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Mein wilder Garten

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Ein Blick in unseren Garten

Ich freue mich jeden Tag über meinen Garten, meinen wilden Garten!

Ich erinnere mich dann an die vielen gemeinsamen Beobachtungen und Entdeckungen mit meiner lieben Frau Sigrid, die wir in diesem Garten in den vielen Jahren seiner Entwicklung machen konnten. Leider muss sie seit zwei Jahren im Pflegeheim sein. Auch mit unseren Kindern und Enkelkindern haben wir hier viele gute Tage verbracht. Und ich freue mich, dass die Entwicklung weitergeht und dass ich immer wieder neue Beobachtungen machen kann.

31.05.2021

Nach unserem Einzug in das zusammen mit unserem Sohn und Architekten Heiner konzipierte, neu erbaute Haus am 1. November 2007 bestand der Garten vor allem aus einem großen Erdhügel aus dem bei den Bauarbeiten entstandenen Aushub. Natürlich gedeiht auch auf so einem Hügel viel Interessantes, aber wir wollten doch einen auch für mich als Rollstuhlfahrer begehbaren Garten anlegen. Ganz wichtig war uns auch die Anlage eines Teiches, weil sich damit so viele interessante Beobachtungen verbinden lassen. Im Oktober 2008, ein Jahr nach Fertigstellung unseres Hauses, wurde die „geomorphologische“ Gestaltung von einer Landschaftsgartenfirma nach unseren Vorstellungen – unterstützt von einem Gartenarchitekten – durchgeführt. Für die Arbeiten wurde schweres Gerät eingesetzt und sie waren innerhalb einer Woche abgeschlossen.

Unser Garten nach der Geländegestaltung durch eine Gartenbaufirma, 28.10.2008
Unser Garten am 20.06.2025 (mit Echtem Alant – Inula helenium und GelbroterTaglilie – Hemerocallis fulva), im Hintergrund Kanadischer Judasbaum (Cercis canadensis)

Manche würden den Garten vielleicht als „unordentlich“ oder eben „verwildert“ bezeichnen. Eine gewisse Verwilderung ist aber erwünscht, denn abgesehen von der von einem Gärtner zweimal im Jahr geschnittenen Hainbuchenhecke, die den Garten zur Straße hin abgrenzt, herrscht in vielen Teilen das Prinzip des „Wachsen lassen“. Aber eine Wildnis im Sinne unberührter Natur ist der Garten natürlich nicht. Gehölze werden immer mal wieder zurückgeschnitten, sich sehr stark ausbreitende Stauden – wie zum Beispiel die Herbst-Anemonen oder Topinambur – werden ab und zu etwas zurückgedrängt. Ganz selten kommt auch einmal ein Rasenmäher zum Einsatz. Im vergangenen Jahr habe ich einen kleinen Bereich im Mai und im Septemper und einen zweiten nur einmal im September mähen lassen.

Einige Wildkräuter, die sich sehr aggressiv ausbreiten, versuchten wir kontinuierlich im Zaum zu halten, am Anfang insbesondere die Zaun-Winde (Calystegia sepium) mit ihren ungeheuer widerstandsfähigen unterirdischen Ausläufern, von denen kleinste Stückchen schnell wieder zu neuen Pflanzen austreiben; und bis heute den Acker-Schachtelhalm (Equisetum arvense) und den Giersch (Aegopodium podagraria), die beide gut durch abmähen eingedämmt werden können. Das Kriechende Fingerkraut (Potentilla repens) lassen wir meistens wachsen, es ist ein guter Bodendecker und es blüht sehr hübsch.

Die Vegetation des Teichufers, das anfangs einfach nur aus einer Kiesschüttung bestand, hat sich weitgehend selbstständig sehr gut entwickelt, nur die sich ansiedelnden Gehölze, vor allem Birken und verschiedene Weiden, aber auch Ahorn, Eschen und Hartriegel lasse ich immer wieder entfernen.

Teichufer im Frühjahr 2009 und im Herbst 2025 (mit den herbstlich gefärbten Blättern des Schildblattes – Darmera peltata

Wenn einzelne Arten in meinem Garten nicht gut gedeihen, unternehme ich keine großen Anstrengungen, sie zu erhalten oder zu unterstützen. Pflanzen, die gut gedeihen, dürfen sich – auch wenn sie nicht gepflanzt oder gesät wurden –zunächst einmal ausbreiten. Dies gilt auch für Pflanzen in Pflasterritzen und in der ausgekiesten Fuge an der Hauswand.

Pflanzen in der ausgekiesten Fuge an der Hauswand (v. l. n. r. Feinstrahl – Erigeron annus; Milder Mauerpfeffer – Sedum sexangulare, Kohl-Lauch – Allium oleraceum, Jungfer im Grünen- Nigella damascena, 04.06.2025)

Zu den Nachbargrundstücken wird der Garten zum Teil von gebüschartig gewachsenen Sträuchern abgegrenzt. Vor allem Roter Hartriegel (Cornus sanguinea) und Liguster (Ligustrum vulgare) wachsen sehr schnell und müssen eingedämmt werden. Ich versuche es allerdings weniger mit einem Heckenschnitt, mehr mit auf den Stock setzen. Ein gleichzeitiges Kappen aller Gehölze würde aber bedeuten, dass ein ziemlich kalhles Übergangsstadium entsteht. Ich versuche deshalb, im Wechsel der Jahre einzelne Büsche etwa 10 cm über dem Boden abzuschneiden. Mittlerweile wachsene aber vor allem Hartriegel und Liguster so schnell und stark, dass sie der Gärtner der Einfachheit halber teilweise auch nur zurückscneidet. Ein Essigbaum (Rhus typhina), der von alleine in unseren Garten gekommen ist und der zu den Büschen am Gartenrand umgepflanzt wurde, ist mittlerweile zu einem richtigen Baum geworden. Seine vielen Ausläufer müssen natürlich entfernt werden, sonst würde schnell ein Essigbaumwald entstehen. Pprinzipiell freue ich mich immer, wenn spontan eine neue Pflanzenarten auftaucht, zum Beispiel vor einigen Jahren die Heide-Nelke (Dianthus deltoideus):

Die Heide-Nelke (Dianthus deltoideus) hat sich ohne mein Zutun unter dem Hatriegelbusch angesiedelt (Foto vom 05.08.2021)

Der hohe Bretterzaun zum Nachbargrundstück ist dicht mit Efeu und Fünffingeriger Jungfernrebe (Parthenocissus quinquefolia) bewachsen, die beide allerdings immer wieder zurückgeschnitten werden müssen. Davor gibt es ein großes Brennnessel-Beet, Totholz und einen Reisighaufen, der langsam in sich zusammenfällt und immer wieder mit neuem Baumschnitt ergänzt wird.

Die durch eine Hainbuchenhecke abgetrennte Nische mit Mülltonnen und Kompost ist ein gut gedüngter Platz, an dem sich zwischen dem immer präsenten Giersch und Brennnesseln immer wieder neue Hochstauden ansiedeln, zum Beispiel Wilde Möhren, Färber-Waid, Nachtkerzen, Königskerzen, Kompass-Lattich, Natternkopf und Natternkopf-Wurmlattich.

Als unsere Enkelkinder noch kleiner waren; kamen sie oft mit ihren Familien zu Besuch. Eine Sandkiste und eine Schaukel waren sehr beliebt. An Ostern wurden Moosnester gebaut und nach Gebrauch nutzte ich das Moos, um Fugen in den Natursteinmauern auszustopfen. In einigen Fällen gelang die Ansiedlung, aber meistens wurde es im Sommer zu trocken.

An der Sandkiste am 02.08.2014
An der Schaukel, (Luisa14.04.2017, Anton 26.07.2019)
Ostern 15.04.2017

In diesem Jahr (2026) habe ich mir vorgenommen, die schattige Nordostfassade unseres Hauses mit Waldreben zu begrünen. Da es riskant wäre, an der mit Mineralstoffdämmung versehenen Massivholzwand Dübel anzubringen, musste dafür ein freistehendes Gerüst konstruiert werden. Das ist nun fast fertig (Drähte müssen noch gespannt werden), einige Waldreben-Pflanzen sind schon gesetzt. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Daraus soll eine grüne Wand werden, Foto vom 01.04.2026

Der Gartenteich

Besonders aufwendig war die Anlage des Gartenteiches. Damit auch ich als Rollstuhlfahrer dicht ans Wasser herankäme, wurde er nach Süden von einer Natursteinmauer begrenzt, die ich auf einem Pflasterweg anfahren kann. An der tiefsten Stelle ist der Teich etwa 1,50 m tief. Er wurde mit einer Folie ausgelegt. Bodensubstrat wurde nicht eingebracht, aber einige Kieselsteine. Auch am Ufer wurde die Folie mit einer Kiesschüttung beschwert. In den Folgejahren habe ich ab und zu etwas Schlamm aus nassen Gräben oder von Teichufern zwischen den Kies gefüllt. Aus einem alten Teich habe ich Rohrkolben (Typha latifolia), Zypergras-Segge (Carex cyperoides), Straußblütigen Gilbweiderich (Lysinmachia thyrsoidea), Sumpf-Schwertlilien (Iris pseudacoris) und Zungen-Hahnenfuß (Ranunculus lingua) zusammen mit etwas Bodensubstrat eingebracht. Auch zwei verhältnismäßig kleinwüchsige Seerosenarten (Nymphaea odorata und N. tetragona Pygmaea rubra) wurden gepflanzt.

