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Mein wilder Garten

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Ein Blick in unseren Garten

Ich freue mich jeden Tag über meinen Garten, meinen wilden Garten!

Ich erinnere mich dann an die vielen gemeinsamen Beobachtungen und Entdeckungen mit meiner lieben Frau Sigrid, die wir in diesem Garten in den vielen Jahren seiner Entwicklung machen konnten. Leider muss sie seit zwei Jahren im Pflegeheim sein. Auch mit unseren Kindern und Enkelkindern haben wir hier viele gute Tage verbracht. Und ich freue mich, dass die Entwicklung weitergeht und dass ich immer wieder neue Beobachtungen machen kann.

31.05.2021

Nach unserem Einzug in das zusammen mit unserem Sohn und Architekten Heiner konzipierte, neu erbaute Haus am 1. November 2007 bestand der Garten vor allem aus einem großen Erdhügel aus dem bei den Bauarbeiten entstandenen Aushub. Natürlich gedeiht auch auf so einem Hügel viel Interessantes, aber wir wollten doch einen auch für mich als Rollstuhlfahrer begehbaren Garten anlegen. Ganz wichtig war uns auch die Anlage eines Teiches, weil sich damit so viele interessante Beobachtungen verbinden lassen. Im Oktober 2008, ein Jahr nach Fertigstellung unseres Hauses, wurde die „geomorphologische“ Gestaltung von einer Landschaftsgartenfirma nach unseren Vorstellungen – unterstützt von einem Gartenarchitekten – durchgeführt. Für die Arbeiten wurde schweres Gerät eingesetzt und sie waren innerhalb einer Woche abgeschlossen.

Unser Garten nach der Geländegestaltung durch eine Gartenbaufirma, 28.10.2008
Unser Garten am 20.06.2025 (mit Echtem Alant – Inula helenium und GelbroterTaglilie – Hemerocallis fulva), im Hintergrund Kanadischer Judasbaum (Cercis canadensis)

Manche würden den Garten vielleicht als „unordentlich“ oder eben „verwildert“ bezeichnen. Eine gewisse Verwilderung ist aber erwünscht, denn abgesehen von der von einem Gärtner zweimal im Jahr geschnittenen Hainbuchenhecke, die den Garten zur Straße hin abgrenzt, herrscht in vielen Teilen das Prinzip des „Wachsen lassen“. Aber eine Wildnis im Sinne unberührter Natur ist der Garten natürlich nicht. Gehölze werden immer mal wieder zurückgeschnitten, sich sehr stark ausbreitende Stauden – wie zum Beispiel die Herbst-Anemonen oder Topinambur – werden ab und zu etwas zurückgedrängt. Ganz selten kommt auch einmal ein Rasenmäher zum Einsatz. Im vergangenen Jahr habe ich einen kleinen Bereich im Mai und im Septemper und einen zweiten nur einmal im September mähen lassen.

Einige Wildkräuter, die sich sehr aggressiv ausbreiten, versuchten wir kontinuierlich im Zaum zu halten, am Anfang insbesondere die Zaun-Winde (Calystegia sepium) mit ihren ungeheuer widerstandsfähigen unterirdischen Ausläufern, von denen kleinste Stückchen schnell wieder zu neuen Pflanzen austreiben; und bis heute den Acker-Schachtelhalm (Equisetum arvense) und den Giersch (Aegopodium podagraria), die beide gut durch abmähen eingedämmt werden können. Das Kriechende Fingerkraut (Potentilla repens) lassen wir meistens wachsen, es ist ein guter Bodendecker und es blüht sehr hübsch.

Die Vegetation des Teichufers, das anfangs einfach nur aus einer Kiesschüttung bestand, hat sich weitgehend selbstständig sehr gut entwickelt, nur die sich ansiedelnden Gehölze, vor allem Birken und verschiedene Weiden, aber auch Ahorn, Eschen und Hartriegel lasse ich immer wieder entfernen.

Teichufer im Frühjahr 2009 und im Herbst 2025 (mit den herbstlich gefärbten Blättern des Schildblattes – Darmera peltata

Wenn einzelne Arten in meinem Garten nicht gut gedeihen, unternehme ich keine großen Anstrengungen, sie zu erhalten oder zu unterstützen. Pflanzen, die gut gedeihen, dürfen sich – auch wenn sie nicht gepflanzt oder gesät wurden –zunächst einmal ausbreiten. Dies gilt auch für Pflanzen in Pflasterritzen und in der ausgekiesten Fuge an der Hauswand.

Pflanzen in der ausgekiesten Fuge an der Hauswand (v. l. n. r. Feinstrahl – Erigeron annus; Milder Mauerpfeffer – Sedum sexangulare, Kohl-Lauch – Allium oleraceum, Jungfer im Grünen- Nigella damascena, 04.06.2025)

Zu den Nachbargrundstücken wird der Garten zum Teil von gebüschartig gewachsenen Sträuchern abgegrenzt. Vor allem Roter Hartriegel (Cornus sanguinea) und Liguster (Ligustrum vulgare) wachsen sehr schnell und müssen eingedämmt werden. Ich versuche es allerdings weniger mit einem Heckenschnitt, mehr mit auf den Stock setzen. Ein gleichzeitiges Kappen aller Gehölze würde aber bedeuten, dass ein ziemlich kalhles Übergangsstadium entsteht. Ich versuche deshalb, im Wechsel der Jahre einzelne Büsche etwa 10 cm über dem Boden abzuschneiden. Mittlerweile wachsene aber vor allem Hartriegel und Liguster so schnell und stark, dass sie der Gärtner der Einfachheit halber teilweise auch nur zurückscneidet. Ein Essigbaum (Rhus typhina), der von alleine in unseren Garten gekommen ist und der zu den Büschen am Gartenrand umgepflanzt wurde, ist mittlerweile zu einem richtigen Baum geworden. Seine vielen Ausläufer müssen natürlich entfernt werden, sonst würde schnell ein Essigbaumwald entstehen. Pprinzipiell freue ich mich immer, wenn spontan eine neue Pflanzenarten auftaucht, zum Beispiel vor einigen Jahren die Heide-Nelke (Dianthus deltoideus):

Die Heide-Nelke (Dianthus deltoideus) hat sich ohne mein Zutun unter dem Hatriegelbusch angesiedelt (Foto vom 05.08.2021)

Der hohe Bretterzaun zum Nachbargrundstück ist dicht mit Efeu und Fünffingeriger Jungfernrebe (Parthenocissus quinquefolia) bewachsen, die beide allerdings immer wieder zurückgeschnitten werden müssen. Davor gibt es ein großes Brennnessel-Beet, Totholz und einen Reisighaufen, der langsam in sich zusammenfällt und immer wieder mit neuem Baumschnitt ergänzt wird.

