründete eine Baumschule für alte Obstsorten. Da sich die Gartenbauveranstaltung mittlerweile aber großer Beliebtheit bei den Lehramtsstudenten erfreute, wurde sie von mir weitergeführt und Hammerschmidt half mir dabei als Lehrbeauftragter.

Mit  mehr oder weniger großem  Erfolg  wurden unterschiedlichste Dinge ausprobiert, wobei wir oft den Vorschlägen der Studierenden folgten (Kompostwirtschaft, Hochbeet, Frühbeet, Einsatz von Folien, Foliengewächshaus, als Sonnenfalle konzipierte  Kräuternische, ausprobieren verschiedener Bewässerungssysteme, Ansiedlung von „Nützlingen“, Erdkeller, Pilzzucht). Natürlich spielte unter Meinolfs Anleitung auch das Veredeln und Anziehen von Obstgehölzen eine wichtige Rolle.

Ich nannte die Veranstaltung „Ökologischer Gartenbau“ und es ging mir darum, parallel zu der praktischen Arbeit im Garten allgemein ökologische Inhalte aber auch Artenkenntnis zu vermitteln. Ein großer Teil der praktischen Arbeit bestand zwar im Unkraut jäten – nicht  unbedingt, weil das für mich so wichtig war, sondern weil es den Studierenden ein Bedürfnis war, ihre Beete möglichst „sauber“  zu halten. Zum Abschluss jeder praktischen Arbeitsphase gab es aber eine Besprechung, in der alle gejäteten Unkräuter ebenso wie alle zufällig mit gefundenen und dann in Gläschen oder Tüten gesammelten Tiere besprochen wurden. Denn was man gut kennt, mit dem wird man sorgfältiger und vorsichtiger umgehen. „Natur erleben und verstehen“ war die Grundlage unserer Arbeit im Garten.

Unsere Erfahrungen sind in die von 1997-2001 vom Kallmeyer Verlag herausgegebenen Hefte „Gärten zum Leben und Lernen“ eingeflossen.

 Die Rückmeldungen, die ich zu dieser Veranstaltung von Studierenden bekam, waren durchweg positiv. Einige waren richtig begeistert und ich bin sicher , sie werden auch als Lehrerin oder Lehrer versucht haben, einen Schulgarten zu etablieren. Aber ich mache mir keine Illusionen,das sind doch verhältnismäßig wenige gewesen. Ob sie durch diese Arbeit wirklich andere Menschen geworden, sind wage ich nicht zu beurteilen. Immerhin könnte ich mir vorstellen, dass sie dabei eine etwas andere Einstellung zur Gartenbewirtschaftung und auch zur Landbewirtschaftung  insgesamt bekommen haben.

Ein Beispiel: Wenn der frisch gepflanzte Salat von einer großen Zahl Spanischer Wegschnecken  sofort weggefressen wird, gibt es ganz unterschiedliche Möglichkeiten, dies zu verhindern: Man kann die Schnecken in Fallen fangen, man kann versuchen, ihnen den Zugang durch einen Schneckenzaun zu verwehren, man kann sie mit chemischen Mitteln (Schneckenkorn) bekämpfen und man kann sie absammeln. Ein Student hat auf seinem 1,5  m² großen Gartenstück in drei Wochen über 700 Schnecken abgesammelt, indem er sein Beet jeden Abend nach Sonnenuntergang aufsuchte. Die Belohnung waren gut gewachsene Pflanzen, aber war der Aufwand vertretbar? Und die nächste Frage: Was passiert mit den gesammelten Schnecken?

Angesichts solcher Erfahrungen erhält eine Diskussion über ökologischen bzw. biologischen Landbau deutlich mehr Substanz und Tiefe.