Anlage des Teiches im Oktober 2008

Seerosenblüte (Nymphaea odorata) im Juni 2025

Da im Teich keine Fische gehalten werden, die gefüttert werden müssen und da ich immer nur mit Regenwasser aus der Zisterne nachfülle, ist das Wasser sehr mineralstoffarm und die Sumpf- und Wasserpflanzen zeigen ein verhaltenes Wachstum. Die Sumpf-Schwertlilien haben das Blühen weitgehend eingestellt, ebenso der Rohrkolben. Dafür hat sich letztes Jahr von alleine Chinaschilf (Miscanthus sinensis) im Uferbereich angesiedelt. Auch viele andere Pflanzenarten sind freiwillig an und in den Teich gekommen, zum Beispiel Sumpf-Lappenfarn (Thelyperis palustris), Wasserdost (Eupatorium cannabinum); Blutweiderich (Lythrum salicria), Wald-Engelwurz (Angelica sylvestris) und verschiedene Seggenarten. Besonders stolz bin ich darauf, dass sich auch zwei Orchideenarten, die Breitblättrige Fingerwurz (Dactylorhiza majalis) und die Fleischfarbene Fingerwurz (Dactylorgiza incarnata) seit 2016 von alleine in dem moosreichen Uferbereich eingefunden haben. Beide kommen in den Feuchtwiesen eines nahegelegenen Naturschutzgebietes vor.

Dactylorhiza incarnata mit der Kleinlibelle Coenagrion puella (20.05.2016)

Einige andere Pflanzen habe ich selbst angesiedelt, zum Beispiel, den Teich-Schachtelhalm (Equisetum fluviatile), den Igelschlauch (Baldellia ranunculoides) und die Wasser-Minze.(Mentha aquatica): Versuche mit Pillenfarn (Pilularia), Wasserschlauch (Utricularia) und Zungen-Hahnenfuß (Ranunculus lingua) hatten keinen langfristigen Erfolg. Der Strauß-Gilbweiderich (Lysimachia thyrsoidea), den ich von einem anderen Teich geholt habe, wuchs in den ersten Jahren sehr kräftig, dann wurde er immer kleiner und tauchte immer wieder an anderen Ecken des Uferbereiches auf und er ist immer noch da. Einen Exoten, das Schildblatt (Darmera peltata) aus Nordamerika, habe ich von meiner Nachbarin bekommen. Ich finde die Pflanze sehr eindrucksvoll, sowohl die im zeitigen Frühjahr vor den Blättern erscheinenden rosafarbenen Blütenstände als auch die großen, schildförmigen Blätter, die eine wunderbare Herbstfärbung zeigen.

Moose haben sich am Teichufer sehr gut entwickelt, besonders dominant das Spießmoos  (Calliergonella cuspidata).

Am Anfang sah das Ufer recht kahl aus, mittlerweile ist es dicht bewachsen. Dank der Nährmineral-armen Situation entwickelten sich die Seggen sehr gut. Neben der Zypergras-Segge siedelten sich Rispen-Segge (Carex paniculata) , Sparrige Segge (Carex squarrosa) und mit nur wenigen Exemplaren die Winkel-Segge (Carex remota) an. .

Bald stellten sich auch Grasfrösche ein. Ab 2013 habe ich das Datum der ersten beobachteten Laichballen aufgeschrieben.

Laichtermine der Grasfrösche in unserem Teich in Oberteuringen

2013               10.3

2014               9.3.

2015               14.3

2016               11.3.

2017               10.3.  

2018               12.3.

2019               9.3.

2020               1.3.

2021               8.3.

2022               21.3.

2023               11.3.

2024              13.3. 2 Laichballen von einem Froschpaar

2025               kein Laich

2026 kein Laich

An manchen Jahren konnte ich bis zu 20 Laichballen zählen. 2025 tauchte zum ersten Mal kein einziger Laichballen mehr auf. Es kamen auch keine Grünfrösche mehr, die sich die Jahre vorher regelmäßig ab Ende April eingefunden hatten..

Wasserfrosch (Pelophylax ridibundus s.l) und Nymphae tetragonae.Auf einem Seerosenblatt sieht man Seerosen-Blattläuse (Rhopalosiphum nymphaea)

Bergmolche (Ichthyosaura alpestris, Syn.: Triturus alpestris) sind immer noch zu beobachten, aber auch ihre Anzahl hat in den letzten Jahren abgenommen. Zweimal konnte ich im Teich eine junge Ringelnatter beobachten. An Wasserinsekten sind vor allem Rückenschwimmer und Wasserläufer häufig, ebenso Larven von Klein- und Großlibellen, kleinere Wasserkäfer und Eintagsfliegenlarven. Posthornschnecken habe ich einmal eingesetzt und sie haben sich trotz des relativ kalkarmen Wassers (ca. 8°dH) gut vermehrt.

In den ersten Jahren traten im Frühjahr grüne Wasserblüten auf, aber schon viele Jahre ist das Wasser immer sehr klar. Allerdings sind die Steine und der Bodengrund mit einem dichten Biofilm überzogen, der vor allem aus Kieselalgen besteht. Wenn im Frühjahr die Fotosyntheseaktivität zunimmt, sorgen die sich bildenden Sauerstoffblasen für Auftrieb, sodass sich an der Wasseroberfläche olivbräunliche Flocken bilden, die wir teilweise mit dem Kescher – vor allem aus ästhetischen Gründen – abgefischt haben. Seit meine Frau das nicht mehr tun kann; lasse ich die Flocken schwimmen, Später im Jahr verschwinden sie von alleine.

Im Laufe der Zeit hat sich am Bodengrund – vor allem aufgrund der jedes Jahr sehr reichlich anfallenden, abgestorbenen Seerosenblätter – ein ziemliches Sediment gebildet, aber von einer Verlandung ist der Teich noch weit entfernt.

Zäune, Hecken und Gebüsche

Hainbuchenhecke am 05.08.2021, davor blühende Herbst-Anemonen (Anemone hupehensis) und Funkie (Hosta Sorte); ganz vorne rechts Breitblättriger Lavendel (Lavandula latifolia)

Zur Straße hin säumt unseren Garten eine fast 100 m lange Hainbuchen-Hecke. Diese Hecke ist sicher mindestens 40 Jahre alt, kleine Teile davon wurden beim Bau des Hausesvor 18 Jahren beschädigt und von uns ergänzt. Sie wird zweimal im Jahr – Anfang Juni und im September – geschnitten. Dies ist vor allem deshalb notwendig, weil sonst die Begehbarkalt des davor verlaufenden Bürrgersteigs beeinträchtigt würde, sonst wäre auch ein einmaliger Schnitt im Herbst ausreichend.

Zum Grundstück an der Nordostseite wird der Garten von einem Bretterzaun unterschiedlicher Höhe begrenzt, der in seinen hohen Teilen dicht von Efeu und Wildem Wein (Parthenocissus quinquefolia) bewachsen ist. Im Nachbargrundstück dahinter wachsen ziemlich hohe Büsche und Bäume. Zwischen Zaun und Haus haben wir einen Schuppen errichtet, da wir Mangels eines Kellers Abstellmöglichkeiten benötigten. Im Winkel zwischen Hütte und Zaun liegt ein Reisighaufen, der immer wieder mit Gehölzschnitt aufgefüllt wird und dort lassen wir auch einen ausgedehnten Brennnesselbestand wachsen. Im Winter war der Reisighaufen häufig Unterschlupf für einen Igel.

Der hohe Bretterzaun zum Nachbargrundstück ist vollständig überwachsen, vor allem von Efeu (Hedera helix) und Fünfblättriger Jungfernrebe (Parthenocissus quiquefolius). Vor dem Reisighaufen wachsen Große Brennnesseln (Urtica urens; Foto vom 09.04.2026)
Fortsetzung nach Westen, links sieht man eine Kletter-Hortensie (Hydrangea petiolaris), außerdem Efeu, Junfernrebe und viele Brennnesseln (Foto vom 17.07.2025).