Die durch eine Hainbuchenhecke abgetrennte Nische mit Mülltonnen und Kompost ist ein gut gedüngter Platz, an dem sich zwischen dem immer präsenten Giersch und Brennnesseln immer wieder neue Hochstauden ansiedeln, zum Beispiel Wilde Möhren, Färber-Waid, Nachtkerzen, Königskerzen, Kompass-Lattich, Natternkopf und Natternkopf-Wurmlattich.

Als unsere Enkelkinder noch kleiner waren; kamen sie oft mit ihren Familien zu Besuch. Eine Sandkiste und eine Schaukel waren sehr beliebt. An Ostern wurden Moosnester gebaut und nach Gebrauch nutzte ich das Moos, um Fugen in den Natursteinmauern auszustopfen. In einigen Fällen gelang die Ansiedlung, aber meistens wurde es im Sommer zu trocken.

An der Sandkiste am 02.08.2014
An der Schaukel, (Luisa14.04.2017, Anton 26.07.2019)
Ostern 15.04.2017

In diesem Jahr (2026) habe ich mir vorgenommen, die schattige Nordostfassade unseres Hauses mit Waldreben zu begrünen. Da es riskant wäre, an der mit Mineralstoffdämmung versehenen Massivholzwand Dübel anzubringen, musste dafür ein freistehendes Gerüst konstruiert werden. Das ist nun fast fertig (Drähte müssen noch gespannt werden), einige Waldreben-Pflanzen sind schon gesetzt. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Daraus soll eine grüne Wand werden, Foto vom 01.04.2026

Der Gartenteich

Besonders aufwendig war die Anlage des Gartenteiches. Damit auch ich als Rollstuhlfahrer dicht ans Wasser herankäme, wurde er nach Süden von einer Natursteinmauer begrenzt, die ich auf einem Pflasterweg anfahren kann. An der tiefsten Stelle ist der Teich etwa 1,50 m tief. Er wurde mit einer Folie ausgelegt. Bodensubstrat wurde nicht eingebracht, aber einige Kieselsteine. Auch am Ufer wurde die Folie mit einer Kiesschüttung beschwert. In den Folgejahren habe ich ab und zu etwas Schlamm aus nassen Gräben oder von Teichufern zwischen den Kies gefüllt. Aus einem alten Teich habe ich Rohrkolben (Typha latifolia), Zypergras-Segge (Carex cyperoides), Straußblütigen Gilbweiderich (Lysinmachia thyrsoidea), Sumpf-Schwertlilien (Iris pseudacoris) und Zungen-Hahnenfuß (Ranunculus lingua) zusammen mit etwas Bodensubstrat eingebracht. Auch zwei verhältnismäßig kleinwüchsige Seerosenarten (Nymphaea odorata und N. tetragona Pygmaea rubra) wurden gepflanzt.

Anlage des Teiches im Oktober 2008

Seerosenblüte (Nymphaea odorata) im Juni 2025

Da im Teich keine Fische gehalten werden, die gefüttert werden müssen und da ich immer nur mit Regenwasser aus der Zisterne nachfülle, ist das Wasser sehr mineralstoffarm und die Sumpf- und Wasserpflanzen zeigen ein verhaltenes Wachstum. Die Sumpf-Schwertlilien haben das Blühen weitgehend eingestellt, ebenso der Rohrkolben. Dafür hat sich letztes Jahr von alleine Chinaschilf (Miscanthus sinensis) im Uferbereich angesiedelt. Auch viele andere Pflanzenarten sind freiwillig an und in den Teich gekommen, zum Beispiel Sumpf-Lappenfarn (Thelyperis palustris), Wasserdost (Eupatorium cannabinum); Blutweiderich (Lythrum salicria), Wald-Engelwurz (Angelica sylvestris) und verschiedene Seggenarten. Besonders stolz bin ich darauf, dass sich auch zwei Orchideenarten, die Breitblättrige Fingerwurz (Dactylorhiza majalis) und die Fleischfarbene Fingerwurz (Dactylorgiza incarnata) seit 2016 von alleine in dem moosreichen Uferbereich eingefunden haben. Beide kommen in den Feuchtwiesen eines nahegelegenen Naturschutzgebietes vor.

Dactylorhiza incarnata mit der Kleinlibelle Coenagrion puella (20.05.2016)

Einige andere Pflanzen habe ich selbst angesiedelt, zum Beispiel, den Teich-Schachtelhalm (Equisetum fluviatile), den Igelschlauch (Baldellia ranunculoides) und die Wasser-Minze.(Mentha aquatica): Versuche mit Pillenfarn (Pilularia), Wasserschlauch (Utricularia) und Zungen-Hahnenfuß (Ranunculus lingua) hatten keinen langfristigen Erfolg. Der Strauß-Gilbweiderich (Lysimachia thyrsoidea), den ich von einem anderen Teich geholt habe, wuchs in den ersten Jahren sehr kräftig, dann wurde er immer kleiner und tauchte immer wieder an anderen Ecken des Uferbereiches auf und er ist immer noch da. Einen Exoten, das Schildblatt (Darmera peltata) aus Nordamerika, habe ich von meiner Nachbarin bekommen. Ich finde die Pflanze sehr eindrucksvoll, sowohl die im zeitigen Frühjahr vor den Blättern erscheinenden rosafarbenen Blütenstände als auch die großen, schildförmigen Blätter, die eine wunderbare Herbstfärbung zeigen.

Moose haben sich am Teichufer sehr gut entwickelt, besonders dominant das Spießmoos  (Calliergonella cuspidata).

Am Anfang sah das Ufer recht kahl aus, mittlerweile ist es dicht bewachsen. Dank der Nährmineral-armen Situation entwickelten sich die Seggen sehr gut. Neben der Zypergras-Segge siedelten sich Rispen-Segge (Carex paniculata) , Sparrige Segge (Carex squarrosa) und mit nur wenigen Exemplaren die Winkel-Segge (Carex remota) an. .

Bald stellten sich auch Grasfrösche ein. Ab 2013 habe ich das Datum der ersten beobachteten Laichballen aufgeschrieben.

Laichtermine der Grasfrösche in unserem Teich in Oberteuringen

2013               10.3

2014               9.3.

2015               14.3

2016               11.3.

2017               10.3.  

2018               12.3.

2019               9.3.

2020               1.3.

2021               8.3.

2022               21.3.

2023               11.3.

2024              13.3. 2 Laichballen von einem Froschpaar

2025               kein Laich

2026 kein Laich

An manchen Jahren konnte ich bis zu 20 Laichballen zählen. 2025 tauchte zum ersten Mal kein einziger Laichballen mehr auf. Es kamen auch keine Grünfrösche mehr, die sich die Jahre vorher regelmäßig ab Ende April eingefunden hatten..