4. Die Erde als Garten

Ein Gärtner sorgt in seinem Garten für die angebauten Pflanzen, er pflegt sie so, dass sie wachsen und sich gesund entwickeln, schön blühen, eventuell auch Früchte tragen oder als Salat oder Gemüse geerntet werden können. Aus dieser pflegerischen Sorgfalt, die man bei einem liebevoll wirkenden Gärtner ebenso finden kann, wie bei einem Schäfer, dem „guten Hirten“, hat Gerhard Winkel ein pädagogisches oder didaktisches Prinzip entwickelt, das Prinzip des Pflegerischen. Winkel sieht darin eine Leitidee, die Menschen verschiedener Weltanschauungen, Ideologien und Religionen akzeptieren könnten, und die deshalb geeignet wäre – ja, man kann es ruhig so sagen – die Erde vor dem Untergang zu retten.

„Zehn Jahre lang waren mir diese Bedingungen klar, und ich suchte intensiv nach einer übergreifenden Leitidee, bis mir 1976 unter einer Eisenbahnbrücke eigentlich ohne jeden Anlass der Begriff des pflegerischen durch den Kopf schoss. … Wer überhaupt bereit war, sich auf das Problem gemeinsamen Handelns bei unterschiedlicher Weltanschauung einzulassen, konnte mit dieser Leitvorstellung etwas anfangen.“ In seinem Werk „Umwelt & Bildung“ hat sich Winkel ausführlich mit dem von ihm entwickelten „Prinzip des Pflegerischen“ auseinandergesetzt und erläutert, warum er es für ein zentrales Bildungsziel hält: „Das Pflegerische meint also immer Umfassendes, nämlich den pfleglichen Umgang mit den Pflanzen und Tieren, den Landschaften und Ökosystemen, den Rohstoffen und Vorräten, der individuellen Gesundheit, dem sozialen Zusammenleben und den Kulturgütern. Will man es mit anderen Begriffen ausdrücken, umfasst das Pflegerische die Solidarität mit allen Pflanzen, Tieren, Menschen und ihren jetzigen und zukünftigen Bedürfnissen.“

Ein Garten ist sicherlich ein gutes Modell, an dem sich das pflegerische Prinzip einüben und weiter entwickeln lässt. Aber: Ein Garten ist ein umfriedeter Raum, zunächst einmal abgeschirmt und getrennt von seiner Umgebung. In den ersten Oasengärten des Orients abgeschirmt gegen die feindliche Wüste, im Barockgarten abgeschirmt gegen die wilden Naturkräfte,  im Naturgarten abgeschirmt gegen die vom Menschen zerstörte Landschaft. Der Garten ist also eine Art Schutzgebiet, das allerdings nicht, wie die Wildnis-Naturschutzgebiete Nordamerikas, sich selbst überlassen bleibt, sondern gepflegt wird.

In unseren Naturschutzgebieten nennt man das „Biotoppflege“. Es wird beweidet, gemäht, entkusselt, auf den Stock gesetzt, aufgestaut, eventuell auch abgebrannt.

So gesehen ist der Naturschutz bei uns in Mitteleuropa in vielen Bereichen schon eine Art Gartenbau. Und das macht durchaus Sinn. In unserer reich strukturierten, langsam gewachsenen Kulturlandschaft können Pflegemaßnahmen vorindustrielle Kulturzustände erhalten und damit Arten-und Ökosystemvielfalt  fördern.Frau werden ich diese Schilderung wie viele in O wie Frau war ja immer schon so sehr an meine Oma will nun wieder in obwohl nur weil Frau und ich werde ich Ihnen nicht wie immer sie sich in+ Frau in langen Wellen der Mail mit der ich morgen mal du eine