Nach Westen und Südwesten wird der Garten von Gebüschen begrenzt, südwestlich stehen auf dem Nachbargrundstück ziemlich hohe Sträucher, zum Beispiel auch ein sehr schöner Duftender Schneeball (Viburnum farreri), der uns oft schon im Januar mit Blüten erfreut. Ein höherer Baum ist der schon erwähnte Essigbaum, den Feld-Ahorn lasse ich jedes Jahr stutzen, um eine zu starke Beschattung zu verhindern.

Essigbaum (auch Hirschkolben-Summach, da seine behaarten Zweige an ein Hirschgeweih im Bast erinnern, Rhus typhina) und Flieder (Syringa vulgaris) am 12.11.2025

Bäume

Wie man an Flieder und Essigbaum erkennt, können aus Büschen Bäume werden. Oft werden sie für kleine Gärten mit den Jahren zu einem Problem, da ihre Kronen gewaltige Ausmaße erreichen können und dann aus dem blühenden Garten einen blütenarmen Waldboden machen. Trotzdem sind etwas höhere Gehölze auch für einen kleinen Garten möglich. Sie erhöhen nicht nur die Dreidimensionalität und machen die gesamte Gartenstruktur abwechslungsreicher, sie erfüllen auch wichtige Funktionen als Lebensräume. Man muss sich damit abfinden, dass es vielleicht einmal notwendig sein wird, einen Baum zu fällen oder ihn zumindest sehr stark zu beschneiden (entgegen meinem sonst immer wieder propagierten „Wachsen lassen“). Einen Feld-Ahorn (Acer campestre) lasse ich zum Beispiel jedes Jahr stark zurückschneiden – wie man das zum Beispiel oft von innerstädtischen Platanen sieht –; um zu verhindern, dass er zu groß und ausladend wird. Bis jetzt verträgt er diesen Rückschnitt sehr gut und treibt jedes Jahr über 1m lange neue Zweige. Auch einen Apfelbaum (Gewürzluike) und einen Pflaumen – bzw. Zwetschgenbaum mit vier verschiedenen Sorten lasse ich jedes Jahr schneiden.

Pflaumen/Zwetschgenbaum mit vier verschiedenen Sorten (06.4.2024) und Apfelbaum (Gewürzluike,29.04.2021)

Die buschartig wachsende Feige (Ficus carica) musste bisher noch nicht geschnitten werden.

Feige (Ficus carica) am 03.09.2022

Ein absoluter Star in unserem Garten ist der Kanadische Judasbaum (Cercis canadensis). Er stammt aus dem östlichen Nordamerika und kommt dort als Unterwuchs in Laubwäldern und als Heckenpflanze vor, wird aber auch in Amerika als Zierpflanze genutzt und in mehreren Sorten angeboten.

Kanadischer Judasbaum (Cercis canadensis) im April 2024

Wir haben den Baum von einer befreundeten Gärtnerin und Pflanzenkennerin geschenkt bekommen, die in ihrem kleinen Hausgarten in Flensburg hunderte verschiedener Pflanzenarten kultiviert. Sie hat den Baum auch am natürlichen Standort kennengelernt und mir begeistert von der Frühjahrsblüte in den Laubwäldern der Appalachen berichtet. Das kleine Bäumchen hat sich in meinem Garten wunderbar entwickelt und blüht jedes Jahr sehr üppig. Früchte werden praktisch keine gebildet – ganz vereinzelt haben sich einmal einzelne Hülsen entwickelt – vermutlich, weil es keinen Baum der selben Art in der näheren Umgebung gibt. Im Gegensatz zu dem hier im Bodenseegebiet nicht selten kultivierten Mittelmeer-Judasbaum (Cercis siliquastrum) ist diese Art absolut winterhart. Die Blätter haben eine schöne Herzform, beim Mittelmeer-Judasbaum fehllt die Blattspitze. Außer der Blüte ist auch die prächtige gelbe Herbstfärbung ein Blickfang. Eine Besonderheit der Cercis-Arten ist ihre Kauliflorie.oder Stammblütigkeit. Die Blüten entwickeln sich auch aus älteren, teilweise schon ziemlich dicken Ästen. Dies erleichtert die Bestäubung durch schwerere Tiere wie Fledermäuse oder andere kleine Säuger. Kauliflorie kommt fast nur bei tropischen Gehölzen vor. Es wird deshalb angenommen, dass die Judasbäume in gemäßigten Zonen als tropische Relikte anzusehen sind, die aus einer früheren wärmeren Klimaperiode überdauert haben.

Kanadischer Judasbaum im Herbst am 10.10.2022

Zwischen der Einfahrt und dem Schuppen steht eine mittlerweile stattliche Rot-Fichte (Picea abies). Sie ist aus einem Keimling gewachsen, den wir vermutlich mit einer Wurmfarn-Pflanze in den Garten gebracht haben und damit ist sie nun genau 17 Jahre alt. Den Wurmfarn gibt es immer noch, aber er führt unter der mittlerweile 6 m hohen Fichte im wahrsten Sinne des Wortes ein Schattendasein.Im nächsten Jahrzehnt wird die Fichte eine Größe erreichen die möglicherweise eine Fällung notwendig machen wird.

Rot-Fichte (Picea abies) am15.04.2026

Entlang der Einfahrt haben wir 2008 eine Zaubernuss (Hamamelis spec., wegen der Winterblüte), einen Weißen Hartriegel (Cornus alba, wegen der schönen roten Rinde seiner Äste, den Namen hat er nach den weißen Früchten), einen Flieder, eine Cornellkirsche (Cornus mas) und eine Japanische Zierkirsche gepflanzt. Die sehr schnell wachsenden Cornus-Arten lasse ich immer wieder zurückschneiden; Zaubernuss, Flieder und Zierkirsche nicht.Die Kirsche überragt mittlerweile schon beinah das Haus, die Zaubernuss ist ganz klein geblieben, der Flieder hält die Mitte.

Die nach 16 Jahren haushohe Zierkirsche( vielleicht Prunus subhirtella Fukubana), daneben der gut geschnittene Apfelbaum (Foto vom 4. April 2025 mit meiner Frau Sigrid, die damals noch zu Besuch kommen konnte)

Kompost- und Mülltonnen-Ecke

Mülltonnenplatz mit Wilder Möhre (Daucus carota) und Zweijähriger Nachtkerze (Onothera biennis), Foto vom 24.06.2025

Der Platz für Kompost und Mülltonnen ist vom übrigen Garten durch eine Hainbuchenshecke abgetrennt. Das wäre eigentlich aus ästhetischen Gründen nicht nötig, denn der Platz zeichnet sich durch üppiges Pflanzenwachstum und immer wieder neue Blütenüberraschungen aus, wie zum Beispiel.2023 dem Färber-Waid (Isatis tinctoria). Zwischen dem immer präsenten Giersch und den Brennnesseln zeigen sich, zum Beispiel Wilde Möhren, Nachtkerzen, Königskerzen, Kompass-Lattich, Natternkopf und Natternkopf-Wurmlattich.

Wurmlattich (Helminthotheca echioides, 22.06.2022) und Großblütige Königskerze (Verbascum densiflorum, 05.07.2023) am Mülltonnenplatz

Hochbeet

Hochbeet am 19. April 2026

Unser Teich wird halbseitig von einer Natursteinmauer aus Granit gestützt. Daran schließt sich ein erhöhtes Beet an, das von einer Kalksteinmauer eingefasst ist. Die Idee war, dass ich mit dem Rollstuhl heranfahren und einige kleine Arbeiten durchführen kann. Das geht immer noch auf den Seiten, an denen die Terrasse an die Mauer anschließt. Auf den beiden anderen Seiten grenzt ein Schotterrasen an die Mauer. Den konnte ich lange Zeit ganz gut mit dem Rollstuhl befahren; aber mittlerweile ist er durch den Bewuchs deutlich schwerer befahrbar, außerdem hat natürlich mit zunehmendem Alter auch meine Armkraft etwas nachgelassen.

Die Idee war ursprünglich, in dem Beet auch einige Nutzpflanzen zu kultivieren, vor allem Küchenkräuter. Mittlerweile hat es durch Sträucher und Halbsträucher wie Rosmarin (Rosmarinus officinalis), Heiligenkraut (Santolina chamaecyparissus), Schmalblättrigem Lavendel (Lavandula angustifolia), Berg-Bohnenkrautl (Saeureia montana)und Italienischer Strohblume (Helichrysum italicum) einen ausgesprochen mediterranen Charakter.

Blick ins Hochbeet am 20.06.2021 mit Rundem Lauch (Allium rotundum) und Weinraute (Ruta graveolens)

Die lange Zeit sehr gut gedeihende Weinraue (Ruta graveolens) ist leider nach einem starken Rückschnitt eingegangen. Aber zu den mediterranen Charakter passt auch die rötliche Variante des Fenchels (Foeniculum vulgare) . Sie hat sich aus ein paar eingestreuten Samen entwickelt. Zwei Laucharten (Allium rotundum, A. oleraceum) gedeihen sehr gut. Verschiedene Gartennelken-Sorten (Dianthus) haben sich zeilweise ausgebreitet, gehen aber seit einigen Jahren wieder etwas zurück. Wenn die Herbst-Anemonen versuchen, das Gebiet zu erobern, werden sie vertriebent ebenso die Keimlinge des in der Nähe stehenden Feld-Ahorns.