Wasserfrosch (Pelophylax ridibundus s.l) und Nymphae tetragonae.Auf einem Seerosenblatt sieht man Seerosen-Blattläuse (Rhopalosiphum nymphaea)

Bergmolche (Ichthyosaura alpestris, Syn.: Triturus alpestris) sind immer noch zu beobachten, aber auch ihre Anzahl hat in den letzten Jahren abgenommen. Zweimal konnte ich im Teich eine junge Ringelnatter beobachten. An Wasserinsekten sind vor allem Rückenschwimmer und Wasserläufer häufig, ebenso Larven von Klein- und Großlibellen, kleinere Wasserkäfer und Eintagsfliegenlarven. Posthornschnecken habe ich einmal eingesetzt und sie haben sich trotz des relativ kalkarmen Wassers (ca. 8°dH) gut vermehrt.

In den ersten Jahren traten im Frühjahr grüne Wasserblüten auf, aber schon viele Jahre ist das Wasser immer sehr klar. Allerdings sind die Steine und der Bodengrund mit einem dichten Biofilm überzogen, der vor allem aus Kieselalgen besteht. Wenn im Frühjahr die Fotosyntheseaktivität zunimmt, sorgen die sich bildenden Sauerstoffblasen für Auftrieb, sodass sich an der Wasseroberfläche olivbräunliche Flocken bilden, die wir teilweise mit dem Kescher – vor allem aus ästhetischen Gründen – abgefischt haben. Seit meine Frau das nicht mehr tun kann; lasse ich die Flocken schwimmen, Später im Jahr verschwinden sie von alleine.

Im Laufe der Zeit hat sich am Bodengrund – vor allem aufgrund der jedes Jahr sehr reichlich anfallenden, abgestorbenen Seerosenblätter – ein ziemliches Sediment gebildet, aber von einer Verlandung ist der Teich noch weit entfernt.

Zäune, Hecken und Gebüsche

Hainbuchenhecke am 05.08.2021, davor blühende Herbst-Anemonen (Anemone hupehensis) und Funkie (Hosta Sorte); ganz vorne rechts Breitblättriger Lavendel (Lavandula latifolia)

Zur Straße hin säumt unseren Garten eine fast 100 m lange Hainbuchen-Hecke. Diese Hecke ist sicher mindestens 40 Jahre alt, kleine Teile davon wurden beim Bau des Hausesvor 18 Jahren beschädigt und von uns ergänzt. Sie wird zweimal im Jahr – Anfang Juni und im September – geschnitten. Dies ist vor allem deshalb notwendig, weil sonst die Begehbarkalt des davor verlaufenden Bürrgersteigs beeinträchtigt würde, sonst wäre auch ein einmaliger Schnitt im Herbst ausreichend.

Zum Grundstück an der Nordostseite wird der Garten von einem Bretterzaun unterschiedlicher Höhe begrenzt, der in seinen hohen Teilen dicht von Efeu und Wildem Wein (Parthenocissus quinquefolia) bewachsen ist. Im Nachbargrundstück dahinter wachsen ziemlich hohe Büsche und Bäume. Zwischen Zaun und Haus haben wir einen Schuppen errichtet, da wir Mangels eines Kellers Abstellmöglichkeiten benötigten. Im Winkel zwischen Hütte und Zaun liegt ein Reisighaufen, der immer wieder mit Gehölzschnitt aufgefüllt wird und dort lassen wir auch einen ausgedehnten Brennnesselbestand wachsen. Im Winter war der Reisighaufen häufig Unterschlupf für einen Igel.

Der hohe Bretterzaun zum Nachbargrundstück ist vollständig überwachsen, vor allem von Efeu (Hedera helix) und Fünfblättriger Jungfernrebe (Parthenocissus quiquefolius). Vor dem Reisighaufen wachsen Große Brennnesseln (Urtica urens; Foto vom 09.04.2026)
Fortsetzung nach Westen, links sieht man eine Kletter-Hortensie (Hydrangea petiolaris), außerdem Efeu, Junfernrebe und viele Brennnesseln (Foto vom 17.07.2025).

Nach Westen und Südwesten wird der Garten von Gebüschen begrenzt, südwestlich stehen auf dem Nachbargrundstück ziemlich hohe Sträucher, zum Beispiel auch ein sehr schöner Duftender Schneeball (Viburnum farreri), der uns oft schon im Januar mit Blüten erfreut. Ein höherer Baum ist der schon erwähnte Essigbaum, den Feld-Ahorn lasse ich jedes Jahr stutzen, um eine zu starke Beschattung zu verhindern.

Essigbaum (auch Hirschkolben-Summach, da seine behaarten Zweige an ein Hirschgeweih im Bast erinnern, Rhus typhina) und Flieder (Syringa vulgaris) am 12.11.2025

Bäume

Wie man an Flieder und Essigbaum erkennt, können aus Büschen Bäume werden. Oft werden sie für kleine Gärten mit den Jahren zu einem Problem, da ihre Kronen gewaltige Ausmaße erreichen können und dann aus dem blühenden Garten einen blütenarmen Waldboden machen. Trotzdem sind etwas höhere Gehölze auch für einen kleinen Garten möglich. Sie erhöhen nicht nur die Dreidimensionalität und machen die gesamte Gartenstruktur abwechslungsreicher, sie erfüllen auch wichtige Funktionen als Lebensräume. Man muss sich damit abfinden, dass es vielleicht einmal notwendig sein wird, einen Baum zu fällen oder ihn zumindest sehr stark zu beschneiden (entgegen meinem sonst immer wieder propagierten „Wachsen lassen“). Einen Feld-Ahorn (Acer campestre) lasse ich zum Beispiel jedes Jahr stark zurückschneiden – wie man das zum Beispiel oft von innerstädtischen Platanen sieht –; um zu verhindern, dass er zu groß und ausladend wird. Bis jetzt verträgt er diesen Rückschnitt sehr gut und treibt jedes Jahr über 1m lange neue Zweige. Auch einen Apfelbaum (Gewürzluike) und einen Pflaumen – bzw. Zwetschgenbaum mit vier verschiedenen Sorten lasse ich jedes Jahr schneiden.

Pflaumen/Zwetschgenbaum mit vier verschiedenen Sorten (06.4.2024) und Apfelbaum (Gewürzluike,29.04.2021)

Die buschartig wachsende Feige (Ficus carica) musste bisher noch nicht geschnitten werden.

Feige (Ficus carica) am 03.09.2022

Ein absoluter Star in unserem Garten ist der Kanadische Judasbaum (Cercis canadensis). Er stammt aus dem östlichen Nordamerika und kommt dort als Unterwuchs in Laubwäldern und als Heckenpflanze vor, wird aber auch in Amerika als Zierpflanze genutzt und in mehreren Sorten angeboten.