 Der entscheidende Schritt scheint mir aber zu sein, die „Grenzen des Gartens“ aufzuheben. Der Garten, den es zu pflegen gilt, ist unser ganzer Planet. Es gibt keine Zäune mehr, außerhalb derer wir uns unserer Verantwortung entziehen können. Alle unsere Maßnahmen haben grenzenlose Auswirkungen. Die Sorgfaltspflicht endet nicht an der Grenze eines Naturgartens, eines  Naturschutzgebietes oder eines Biosphärenreservats. Die ganze Erde muss so fürsorglich betrachtet werden, wie unser Vorgarten, ja wie unser Wohnzimmer. Wir sind verantwortlich für den ganzen Bioplaneten. Hubert Markl formulierte dies bereits 1986 sehr schlüssig: „Alle Überwindung der Natur durch Kultur erhält ihren Sinn und ihre Rechtfertigung einzig und allein daraus, dass nur dies die Kultur, dass nur dies den Menschen selbst als Kulturwesen fortbestehen lässt. Der Kulturauftrag der Naturunterwerfung ist also aus sich heraus zugleich der Kulturauftrag zur Pflege der so unterworfenen Natur, genauer: zur Erhaltung ihrer Fähigkeit, Menschenkultur zu tragen und zu ertragen.“

So wie der Planet insgesamt immer mehr von menschlichem Wirken beeinflusst und verändert wird, steigt die Verantwortung des Menschen für seine Erde.

Dabei müssen ihm die beiden Eigenschaften helfen, die ihn von allen anderen Lebewesen unterscheiden, seine Intelligenz und seine Empathiefähigkeit. Erst diese Fähigkeit, sich in andere hinein versetzen zu können, nicht nur in andere Menschen, sondern auch in Tiere, vielleicht sogar in Pflanzen, lässt die Umwelt zur Mitwelt werden.

Winkel schreibt in seinem Buch „Umwelt und Bildung“(S.57): „Der Satz: Der Mensch braucht die Natur, aber die Natur braucht den Menschen nicht, ist schlicht falsch: Gerade in der jetzigen Situation unseres Planeten kann nur der Mensch gesund pflegen, was er krank gemacht hat“. Das ist insofern auch meine Meinung, als „die Natur“ den Menschen zwar nicht brauchte, bevor es ihn gab. Aber durch die besonderen Fähigkeiten dieser neuen Spezies, des Menschen, haben sich die Bedingungen geändert – fast vergleichbar mit der  Situation auf der Urerde, als die ersten Lebewesen entstanden sind. Die großen Möglichkeiten, die diese Spezies befähigen, massiv in den Naturhaushalt einzugreifen und Veränderungen zu bewirken betreffen zwar nur einen vernachlässigbaren Teil der ganzen Natur, des Kosmos, aber doch den ganzen Bioplaneten Erde. Noch gibt es auf der Erde relativ ursprüngliche Natur, die von Menschen direkt wenig beeinflusst wird. Dies gilt für Reste von Urwäldern ebenso, wie für Wüstengebiete, arktische und antarktische Gebiete und einige Hochgebirgsregionen. Aber es gibt keinen Fleck auf der Erde mehr, der nicht doch zumindest indirekt von der Art Homo sapiens beeinflusst wird – sei dies  durch die allgegenwärtigen Plastikabfälle oder auch „nur“ über die durch menschliche Aktivitäten bewirkten Klimaveränderung.  Viele dieser menschlichen Einflüsse haben für den Fortbestand eines auch für Menschen günstigen Planeten nachteilige Auswirkungen. Die kausalen Zusammenhänge werden immer deutlicher. Dies bedeutet aber auch, dass man daran etwas ändern kann. Wenn wir davon ausgehen, dass wir in unseren Entscheidungen frei sind, dann haben wir die Möglichkeit, auf die Zukunft dieses Planeten willentlich Einfluss zu nehmen.