Vor 17 Jahren haben wir von einem Freund einige Knollen der Eidechsenwurz (Typhonium venosum) geschenkt bekommen. Die haben wir in das Beet eingesetzt und sie haben sich bis heute gehalten und vermehrt und auch einige kalte Winter ganz gut überstanden. Allerdings blühen sie nur vereinzelt. Aber ihre „fußförmig geeilten“ Blätter sind ebenfalls sehr eindrucksvoll.

Eidechsenwurz (Typhonium venosum), 12.09.2023

Der Bewuchs der Randeinfassung dienenden Trockenmauer aus Kalksteinblöcken ist sehr unterschiedlich. Offensichtlich spielt die spezielle Eigenschaft der Steine eine wichtige Rolle. Bei Moosen spielen vor allem das Mauer-Drehzahnmoos (Tortula muralis) und das Kissenmoos (Grimmia pulvinata) eine wichtige Rolle. Ich habe immer wieder versucht, Zimbelkraut (Cymbalaria muralis) anzusiedeln, weil mir das so gut gefällt, aber dem Kraut scheint unsere Mauer nicht so gut zu gefallen. Nach anfänglicher Ausdehnung ist es wieder stark zurückgegangen.

Moosbewuchs an der Natursteinmauer des Hochbeets, 09.02.2022
Kissenmoos (Grimmia pulvinata) und Mauer-Drehzahnmoos (Tortula muralis) am 09.02.2022

Terrasse und Wege

In unserem Garten gibt es eine mit 50 × 50 cm großen Kunststeinplatten belegte Terrasse, einen Gartenweg mit kleineren Steinen mit abgerundeten Ecken und einem Weg ums Haus mit rechteckigen kleineren Steinen. Die Terrasse zeigt nur einen relativ geringen Bewuchs in den Ritzen, die Flächen sind durch Blaugrüne Bakterien dunkel gefärbt. Nur wo das Licht – zum Beispiel durch Türvorleger – abgehalten wurde, blieb die alte hellere Farbe erhalten.

Auf den Wegen gedeihen rechtlich Flechten (vermutlich vor allem die Mauer-Kuchenflechte (Lecanora muralis), in den Pflasterritzen Moose (vor allem Purpur-Hornzahnmoos – Ceratodon purpureus) und kleine Gefäßpflanzen, zum Beispiel Hungerblümchen (Draba verna). Die Auffahrt für das Auto ist mit Steinen gepflastert, zwischen denen besonders breite Fugen freigelassen wurden. Dies ermöglicht einen guten und vielseitigen Bewuchs ( z. B. Löwenzahn, Breit-Wegerich, Niederliegendes Mastkraut, Quendel-Sandkraut, Einjähriges Rispengras).

Gartenweg im Frühling mit Hungerblümchen (Draba verna) und Krustenflechten, vermutlich vor allem der Mauer-Kuchenflecht (Lecanora muralis), Foto vom 19.03.2026
Einfaht mit vielseitigen Ritzenbewuchs am 18.04.2026

Falllaub und abgestorbene Stängel

Zwischen den abgestorbenen Stängeln ( vor allem von Hemerocallis fulva) leuchten die neu aufgeblühten Tulpen (Tulipa praestans-Hybride) besonders kräftig (Foto vom 19.03.2026)

Im Herbst werden von den Grünämtern der Gemeinden regelmäßig Termine für das Abholen von Grünabfällen angeboten. Man will den Gartenbesitzern ermöglichen, Gartenabfälle loszuwerden. Denn zu einem „ordentlichen“ Garten gehört, dass abgeblüte Stängel geschnitten und Laub zusammen gerecht und entsorgt wird. Wenn man auf diese Arbeiten aber weitgehend verzichtet, ist dies der biologischen Vielfalt sehr förderlich.

Abgefallenes Laub ist ein wichtiger Lebensraum für Insekten und Spinnen, die unter den Blättern überwintern können. . Außerdem schützt das Laub den Boden und wirkt wie eine natürliche Mulchdecke. Der Boden bleibt locker, weil Bodenorganismen aktiv bleiben können. Nicht selten sieht man auf Rasen, wie abgestorbene Blätter plötzlich aufgerichtet stehen. Das zeigt an, dass Regenwürmer dabei sind, sie in ihre Gänge zu ziehen. Viele Blätter, zum Beispiel von Pappeln und Ahorn, verrotten sehr schnell und sind ein wichtiger natürlicher Dünger. Von den Kleintieren im Laub Leben nicht nur Vögel -vor allem Amseln sieht man oft im Laub picken – , auch Igel und Amphibien finden dort Nahrung. Auch für die Überwinterung von Kleintieren ist eine Laubschicht wichtig. Unter meinem Apfelbaum ist vom letztjährigen reichlich gefallenen Laub im April 2026 eigentlich fast nichts mehr zu sehen.

Unter dem Apfelbaum wurde im Herbst 2025 kein Falllaub entfernt. Trotzdem ist von diesen abgestorbenen Blättern am 12. April 2026 nichts mehr zu sehen

Zum „Garten aufräumen“ gehört auch das Abschneiden von verblühten Blütenständen oder mindestens vertrockneten Fruchtständen und Staudenresten im Herbst. Von Naturschutzverbänden wird schon lange darauf hingewiesen, dass es für die ökologischen Funktionen im Garten und für die Biodiversität viel besser wäre, diese Fruchtstände mindestens bis zum nächsten Frühjahr, April/Mai, stehen zu lassen, da sie vielen Insekten wie Wildbienen, Schmetterlingspuppen, Florfliegen; Marienkäfern und anderen Käferarten als Überwindungsplatz dienen und da auch Spinnen, Asseln, Tausendfüßler und andere nützliche Kleintiere dort den Winter überstehen und im nächsten Frühjahr dann zum Beispiel helfen, Blattlaus-Massenvermehrungen einzudämmen. Für Vögel sind die Samen der Fruchtstände – wie man gut beobachten kann – eine wichtige Winterfutterquelle und eigentlich sinnvoller, als zugekauftes Vogelfutter. Außerdem fördern die Wintersteher die strukturelle Vielfalt, schaffen Mikrohabitate, schützen den Boden vor Austrocknung und Erosion und helfen beim Humusaufbau. Viele Fruchtstände haben auch durchaus einen ästhetischen Reiz und im Frühjahr , wenn zwischen den abgestorbenen Pflanzenresten neues Grün und neue Blüten sprießen, sieht das sehr schön aus.

Die Blütenstände des Schildblatts (Darmera peltata) erscheinen zwischen den alten abgestorbenen Blättern vom Vorjahr (Foto vom10.04.2026)

Die Sprossevom Topinambur (Helianthus tuberosus)wo, auch Erd-Sonnenblume oder Knollen-Sonnenblume genannt, sterben zwar nach der Blüte im Spätherbst ganz ab, aber wie der wissenschaftliche Name schon sagt, überwintern die Pflanzen in unterirdischen Knollen. Die Sprossachsen sind sehr dauerhaft, abgebrochene oder abgeschnittene Stücke eignet sich als Brutplatz für Wildbienen.

bösbösAus den Topinambur-Sprossachsen (Helianthus tuberosus) des letzten Jahres lassen sich zum Beispiel Wildbienen-Brutplätze gewinnen (Foto vom 11.04.2026)

Das Ziel: Natur einschalten, nicht ausschalten

Umschlag des 1978 erschienenen Buches von Louis Le Roy „Natur ausschalten – Natur einschalten“

Das 1978 erschienene Buch des niederländischen Architekten Louis Le Roy „Natur ausschalten – Natur einschalten“ ist nach wie vor sehr aktuell und kann bis heute nicht nur für Gemeindverwaltungen und Städteplaner sondern auch für private Gartenbesitzer wichtige Grundlagen vermitteln. Entscheidend ist es, natürliche Funktionsabläufe nicht zu unterbrechen oder gar zu bekämpfen, sondern zu fördern. Dabei sind Eingriffe durchaus sinnvol. Wildnis entsteht durch Wachsen lassen, Vielfalt kann man durch gezielte Eingriffe fördern, aber nicht durch Rasen mähen, Unkraut jäten oder Fugen auskratzen. Dabei ist ein Garten nie „fertig“ in dem Sinne, dass er nie ein Endstdium erreicht. sondern dass er sich immer weiterentwickelt . Diese Entwicklung kann man im Sinne einer Förderung der biologischen Vielfalt unterstützen. Dazu ist es notwendig, genau zu beobachten und sich für diese Beobachtungen mindestens so viel Zeit zu nehmen wie für eingreifende Arbeiten.