Kanadischer Judasbaum (Cercis canadensis) im April 2024

Wir haben den Baum von einer befreundeten Gärtnerin und Pflanzenkennerin geschenkt bekommen, die in ihrem kleinen Hausgarten in Flensburg hunderte verschiedener Pflanzenarten kultiviert. Sie hat den Baum auch am natürlichen Standort kennengelernt und mir begeistert von der Frühjahrsblüte in den Laubwäldern der Appalachen berichtet. Das kleine Bäumchen hat sich in meinem Garten wunderbar entwickelt und blüht jedes Jahr sehr üppig. Früchte werden praktisch keine gebildet – ganz vereinzelt haben sich einmal einzelne Hülsen entwickelt – vermutlich, weil es keinen Baum der selben Art in der näheren Umgebung gibt. Im Gegensatz zu dem hier im Bodenseegebiet nicht selten kultivierten Mittelmeer-Judasbaum (Cercis siliquastrum) ist diese Art absolut winterhart. Die Blätter haben eine schöne Herzform, beim Mittelmeer-Judasbaum fehllt die Blattspitze. Außer der Blüte ist auch die prächtige gelbe Herbstfärbung ein Blickfang. Eine Besonderheit der Cercis-Arten ist ihre Kauliflorie.oder Stammblütigkeit. Die Blüten entwickeln sich auch aus älteren, teilweise schon ziemlich dicken Ästen. Dies erleichtert die Bestäubung durch schwerere Tiere wie Fledermäuse oder andere kleine Säuger. Kauliflorie kommt fast nur bei tropischen Gehölzen vor. Es wird deshalb angenommen, dass die Judasbäume in gemäßigten Zonen als tropische Relikte anzusehen sind, die aus einer früheren wärmeren Klimaperiode überdauert haben.

Kanadischer Judasbaum im Herbst am 10.10.2022

Zwischen der Einfahrt und dem Schuppen steht eine mittlerweile stattliche Rot-Fichte (Picea abies). Sie ist aus einem Keimling gewachsen, den wir vermutlich mit einer Wurmfarn-Pflanze in den Garten gebracht haben und damit ist sie nun genau 17 Jahre alt. Den Wurmfarn gibt es immer noch, aber er führt unter der mittlerweile 6 m hohen Fichte im wahrsten Sinne des Wortes ein Schattendasein.Im nächsten Jahrzehnt wird die Fichte eine Größe erreichen die möglicherweise eine Fällung notwendig machen wird.

Rot-Fichte (Picea abies) am15.04.2026

Entlang der Einfahrt haben wir 2008 eine Zaubernuss (Hamamelis spec., wegen der Winterblüte), einen Weißen Hartriegel (Cornus alba, wegen der schönen roten Rinde seiner Äste, den Namen hat er nach den weißen Früchten), einen Flieder, eine Cornellkirsche (Cornus mas) und eine Japanische Zierkirsche gepflanzt. Die sehr schnell wachsenden Cornus-Arten lasse ich immer wieder zurückschneiden; Zaubernuss, Flieder und Zierkirsche nicht.Die Kirsche überragt mittlerweile schon beinah das Haus, die Zaubernuss ist ganz klein geblieben, der Flieder hält die Mitte.

Die nach 16 Jahren haushohe Zierkirsche( vielleicht Prunus subhirtella Fukubana), daneben der gut geschnittene Apfelbaum (Foto vom 4. April 2025 mit meiner Frau Sigrid, die damals noch zu Besuch kommen konnte)

Kompost- und Mülltonnen-Ecke

Mülltonnenplatz mit Wilder Möhre (Daucus carota) und Zweijähriger Nachtkerze (Onothera biennis), Foto vom 24.06.2025

Der Platz für Kompost und Mülltonnen ist vom übrigen Garten durch eine Hainbuchenshecke abgetrennt. Das wäre eigentlich aus ästhetischen Gründen nicht nötig, denn der Platz zeichnet sich durch üppiges Pflanzenwachstum und immer wieder neue Blütenüberraschungen aus, wie zum Beispiel.2023 dem Färber-Waid (Isatis tinctoria). Zwischen dem immer präsenten Giersch und den Brennnesseln zeigen sich, zum Beispiel Wilde Möhren, Nachtkerzen, Königskerzen, Kompass-Lattich, Natternkopf und Natternkopf-Wurmlattich.

Wurmlattich (Helminthotheca echioides, 22.06.2022) und Großblütige Königskerze (Verbascum densiflorum, 05.07.2023) am Mülltonnenplatz

Hochbeet

Hochbeet am 19. April 2026

Unser Teich wird halbseitig von einer Natursteinmauer aus Granit gestützt. Daran schließt sich ein erhöhtes Beet an, das von einer Kalksteinmauer eingefasst ist. Die Idee war, dass ich mit dem Rollstuhl heranfahren und einige kleine Arbeiten durchführen kann. Das geht immer noch auf den Seiten, an denen die Terrasse an die Mauer anschließt. Auf den beiden anderen Seiten grenzt ein Schotterrasen an die Mauer. Den konnte ich lange Zeit ganz gut mit dem Rollstuhl befahren; aber mittlerweile ist er durch den Bewuchs deutlich schwerer befahrbar, außerdem hat natürlich mit zunehmendem Alter auch meine Armkraft etwas nachgelassen.

Die Idee war ursprünglich, in dem Beet auch einige Nutzpflanzen zu kultivieren, vor allem Küchenkräuter. Mittlerweile hat es durch Sträucher und Halbsträucher wie Rosmarin (Rosmarinus officinalis), Heiligenkraut (Santolina chamaecyparissus), Schmalblättrigem Lavendel (Lavandula angustifolia), Berg-Bohnenkrautl (Saeureia montana)und Italienischer Strohblume (Helichrysum italicum) einen ausgesprochen mediterranen Charakter.

Blick ins Hochbeet am 20.06.2021 mit Rundem Lauch (Allium rotundum) und Weinraute (Ruta graveolens)

Die lange Zeit sehr gut gedeihende Weinraue (Ruta graveolens) ist leider nach einem starken Rückschnitt eingegangen. Aber zu den mediterranen Charakter passt auch die rötliche Variante des Fenchels (Foeniculum vulgare) . Sie hat sich aus ein paar eingestreuten Samen entwickelt. Zwei Laucharten (Allium rotundum, A. oleraceum) gedeihen sehr gut. Verschiedene Gartennelken-Sorten (Dianthus) haben sich zeilweise ausgebreitet, gehen aber seit einigen Jahren wieder etwas zurück. Wenn die Herbst-Anemonen versuchen, das Gebiet zu erobern, werden sie vertriebent ebenso die Keimlinge des in der Nähe stehenden Feld-Ahorns.