 Die letzte Veranstaltung zum ökologischen Gartenbau habe ich im Sommersemester 2004 durchgeführt. Wie würde ich die Veranstaltung heute erweitern?  Es wäre mir wie damals wichtig, dass die Studierenden eigene Ideen entwickeln und umsetzen können. Dabei würde ich versuchen, dazu anzuregen, ökologische Gesichtspunkte bei allen Maßnahmen zu berücksichtigen. Unter „ökologisch“ verstehe ich eine rationale, möglichst viele Gesichtspunkte berücksichtigende Herangehensweise. Einmal soll nach Erklärungen für  alle auftretenden Effekte , insbesondere auch bei Misserfolgen, gesucht werden. Zum anderen sollen  bei allen  Maßnahmen zukünftige Folgen abgeschätzt werden. Dabei ist ein wichtiges Prinzip die Eingriffsminimierung.

Stärker noch, als ich dies früher getan habe – würde ich darauf hinarbeiten, dass der Garten als Modell für unseren Planeten gesehen werden kann. Und ich würde versuchen, Gartenarbeit, Arbeiten im „Freilandlabor“ und Exkursionen inhaltlich stärker miteinander zu verbinden.

Seit einigen Jahren breitet sich in den Großstädten –  nicht nur in Europa sondern auf allen Kontinenten –  eine neue Art der Gartenkultur aus. Diese „Stadtgartenkultur“ – urban gardening – hat nichts mit den gepflegten Grünanlagen der Grünämter zu tun, sie nennt sich auch Guerillagärtnerei, es begann mit dem heimlichen Bepflanzen öffentlicher Plätze und Anlagen, dem Verteilen von „Samenbomben“, der Pothole- (=Schlagloch) Gärtnerei. Mittlerweile wird über „Urban Gardening“ sogar in den Tagesthemen berichtet, der Prinzessinengarten in Berlin-Kreuzberg und seine Initiatoren Robert Shaw und Marco Clausen sind international bekannt.

 Urbane Gärten erschließen Räume in der Stadt, in denen die biologische ebenso wie die soziale Vielfalt gedeiht“ schreiben die Initiatoren des Prinzessinengartens.

Ähnliche Ansätze kann man auf dem im Zentrum Berlins gelegenen Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof beobachten. Ich hätte das auch für den Platz vorgeschlagen, auf dem der „Palast der Republik“ stand und auf dem jetzt das alte Stadtschloss als eine art Attrappe wieder entstehen soll (vgl. auf dieser Homepage den Artikel „Eine Pyramide für Berlin“).

  • Es gefällt mir, dass diese neuen Stadtgärten mit ihren Benutzern zusammen wachsen und weiterentwickelt werden,
  • es gefällt mir, dass auch Kinder und Jugendliche einbezogen werden,
  • es gefällt mir, dass die Gärten als Verbindungsglied und Schmelztiegel zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen genutzt werden,
  • es gefällt mir, dass diese Gärten einen starken mobilen Anteil haben, dass ihre Saaten und Pflanzkübel plötzlich an anderen Stellen der Stadt wachsen und keimen können.

Wenn ich jetzt noch einmal eine Gartenbauveranstaltung in Flensburg oder in einer anderen Stadt machen dürfte, dann würde ich versuchen, stärker in diesem Sinne zu wirken.

Kann man nicht hoffen, dass auf diesem Wege aus den sich immer weiter ausdehnenden urbanen Zentren der Erde heraus ein neues Grün entsteht, zwar keine unberührte Natur, keine Wildnis, aber doch in ihrer Spontanität und Unbestimmtheit durchaus wildnisähnliche Gärten, nicht nur ein ökologischer und ein ästhetischer Gewinn, sondern auch ein ökonomischer – gewissermaßen eine Subsistenzwirtschaft in der Großstadt, Permakultur in Londons City, Agroforestry in Manhattan, Traubenlese an rebenumrankten Wohnblockfassaden in Berlin- Marzahn?

Das Lernziel heißt: Die Erde ist unser Garten.

Die Stadt als Garten – die Gärten der Semiramis könnten ein Vorbild sein

Die Stadt als Garten – die Gärten der Semiramis könnten ein Vorbild sein