In dem Artikel „Verwilderung förderern“ habe ich einige Möglichkeiten genannt, die helfen, natürliche Funktionsabläufe im Garten zu fördern und eine „Verwilderung“ zu ermöglichen, die auch ästhetischen Ansprüchen gerecht werden kann.

Urs Schwarz, einer der Begründer der Naturgartenbewegung schreibt in seinem 1980 erschienenen und vom WWF herausgegebenen Buch „Der Naturgarten“ als letzten Satz „Ausländische, standortfremde Pflanzen bezeichnen wir als Unkraut, die standortgemäßen einheimischen als Kraut. Und dann beginnen wir behutsam dem Kraut Platz zu machen indem wir das Unkraut beseitigen“. Diese Forderung „Ausländer raus!“ geht mir entschieden zu weit. Auch nicht heimische Pflanzen und sogar züchterisch veränderte Zierpflanzen dürfen in meinem Garten wachsen und gedeihen, nur nicht um jeden Preis. Warum sollte ich zum Beispiel die nicht heimischen Frühblüher, Krokusse, Winterlinge,Tulpen, Hasenglöckchen und Narzissen aus meinem Garten entfernen? Sie schaden natürlichen Funktionsabläufen nicht, im Gegenteil, sie sind ein wichtiges Frühjahrsfutter für Bienen und Hummeln. Der Zierkkirschenbaum trägt zwar keine Früchte, ist aber bei Bienen im zeitigen Frühjahr sehr beliebt und ein ausgesprochener Gartenschmuck, der in den ersten 17 Jahren in meinem Garten nur sehr wenig Pflege benötigte. Viele wärmeliebende Pflanzen, die bei uns noch nicht heimisch sind, gedeihen in meinem Garten sehr gut, wohl auch als Folge der Klimaerwärmung. Zu nennen wäre vor allem der Feigenbaum, der in den letzten Jahren ergiebige Ernten brachte, aber auch Rosmarin, Italienische Strohblume, Echter Salbei oder Lavendel-Arten. Auf diese Pflanzen möchte ich nicht verzichten.

Verwilderung fördern

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Vom Menschen unberührte Natur macht derzeit weniger als ein Viertel der Erdoberfläche aus. Den Forderungen, solche Flächen zur Stabilisierung des Bioplaneten zu vergrößern, steht die wachsende Weltbevölkerung und die auf Wachstum begründete Weltwirtschaft entgegen. Gibt es trotzdem Möglichkeiten, natürliche Funktionsabläufe zu vermehren?

Wildnis und Naturschutz

Die vom Menschen noch kaum veränderten Gebiet der Erdoberfläche machen gegenwärtig weniger als ein Viertel aus. 77% der Landfläche (ohne Antarktika) und 87% der Meere sind bis heute durch menschliche Aktivitäten verändert worden, der größte Teil davon in den letzten 50 Jahren (Watson, Allen u.a. 2018). Dies wird von vielen Ökologen als ein großes Problem angesehen, denn vom Menschen bisher kaum beeinflussten Wildnis-Gebiete gelten als wichtigster Puffer gegen den Verlust der biologischen Vielfalt und die Klimaveränderungen. Wildnisgebiete regulieren Wasserkreisläufe und Klimazyklen und schützen damit vor extremen Wetterereignissen. Außerdem stellen sie wichtige Referenzflächen für die Regeneration und Renaturierung degradierter Landflächen und Meeresgebiete dar. Die Degradation und Fragmentaktion naturnaher Restflächen verstärken die nachteiligen Auswirkungen der Klimaerwärmung auf die Biodiversität (Mantyka-Pringle u. a. 2012).

Den Erhalt von Wildnis ist deshalb ein wichtiges Naturschutzziel.

Aber was ist Wildnis? Ist es im Sinne Aldo Leopolds von Menschen unberührte Natur? Oder sind mit domestizierten Rindern und Pferden beweidete „halboffene Weidelandschaften“ ebenso Wildnis, wie dies Jan Haft in seinem Buch „Wildnis“ darstellt? Welche Rolle spielt Wildnis für die Biodiversität, für den Klimaschutz und für den Erhalt natürlicher Ressourcen? Haben Aufforstungsprogramme etwas mit Wildnis zu tun? Inwiefern ist der Naturschutz mit Wildnis-Vorstellungen verknüpft?

Viele Fragen. Ein Versuch, sie zu beantworten, lässt schnell erkennen, dass es recht unterschiedliche menschliche Vorstellungen von „wilder Natur“ und den Beziehungen der Menschen zu solcher Wildnis gibt.

Europäische Wildnis?

Die in Mitteleuropa seit der letzten Kaltzeit in etwa 12 000 Jahren – also einer erdgeschichtlich sehr kurzen Zeitspanne – entstandenen Landschaften waren von Anfang an vom Menschen beeinflusst. Die menschliche Nutzung hat ein kleinräumiges Mosaik von Lebensräumen geschaffen und zu einer Artenvielfalt geführt, die sich vermutlich ohne den Menschen und seine Nutztiere nicht oder zumindest nicht so schnell entwickelt hätte.

Eine kleinräumig strukturierte Kulturlandschaft hat sich in Mitteleuropa bis heute in einigen Gebieten erhalten (Foto W. Probst 14.9.2012)

Ein flächendeckender Urwald, wie er über die Jahrhunderte heute vermutlich ohne menschlichen Einfluss in Mitteleuropa entstehen würde, hätte sicher eine geringere Artenvielfalt aufzuweisen als die ursprüngliche, vorindustrielle Kulturlandschaft. Der Biologe und Naturfilmer Jan Haft belegt dies in seinem Buch „Wildnis“ mit gut recherchierten Zahlen und Aussagen von Experten (Haft 2023). Es ist deshalb verständlich, dass Naturschutz in Mitteleuropa in vielen Fällen mit Managementmaßnahmen verbunden ist, bei denen es darum geht, traditionelle Landbewirtschaftungsmaßnahmen nachzuahmen. Schilfbestände in Feuchtgebieten werden abgemäht und das Mähgut gut wird entfernt um einen Zustand magerer Feuchtwiesen zu erreichen, der alten Streuwiesen entspricht. Heiden und Moore werden maschinell oder von Hand von Gehölzen befreit (entkusselt), um einen Zustand herzustellen, der einer extensiven Beweidung entspricht. Feldhecken, die früher auch der Nutzholzgewinnung dienten, werden als Naturschutzmaßnahme weiterhin regelmäßig „auf den Stock gesetzt“, um das Durchwachsen zu Baumreihen zu verhindern und den für Kleinsäuger, Vögel, Reptilien und viele Wirbellosen wertvollen Heckencharakter zu erhalten. Alle diese Maßnahmen zielen auf den Erhalt von Landschaften ab, die man nicht als „unberührte Natur“ bezeichnen kann.

In den zwischeneiszeitlichen Warmzeiten allerdings war die Biodiversität ebenfalls deutlich höher. Ursache waren vermutlich die zahlreichen großen Herbivoren, deren Weidetätigkeit die Bildung geschlossener Urwälder verhinderte. Vielmehr herrschten offene, savannenähnliche Landschaften , wie sie heute zum Beispiel noch in Afrika zu finden sind. Dass es solche großen Pflanzenfresser seit dem Ende der letzten Kaltzeit in Europa nicht mehr gibt, ist vermutlich auf die Tätigkeit menschlicher Jäger zurückzuführen ( Sandom et al. 2014). Streng genommen könnte man deshalb diese voreiszeitliche Landschaft als die eigentliche mitteleuropäische Wildnis ansehen.

Nordamerikanische Wilderness

In Nordamerika ist der Naturschutz deutlich stärker mit dem Wildnisbegriff im Sinne von unberührter Natur verbunden als in Europa. Der Naturalist und Dichter Henry David Thoureau forderte schon 1862, dass jede amerikanische Stadt zur Bildung und Erholung ihrer Bevölkerung 200-400 ha Wildnis so bewahren sollte, dass darin nicht einmal die Spur eines geschnittenen Stockes zu erkennen wäre (nach Trommer 2023). Auch für den großen amerikanischen Naturschützer John Muir war die wilde, von Menschen unberührte Natur der zu schützende Idealzustand. Ebenso setzte sich der Wildtierbiologe Aldo Leopold (1887-1948) für die Bewahrung von Wildnis als einem von Menschen weitestgehend unbeeinflusstem Naturraum ein. Seine Schriften hatten großen Einfluss auf den 1964 beschlossenen Wilderness Act, mit dem ein System von vollständig geschützten Wilderness Areas geschaffen wurde (Henderson o.J.).