Vor 17 Jahren haben wir von einem Freund einige Knollen der Eidechsenwurz (Typhonium venosum) geschenkt bekommen. Die haben wir in das Beet eingesetzt und sie haben sich bis heute gehalten und vermehrt und auch einige kalte Winter ganz gut überstanden. Allerdings blühen sie nur vereinzelt. Aber ihre „fußförmig geeilten“ Blätter sind ebenfalls sehr eindrucksvoll.

Eidechsenwurz (Typhonium venosum), 12.09.2023

Der Bewuchs der Randeinfassung dienenden Trockenmauer aus Kalksteinblöcken ist sehr unterschiedlich. Offensichtlich spielt die spezielle Eigenschaft der Steine eine wichtige Rolle. Bei Moosen spielen vor allem das Mauer-Drehzahnmoos (Tortula muralis) und das Kissenmoos (Grimmia pulvinata) eine wichtige Rolle. Ich habe immer wieder versucht, Zimbelkraut (Cymbalaria muralis) anzusiedeln, weil mir das so gut gefällt, aber dem Kraut scheint unsere Mauer nicht so gut zu gefallen. Nach anfänglicher Ausdehnung ist es wieder stark zurückgegangen.

Moosbewuchs an der Natursteinmauer des Hochbeets, 09.02.2022
Kissenmoos (Grimmia pulvinata) und Mauer-Drehzahnmoos (Tortula muralis) am 09.02.2022

Terrasse und Wege

In unserem Garten gibt es eine mit 50 × 50 cm großen Kunststeinplatten belegte Terrasse, einen Gartenweg mit kleineren Steinen mit abgerundeten Ecken und einem Weg ums Haus mit rechteckigen kleineren Steinen. Die Terrasse zeigt nur einen relativ geringen Bewuchs in den Ritzen, die Flächen sind durch Blaugrüne Bakterien dunkel gefärbt. Nur wo das Licht – zum Beispiel durch Türvorleger – abgehalten wurde, blieb die alte hellere Farbe erhalten.

Auf den Wegen gedeihen rechtlich Flechten (vermutlich vor allem die Mauer-Kuchenflechte (Lecanora muralis), in den Pflasterritzen Moose (vor allem Purpur-Hornzahnmoos – Ceratodon purpureus) und kleine Gefäßpflanzen, zum Beispiel Hungerblümchen (Draba verna). Die Auffahrt für das Auto ist mit Steinen gepflastert, zwischen denen besonders breite Fugen freigelassen wurden. Dies ermöglicht einen guten und vielseitigen Bewuchs ( z. B. Löwenzahn, Breit-Wegerich, Niederliegendes Mastkraut, Quendel-Sandkraut, Einjähriges Rispengras).

Gartenweg im Frühling mit Hungerblümchen (Draba verna) und Krustenflechten, vermutlich vor allem der Mauer-Kuchenflecht (Lecanora muralis), Foto vom 19.03.2026
Einfaht mit vielseitigen Ritzenbewuchs am 18.04.2026

Falllaub und abgestorbene Stängel

Zwischen den abgestorbenen Stängeln ( vor allem von Hemerocallis fulva) leuchten die neu aufgeblühten Tulpen (Tulipa praestans-Hybride) besonders kräftig (Foto vom 19.03.2026)

Im Herbst werden von den Grünämtern der Gemeinden regelmäßig Termine für das Abholen von Grünabfällen angeboten. Man will den Gartenbesitzern ermöglichen, Gartenabfälle loszuwerden. Denn zu einem „ordentlichen“ Garten gehört, dass abgeblüte Stängel geschnitten und Laub zusammen gerecht und entsorgt wird. Wenn man auf diese Arbeiten aber weitgehend verzichtet, ist dies der biologischen Vielfalt sehr förderlich.

Abgefallenes Laub ist ein wichtiger Lebensraum für Insekten und Spinnen, die unter den Blättern überwintern können. . Außerdem schützt das Laub den Boden und wirkt wie eine natürliche Mulchdecke. Der Boden bleibt locker, weil Bodenorganismen aktiv bleiben können. Nicht selten sieht man auf Rasen, wie abgestorbene Blätter plötzlich aufgerichtet stehen. Das zeigt an, dass Regenwürmer dabei sind, sie in ihre Gänge zu ziehen. Viele Blätter, zum Beispiel von Pappeln und Ahorn, verrotten sehr schnell und sind ein wichtiger natürlicher Dünger. Von den Kleintieren im Laub Leben nicht nur Vögel -vor allem Amseln sieht man oft im Laub picken – , auch Igel und Amphibien finden dort Nahrung. Auch für die Überwinterung von Kleintieren ist eine Laubschicht wichtig. Unter meinem Apfelbaum ist vom letztjährigen reichlich gefallenen Laub im April 2026 eigentlich fast nichts mehr zu sehen.

Unter dem Apfelbaum wurde im Herbst 2025 kein Falllaub entfernt. Trotzdem ist von diesen abgestorbenen Blättern am 12. April 2026 nichts mehr zu sehen

Zum „Garten aufräumen“ gehört auch das Abschneiden von verblühten Blütenständen oder mindestens vertrockneten Fruchtständen und Staudenresten im Herbst. Von Naturschutzverbänden wird schon lange darauf hingewiesen, dass es für die ökologischen Funktionen im Garten und für die Biodiversität viel besser wäre, diese Fruchtstände mindestens bis zum nächsten Frühjahr, April/Mai, stehen zu lassen, da sie vielen Insekten wie Wildbienen, Schmetterlingspuppen, Florfliegen; Marienkäfern und anderen Käferarten als Überwindungsplatz dienen und da auch Spinnen, Asseln, Tausendfüßler und andere nützliche Kleintiere dort den Winter überstehen und im nächsten Frühjahr dann zum Beispiel helfen, Blattlaus-Massenvermehrungen einzudämmen. Für Vögel sind die Samen der Fruchtstände – wie man gut beobachten kann – eine wichtige Winterfutterquelle und eigentlich sinnvoller, als zugekauftes Vogelfutter. Außerdem fördern die Wintersteher die strukturelle Vielfalt, schaffen Mikrohabitate, schützen den Boden vor Austrocknung und Erosion und helfen beim Humusaufbau. Viele Fruchtstände haben auch durchaus einen ästhetischen Reiz und im Frühjahr , wenn zwischen den abgestorbenen Pflanzenresten neues Grün und neue Blüten sprießen, sieht das sehr schön aus.

Die Blütenstände des Schildblatts (Darmera peltata) erscheinen zwischen den alten abgestorbenen Blättern vom Vorjahr (Foto vom10.04.2026)

Die Sprossevom Topinambur (Helianthus tuberosus)wo, auch Erd-Sonnenblume oder Knollen-Sonnenblume genannt, sterben zwar nach der Blüte im Spätherbst ganz ab, aber wie der wissenschaftliche Name schon sagt, überwintern die Pflanzen in unterirdischen Knollen. Die Sprossachsen sind sehr dauerhaft, abgebrochene oder abgeschnittene Stücke eignet sich als Brutplatz für Wildbienen.

bösbösAus den Topinambur-Sprossachsen (Helianthus tuberosus) des letzten Jahres lassen sich zum Beispiel Wildbienen-Brutplätze gewinnen (Foto vom 11.04.2026)

Das Ziel: Natur einschalten, nicht ausschalten

Umschlag des 1978 erschienenen Buches von Louis Le Roy „Natur ausschalten – Natur einschalten“

Das 1978 erschienene Buch des niederländischen Architekten Louis Le Roy „Natur ausschalten – Natur einschalten“ ist nach wie vor sehr aktuell und kann bis heute nicht nur für Gemeindverwaltungen und Städteplaner sondern auch für private Gartenbesitzer wichtige Grundlagen vermitteln. Entscheidend ist es, natürliche Funktionsabläufe nicht zu unterbrechen oder gar zu bekämpfen, sondern zu fördern. Dabei sind Eingriffe durchaus sinnvol. Wildnis entsteht durch Wachsen lassen, Vielfalt kann man durch gezielte Eingriffe fördern, aber nicht durch Rasen mähen, Unkraut jäten oder Fugen auskratzen. Dabei ist ein Garten nie „fertig“ in dem Sinne, dass er nie ein Endstdium erreicht. sondern dass er sich immer weiterentwickelt . Diese Entwicklung kann man im Sinne einer Förderung der biologischen Vielfalt unterstützen. Dazu ist es notwendig, genau zu beobachten und sich für diese Beobachtungen mindestens so viel Zeit zu nehmen wie für eingreifende Arbeiten.

In dem Artikel „Verwilderung förderern“ habe ich einige Möglichkeiten genannt, die helfen, natürliche Funktionsabläufe im Garten zu fördern und eine „Verwilderung“ zu ermöglichen, die auch ästhetischen Ansprüchen gerecht werden kann.

Urs Schwarz, einer der Begründer der Naturgartenbewegung schreibt in seinem 1980 erschienenen und vom WWF herausgegebenen Buch „Der Naturgarten“ als letzten Satz „Ausländische, standortfremde Pflanzen bezeichnen wir als Unkraut, die standortgemäßen einheimischen als Kraut. Und dann beginnen wir behutsam dem Kraut Platz zu machen indem wir das Unkraut beseitigen“. Diese Forderung „Ausländer raus!“ geht mir entschieden zu weit. Auch nicht heimische Pflanzen und sogar züchterisch veränderte Zierpflanzen dürfen in meinem Garten wachsen und gedeihen, nur nicht um jeden Preis. Warum sollte ich zum Beispiel die nicht heimischen Frühblüher, Krokusse, Winterlinge,Tulpen, Hasenglöckchen und Narzissen aus meinem Garten entfernen? Sie schaden natürlichen Funktionsabläufen nicht, im Gegenteil, sie sind ein wichtiges Frühjahrsfutter für Bienen und Hummeln. Der Zierkkirschenbaum trägt zwar keine Früchte, ist aber bei Bienen im zeitigen Frühjahr sehr beliebt und ein ausgesprochener Gartenschmuck, der in den ersten 17 Jahren in meinem Garten nur sehr wenig Pflege benötigte. Viele wärmeliebende Pflanzen, die bei uns noch nicht heimisch sind, gedeihen in meinem Garten sehr gut, wohl auch als Folge der Klimaerwärmung. Zu nennen wäre vor allem der Feigenbaum, der in den letzten Jahren ergiebige Ernten brachte, aber auch Rosmarin, Italienische Strohblume, Echter Salbei oder Lavendel-Arten. Auf diese Pflanzen möchte ich nicht verzichten.

De Vriesentopf – Spontanvegetation im Blumentopf in Erinnerung an De Vries‘ Sanctuarium

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Kunstfrevel

Beim Pragsattel in Stuttgart – eine der verkehrsreichsten Stellen der Stadt – war bis vor kurzem eine landschaftsarchitektonische Installation des niederländischen Konzeptkünstlers Herman de Vries zu sehen. Der Künstler hatte sein „Sanctuarium“ anlässlich der Internationalen Gartenbauausstellung 1993 Stuttgart auf den Weg gebracht. Es handelt sich um ein knapp 100 m² großes, von einem stählernen Staketenzaun mit vergoldenen Pfeilspitzen umgebenes Rondell. Die Idee des Künstlers: diese Fläche sollte völlig frei von menschlichem Einfluss bleiben. „Die Kunst ist aber nicht an erster Stelle im Entwurf des Stahlzauns und seiner Ausführung zu sehen. Das ist der Rahmen. Das wichtigste findet innerhalb dieses Zaunes statt. Es sind die Pflanzen, die sich da ansiedeln, …“ (de Vries 1995 nach Wikipedia).

1993 wurde diese Kunstaktion in der Öffentlichkeit durchaus kritisch wahrgenommen – was sollte sich hier schon entwickeln außer „Unkraut“? Tatsächlich hat sich aber im Laufe der Jahrzehnte ein durchaus hübsch anzusehendes, dichtes, kleines Gehölz entwickelt, mit Rotem Hartriegel und anderen Sträuchern, Hunds-Rosen und alles umrankenden Waldreben, eine wirkliche Oase in der Verkehrslandschaft. Im März vergangenen Jahres wurde die Vegetation vom Garten-, Friedhofs- und Forstamt (GFF) der Stadt Stuttgart mit der Begründung entfernt, dass „die Entwicklung zum Wald durch regelmäßiges Zurückschneiden der Spontanvegetation auf das Ausgangsstadium verhindert werden soll“ (Zitat von der Pressestelle der Stadt Stuttgart nach Stuttgarter Nachrichten vom 25. März 2018).

Diese Rodung konnte man allerdings nicht als Rückschnitt bezeichnen, denn die Pflanzen wurden wirklich bis auf den Wurzelansatz vollständig entfernt.

Der Künstler hat gegen diese Abholzaktion der Stadt Stuttgart protestiert und viele Aktivisten haben sich dem Protest angeschlossen und sogar Anzeige „wegen Vandalismus“ gegen das Gartenamt erstattet. Da es sich dabei um die Beseitigung eines offiziell akzeptierten und vom Künstler genau beschriebenen Kunstwerkes handelt, erscheint dies berechtigt und hat durchaus Aussicht auf Erfolg.