Diese unterschiedlichen Vorstellungen von Naturschutz in Nordamerika und Europa hängen sicherlich auch damit zusammen, dass die Landschaftsveränderungen in Nordamerika im 18. und vor allem im 19. Jahrhundert in atemberaubender Geschwindigkeit verliefen und deshalb im Laufe eines Menschenlebens sehr gut zu beobachten waren. Die europäischen Siedler bewirkten eine sehr rasche und drastische Veränderung und verhinderten von vorneherein die Entwicklung einer europäischen Verhältnissen vergleichbaren kleinräumig strukturierten Kulturlandschaft.

Agrarlandschaft in Illinois (Foto W.Probst 1989)

Außerdem war der Ausgangszustand nach der Eiszeit in Nordamerika biodiverser als in Europa. In Nordamerika konnten sich die Biodiversität nach der letzten Eiszeit  schneller regenerieren als in Europa, da die Biozönosen während der Kaltzeiten wegen der vorwiegend von Norden nach Süden streichenden Gebirge nicht so stark dezimiert wurden.  In Mitteleuropas war eine Rückzugsmöglichkeit nach Süden durch die Alpen weitgehend versperrt.

Allerdings sind auch in Nordamerika viele der vor den Kaltzeiten oder in Zwischenwarmzeiten noch existenten großen Pflanzenfesser einschließlich ihrer Prädatoren verschwunden. Es ist naheliegend, zu vermuten, dass auch hier menschlicher Einfluss, die Jagd, für das Aussterben entscheidend war. Ähnliche Entwicklungen kann man auch für Australien und Teile Asiens nachweisen. Lediglich in Afrika haben bis heute eine Vielzahl großer Herbivoren und Carnivoren überlebt. Dies wird damit in Verbindung gebracht, dass sich in Afrika Menschen und Großsäuger über lange Zeiträume parallel entwickelt haben.

Welche Wildnis wollen wir?

Aus diesen Überlegungen wird deutlich, dass nicht so ganz eindeutig ist, was jeweils unter „Wildnis“ , also einem ursprünglichen Naturzustand, gemeint ist und welche günstigen Wirkungen auf eine nachhaltige Entwicklung des Bioplaneten Erde sich daraus ergeben. Geht es um einen Zustand ohne jeglichen menschlichen Einfluss, also um Ökosysteme ohne Homo sapiens oder gehören auch sogenannte Naturvölker dazu? Welche Rolle spielen reich strukturierte Kulturlandschaften, wie sie bis zu Beginn der Industrialisierung in Europa vorherrschend waren? Wie sind die Veränderungen – man kann auch sagen Ausrottungen – zu bewerten, die schon durch Jäger und Sammler bei der Besiedelung Australiens  und Amerikas bewirkt wurden? Wo zieht man die Grenzen? Ist es wirklich notwendig, völlig unberührte (menschenfreie) Natur zu erhalten, oder können menschliche Aktivitäten teilweise dazu führen, dass Funktionen im Naturgeschehen wieder ablaufen, die vormenschlichen Bedingungen entsprechen? Geht es also mehr um „wilde“ Funktionsabläufe als den Erhalt eines menschenfreien Zustandes?

Wilde Weiden

Heckrinder-Bulle im Leimbach-Hepbacher Ried bei Markdorf, Baden-Württemberg (Foto Probst 2011)

Jan Haft zielt in seinem Buch „Wildnis“ genau auf dieses Funktionsverständnis von Wildnis ab, das im Naturschutz auch als „Prozessschutz“ bezeichnet wird. Dabei geht es ihm vor allem um die Ökosysteme mit großen Pflanzenfressern, die in vielen Gebieten der Erde vor dem Erscheinen des Menschen große Räume einnahmen. Diese vorzeitliche Wildnis könnte funktional wiederhergestellt werden durch domestiziert Weidetiere, deren Populationen nicht durch Carnivoren sondern durch den Menschen reguliert werden. Die mittlerweile an vielen Orten etablierten „halboffenen Weidelandschaften“ sind ein gutes Beispiel dafür, dass solche wilde Weiden der Biodiversität wirklich sehr förderlich sind und dass in solchen Gebieten viele bedrohte Arten sich wieder ausbreiten und regenerieren konnten. Zwei sehr gut dokumentiertes Beispieleaus meiner früheren Heimat sind die auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz der Bundeswehr entstandene Weidelandschaft „Stiftungsland Schäferhaus“ bei Flensburg und das Stiftungsland Winderatter See – Kielstau (Janßen 2011-2020)

Das Prinzip dieser Art von Verwilderung lässt sich auf andere Bereiche ausweiten. Einige Beispiele:

Aufforstung

Bäume pflanzen und durch Trockenheit und Schädlingsbefall – vor allem Windbruch und Borkenkäfer –  geschädigte oder zusammengebrochenen Wälder durch Aufforstung zu regenerieren gilt nicht nur als eine wichtige Maßnahme des Klimaschutzes sondern auch des Naturschutzes und der Förderung der Biodiversität. Dem widerspricht zum Beispiel der Förster und Erfolgsautor Peter Wohlleben: „Wald kommt von ganz alleine zurück, das macht er seit 300 Millionen Jahren.“ Global gäbe es kein Beispiel dafür, dass gepflanzter Wald besser funktioniert, als ein Wald, der von selbst zurück wächst. Besonders widerspricht Wohlleben der Annahme, Bäumepflanzen sei eine unumstrittene Klimaschutzmaßnahme. Eine frisch gepflanzte Aufforstung stoße in den ersten Jahren bis Jahrzehnten mehr CO2 aus, als die neu gepflanzten Bäume aufnehmen könnten (Wohlleben in“Hart aber fair“ , 01.11.21).

Erfahrungen im Nationalpark Bayerischer Wald geben Wohllebens Auffassung recht. Nachdem in den 1990 er Jahren durch Borkenkäferbefall rund 60.000 ha Wald zugrunde gegangen waren, hielt die Nationalparkverwaltung trotz großer Proteste der Öffentlichkeit an ihrer Nichteingriffsstrategie fest. Die sich hervorragend regenerierenden Bergwaldflächen sind mittlerweile ein international bekanntes Beispiel für natürliche Waldregeneration (Bibelriether 2017).

Ackerbau

Die hohe Biodiversität einer kleinräumig strukturierten Kulturlandschaft, wie sie in früheren Jahrhunderten für Mitteleuropa typisch war, ist unbestritten. Viele hiesige Naturschutzmaßnahmen zielen deshalb darauf ab, alte bäuerliche Bewirtschaftungsformen zu simulieren. Dies geht aber nur auf verhältnismäßig kleinen, abgeschlossenen Naturschutzflächen. Großflächig dominieren weiterhin große, unstrukturierte Ackerflächen, da nur solche mit Großmaschinen rationell bearbeitet werden können. Wäre es nicht denkbar, dass eine zunehmende Digitalisierung der Landwirtschaft auch eine rationelle maschinelle Bearbeitung kleinräumig strukturierte Anbauflächen ermöglichen würde? Statt dinosaurierartiger Riesenmaschinen könnten kleine Agrarroboter Bearbeitung und Ernte übernehmen, die von Satelliten oder Drohnen gesteuert ganz gezielt eingesetzt werden könnten. Sie würden sich an einem verhältnismäßig engmaschigen Netz von Feldhecken und Feldgehölzen, Randstreifen und Saumbiotopen nicht stören. So könnte eine kostengünstige Produktion ermöglicht werden, ohne natürliche Funktionsabläufe vollkommen zu unterbinden.

Auch die arbeitsintensiven Methoden der Permamakulturen und der Agroforestry, die versuchen, natürliche Prozesse nicht zu unterdrücken sondern auszunutzen, könnten durch KI-Einsatz rentabler werden.