Naturfrevel

Der Kunstfrevel ist eine Sache. Ich finde allerdings noch bedenklicher, dass es erst einer spektakulären Kunstinstallation bedarf, um Protest gegen die Vernichtung von Spontanvegetation hervorzurufen. Gerade die Ämter, die für das Grün in der Stadt zuständig sind, sollten überall dafür sorgen, dass Natur eingeschaltet und nicht ausgeschaltet wird. Wildwuchs sollte nur dort beschnitten, zurückgedrängt oder vernichtet werden, wo dies aus funktionalen Gründen – und nicht aus einer falsch verstandenen Ordnungsliebe heraus – notwendig ist (vgl. In diesem Zusammenhang auch das sogenannte „Konzept der Ehda-Flächen“ das Ende 2018 als offizielles Projekt der UN Dekade biologische Vielfalt ausgezeichnet wurde) . Das Stuttgarter Sanctuarium ist im Übrigen ein gutes Beispiel dafür, dass sich in den Städten für Klima und Naturhaushalt wertvolle Vegetation mit sehr geringem Kostenaufwand etablieren lassen würde. Statt aufwändiger Pflanzaktionen könnte man einfach kleine Areale sich selbst überlassen, dann würde sich dort mit der Zeit eine Gehölzvegetation einstellen, die dem Standort angepasst ist und keiner besonderen Pflege bedarf. Um zu verhindern, dass ein flächendeckender „Urwald“ entsteht, könnte man die Grenzen solcher Ökoinseln genau festlegen – ohne aufwändige und sicher relativ teure Umzäunungen.

Das Stuttgarter Sanctuarium wurde 25 Jahre alt. Hätte man der Entwicklung ohne weiteren Eingriff weitere 25 Jahre zugeschaut, wären vermutlich tatsächlich relativ hohe Bäume entstanden von denen irgendwann möglicherweise eine Verkehrsgefährdung hätte ausgehen können – wie dies bei allen Bäumen an Wegen, Straßen und in Siedlungen vorkommen kann. Auch nicht vertretbare Sichtbehinderungen für die Verkehrsteilnehmer wären denkbar. In solchen Fällen müsste ein Eingriff natürlich jederzeit möglich sein.

De Vriesentöpfe

Um das Bewusstsein für Regenerationsfähigkeit der Natur zu stärken und das Konzept des „Wachsen lassens“ in Siedlungsräumen und Kulturlandschaften weiter zu verbreiten, möchte ich zu einem Experiment anregen, das man nach der Aktion des Künstlers und Gärtners Hermann de Vries als „De Vriesentopf“ bezeichnen könnte.

Ende Februar 2017 haben wir auf unserer Terrasse – wie schon die Jahre zuvor – einen großen Blumentopf mit Garten- und Komposterde gefüllt und mit Gartenkresse eingesät und dann etwa zwei Monate lang Kresse geerntet. Dann waren die Kressepflanzen trotz regelmäßigen Abzupfens schon zur Blüte und Frucht gekommen und nicht mehr so gut für die Küche geeignet. Zwischen den gerupften Kressestängeln begannen andere Pflanzen zu wachsen. Zunächst waren das vor allem – ebenfalls essbare – Vogel-Sternmieren und Persischer Ehrenpreis. Wir haben den Topf dann einfach stehen lassen und Anfang August hatte sich eine sehr vielseitige Pflanzengemeinschaft entwickelt.

Spontanvegetation im Blumentopf am 2. August 2017 mit Weiß-Klee, Behaartem Knopfkraut, Kriechendem Fingerkraut, Steifem Sauerklee, Hopfen-Schneckenklee, Kanadischem Berufkraut, Zypergras-Segge und Ruten-Hirse
Spontanvegetation im Blumentopf am 6. Oktober 2017. Besonders hübsch an diesem Herbstaspekt sind die zarten Fruchtstände der Ruten-Hirse

Wir haben dann in die weitere Entwicklung den ganzen Winter nicht eingegriffen und im nächsten Jahr 2018 mit seinem sehr trockenen und warmen Sommer ebenfalls nur gegossen aber keine anderen Eingriffe vorgenommen. Die Fotos dokumentieren die Entwicklung unseres De Vriesentopfes bis zum Januar 2019 .

Spontanvegetation im Blumentopf am 5. April 2018. Man sieht vor allem die Blätter vom Weiß-Klee, außerdem beginnen zwei Seggenarten zu treiben.

Im April und im Mai wachsen in dem Topf schnell verschiedene Pflanzenarten empor. Die meisten finden sich irgendwo in unserem Garten aber nicht alle. Vor allem mit einer Segge kann ich zunächst – bevor sich die Blütenstände zeigen – nichts anfangen. Dann stellte sich heraus, dass es sich um die Hasenpfoten-Segge handelt, die ich in unserem Garten noch nie gesehen habe und die mir auch in der weiteren Umgebung bisher nicht aufgefallen ist.

Spontanvegetation im Blumentopf am 10. Mai 2018. Außer den Margeriten sieht man die gerade sich öffnenden Blütenstände von zwei Seggenarten (Hasenpfoten-Segge hinten und Cypergas-Segge direkt davor) und vorne die Grundblätter der Großblütigen Königskerze. Bei den Blättern der Königskerze kann man das erste Gehölz erkennen, ein Hartriegel, vermutlich Cornus mas, die KornelKirsche:

Am 21. Juni 2018 kann ich folgende Arten registrieren:

Kleinblütige Königskerze – Verbacum thapsus

Großblütige Königskerze – Verbacum densiflorum

Feinstrahl, Einjähriges Berufkraut – Erigeron annuus

Zypergras-Segge – Carex pseudocyperus

Hasenpfoen-Segge – Carex leporina

Große Brennnessel – Urtica dioica

Weiß-Klee – Trifolium repens

Hopfen-Schneckenklee – Medicago lupulina

Weiße Taubnessel – Lamium album

Steifer Sauerklee – Oxalis strictum

Margerite, Wiesen-Wucherblume – Leucanthemum vulgare

Kriechendes Fingerkraut – Potentilla reptans

Spontanvegetation im Blumentopf am 19. Juni 2018

Mit den hochgewachsenen Königskerzen und dem Feinstrahl sieht unser Blumentopf nun richtig imposant aus. Die Nachbarin bewundert ihn. Allerdings sind einige Pflanzen auch schon fast verschwunden, zum Beispiel der Steife Sauerklee, die Margeriten sind längst verblüht. Einige Einjährige vom ersten Jahr – wie Ruten-Hirse, Kanadisches Berufkraut und Behaartes Knopfkraut – sind dieses Jahr gar nicht mehr erschienen.

Besonders beeindruckt bin ich von der Hasenpfoten-Segge. Ich habe bisher nicht gewusst, dass sie auch ausgesprochen schöne und sehr dauerhafte vegetative Triebe bildet, an denen man die dreizeilige Beblätterung sehr gut erkennen kann.

Vegetativeve Triebe der Hasenpfoten-Segge am 2. September 2018

Im Herbst fangen die meisten großen Pflanzen dann an zu vertrocknen. Der Feinstrahl bildet aber noch bis zum Dezember neue Blüten. In der niedrig stehenden Nachmittagssonne sieht unser De Vriesentopf immer noch sehr schön aus

Spontanvegetation im Blumentopf am 20.12.2018

Mittlerweile wurde unser Topf – zum ersten Mal diesen Winter – eingeschneit. Nun sind wir sehr gespannt, welche Pflanzen sich im nächsten Jahr entwickeln werden.

Die Bilder sollen anregen, selbst einen solchen Versuch mit spontaner Vegetation zu starten. Es reicht ein Blumentopf oder ein Blumenkasten. Natürlich wird die Zusammensetzung der Arten sehr stark von den äußeren Bedingungen, zum Beispiel von der Besonnung, der Wasserversorgung und vor allem dem Boden abhängen. Aber auch die umgebende Vegetation dürfte wichtig sein. Durch Variation dieser Bedingungen kann man Einfluss nehmen aber die Entwicklung nicht wirklich vorherbestimmen. Ein gewisser Überraschungseffekt wird immer bleiben und das ist das Spannende an dem De Vriesentopf.

De Vriesentopf nach dem ersten Schnee am 6.Januar 2019


16.7.2019 – mit Hasenpfoten-Segge (Carex leporina) und Großblütiger Königskerze (Verbascum densiflorum)
15. März 2020
21. Juni 2020
1.Mai 2020,Hasenpfoten-Segge und Zypergras-Segge nehmen viel Platz in Anspruch. Weitere Arten v.l.n.r.: Hopfen-Schneckenklee, Kriechendes Fingerkraut, Großblütige Königskerze, Große Brennnessel, Feinstrahl und als einziges Gehölz Blutroter Hartriegel
Juni 2020. Zypergras-Segge und Hasenpfotensegge haben Fruchtstände angesetzt. Sie sind nun die dominietrenden Pflanzen.
21. Juni 2020 . Auch der Hopfen-Schneckenklee hat sich gut entwickelt, aber vor allem außerhalb des Topfes.

So wie es jetzt aussieht, dürfte die Anzahl der Arten in der nächsten Vegetationsperiode weiter zurückgehen. Noch gibt es einen blühenden Feinstrahl, sehr mickriges Kriechendes Fingerkraut, sehr kleine „Große“ Brennnesseln, die Grundrosette einer Großblütigen Königskerze und einen sehr in die Enge getriebenen Blutroten Hartriegel. Neuansiedlungen von außerhalb scheinen nun endgültig nicht mehr möglich zu sein.

15.12.2020
18.01.2021
In kurzer Zeit sind über 50 cm Schnee gefallen
3.3.2021

Der Schnee war schnell wieder geschmolzen. Aber dann habe ich mich zu einem Eingriff entschlossen, der bewirken soll, dass die auskeimenden Pflanzen nicht zu sehr beschattet werden. Die abgestorbenen Pflanzenreste – vor allem von den Seggenarten – wurden abgeschnitten.

3.3.2021 – nach dem Stutzen
1.5.2021

Am 1. Mai sieht alles wieder schön grün aus, aber die Artenanzahl scheint etwas reduziert zu sein. Auf der noch freien Fläche hat sich vor allem das Kriechende Fingerkraut ausgebreitet. Der Hartriegel setzt sich durch.

26.8.2021

Die Hasenpfoten-Segge dominiert, der Hartriegel hatte einen Wachstumsschub, das Kriechende Fingerkraut hat lange Ausläufer gebildet, die über den Terrasseboden kriechen.Auch mehrere Feinstral-Pflanzen haben sich zunächst gut entwickelt, wurden aber dann stark von der Spanischen Wegschnecke abgefressen, Von der Großen Brennnessel haben sich nur zwei oder drei sehr kümmerliche Triebe entwickelt. Vom Gewöhnlichen Hornkraut sind verdorrte Fruchtstände zu erkennen.

17.1.2022
19.4.2022

Anfang März haben wir wieder – wie im vergangenen Jahr – trockene Blätter und Stängel entfernt. Der Aspekt ähnelt nun sehr stark dem Vorjahr. Außer Seggen ist vor allem das Kriechende Fingerkraut zu erkennen.

6.6.2022

Im 5. Jahr geht die Artenvielfalt deutlich zurück. Es dominiert ganz stark die Hasenpfoten-Segge, von der Zypergras-Segge sind nur noch wenige Halme übrig geblieben. Gut gehalten hat sich das Kriechende Fingerkraut. An weiteren Kräutern kann man bis jetzt nur wenige Pflänzchen des Gewöhnlichen Hornkrauts erkennen. Der Rote Hartriegel hat erheblich an Biomasse zugelegt.

3.10.2022

Das Foto zeigt die erfolgreiche Auswanderung des Kriechenden Fingerkrauts.

14.05.2023

Der Hartriegel blüht zum ersten Mal. Außer Hasenpfoten-Segge und Fingerkraut ist eine Schmalblättrige Wicke (Vicia angustifolia) zum Blühen gekommen.

06.05.2024

Hartriegel-Blüte; die Hasenpfoten-Segge beginnt zu blühen, Schmalblätterige Wicken blühen schon seit Mitte April, außerdem sind schon viele Blätter des Kriechenden Fingerkrautes zu sehen. Die Artenanzahl scheint sich auf niedrigem Niveau zu stabilisieren. Das Wurzelsystem des wachsenden Hartriegels dürfte sich immer mehr ausdehnen und den anderen Pflanzen Konkurrenz machen.

27.04.2025

Der De Vries-Topf im 9. Jahr. Die Hasenpfoten-Segge ist immer noch ziemlich dominant, der Blutrote Hartriegel hat viele Blüten angesetzt.

27.04.2025

Im Unterwuchs kommen Feinstrahl, Schmalblättrige Wicke und Kriechendes Fingerkraut.

Topfinhalt nach 81/2 Jahren unbeeinflusstem Wachstum (Foto W.Probst,6.11.2025)

Am 4. November 2025, achteinhalb Jahre nach dem Start, habe ich den Versuch beendet. Der Topfinhalt ließ sich relativ leicht aus dem Topf lösen, ein sehr kompakter; ganz dicht durchwurzelter Block. Die meisten Wurzeln stammten vermutlich vom Blutroten Hartriegel.Wohnun, dessen Dominanz anderen Pflanzen das Wachsen und Gedeihen zunehmend beeinträchtigte.