Landwirtschaft, die natürliche Funktionsabläufe zulässt (Grafik W. Probst)

KI in der Landwirtschaft

Der nächste Schritt in der technologischen Entwicklung intelligenter landwirtschaftlicher Maschinen könnte eine Art Schweizer Armeemesser sein: ein Roboter, der jede Pflanze individuell behandelt, nicht nur mit Herbiziden sondern auch mit angepassten Düngemitteln, Insektiziden und Fungiziden und gezielter Bewässerung, alles in einem Arbeitsgang und jeweils nur in der benötigten Menge. Die Folgen einer solchen. Behandlung von Einzelpflanzen statt von ganzen Feldern bedeutet nicht nur eine deutliche Reduktion benötigter Chemikalien und anderer Ressourcen. Es könnte schließlich auch zu einem Ende der Monokulturen führen, einem Ende von Kornfeldern oder Sojafeldern soweit das Auge reicht, die heute der Normalfall sind. Monokulturen laugen Böden aus und sind riskant, da solche nur von einer Pflanzenart bewachsene Felder für Schädlingsbefall und andere Katastrophen besonders anfällig sind.“ (Übersetzt aus Little, A. (2019): The fate of food. What we’ll eat in a bigger,hotter,smarter World. London: Oneworld Publications, p.106)

Paludikultur

Bis vor 200 Jahren waren Torfmoore die letzten unberührten Naturlandschaften Mitteleuropas. Durch Entwässerung und Bodenbearbeitung, Torfstich zur Brennmaterialgewinnung und später für Blumenerde und Gärtnereibedarf führten zum weitgehenden Verschwinden ursprünglicher Moore mit aktiver Torfbildung. Im Zuge der Klimaerhitzung hat man festgestellt, dass die Torfbildung unter Mooren eine sehr effektive Form der Kohlenstoffspeicherung darstellt. Deshalb werden seit einiger Zeit große Anstrengungen unternommen, um aktive Moore zu regenerieren. Dies muss aber nicht unbedingt zur Herstellung des ursprünglichen Zustandes führen. Eine Alternative sind die sogenannten Paludikulturen, bei denen auf wieder vernässten Torfböden nutzbare Pflanzenproduktion betrieben wird. Geerntet werden können nicht nur Schilf und Sauergräser sondern auch Torfmoose, aus denen ein für Gärtnereizwecke besonders wertvolles, dem Hochmoortorf entsprechendes Grundsubstrat gewonnen werden kann. Die Kohlenstoff-speichernden Torfschichten bleiben erhalten. Auch weitere ökologische Funktionen wie Regulierung des Wasserhaushaltes und Erhalt von Lebensräumen für moortypische Tiere und Pflanzen blieben – zumindest teilweise – erhalten (Tanneberger, Schroeder 2023)

Migration

Arten, die sich in einem Gebiet ausgebreitet und etabliert haben, in dem sie zuvor nicht heimisch waren, nennt man Neobiota (auch Neobionten, Sing. der Neobiont). Enger gefasst versteht man darunter nur solche Arten, für deren Einbürgerung indirekt oder direkt menschliche Aktivitäten verantwortlich waren. Arten, die sich ohne menschlichen Einfluss ausgebreitet haben, werden dann als Neueinheimische (Neonative) bezeichnet. Besonders wichtig für Neobiota im engeren Sinne ist der weltweite Güterverkehr.

Nach einer Recherche von Kleunen et al. 2015 wurden bs dahin weltweit 13.168 Pflanzenarten durch menschliche Aktivitäten in neuen Gebieten eingebürgert. Besonders neobiontenreich ist Nordamerika, die größte Anzahl der weltweit neu eingebürgerten Arten stammt aus Europa. Beides hängt vermutlich direkt mit der Kolonisation zusammen, die von Europa ausging.

Vom Naturschutz wird diese menschenbedingte Migration zumeist als großes Problem angesehen, da neu eingewanderte Arten etablierte, heimische Arten verdrängen und Ökosysteme verändern können. Der Naturschutz versucht deshalb, diese Migration zu verhindern und die Migranten wenn möglich wieder aus den neu eroberten Gebieten zu verdrängen. Tatsächlich haben Neobiota teilweise zu drastischen Veränderungen der ursprünglichen Ökosysteme beigetragen. Dies gilt besonders für pazifische Inseln, die von europäischen Kolonisatoren nicht nur mit landwirtschaftlichen Nutzpflanzen und Nutztieren (Schweine, Ziegen) sondern auch mit Ratten und europäischen Wildpflanzen von Äckern und Weiden „geimpft“ wurden. Die sehr speziellen Ökosysteme hatten solchen im wahrsten Sinne des Wortes invasiven Arten nichts oder wenig entgegenzusetzen und viele auf den Inseln endemisch Arten wurden ausgerottet.

Andererseits ist Migration ein sehr natürlicher Vorgang, der für die Geschichte des Lebens auf der Erde eine entscheidende Rolle gespielt hat. Mancuso (2021) bezeichnet Migration nicht ganz zu Unrecht sogar als „Essenz des Lebens“. Allen Lebewesen, so Mancuso, sei ein „Wandertrieb“ eigen, das Bestreben, sich möglichst effektiv auszubreiten, das Verbreitungsareal zu vergrößern. Durch solche Wanderungen bedingte Veränderungen wären für die Entwicklung des Lebens auf unserem Planeten – nicht zuletzt auch für die Evolution des Menschen – von großer Bedeutung. Vom Menschen geförderte oder verursachte Migration ist nicht etwas grundsätzlich anderes als natürliche Migration, allerdings kann vom Menschen geförderte Ausbreitung natürliche Ausbreitungsschranken schneller überwinden und auch große Entfernungen können durch moderne Verkehrsmittel schnell überbrückt werden.

Um den Artenbestand von Inseln zu erklären, haben  MacArthur und Edward O. Wilson 1967 die mittlerweile breit akzeptierte Gleichgewichtstheorie der Inselbesiedelung entwickelt. Danach stellt sich – qualitativ leicht zu beschreiben – auf jeder Insel ein Gleichgewicht zwischen Einwanderungsrate und Aussterberate der Arten ein. Je mehr Arten auf einer Insel vorhanden sind, desto geringer ist die Einwanderungsrate. Entweder, da keine Arten zur Einwanderung mehr zur Verfügung stehen, oder, da es keinen Platz mehr für die neu zugekommenen Arten gibt, da also keine „Nischenbildung“ mehr für sie möglich ist. Umgekehrt ist die Aussterberate umso größer, je mehr Arten auf der Insel sind. Steht  genügend Zeit zur Verfügung, stellt sich ein Gleichgewicht ein, eine bestimmte Artenanzahl. Die Zusammensetzung der Arten, das Artenspektrum, kann sich oder muss sich allerdings weiter ändern, da ja immer Arten aussterben und Arten einwandern, jeweils in einer Rate, die dem Gleichgewicht entspricht. Ohne Migration würde die Artenanzahl auf Inseln danach kontinuierlich abnehmen. Dies gilt aber natürlich auch für andere mehr oder weniger abgeschlossene Gebiete und vermutlich sogar für ganze Kontinente.

Die meisten Neobiota haben sich gut in die Ökosysteme integriert, ohne dass nachteilige ökologische Auswirkungen erkennbar wären. Eine gezielte Bekämpfung ist deshalb in den meisten Fällen nicht notwendig und – wenn sich die Arten schon weit verbreitet haben – auch wenig erfolgversprechend. Die Ausbreitung und Etablierung von Neobiota kann bei sich veränderndem Klima sogar eine Stabilisierung von Ökosystemen bedeuten. Auch das Bundesamt für Naturschutz empfiehlt deshalb eine weitgehende Akzeptanz der Neubürger und eine Bekämpfung nur in begründeten Einzelfällen.

Verkehr

Die Hauptprobleme, die sich durch privaten und öffentlichen Verkehr ergeben, sind die Zerschneidung der Landschaft und die Produktion schädlicher Abgase. Das zweitgenannte Problem versucht man durch „grüne Energie“ und Abschaffung von Verbrennungsmotoren zu beheben. Das erste Problem ist für die natürliche Funktionsabläufe in einer Landschaft besonders gravierend. Es könnte zum Teil dadurch behoben werden, dass die Zerschneidungseffekte von Verkehrswegen durch grüne Brücken vermindert werden, noch effektiver durch großzügigen Brücken- und Tunnelbau. Dabei spielt die fachgerechte Ausführung und Unterhaltung der Grünverbindungen eine entscheidende Rolle (Peters-Ostenberg, Henneberg 2023).

Auch durch Alleen kann der schädliche Zerschneidungseffekt von Verkehrswegen gemindert werden. Außer ihrer Bedeutung als vernetzendes Element stellen sie selbst vielseitige Lebensräume dar.

Städte und Siedlungen

Zwischen 1985 und 2015 hat die die Ausdehnung von Städten und Siedlungen jährlich um 9687 km² zugenommen, mit steigender Tendenz (Liu et al. 2020). Damit ist der Flächenverbrauch der Städte schneller gewachsen als die Bevölkerung. Für eine nachhaltige Entwicklung müssen Städte deshalb „ökologischer“ werden. Damit ist gemeint, dass Funktionsabläufe in dem Ökosystem Stadt stärker den Funktionsabläufen in einem natürlichen Ökosystem entsprechen sollen. Eine Stadt mit großen Grünanlagen wie Parks und Gärten bietet zwar eine hohe Lebensqualität und eine bessere Ökobilanz. Dies geht aber insofern auf Kosten der Umgebung, als sie mehr Fläche für denselben umbauten Raum benötigt. Eine Erfolg versprechende Möglichkeit für dicht bebaute Großstädte ist die Integration von Bauwerken und Grünanlagen.

Neben Minderung des Klimawandels durch eine Verbesserung der CO2-Bilanz können dadurch auch die Auswirkungen einer Klimaerwärmung verringert werden (Lass u. a. 2022). Schließlich wirken mit Sachverstand begrünte Städte auch dem Verlust der Biodiversität entgegen.

Dächer

Schon lange zählt es zu Attributen ökologischer Bauweise, Dächer zu begrünen. Die Etablierung und Ausgestaltung solcher Dachgärten und Wiesen ist aber noch sehr stark ausbaufähig, wie man auf Luftbildern von Städten leicht erkennen kann. Begrünte Dächer können durch Brücken vernetzt werden. Durch treppenartige Anordnung von Gebäudeteilen können Verbindungen zur Grundfläche hergestellt werden. Beim Bewuchs selbst könnte dem Prinzip „Wachsen lassen“ mehr Raum gegeben werden.

Vernetzung von begrünten Dächern (Grafik W.Probst)

Fassaden

Auch begrünte Fassaden gibt es schon lange, aber eher an alten Bauernhäuser auf dem Land als an mehrgeschossigen Stadthäusern, Bankhochhäusern und Industrieanlagen. Außerdem sind die bisher architektonisch verwirklichten Grünfassaden gärtnerisch aufwändige Konstruktion, die eine hohe Wartung benötigen. Ziel müsste es sein, möglichst wartungsarme sich selbsterhaltende Systeme zu erzeugen.

Eine Möglichkeit für eine schnelle flächenhafte Begrünung wären Module, die mit einfachen Mitteln an Fassaden angebracht werden können und die durch Anschluss an eine Bewässerungsanlage wartungsarm sind. Die Elemente könnten aus einem Gerüst bestehen, an dem mehrere auswechselbare Pflanzgefäße aufgehängt werden. Fensterfassaden könnten  durch berankte Schnurgerüste – Hopfenfeldern vergleichbar – begrünt und beschattet werden.

Fassadenbegrünung mit vorgefertigten Modulen (Grafik W. Probst)

Ein interessanter Vorschlag sind vorbegrünte Pflanzennetze. Solche „Urban Pergolas“ sollen als Verschattungssystem der Aufheizung von Fassaden entgegenwirken und die Städte in einen „diversen Großstadtdschungel“ verwandeln. Die Pflanzennetze können an einem oder zwischen mehreren Gebäuden angebracht werden und dadurch Grünflächen schaffen, ohne andere Nutzungen den Platz wegzunehmen (Urban Pergola 2021).

Balkone

Eine weitere Möglichkeit der vertikalen Begrünung, die in wenigen Beispielen schon verwirklicht ist, wäre die Ausgestaltung von Pflanzbalkonen mit Sträuchern und Bäumen (Boeri 2015).

Hochhäuser als Gewächshäuser, „Vertical Farming“

Diese platzsparende Form der Landwirtschaft setzt einen preisgünstigen Zugang zu alternativen Energien voraus, wird aber heute schon als eine wichtige, nachhaltige und zukunftsfähige Ergänzung zur Flächen gebundenen Landwirtschaft gesehen:

Die Fluggesellschaft Emirates Airline plant deshalb die größte Vertical Farm der Welt neben dem Flughafen von Dubai. Singapur plant schwimmende Vertical Farms.

Wenn es in der Zukunft gelingt, den Kraftfahrzeugverkehr weitgehend aus den Stadtzentren herauszuhalten, werden dort auch keine Parkhäuser mehr benötigt und diese könnten zu „Plantscrapern“ werden (Despommier 2011).

Ritzen und Fugen

Der portugiesische Stadtplaner und Architekt Ángel Panero Pardo stellte auf dem großen Platz vor der Wallfahrtskathedrale von Santiago de Compostela während der Corona Pandemie fest, dass sich dieser Platz nach dem Ausbleiben der Pilger in ein Biotop für Wildkräuter verwandelt hatte. Die Fugen zwischen den Pflastersteinen waren grün. Der Stadtplaner überlegte, dass dieser zusätzliche Pflanzenwuchs sich eventuell positiv auf das Stadtklima auswirken könnte. Die Botaniker der Universität von Santiago de Compostela wurde mit einer Untersuchung beauftragt und sie stellten mit einer Wärmebildkamera fest, dass die bewachsenen Ritzen eine bis zu 28 °C niedrigere Oberflächen-temperatur aus aufwiesen als die Steine (Prinz 2023).

Dieses Ergebnis fand in den Medien einen breiten Widerhall, obwohl es eigentlich nicht so verwunderlich ist. Wenn man Fugen und Ritzen in Pflastern und Mauern nicht länger von jedem Bewuchs frei hält, sondern Bewuchs zulässt, hat dies einen messbar positiven Einfluss auf das Stadtklima.

Gehsteigkante mit Acker-Winde, Oberteuringen, 27.7.2016 (Foto W. Probst)

Gärten

Ein besonders großes Potenzial stellen Privatgärten dar, die vor allem in den Randbereichen der Städte in  Vierteln mit Einfamilien- und Reihenhäusern konzentriert sind. Hier gilt meist das Prinzip, dass nur wachsen darf, was gepflanzt wurde. Der Garten darf nicht „verwildern“. „Un“kraut jäten ist deshalb  neben Rasen mähen und Hecken schneiden die häufigste Beschäftigung des Hobbygärtners. Um das Unkraut ohne zu viel manuelle Tätigkeit fern zu halten, hat sich schon vor einigen Jahrzehnten verbreitet, die Beete mit einer Schicht aus keimungs- und wachstumshemmendem Rindenmulch zu bedecken.Seit einigen Jahren wird eine noch pflanzenfeindlichere Methode, das Auskiesen von Gartenflächen, immer beliebter.

Dabei gibt es viele Möglichkeiten, natürliche Funktionsabläufe im Garten zuzulassen oder sogar zu fördern und so eine „Verwilderung“ zu ermöglichen, die durchaus ästhetischen Ansprüchen gerecht werden kann:

  • Zierpflanzen, die gut gedeihen, fördern, auf solche, die schlecht wachsen oder sehr viel Pflege benötigen, verzichten,
  • auf Pestizide verzichten oder sie nur sehr gezielt bei einzelnen befallenen Pflanzen einsetzen,
  • Wildpflanzen nur entfernen, wenn sie gewünschte Zier- oder Nutzpflanzen schädigen oder verdrängen,
  • Wildpfanzen unter Hecken oder Sträuchern wachsen lassen,
  • Rasenflächen, die rein ornamentale Funktion haben, zu mageren (nicht gedüngten), höchstens zweimal im Jahr gemähten Wiesen umwandeln,
  • Abstellflächen (z.B. Autostellplätze) nicht pflastern oder asphaltieren, sondern als Schotterrasen gestalten,
  • Einfahrten mit unterbrochenen Pflastersteinen befestigen, die Bewuchs und Wasserversickerung ermöglichen,
  • abgeblühte Blütenstände und abgestorbene  Fruchtstände wenigstens teilweise stehen lassen, auch über Herbst und Winter (Vogelfutter, Überwinterungsplätze für Insekten)
  • Gartenabfälle vor Ort kompostieren,
  • aus Strauch- und Baumschnitt Reisighaufen anlegen,
  • Gartenmauern als Trockenmauern anlegen, Mauerritzen können zur schnelleren Begrünung mit passenden Pflanzen geimpft werden (Zimbelkraut, Mauerraute, Schöllkraut, Polster von Mauermoosen wie Drehzahnmoos, Kissenmoos)
  • Abwechslungsreiche Besiedelungsflächen schaffen (Sandflächen, Lehmböden, humusreiche Böden, Stein- bzw. Bauschutthaufen),
  • Regenwasser vom Dach (und versiegelten Flächen) in Zisterne sammeln und als Gießwasser (ggf. auch für Teich /Bachlauf) nutzen.

Städte mit grünem Pelz

Ergänzend zu den genannten Maßnahmen können Verkehrswege, insbesondere Straßen und Schienenverkehr, wie U-Bahnen unter die Oberfläche verlegt werden, wodurch Platz für bodenständige Grünanlagen aber auch Rad- und Fußwege gewonnen würde.

So könnten schließlich Städte entstehen, die ganz in einem grünen Pelz eingehüllt sind und die sich fast übergangslos in die umgebende Landschaft einfügen (vgl. Jean Nouvel 2014, Boeri 2015).

Verwilderung zulassen                               

Ein Garten, in dem verhältnismäßig wenig pflegerische Eingriffe vorgenommen werden, „verwildert“. Diese Art von Verwilderung ergibt sich aus natürlichen Funktionsabläufe, die nicht durch menschliche Eingriffe unterbrochen werden. Wenn man sich bei allen Eingriffen und Pflegemaßnahmen – Manipulationen der Natur – überlegt,  welche Ziele mit Ihnen verfolgt werden sollen und ob diese Ziele notwendig und sinnvoll sind, wird man schnell erkennen, dass man auf viele Eingriffe verzichten könnte. Ein solcher Verzicht ist ein Schritt in Richtung Wildnis, wenn man unter Vewilderung, das Zulassen natürlicher Prozesse, versteht.

Verwilderter Apfelgarten bei Flensburg (Foto U.Niss)

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